Gartengestaltung: Heute schon an übermorgen denken

VEITSHÖCHHEIM, 29.06.2016 – Die Aufgaben eines Gartengestalters enden nicht mit der Neuanlage des Gartens. Mindestens ebenso wichtig ist die gestalterische Pflege in den Folgejahren, wodurch die Kundenbindung gestärkt werden kann. Doch was ist dabei zu beachten?

Von Andreas Schulte, LWG Veitshöchheim

Als transparenter Raumteiler fungiert hier Amelanchier lamarckii. Die Schirmform vermittelt zwischen Baum- und Krautzone und schafft Behaglichkeit. Ein regelmäßiger Korrekturschnitt ist hier unerlässlich.

Bei einem Garten kann man anders als bei einem Gebäude nie davon sprechen, dass er fertig sei. Er lebt in gewisser Weise von der Dynamik und Lebendigkeit des Pflanzenwachstums, entwickelt sich fortwährend weiter. Eigentlich wunderbar, denn genau das spiegelt das Leben wider! Greift man allerdings nicht ein, verändern sich die Proportionen innerhalb der Gartenanlage oft ungünstig: Gehölze werden zu groß, wachsen ineinander, sprengen den Rahmen, „Gestrüpp“-Inseln entstehen, ähnlich verhält es sich mit in die Jahre gekommenen Staudenbeeten. Der Gartenbesitzer ist damit unzufrieden, er greift vielleicht ein. Aber ohne Wissen um die richtige Pflege bzw. den fachgerechten Gehölz-Schnitt ist das Ergebnis hinterher oft unbefriedigend.

Gestalterische Gartenbetreuung

Mit diesem Artikel soll ein Plädoyer für eine gestalterische Gartenbetreuung gehalten werden, die in der Regel behutsames, manchmal aber auch durchaus mutiges, kreatives Eingreifen über viele Jahre bzw. Jahrzehnte erfordert. Anhand des Gestaltungsprozesses im ostfriesischen Garten meiner Eltern, den ich seit meiner Jugend betreuen und bis heute kontinuierlich weiterentwickeln durfte, möchte ich sowohl einige Gestaltungsgrundsätze als auch die wichtigen pflegerischen Eingriffe der prozesshaften Gestaltung vorstellen.

Trockenbachlauf mit Teich
Der Blick in die andere Richtung auf das Haus zeigt die relativ frisch verpflanzten Rhododendren links und die verbesserte Bodenmodellierung samt Trockenbachlauf rund um den neuen Teich.

Gestalten mit Gartenräumen und Sichtachsen

Nach einer größeren Umgestaltung 2010 wurde im Garten meiner Eltern ein schon bestehendes Sichtachsenkonzept noch stärker ausgebaut. Wird der Garten geschickt in Räume unterteilt - z.B. durch Mauern, Hecken oder freiwachsende Gehölze, wirkt er insgesamt größer. Das kann zusätzlich gesteigert werden, indem von verschiedenen Punkten des Weges oder von Sitzplätzen aus plötzlich Blicke auf z.B. weiter entfernte Bäume, Sträucher oder Skulpturen, die sich in einem anderen Gartenraum befinden, sichtbar werden. Dieses Prinzip kann man auch auf kleine Gärten anwenden, nur eben mit geringeren Dimensionen. Wenn ein Garten an die freie Landschaft grenzt, sollte diese unbedingt über Sichtachsen mit einbezogen werden.

Raumtrennung mit Gehölzen

Eine deutliche Raumtrennung auf Augenhöhe können immergrüne Gehölze übernehmen. Die mittlerweile mehr als drei Meter hohen, dunkellaubigen Rhododendren, die für die Raumwirkung im Garten meiner Eltern maßgebend sind, kontrastieren gut zu hellen Blüten- und Blattfarben von sommergrünen Sträuchern, Geophyten und Stauden. Doch bei immergrünen Gehölzen ist Vorsicht geboten, sehr schnell können sie in größerer Menge zu massiv wirken. Einen solchen wuchtigen Rhododendron- Heckenblock galt es deshalb in unserem Garten aufzulösen. Zum Glück lassen sich auch ältere Rhododendren noch problemlos verpflanzen, da sie von Natur aus gute Pflanzballen ausbilden. So konnte ich diese Heckenrhodos erfolgreich als Solitäre oder in lockerer Gruppierung sehr gut wiederverwenden.

Rhododendren als Raumteiler

Zwischen den verschiedenen Gartenbereichen wirken die Rhododendren heute wie natürliche Raumteiler. Man hat zwar aus jedem Gartenraum nach wie vor Einblick in den darauf folgenden, aber nur so viel, dass die Neugier bleibt, den nächsten Gartenraum auch noch entdecken zu wollen. An schwierigeren, trockeneren Standorten lassen sich statt der vergleichsweise anspruchsvollen Rhodos auch gut Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus i. S.) verwenden oder auch Taxus und Pyracantha, allerdings dann als Formschnittgehölze. Möchte man in Regionen mit höherem pH-Wert dennoch nicht auf Rhodos verzichten, kann man seit einigen Jahren auf die kalktoleranteren INKARHO-Rhododendren zurückgreifen.

Ostfriesischer Garten mit Blickbeziehungen
Situation 2015: Innerhalb dieses ostfriesischen Gartens werden axiale Blickbeziehungen zu besonderen Bäumen, Sträuchern oder Rosen in Szene gesetzt (gelbe Pfeile). Zudem öffnet sich der Garten nach Norden und Osten: Mehrere Sichtachsen beziehen ihn in die umgebende Weide-Landschaft ein (Rote Pfeile)

Staudenflächen mit Struktur

Dem ruhigen, dunklen Rahmen der Rhododendren wird im Garten meiner Eltern ein munteres, sich stetig veränderndes Blütenbild der Stauden, Gräser und Geophyten entgegengesetzt. Die schönsten Kontraste werden dabei von den filigranen Stauden und Gräsern erzielt, wie z.B. von der Wiesenraute (Thalictrum) oder einigen Sorten des Chinaschilfs (Miscanthus sinensis), wie z.B. der besonders elegant wirkenden Sorte ‘Morning Light‘. In schattigen Partien empfiehlt sich zur Aufhellung der Einsatz weiß- oder gelb-panaschierter Pflanzen. Wer keine Probleme mit Schnecken hat, kann hier z.B. die mit ihren großen Blättern beeindruckenden, strukturstarken Funkien (Hosta-Arten und Sorten) verwenden, die sich in der Regel sehr gut von der Rahmenpflanzung abheben.

Dynamik im Staudenbeet

Gepflanzt wird nach dem Prinzip der Lebensbereiche und der Geselligkeitsstufen, denn standortangepasste Stauden, die den Boden ab Frühsommer komplett bedecken, benötigen am wenigsten Pflege. Zudem sorgen einige kurzlebige Arten wie Fingerhut (Digitalis purpurea), Akelei (Aquilegia vulgaris) oder Wiesenmargerite (Leucanthemum vulgare) für die ihnen eigene Dynamik im Staudenbeet. Hier ist allerdings darauf zu achten einen zu starken Besatz mit solchen Sämlingen einzudämmen. Besonders ausbreitungsstarke Stauden, die in Monopolstellung durchaus überzeugen können, haben in differenzierten Pflanzungen nichts zu suchen, da sie innerhalb kürzester Zeit andere Pflanzen überwuchern. Solche z.B. sich über Wurzelausläufer verbreitende Stauden wie Symphytum caucasicum oder Geranium macrorrhizum sind sehr geeignet als Bodendecker für große Flächen, man darf sie halt nur nicht mit schwächeren Begleitstauden kombinieren.

Schattenstauden statt Rasen

Wenn im reifen Garten die Gehölze und damit auch die schattigen Partien zunehmen, ist gut zu überlegen, ob dort noch ein Rasen sinnvoll ist, denn Rasengräser brauchen Licht. Im Garten meiner Eltern wurde ein solcher Gartenteil in Schattenstaudenflächen umgewandelt. Im heutigen Waldgarten dominieren Farne, Schattengräser und -stauden das Bild, er kommt bei den Besuchern aufgrund der ruhigen Ausstrahlung besonders gut an. Ein Wegenetz aus Rindenmulch, eingefasst mit längs verlegten 20-30 cm starken Ästen der Eiche, durchzieht den gesamten Schattengarten und vermittelt einen rustikalen Charme. Waldgeißbart (Aruncus dioicus), Rodgersien (Rodgersia podophylla i.S.), Farne (Dryopteris affinis), Funkien (Hosta i.S.) und Schattengräser wie Hakonechloa macra ‘Aureola‘, die in Bodendeckerflächen aus Waldmeister (Galium odoratum) und Schaumblüte (Tiarella cordifolia) stehen, geben hier den pflanzlichen Ton an.

Rasenflächen

Im Garten meiner Eltern verbinden die Rasenflächen die unterschiedlichen Gartenräume miteinander und umfließen heute in schwungvollen, organischen Formen die differenzierten Pflanzflächen in den sonnigeren Gartenteilen. Vor lebendigen Staudenpflanzungen wirkt ein gut gepflegter Rasen als ruhiger Teppich besonders gut. Die Ränder der Rasenflächen werden im Garten meiner Eltern nach englischer Manier per Hand mehrmals im Jahr abgestochen. Hilfreich für gut proportionierte, schwungvolle Rasenkanten sind alte Gartenschläuche, die man als eine Art Schablone für die Schnittkante auf den Rasen legt. Eine frisch gestochene exakte Rasenkante ist sicher nicht die pflegeleichteste Variane, wirkt aber gerade in Kombination mit bunten Staudenpflanzungen besonders reizvoll.

Gartenhaus inmitten eines Staudengartens
Nach dem Ausbau des Gartenhauses 2008
dient das Gebäude nun als Überwinterungs-
quartier für Kübelpflanzen. Der ehemalige
Rasen wurde durch großräumige Schatten-
staudenpflanzungen ersetzt.

Radikal auf den Stock gesetzt

Grundsätzlich werden bei allen Sträuchern vertrocknete, nach innen wachsende, sich kreuzende oder auf dem Boden liegende Zweige entfernt. Zurückgeschnitten wird immer knapp über einem Auge, damit nicht über die verbleibenden Aststummel Krankheitserreger eindringen können. Bei vielen frühjahrsblühenden Sträuchern wie z.B. bei der Forsythie kann durch einen regelmäßigen Auslichtungsschnitt alter Äste nach der Blüte auch in den Folgejahren eine gute Blütenfülle erreicht werden. Ältere Zweige blühen in der Regel weniger stark als zwei- bis dreijährige und sind deshalb herauszuschneiden. Auch hier ist auf eine ausgewogene gut proportionierte Strauchform zu achten und ggf. sind sehr langtriebige Äste einzukürzen. Blutjohannisbeere, Deutzie und Ginster, Weidekätzchen und  Flieder werden nach demselben Schema geschnitten wie die Forsythie. Beim Verjüngungsschnitt werden Sträucher radikal auf Stock gesetzt, also ca. bis auf 30 Zentimeter über Bodenhöhe eingekürzt.

Vorsicht bei empfindlichen Sträuchern

Einige Sträucher hingegen vertragen keine starken Eingriffe. Dazu gehören die Scheinhasel (Corylopsis), die Zaubernuss (Hamamelis), der Blumen-Hartriegel (Cornus-Arten), die Magnolie oder der Seidelbast (Daphne). Für Besenginster, Goldregen oder Rosmarin kann ein Radikalrückschnitt sogar das Aus bedeuten. Sträucher, die am diesjährigen Holz blühen, können hingegen regelmäßig stärker zurückgeschnitten werden. Zu dieser Gruppe gehören z.B. Sommerflieder, Rosen, Fingerstrauch, Lavendel und Roseneibisch (Hibiscus). Der beste Schnittzeitpunkt dafür ist das zeitige Frühjahr. Doch auch hier ist bei jungen Gehölzen darauf zu achten, ein gut verteiltes Grundgerüst aus Ästen zu erziehen, dann ergibt sich in den Folgemonaten ein schöner Pflanzenwuchs mit ausgewogener Strauchsilhouette. Beim Schnitt bleiben lediglich zwei nach außen stehende Knospen der Grundäste stehen.

Beispiel eines Staudengartens
Als transparenter Raumteiler fungiert hier
Amelanchier lamarckii. Die Schirmform
vermittelt zwischen Baum- und Krautzone
und schafft Behaglichkeit. Ein regelmäßiger
Korrekturschnitt ist hier unerlässlich.

Gestalterische Pflege - Konsequenzen für die Kundenbeziehung

Bei der Neuanlage eines Gartens ist immer erst einmal eine gute Planung empfehlenswert. In den Folgejahren und -jahrzehnten ist es vor allem eine gute gestalterische Pflege, die einen Garten zur Vollendung führt. Da ist also die Überzeugungsarbeit des Gartengestalters, des Fachmanns gefragt. Mit dem Slogan „heute schon an übermorgen denken“ könnte der Kunde von Anfang an - am besten schon bei der Neuanlage - davon überzeugt werden, in regelmäßigen Abständen, z.B. spätestens alle zwei bis drei Jahre, den Garten vom Profi inspizieren und gestaltend pflegerisch überarbeiten zu lassen. Nur dann kann in verträglichem Maße bei Gehölz- und Staudenpflanzungen eingegriffen und gestalterisch optimiert werden. Denn meistens sieht nur der Fachmann mit seinem räumlichen Vorstellungsvermögen, seinem Blick für das Ganze und dem fachlichen Know-how die Möglichkeiten und Erfordernisse einer solchen Gartenpflege.

Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur Landschafts- und Freiraumplanung Andreas Schulte arbeitete nach seinem Studium an der Technischen Universität Hannover und einem Studienjahr in Manchester/GB seit 1997 in verschiedenen Planungsbüros im Kölner Raum sowie im Ruhrgebiet. Sein Aufgabengebiet umfasste die Objektplanung in allen Leistungsphasen. Nach einem Agrarreferendariat und Unterrichtstätigkeiten im Rheinland ist er seit 2008 an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau beschäftigt. An der Meister- und Technikerschule für Agrarwirtschaft und im Versuchswesen der LWG liegen seine Schwerpunkte in der Pflanzenverwendung, Gartengestaltung, Plandarstellung und im CAD.