Unterschätzte Gefahr: Abgase in der Baumpflege

GÖTTINGEN, 14.06.2016 – Studien zufolge werden durch die Nutzung von Motorgeräten in der Baumpflege eine Vielzahl gesundheitsgefährdender Schadstoffe freigesetzt. Viele der Stoffe sind unsichtbar und geruchlos und werden somit kaum wahrgenommen. Doch wie groß ist die Belastung wirklich?

Von Martin Franz, Göttingen

Baumpfällarbeiten ohne sichtbare Abgase
Ein Arbeitsplatz an frischer Luft in der sauberen, schönen Natur wird oft beneidet: Aber ist es ein Traumjob mit Frischluftgarantie?

Wer kennt das unter Baumpflegern nicht, wenn der Buschholzhacker ungünstig zum Wind steht und die Dieselfahne über die Baustelle zieht oder die beiden Kollegen im Korb des Hubsteigers mit der Motorsäge arbeiten und dort die Abgase direkt, entweder der eigenen oder der Nase der zweiten Person so richtig vorgeblasen werden. Bei ersteren können wir eventuell den Hacker umstellen, mit der Fräse, wenn Platz ist, von der anderen Seite ran fahren, aber wie wollen wir das im Korb der Bühne oder in der Baumkrone am Arbeitsseil machen, wo ich sowieso schon froh bin, wenn ich die Säge vernünftig und sicher einsetzen kann. Da bleibt dann nur: "Nase zu und durch"?

Gefährlicher Giftcocktail

Aber was ist im Benzin bzw. in den Abgasen so alles drin, was sie so gefährlich macht. Und was passiert beim Einatmen mit uns und in uns? Im Benzin sind eine Menge von giftigen Substanzen enthalten, ca. 36% aromatische Kohlenwasserstoffe, dazu gehört beispielsweise das Krebs erregende Benzol. Aromatische Kohlenwasserstoffe haben eine narkotisierende Wirkung und können zu Schwindelgefühlen und zunehmender Unkonzentriertheit führen. Damit verschärft sich das ohnehin hohe Risiko gravierender Unfälle bei der Arbeit mit zweitaktbetriebenen Maschinen. Den zweitgrößten Anteil bilden die Alkane mit ca. 32%. Den Rest bilden weitere Bestandteile, wie schwere Paraffine, Olefine und Oxygenate. Diese Stoffe gelangen nach dem Verbrennungsvorgang teils über die Abgase bzw. Spülverluste wieder in die Luft und damit in unsere Atemwege.

Baumfällarbeiten mit angefärbten Abgasen
Auf diesem Bild sind die Abgase durch Beimischen von Rapsöl im Benzin sichtbar gemacht worden.

Gefahr durch Kohlenmonoxid

In den Abgasen finden wir dann noch einen sehr schädlichen Stoff, das Kohlenmonoxid (CO). Es ist mit fast 70% der Hauptanteil in den Abgasen. Es dockt an die roten Blutkörperchen an und verhindert bzw. beeinträchtigt damit den Sauerstofftransport im Körper. Die Folgen sind Vergiftungsgefahr, Schwindel, bis hin zur Ohnmacht, verursacht durch das farb- und geruchlose Kohlenmonoxid. Diese Auswirkungen werden durch die tiefe Atmung bei unserer in der Baumpflege körperlich schweren Arbeit verstärkt. Bei Rauchern sind diese Symptome noch wesentlich stärker, da diese aufgrund des Zigarettengenusses schon mehr CO im Blut haben als Nichtraucher. Der Grenzwert für CO liegt bei 30 ppm und wurde in Studien bei Baumfällarbeiten bis zum 20fachen überschritten.

Alternativen vorhanden

Daher ist es aus meiner Sicht unbedingt erforderlich, Alternativen zu dem normalen Benzin und dem Zweitaktmotor zu nutzen und auch zu entwickeln. Die Industrie hat hier schon super Arbeit geleistet. Zum Beispiel wurde der normale 2-Takt-Motor weiterentwickelt durch technische Innovationen wie Spül- oder Luftvorlage, Katalysatortechnik oder Resonanzsysteme im Auspuff, um hier nur die Wichtigsten zu nennen. Diese Systeme verringern unter anderem die Spülverluste, optimieren die Verbrennung und reduzieren dadurch den Schadstoffausstoß der Geräte. Ein weiterer Meilenstein bei den Kraftstoffen ist das Alkylatbenzin, in dem die oben beschriebenen Schadstoffe (außer CO) bis auf ein kleines Minimum herabgesetzt werden konnten. Das wird durch ein spezielles Herstellungsverfahren erreicht. Die Einstellwerte der Hersteller sind genauestens zu beachten. So können die Schadstoffe auch schon zu einem großen Teil reduziert werden.

Martin Franz bei einem Vortrag im Kletterforum der Deutschen Baumpflegetage
Martin Franz (rechts) zeigte bei seinem
Vortrag im Kletterforum der Deutschen
Baumpflegetage u.a. die Aggressivität
von Tankstellenbenzin im Vergleich zu
Alkylaten auf.

Akkugeräte als Alternative

Eine weitere Möglichkeit, diese Schadstoffe von uns und unseren Mitarbeitern fern zu halten, sind der Einsatz alternativer Antriebe bei Motorgeräten wie Elektromotoren oder der Einsatz Akku betriebener Geräte. Gerade bei den Akkugeräten hat sich technisch in den letzten drei bis vier Jahren sehr viel verbessert. Die Akkus sind haltbarer, die Geräte kräftiger, und die Einsatzmöglichkeiten wurden den tatsächlichen Bedürfnissen stark angepasst. Neben den schädlichen Abgasen entfallen bei diesen Geräten zum Beispiel auch gefährliche Vibrationen und Lärm. Ich setze, gerade bei der Arbeit in der Hubarbeitsbühne, Akkugeräte sehr gerne ein: Keine Vibrationen, keine stinkenden Abgase, weniger Lärm, einfach ein angenehmeres Arbeiten.

Umdenken erforderlich

Zusammenfassend muss sich jeder, egal ob Unternehmer oder Anwender, Gedanken darüber machen, wie diese Risiken für die Gesundheit minimiert werden können, um Schäden von uns allen abzuwenden. Egal ob durch den Einsatz moderner Techniken, neuer Gerätetechnologie, angepasster Arbeitsorganisation oder durch entsprechende Treibstoffe. Denn das Ziel muss stets ein unfallfreies und gesundes Arbeiten sein.

Zum Autor

Martin Franz, Forstwirtschaftsmeister und Fachagrarwirt, ist Ausbildungsleiter an der Lehrwerkstatt für Arboristik und Forstwirtschaft der HAWK Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Fakultät Ressurcenmanagement.