Digitalisierung: Baubranche muss schnell aufholen

KIEL, 11.01.2017 – Das Baugewerbe ist im Bereich Digitalisierung im Branchenvergleich das Schlusslicht. Oder positiv gesagt: Es hat das größte Entwicklungspotenzial. Das zumindest bescheinigt ihm die Telekom in ihrer Studie „Der digitale Status Quo im deutschen Baugewerbe“. Höchste Zeit für Bauunternehmer, ihre Komfortzone zu verlassen.

von Britta Brinkmeier

Grafik Telekom-Studie Digitalisierung
Auch beim Baugewerbe ist mittlerweile angekommen, dass die Digitalisierung wettbewerbsentscheidend sein kann.
Dass die Digitalisierung eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit bedeutet, hat immerhin die Hälfte der Bauunternehmen erkannt, und jeder zweite Betrieb ist in dieser Hinsicht auch schon aktiv, so die Studie. Zwar gebe es auch in der Baubranche Unternehmen, die sich an die Spitze des Digitalisierungsprozesses gesetzt hätten und sich darin mit den Top-Performern in der Dienstleistungsbranche oder der Industrie vergleichen ließen. Aber die Zahl der Bauunternehmen, die hier noch gar nicht aktiv sind, ist sehr hoch. Den Hauptgrund sehen die Autoren in der kleingliedrigen, handwerklichen Struktur der Branche. 15 Prozent der befragten Bauunternehmen haben sich demnach noch überhaupt nicht mit der Digitalisierung befasst.
Während einige wenige schon erste 5D-Projekte abwickeln – Stichwort Building Information Modeling, kurz BIM –, befasst sich das Hauptfeld der Baubetriebe immer noch mit der mobilen Kommunikation, und auch hier sieht die Studie noch „viel Luft nach oben“. Von „Big BIM“, dem durchgängigen 3D-Modell-gestütztem Planen, Bauen und Betreiben, ist das Gros noch Galaxien entfernt.
Die Autoren der Telekom-Studie warnen deshalb vor einer Zwei-Klassenbildung: „Die einen Unternehmen werden die Vorteile der Digitalisierung für Kundenbeziehungen, Produktivität sowie das eigene Geschäftsmodell nutzen und sich dadurch ganz neu aufstellen. Andere werden versuchen, wie bisher weiterzuarbeiten.“ Für diese „digitalen Nachzügler“ werde es zunehmend schwierig, Kontakt zu Kunden aufrechtzuerhalten und Geschäfte mit Partnern und Lieferanten abzuwickeln: „Überleben können sie wohlmöglich nur in Nischen“, so die Studie.

Potenzial wird zu wenig genutzt


Es ist nicht die erste Warnung an die Branche. Auch die Unternehmensberatung Roland Berger hatte im Sommer 2016 angemahnt, dass Baufirmen in Deutschland ohne konsequente Digitalisierung ihre Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel setzen würden. Erstaunlich ist, dass nach dieser Untersuchung eigentlich alle wissen, wie viel Potenzial in einer digitalisierten Arbeitsweise steckt, diese Erkenntnis aber nicht umsetzen.
Dabei gibt es längst viele Anwendungsmöglichkeiten und Softwarelösungen für eine „digitale Bauwirtschaft“, ohne dass man gleich durchgehend nach BIM arbeiten müsste. Zum Beispiel in der Beschaffung, bei der Baustellenlogistik, der Vernetzung von Baumaschinen oder auch der Kommunikation mit dem Kunden.

Laura Lammel
„Ich weiß nicht wie es Ihnen geht. Ich muss einen Plan in A0 vor mir sehen.“ Laura Lammel, ZDB-Vorstandsmitglied zum Thema BIM. | Foto: ZDB/Fabry

Die kleineren Unternehmen mitnehmen


„All das leben wir heute doch schon“, hält Laura Lammel, stellvertretende Obermeisterin der Baugewerbe-Innung München, dagegen. Viele leitende Mitarbeiter auf den Baustellen seien mit Smartphone und Tablet ausgestattet, Geodaten würden erfasst und den Architekten übermittelt, Baustofflieferungen und Baumaschinen rundherum digital überwacht. Zumindest, schränkt sie ein, sei in Großstädten und bei bestimmten Auftraggebern „digitales Bauen“ durchaus schon Wirklichkeit. Dafür müssten aber auch die Randbedingungen stimmen. Man könne lang über Digitalisierung diskutieren, wenn die Datennetze dafür nicht flächendeckend vorhanden seien. Außerhalb der Ballungsgebiete sehe es in dieser Hinsicht trübe aus, so Lammel.
Gleichzeitig warnte die Obermeisterin vor Übertreibung: „Auch wenn zukünftig dreidimensional geplant wird, werden wir auch dennoch einen einfachen, verständlichen und zweidimensionalen Plan auf der Baustelle benötigen.“ Wenn Planer und Auftraggeber das Thema BIM vorantreiben, müsse sich das Baugewerbe dem ohnehin stellen. Aber dieser Prozess werde je nach Größe, Gewerk und Aufgabengebiet des Bauunternehmens unterschiedlich ausfallen. Nötig dafür seien einheitliche Standards, Richtlinien und Schnittstellen. Und: Die öffentliche Hand müsse selbst BIM-Kompetenz aufbauen, bevor Unternehmen gezwungen würden, nach BIM zu bauen.
Prof. Markus König
Prof. Markus König hielt einen Vortrag über BIM bei der Landesfachabteilung Hochbau im Bauindustrieverband Niedersachsen-Bremen. | Foto: BB/B_I

Bauherren weitgehend überfordert


Die Kompetenz auf diesem Gebiet auf Bauherrenseite, sprich: den Behörden aufzubauen, das sieht auch Prof. Markus König als die größte Herausforderung. Er hat den Lehrstuhl Informatik im Bauwesen an der Ruhr-Universität Bochum inne und ist bemüht, Bauunternehmern die Scheu vor dem Thema BIM zu nehmen. Das Problem sei nicht das dreidimensionale Planen, entscheidend sei vielmehr, dass Informationsflüsse künftig besser laufen müssten: „Sie brauchen keine tollen Modellierer, sondern Leute, die ihre Prozesse beherrschen.“ Im Grunde sei das alles gar nicht so neu, meint er. So gebe es beispielsweise den GAEB-Standard als Schnittstelle für die elektronische Ausschreibung schon lang. „Eigentlich“, sagt er, „ist nur neu, dass statt eines Planes eine Datei weitergegeben wird.“ Und die könne man eben in alle Richtungen auswerten. Was die Konstruktion betrifft: „Wer in 2D gut ist, ist in 3D schneller.“
Die Bauunternehmer möchte er ermutigen, mit BIM einfach anzufangen und es sich Schritt für Schritt strategisch zu erarbeiten, denn, meint er, „auf dem Markt gibt es keinen, der es einfach so kann.“ Mitarbeiterschulungen sind deshalb entscheidend. Führungskräften empfiehlt er die regionalen BIM-Initiativen, die sogenannten „Cluster“. Bei diesen für alle offenen informellen Treffen können sich Interessierte über das Thema austauschen und „Sparringspartner“ treffen. Informationen dazu gibt es unter www.buildingsmart.de