Die Reinigungskonzepte der Smart City von morgen

WINNENDEN, 09.01.2017 – Leistungsstarke Infrastruktur, attraktives Lebensumfeld trotz steigender Bevölkerungszahlen, Ressourcenschutz trotz höheren Bedarfs: Solche Aspekte zeigen, vor welche Herausforderungen Kommunen heute gestellt sind. Welchen Platz nimmt die smarte Reinigung im Gesamtkonzept der Stadtplanung ein?

Der Kärcher MC 130 im innerstädtischen Einsatz
Die kompakte MC 130 im innerstädtischen Kehreinsatz. | Foto: Kärcher

Für Lebensqualität und Gesundheit der Bevölkerung steckt hinter den an sich unspektakulären Reinigungsarbeiten ein wesentlicher Beitrag. Gemeinsam mit Dr. Alexander Rieck vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und Dieter Lindauer vom Bundesverband Smart City beleuchten Kärcher-Experten, wie weit die Technik heute ist, wie das Großreinemachen in den Städten der Zukunft aussehen könnte, und warum kluges Recycling auch im Straßenkehricht Schätze zum Vorschein bringen kann.

Intelligente Zustandserfassung

Die intelligente Erfassung und Verbindung von Informationen bietet Chancen, Prozesse zu verbessern und nachhaltiger zu wirtschaften. Ein Beispiel aus der Landwirtschaft zeigt, dass gezielt erfasste Daten bereits heute dazu beitragen, mit Wasser oder mit Düngemitteln umzugehen: Agrardrohnen sind dazu in der Lage, den Zustand der Äcker via Infrarotlichtaufnahmen zu erfassen, und übertragen den Bedarf an halbautonome Traktoren. Diese bereiten das Gemisch auf, mit dem der Landwirt seinen Acker dann bedarfsgerecht versorgt. Auf ähnliche Weise optimierbar sind die Bereiche Wartung und Gerätemanagement. Dr. Karl Engelbert Wenzel, zuständig für die Vorentwicklung intelligenter Systeme bei Kärcher, erklärt: „Mit Kärcher Fleet und Kärcher Manage bieten wir ein modernes Flotten- und Kapazitätsmanagement, über das unsere Kunden in Echtzeit jederzeit sehen, welche Maschinen und Mitarbeiter wo aktiv sind, wie sich die Auslastung verbessern lässt und wann Wartungsbedarf besteht.“

Bedarfsgerechte Reinigung

Diese Möglichkeiten zeigen, dass der Sprung zu einer bedarfsgerechten Reinigung im großen Maßstab nicht mehr weit ist. Warum dafür Infrastruktur wie die Straßenbeleuchtung eine große Rolle spielen wird, erläutert Dieter Lindauer, Vorstand Bundesverband Smart City und Betriebsleiter Stadtwerke Rodgau: „Ein großer IT-Spezialist hat der Stadt New York angeboten, die Straßenbeleuchtung kostenfrei zu erneuern. Dahinter steckt die Möglichkeit, die Masten mit Funktionen wie Feinstaubmessung, Frequenzmessung oder Park & Charge auszustatten und diese anderen Dienstleistern zur Verfügung zu stellen.“  Andere Dienstleister können Stadtreiniger sein, die bspw. in Echtzeit erkennen, an welchen Plätzen viel Publikumsverkehr und damit erhöhter Reinigungsbedarf besteht. Philipp Kipf, Produktmanager Digitale Lösungen bei Kärcher, ergänzt: „Wenn an einer Imbissbude um 12 Uhr 300 Leute Currywurst essen, dort aber nur zwei Mülleimer stehen, wird es danach vermutlich Reinigungsbedarf geben. Also steuere ich genau dort mein Reinigungsfahrzeug hin.“

Wer reinigt wo und wie?

Eine stärkere Automatisierung von Reinigungsaufgaben im öffentlichen Raum hängt davon ab, ob die technische Entwicklung im Bereich Robotik eine Interaktion mit Menschen ermöglicht. Marco Cardinale, Leiter Produktmanagement Floor Care bei Kärcher, benennt den Bedarf: „Zum einen sehen unsere Kunden einen steigenden Kostendruck, wobei die Lohnkosten circa 80 % ihrer Ausgaben ausmachen, zum anderen die Tatsache, dass Arbeitskräfte immer schwerer zu finden sind und anderweitig noch produktiver genutzt werden können. Hinzu kommt, u.a. aufgrund der hohen Fluktuation, der Aufwand für Personalbeschaffung und -einarbeitung. Unsere Aufgabe ist es, sie bestmöglich zu unterstützen, sodass sie die Gesamtkosten der Reinigung reduzieren können.“

Reinigungskonzepte der Zukunft

Dass die Automatisierung im Bereich der Stadt- und Infrastrukturreinigung keine reine Zukunftsmusik ist, zeigt Dr. Alexander Rieck, Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation: „Um Sauberkeit in Großstädten künftig zu gewährleisten, sind kleine, effektive Maschinen am sinnvollsten, die verschiedene Tätigkeiten verrichten können und selbstlernend autonom agieren.“ Beispielsweise gibt es Ansätze, bei denen in Gebäuden  von einer Basisstation ausgehend Minidrohnen mit kleinen Mengen Reinigungsmitteln starten, ausschwärmen, reinigen und den Vorgang wiederholen, bis alles sauber ist. Für Dr. Rieck geht die Vision noch weiter: „Wichtig ist, einzelne Prozessschritte auf kleinster Ebene miteinander zu vernetzen, um begrenzte Ressourcen viel besser zu nutzen. Am Beispiel einer Verkehrsinsel erklärt: Sie kann von einem Roboter, gewissermaßen einer automatischen „Ziege“, gemäht werden; unsere Ziege kann die Biomasse nutzen, um Energie zu erzeugen, gleichzeitig kann sie den Feinstaub einsaugen oder, wenn wir in die Zukunft denken, vielleicht sogar nutzbar machen.

Reinigungsmaschine und Reinigungsleistung

Die neuen Technologien nehmen nicht nur Einfluss auf die Art und Weise, wie gereinigt wird, sondern auch auf die Prozesse selbst. Denn über die Vernetzung und Echtzeit-Erfassung via Apps und Smart Devices stehen die Türen offen für neue Geschäftsmodelle. Philipp Kipf dazu: „Es ist denkbar, dass Dienstleister nicht mehr Reinigungsmaschinen kaufen, sondern die Reinigungsleistung einer Maschine für 5.000 m² gefliester Fläche buchen. Solche Pay-per-Use-Konzepte werden kommen, und da gilt es für alle Unternehmen am Markt, Chancen wahrzunehmen und attraktive Lösungen zu entwickeln.“

Wie Reinigung und Recycling zusammenhängen

Nachhaltigkeit als Thema der Zukunft schließt den Kreis von der Vermeidung von Schmutz über die bedarfsgerechte Reinigung hin zur möglichst umfassenden Verwertung – auch von Straßenkehricht. Dieter Lindauer sieht hier Potenzial, das über die heutigen Möglichkeiten hinausgeht: „Das Thema Stoffstrom ist hochspannend, also die Frage, was mache ich mit dem gesammelten Kehricht. Wo lohnt es sich, die Stoffe zu trennen und zu recyclen? Das ist natürlich kritisch zu prüfen, aber es werden kontinuierlich neue Methoden zur Abfallverwertung entwickelt.“ 2015 hat ein britisches Unternehmen einen interessanten Ansatz entdeckt: In einer Pilotanlage wird der Straßendreck gefiltert, um seltene Metalle wie Palladium, Rhodium oder Platin zu gewinnen. Laut eigenen Angaben sind das 5 kg pro 50.000 t Kehricht – ein lohnendes Modell, wenn die Preise für diese seltenen Rohstoffe weiter steigen. bi