Bell-Muldenkipper tourt durch Steinbrüche

KIEL, 14.12.2016 – Mit einer Road-Show an verschiedenen Standorten in Deutschland und Polen stellt Bell Equipment Deutschland aktuell seinen neuen knickgelenkten Sechzigtonner Bell B60E im Live-Einsatz vor. In Hartsteinbrüchen tritt das neuartige 4x4-Konzept gegen Starrkipper und konventionelle Großdumper an.

Bell B60E hoch geländegängig
Schweres Gelände in Haldenbereichen oder bei Neuaufschlüssen meistert der knickgelenkte 4x4 nach Überzeugung von Bell Equipment besser als konventionelle Starrkipper.
„Es ist nicht das erste Mal, dass wir ein neues Modell im Steinbruch vorstellen“, schickt Andreas Reinert, Marketing- und Vertriebsleiter von Bell Deutschland, bei der Maschinenpräsentation Anfang November im Steinbruch der Kalkwerke Oetelshofen bei Wuppertal voraus. „Bereits vor zwölf Jahren tourten wir mit dem damals brandneuen Bell B50D durch den deutschen Hartstein. Für viele Experten war damals noch klar: ‚Der gehört nicht hierher“, beschreibt Reinert die anfängliche Skepsis der Gewinnungsexperten vor dem Einsatz hochkapazitiver Knicklenker in der Förderkette.

Ende 2016 haben die Bell-Leute es bedeutend leichter: Ihr 50-Tonnen-Knicklenker hat sich in der Gewinnung etabliert, und der neue Bell B60E signalisiert schon äußerlich, dass sich der Hersteller sehr eingehend mit den Bedürfnissen stationärer Betriebe beschäftigt hat. In der 60-Tonnen-Klasse setzt er auf einen allradgetriebenen Zweiachser mit Dreh-/Knickgelenk und breiter Gesteinsmulde. Aber warum hat Bell nicht einfach einen 60-Tonnen-Dumper gebaut – so wie Volvo CE, die zeitgleich mit dem B60E von Bell Equipment ihren Dreiachsmuldenkipper A60H auf der bauma 2016 der Öffentlichkeit vorstellten? Warum dieser „Crossover“ aus Knicklenker und Starrrahmen?

Nun, in der stationären Gewinnung spielen die besonderen Qualitäten knickgelenkter Muldenkipper – ultimative Offroad-Qualitäten und niedriger Bodendruck – eine eher untergeordnete Rolle. Hier zählen hohe Umlaufchargen, wie sie klassische 4x2-Starrrahmenkipper leisten. „Wir wissen aber aus den Erfahrungen mit unseren Großdumpern B45/B50, dass Betriebe mit schwieriger Topographie oder sehr wechselhaften Witterungsbedingungen von der großen Wendigkeit eines Knicklenkers und besserer Allrad-Traktion profitieren“, sagt Reinert. „Vor allem aus diesen Kreisen kamen denn auch die Anfragen nach einem Fahrzeug mit diesen Eigenschaften bei allerdings größeren Kapazitäten im Gesteinstransport.“
Bell B60E mit typischer Gesteinsmulde
Starrrahmen-Qualitäten: Die Geometrie der 35-m³-Gesteinsmulde des B60E mit flachem Boden beschleunigt Ladespiele deutlich gegenüber den typischen V-förmigen Erdbaumulden.

Konzept kommt an

Auf Basis des Bell B50D entstanden ab 2012 erste Prototypen, die schnell den Weg in Kundenbetriebe in Südafrika fanden. Die Kombination aus Dumper-Vorderwagen, zuverlässigem Dreh-/Knickgelenk und neugestaltetem Hinterwagen mit typischer Gesteinsmulde bewährte sich derart, dass nach der offiziellen Marktpräsentation im Herbst 2013 eine erste Kleinserie des Bell B60D (Tier 2) in südafrikanischen Steinbrüchen und Tagebauen platziert werden konnte.

Und auch in Deutschland ist das Interesse hoch, seit im Januar 2016 der Marktstart des B60E bekannt wurde. „Wir hätten den Bell B60E zwei-, dreimal vom Stand weg verkaufen können“, fasst Vertriebsgeschäftsführer Andreas Heinrich die Kundenresonanz auf der Bauma 2016 zusammen. Im Anschluss an die Messe ging der Muldenkipper jedoch zunächst auf eine weltweite Vorführtour, die im November 2016 auch Deutschland erreichte: Im Steinbruch der Kalkwerke H. Oetelshofen in Wuppertal-Hahnenfurth machte der B60E im November zehn Tage lang Station. Den Dolomitabbau in den Randgebieten des Tagebaus hat Oetelshofen an die Kloeze Bruyl GmbH als Subunternehmer vergeben, die dort neben dem Dolomit große Mengen Abraum bewegt. Da dies möglichst ohne witterungsbedingte Auszeiten geschehen soll, kommt hier der knickgelenkte, allradgetriebene B60E als Alternative zum „klassischen“ Steinbruchfahrzeug Starrrahmen-Muldenkipper ins Spiel.
Marc Schürmann (links) und Andreas Reinert, Bell Equipment
Sie präsentierten das neue 4x4-Flaggschiff von Bell Equipment (v. l.): Europa-Direktor Marc Schürmann und Andreas Reinert, Verkaufsleiter Bell Deutschland. | Fotos: Bell Equipment/tb
Kabine Bell B60E
Vertrauter Komfort: Der Bell B60E besitzt
die Standard-Kabine der neuen Bell E-
Serie und bietet ebenso vielseitige Diag-
nose-Funktionen und Assistenten für typi-
sche Arbeitssituationen.

Ausgereifte Fahrzeugtechnik

Der neue Bell B60E wirft 55,0 Tonnen Nenn-Nutzlast bei 35 Kubikmetern Muldeninhalt (SAE 2:1) und einem Leergewicht von rund 42,5 Tonnen in die Waagschale. Durch die Übernahme der E-Serien-Großdumperbasis ist der Muldenkipper technisch wie auch im Design auf der Höhe der Zeit. Im einschließlich des Dreh-/Knickgelenks weitgehend zum Bell B50E baugleichen Triebkopf arbeitet ein 15,6-Liter-Reihensechszylinder von Mercedes-Benz/MTU mit 430 kW Leistung und einem maximalen Drehmoment von 2.750 Nm. Eine Allison-Siebengang-Automatik leitet die Kraft über ein Kessler-Verteiler-Getriebe an Vorder- und zwillingsbereifte Hinterachse, Ölbadlamellenbremsen an allen Rädern übernehmen die automatische, vorwählbare Retarderfunktion. In der Kabine erwartet den Fahrer der ergonomisch optimierte und übersichtliche mittige Arbeitsplatz der Bell-Standardkabine mit allen aus den 6x6-Knicklenkern bekannten Diagnosefunktionen und Assistenz-Systemen.

Die anfangs starre Hinterachse wich zugunsten besserer Fahreigenschaften einer federnd aufgehängten 70-Tonnen-Achse des deutschen Herstellers Kessler. Sie trägt nun zusammen mit dem Dreh-/Knickgelenk und dem Allradantrieb zu der nach Überzeugung von Bell überlegenen Geländegängigkeit des B60E im Vergleich mit Starrrahmen-Kippern bei. „Bei Regen oder Schnee fährt man einfach sicherer und länger. Damit lässt sich die Produktion im Werk hoch halten – für kleinere Betriebe wird der Bell B60E im Zweifel sogar zur echten ‚Produktionsversicherung‘ bei anhaltenden Schlechtwetterperioden oder mildert wetterbedingte Saisonverschiebungen ab“, sagt Reinert.
Bell B60E Hinterachse
Die 70-Tonnen-Hinterachse des deutschen Herstellers Kessler ist über zwei Dämpfer-Elemente federnd gelagert. Die 24.00R35-Zwillingsbereifung ist Steinbruch-Standard und sorgt für niedrige Betriebskosten.

Argumente für die Nische

Als typischer „Crossover“ werde der Bell B60E die „Spezialisten“ 6x6-Knicklenker und 4x2-Starrrahmen auf deren ureigenem Terrain nie schlagen, sagt Reinert. „Gibt es jedoch ausreichend gepflegte Fahrwege – wie z.B. im Lockergesteinsabbau – kann er mit höherer Tonnage bei geringeren Personalkosten punkten.“ So könne er „im spezifischen Einzelfall … eine ideale Ergänzung bestehender Flotten oder eine echte Alternative zu einzelnen Schlüsselmaschinen darstellen.“ Stimmen die Voraussetzungen, prognostiziert Reinert sogar direkte Einsparungen durch niedrigere verschleißbedingte Wartungskosten für den Antriebsstrang und – dank der Steinbruch-Standardbereifung – auch für die Reifenausstattung. Auch lasse er sich mit seiner breiten flachen Gesteinsmulde besser als 6x6 in bestehende Steinbruchflotten einfügen.

„Wir sind zuversichtlich, dass wir nach dem Produktionsstart des Bell B60E in unserem Stammwerk Richards Bay schon bald die ersten Maschinen im Markt platzieren können“, kommentiert Andreas Reinert optimistisch die ersten Kundenreaktionen bei der angelaufenen Road-Show, zu der Bell Deutschland insgesamt rund 100 Vertreter von Unternehmen aus seiner gesamten mittel- und nordeuropäischen Vertriebsregion begrüßen konnte. Fünf bis sechs Geräte in den von Bell Deutschland betreuten Ländern in Nord-, Mittel- und Osteuropa hält er 2017 für realistisch. Das entspräche einem Marktanteil von zehn Prozent. Reinert geht davon aus, dass die Produktionsverlagerung des B60E nach Eisenach nur eine Frage der Größenordnung ist: „Momentan kommt alles aus Südafrika. Aber wir denken, wenn wir in Europa im Jahr 15 bis 20 Stück platzieren können, dass wir dann die Endmontage dieser Maschine in Eisenach vornehmen werden.“