Nesserlander Schleuse: Wasserbau in höchster Präzision 

MAISACH/RHEDA-WIEDENBRÜCK, 16.11.2016 – In Sichtweite des Fährterminals zur Insel Borkum wird die Nesserlander Schleuse in Emden grundsaniert. Das Projekt stellt höchste Ansprüche an den Ortbetonbau. Die über 14 Meter hohen Wände sind mit erheblichen Anforderungen an die Sichtfläche zu erstellen.

Sohle der Nesserlander Schleuse
Die Unterwasser-Betonsohle hat eine Stärke von ca. 1,5 m, sie wurde teilweise von Industrietauchern eingebaut. | Foto: Westag & Getalit
Zum Hafen Emden gehören sowohl einer der größten tidefreien Binnenhafen Deutschlands, als auch eine der größten Seeschleusen. Die Große Seeschleuse ist 260 m lang, 40 m breit und 11,50 m tief. Ergänzt wird sie durch die kleinere Nesserlander Schleuse, die zurzeit saniert und erweitert wird. Sie ist der Küstenschifffahrt vorbehalten und kann Boote sowie Schiffe bis 5500 BRT schleusen. Während der Bauphase – wohl bis 2017 – muss die große Seeschleuse den gesamten Verkehr abwickeln.
Vor dem alten Außen- und Binnenhaupt entstehen neue Schleusenhäupter mit modernen Schiebetoren die den Schleusenvorgang verkürzen werden. Künftig hat das Schleusenbauwerk eine lichte Torbreite von 18 m und eine nutzbare Schleusenkammerlänge von 170 m, bei einer Drempeltiefe von NN -7,00 m.

1,50 Meter dicke Sohlplatte


25.000 m³ Transportbeton Im Auftrag der Niedersachsen Ports führt die Arge Nesserlander Schleuse, bestehend aus Aug. Prien, Bremen, und Gebr. Neumann, Emden, die Großsanierung durch. Das Projekt ist ausgeschrieben nach ZTV-W (Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen – Wasserbau) und stellt besonders hohe Anforderungen an den Ortbetonbau. In einer einzigen Betonage wurden rund 5.000 m³ Beton als Unterwasserbeton zur Herstellung einer 1,50 m dicken Sohlplatte der Schleusenkammer eingebaut. Es dauerte 54 Stunden, um den F5-Beton der Güte C30/37 fachgerecht einzubringen. Die unbewehrte Platte ruht auf 419 Lotpfählen, die zuvor bis zu 17,10 m in den Schlick, Sand und Ton gebohrt wurden.
Auf dieser mächtigen Sohle stehen nun bis zu 14,50 m hohe Wände mit höchsten Anforderungen an die Sichtfläche. Die gesamte Betonversorgung für die Baustelle übernimmt eine Liefergemeinschaft aus Ostfriesische- und Union-Transportbeton. Von Anfang an mit im Boot: die Schalungsspezialisten von Doka. Denn insgesamt sind rund 5.200 m² Ortbeton präzise zu schalen. Dafür liefern die Doka-Schalungstechniker die passenden Mietschalungen, einsatzbereit vormontiert im Doka-Fertigservice.

Gerd Ploeger und Aike Wollersheim am Schleusenmodell
Besprechung am Modell der Nesserlander Schleuse: Gerd Ploeger von Westag & Getalit und Aike Wollersheim von Niedersachsen Ports. | Foto: Westag & Getalit

Stahleinbauteile erfordern Exaktheit


An den aufwändigen Schleusenhäuptern kommt die Doka-Trägerschalung FF20 zum Einsatz. Sie ist mit ihren einfach aufstockbaren Elementen in metrischen Breiten von 0,50 m bis 2,00 m besonders anpassungsfähig und liefert hierfür genau das richtige Betonbild. In drei Kletterschritten erreicht die Schalung am seeseitigen Außenhaupt eine Betonierhöhe von 14,50 m. Dabei ist sie ab dem zweiten Takt durch eine 2,40 m breite, sicher begehbare Bühnenkonstruktion aus Kletterkonsolen MF240 unterstellt. Hier ist höchste Präzision gefragt. Die Stahleinbauteile der Tortechnik sind haargenau in Zweitbeton zu setzen. Weil die Schleuse gegenüber dem bisherigen Bauwerk um rund 75 m länger wird, entsteht das Außenhaupt vorgelagert im Schutz von Spundwänden außendeichs im Wasser. Daher gibt es keine erreichbaren Lagerflächen an Land. Die gesamte Materiallogistik findet auf engstem Raum auf Pontons statt.

170 Meter lange Wand ohne Abweichung


Die einhäuptigen Wände der Schleusenkammer entstehen mit Doka-Trägerschalung FF100 tec. Sie zeichnet sich durch besonders wenige Ankerstellen bei gleichzeitig geringsten Verformungen aus. Basis dafür ist der hoch belastbare Verbundschalungsträger I tec 20. Im Vergleich zu üblichen Vollwandträgern mit 20 cm Höhe trägt der bauaufsichtlich zugelassene Verbundschalungsträger bei identischer Bauhöhe rund 80 % mehr. Im Pilgerschritt-Verfahren werden jeweils 15,00 m lange und 3,90 m hohe Wandabschnitte betoniert. Nach Fertigstellung der ersten kompletten Wand mit rund 170 m Länge kommen die Elemente erneut für den zweiten und dritten Höhenabschnitt zum Einsatz. Sie stehen dann auf Kletterkonsolen MF240 und erreichen eine Betonierhöhe von 10,50 m. Die Schalung bleibt zur Nachbehandlung der Flächen immer eine Woche stehen. Das Ergebnis kann sich echt sehen lassen: Auf 170 m Länge stehen die Kammerwände ohne Abweichung, wie an einer Schnur entlanggeschlagen. Außergewöhnlich hohe Anforderungen der ZTV-W nach einem möglichst geringen Lunkeranteil: Zum Einsatz kam die saugende, hochverdichtete Holzwerkstoffplatte RS spezial von Westag & Getalit.

Im Pilgerschritt-Verfahren werden je 15 Meter lange und drei Meter hohe Wandabschnitte betoniert. | Foto: Doka

Baustellenerprobte Schalhaut


„Sie ist seit Jahren auf zahlreichen ähnlichen Baustellen erprobt, und ihr Einsatz ermöglicht eine ausreichende Oberflächenhärte“, so Gerd Ploeger von Westag & Getalit. Als saugende Patte nimmt die RS special das Überschusswasser auf, das sich beim Betonieren an der Schalungsplatte bildet. In der Folge reduziert sich der W/Z-Faktor, und die Oberflächendichte nimmt signifikant zu. Darauf kommt es im Randbereich hauptsächlich an, denn dies macht den Beton widerstandsfähiger gegen äußere Einflusse wie z.B. Chloride, Carbonatisierung, Meerwasser und Frostschäden. Westag & Getalit produziert die RS special-Schalungsplatten mit einer nur geringen Eigenfeuchte von ca. 8 %. Ein gleichmäßiges Saugverhalten wird bewirkt, wenn die Schalhaut vor dem erstmaligen Einsatz auf ca. 15 bis 18 % Holzfeuchte angehoben wird, was schon durch die Luftfeuchtigkeit auf der Baustelle geschieht.

Ankertechnik für einhäuptige Wände


Der Doka-Fertigservice belegte die Schalungsroste mit der 21 mm starken großflächigen Schalhaut und verschraubte sie für ein tadelloses Betonbild von hinten. Just-in-time kommen fix und fertig einsatzbereite Schalungselemente auf die Baustelle, in Summe rund 2.800 m². 
Die Wände der Nesserlander Schleuse haben Wandstärken von 0,70 m bis 3 m und eine einheitliche Betonüberdeckung von 6 cm. Sie werden meist einhäuptig gegen Spundwände aus Arcelor-Profilen AZ50 und S350 GP betoniert. An diesen Profilen sind im Regelbereich im Ankerraster von 1,25 m x 1,75 m spezielle Anschweißmuffen 15,0 präzise angeschweißt. Dort hinein wird ein Ankerstab 15,0 gedreht und über wiedergewinnbare Spannkonen mit dem Schalungselement verschraubt. Durch den Einsatz der hoch tragfähigen Trägerschalung FF100 tec, im Vergleich zu einer üblichen Wandschalung, werden bei dem gesamten Bauwerk mehr als 2.400 Ankerstellen eingespart.
Die Kammerwände wurden mit RS special geschalt. | Foto: Westag & Getalit

Hier passt alles


Arge-Bauleiter Lüder Ahrens von Aug. Prien hat auf seiner anspruchsvollen Baustelle alles im Griff. „Ganz besonders freue ich mich über die hohe Exaktheit und Ausführungsqualität“, so Ahrens. „Das ist das gemeinschaftliche Ergebnis einer durchdachten Planung, Zusammenarbeit mit renommierten Herstellern und Lieferanten und einer bestens eingespielten Mannschaft.“ bi
Hat auf der Baustelle alles im Griff: Arge-Bauleiter Lüder Ahrens von Aug. Prien | Foto. Doka