Neue DIN: Abflussbeiwerte auch für Regenspeicher?

ÜBERLINGEN, 13.12.2016 – Mit dem Ziel Trinkwasser zu sparen wurde in den 1990er Jahren der Bau von Zisternen bezuschusst. Der Plan ging zwar auf, allerdings sorgen die DWA- und DIN-Regelwerke aktuell für Konfusion, da in diesen keine Abflussbeiwerte für Regenspeicher angegeben sind. Doch dieses Problem könnte mit der nächsten Aktualisierung der DIN 1986-100 behoben werden.

Von Klaus W. König, Überlingen

Nutzung eines Gründachs für das Regenwassermanagement
Die Verdunstung des Regenwassers von einem intensiv begrünten Dach beträgt im Durchschnitt mindestens 50 % des auftreffenden Niederschlags. Im Bild: ein Nebengebäude der Kapelle von Ronchamp/Frankreich. | Foto: König

DIN und DWA sind die bedeutendsten Regelgeber zum Thema Regenentwässerung. Die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) und Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung (fbr) spielen eine Rolle, wenn es um Verkehrsflächen, Gründächer und Regenspeicher geht. Alle sind sich einig: Für die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung ist von Vorteil, wenn Niederschläge vor Ort bleiben, also genutzt, versickert oder verdunstet werden.

Unterschiede bei Abflussbeiwerten

Ist zusätzlich eine Regenableitung erforderlich oder muss ein Speicher bzw. eine Versickerungs- oder Behandlungsanlage dimensioniert werden, benutzen Planer bei einfachen Bemessungsverfahren den statischen/fixen Abflussbeiwert der zu entwässernden Fläche – unabhängig vom Verlauf des Regenereignisses. Als Rechenfaktor ohne Einheit liegt er bei 0,0 (kein Abfluss) oder 1,0 (100% Abfluss des auftreffenden Niederschlags) oder dazwischen. Gründächer haben in allen Regelwerken übereinstimmend den Wert 0,3 bei mehr als 10 cm Aufbau und 0,5 bei weniger als 10 cm. Das ist eindeutig und gibt Planungssicherheit. Bei anderen Flächenarten – speziell Kiesdächer, Rollkies- und Pflasterflächen – variieren die Werte je nachdem, welches Regelwerk benutzt wird. Das verunsichert wiederum.

Kombinierte Verdunstung durch Gründach und offene Wasserfläche
Kombiniert verdunsten mit Gründach und
offener Wasserfläche im Bürohausquartier
der Nürnberger Versicherung in Nürnberg.
Die Verdunstung von den begrünten
Dachflächen verbessert das Innenstadt-
klima und verzögert den Abfluss in die
attraktiv gestalteten offenen Wasserflächen.
| Foto: König

Schäden und juristische Folgen

Versierte Ingenieure werden große Abflüsse mit dynamischen Oberflächenabflussmodellen simulieren. Die hier thematisierten statischen Abflussbeiwerte sind nur für die einfachen Fälle empfehlenswert, bei denen vor allem Planer tätig werden, die nicht auf Siedlungswasserwirtschaft spezialisiert sind. Deshalb müssen für diese Anwendergruppe die Auswahlkriterien in den Regeln der Technik, nicht nur in Kommentaren, eindeutig und nachvollziehbar vermittelt werden. Sonst können Fehler sowie Schäden und als Folge davon juristische Auseinandersetzungen entstehen.

Retentionsleistung der Regenspeicher

„Trinkwasser sparen durch Regenwassernutzung“ hieß das Motto, als in den 1990er Jahren der Bau von Zisternen durch mehrere Bundesländer bezuschusst wurde. Der über Jahrzehnte angestiegene Trinkwasserbedarf der Haushalte sollte reduziert und damit immer größere Fernwasserversorgungen verhindert werden. Diese Rechnung ging auf. Statt 147 Liter pro Person und Tag damals liegt der durchschnittliche Bedarf im deutschen Haushalt heute bei 120 Liter. Der Stand der Technik bei Regenwassernutzung wurde in DIN 1989:2002-04 dokumentiert.

Nutzung, Versickerung und Verdunstung

25 Jahre später wissen wir, dass im Umgang mit Regenwasser Kombinationen von Nutzung, Versickerung, Verdunstung und verzögerter Ableitung angesagt sind. Anlass dazu geben die Auswirkungen von Starkregenereignissen, Trockenheit und aufgeheiztem Stadtklima. Fördermaßnahmen der Bundesländer oder Kommunen für die Regenwassernutzung im Besonderen und für die Regenwasserbewirtschaftung im Allgemeinen wurden weitgehend abgeschafft. Zuschüsse für Regenspeicher gibt es noch im Bundesland Bremen und in einigen Kommunen wie z.B. Heidelberg, Bad Mergentheim oder Gräfelfing. Als finanzieller Anreiz dient inzwischen die verminderte Niederschlagsgebühr. Die Verminderung gibt es nur, wenn der Niederschlag dezentral bewirtschaftet wird bzw. der Überlauf des Regenspeichers auf dem eigenen Grundstück versickert. Dass kontinuierliche Regenwassernutzung an sich eine beachtliche Retentionswirkung hat und damit zur Vorsorge bei Starkregen und Trockenheit beträgt, wurde in den technischen Regeln ignoriert – bei der Niederschlagsgebühr ebenso. In den Tabellen der DWA- und DIN-Regelwerke sind keine Abflussbeiwerte für Regenspeicher vorhanden. Das könnte sich nun ändern.

Neubaugebiet mit Innodrain in der Nähe von Stuttgart
Erschließung des Baugebietes Lehenbrunnen mit 40 Grundstücken in Schömberg-Schörzingen, südlich von Stuttgart. Innodrain, ein Mulden-Rigolen-System mit Bewuchs, wird aus vorgefertigten Elementen am Straßenrand eingebaut. Innerhalb der Fahrbahn platziert, wirkt es zusätzlich als Verkehrsberuhigung. | Foto: Mall

Technische Regeln und Niederschlagsgebühren

Langzeitsimulationen im Jahr 2010 an der Hafen City Universität Hamburg unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Dickhaut ergaben je nach Nutzungsart, Regenintensität und Speichergröße erstaunliche Retentionsleistungen. Martin Lienhard, Leiter der technischen Abteilung bei der Mall GmbH, weist darauf hin, dass 2015 dieser Effekt bestätigt wurde durch Simulationsrechnungen von Dr.-Ing. Harald Sommer, Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Sieker mbH. „Die Ergebnisse sind in H 101, einer technischen Regel der Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung (fbr), seit März 2016 veröffentlicht“, sagt Lienhard. Er war Sprecher der seinerzeit zuständigen Fachgruppe Regenwasserbewirtschaftung (bis 2016) in der fbr und maßgeblich an der Publikation von H 101 beteiligt. Damit sollte Realität werden, was längst fällig ist: Die Retentionsleistung von Regenspeichern zu definieren und wie bei Gründächern zu würdigen, unabhängig von der Art des Überlaufs.

Reinigung des Regenwasserfilters im Haus
Der verzögerte Abfluss gelingt zum Beispiel
durch Regenwassernutzung im Haus. Im
Bild die manuelle Reinigung des Edelstahl-
gewebe-Filters, der ein Bestandteil des
Speichers ist. Neben der Gartenbewässerung
sind Toilettenspülung und Waschmaschine
geeignete und zulässige Verwendungszwecke,
falls genügend Regenertrag vorhanden ist.
| Foto: Mall

Regeln für Gründächer vorhanden

Mit einem Abflussbeiwert von 0,5 für extensive und 0,3 für intensive Bauweise ist die Dachbegrünung seit vielen Jahren in den unterschiedlichen Regeln der Technik präsent und damit der Regenwassernutzung um einige Nasenlängen voraus. Es ist an der Zeit, einen entsprechenden Wert auch für Regenspeicher bei der Aktualisierung von Normen zu verankern. Auf dieser Grundlage können dann die Kommunen Abschläge bei der Niederschlagsgebühr machen – wichtig für Regenwassernutzer mit bestehenden Anlagen, die den vorhandenen Überlauf ihres Speichers nicht vom Kanal abhängen und die Versickerung auf dem eigenen Grundstück einrichten können.

Abschläge für die Niederschlagsgebühr möglich

Tatsächlich gibt es schon Städte, die in diesem Sinne mit gutem Beispiel vorangehen: Darmstadt (wo die fbr ihre Geschäftsstelle hat) sowie Stuttgart, Ulm, Mannheim, Baden-Baden und Friedrichshafen. Der Gemeindetag Baden-Württemberg veröffentlichte am 20. Oktober 2010 Vorschläge zur Bemessung der Niederschlagsgebühr in seiner Mustersatzung. In § 40a nennt er unter anderem Maßnahmen, die trotz Überlauf in die Abwasserbeseitigungsanlagen zu einer reduzierten Gebühr führen: Hier ein Auszug dieser Empfehlung: „… Bei Regenwassernutzung, ausschließlich zur Gartenbewässerung, werden die Flächen um 8 qm je cbm Fassungsvolumen reduziert. Bei Regenwassernutzung im Haushalt oder Betrieb werden die Flächen um 15 qm je cbm Fassungsvolumen reduziert. Dies gilt nur für Zisternen, die fest installiert und mit dem Boden verbunden sind…“ Eine Übernahme in weiteren Kommunen ist wahrscheinlich.

Zum Autor

Klaus W. König, Fachbuchautor, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bewirtschaftung und Nutzung von Regenwasser, Mitglied DIN-Ausschuss Wasserrecycling/Regen- und Grauwassernutzung, Lehrbeauftragter an der Uni Stuttgart sowie an den Hochschulen Neubrandenburg und Reutlingen.