Thorsten Freiberg und der Vorstand des BGV SH
BGV-Vorsitzender Thorsten Freiberg könnte sich eine „deutlich kürzere Lebenszeit von Gebäuden“ als Lösungsweg zu geringeren Baukosten vorstellen. Im Hintergrund aus dem BGV-Vorstand (v.l.): Bernd Rüß, Dirk Specht, Broder Ingwersen, Lutz Becker, Norbert Lanz, Kai Boysen, Markus Räth und BGV-Hauptgeschäftsführer Georg Schareck (4.v.r.) | Foto: BGV SH/Hilke Ohrt

Bauwirtschaftstag Schleswig-Holstein:

Europa, BIM und die Motivation des Fischverkäufers

KIEL, 11.07.2016 – Beim Bauwirtschaftstag des Baugewerbeverbandes Schleswig-Holstein am 8. Juli kamen Vertreter aus Politik und Wirtschaft im Maritim Hotel Bellevue Kiel zu einem informativen und unterhaltsamen Vortragsprogramm zusammen. Besonderer Gast war Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer.

von Britta Brinkmeier

Planungssicherheit und bessere Rahmenbedingungen für den Mittelstand am Bau forderte BGV-Vorsitzender Thorsten Freiberg, um die Herausforderungen vor allem im Wohnungsbau meistern zu können. Die Baubranche zeige ein positives Wachstum, und die Frühindikatoren würden auf eine weiterhin stabile Entwicklung der Baukonjunktur im Land hindeuten, so Freiberg. Dazu trügen auch die öffentlichen Investitionen und Förderungen bei. Erfreulicherweise setze sich in Politik und Verwaltung die Erkenntnis durch, dass erhebliche Investitionen notwendig sind, um ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dazu müssten aber Baugenehmigungsverfahren beschleunigt, Baustandards praxisorientiert gestaltet und die Energieeinsparverordnung korrigiert werden, so Freiberg.

Nicht „für die Ewigkeit“ bauen


Auch eine „deutlich kürzere Lebenszeit von Gebäuden“ schlug Freiberg vor. „Wir könnten damit die Behäbigkeit aus unseren Bauverfahren nehmen und gleichzeitig die Kosten senken“, sagte er. Er plädierte für Neubauten mit einem nachfrageorientierten Lebenszyklus auch unterhalb von 30 bis 40 Jahren. „Die Bauforschungseinrichtung ARGE Kiel hat gezeigt, dass bei zahlreichen Wohnungen eine energetische Sanierung nicht wirtschaftlich und altersgerechte Umbauten nicht möglich sind“, so Freiberg. Die Forderungen des BGV SH zum Wohnungsbau würden die Bauzeiten beschleunigen, die Kosten senken und gleichzeitig den Betrieben helfen, vernünftige Umsatzrenditen zu erzielen.

BIM und der Verlust des Ü-Zeichens


Der Baugewerbeverband Schleswig-Holstein versteht sich nicht nur als politische Interessensvertretung für seine Mitgliedsunternehmen. Mit Blick in eine erfolgreiche Zukunft der Betriebe spielten viele Themen der Branche im Rahmen des Bauwirtschaftstages eine Rolle. Dass die Planungs- und Baumethode BIM auch für den Mittelstand einen Mehrwert bieten kann, erläuterte Gerhard Hollenz von der BRZ Deutschland GmbH. Mit „Building Information Management“ ließe sich der „Sand aus dem Getriebe der Betriebsabläufe nehmen“. Das BRZ biete dazu eine 3D-Software, mit der sich die Kosten für die Angebotserstellung senken und auch mittelgroße Projekte sich leichter steuern ließen.
Gerhard Winkler, Geschäftsführer der Zertifizierung Bau GmbH in Berlin, erläuterte, was sich aktuell im Vergaberecht und der Bauproduktenverordnung im Zusammenhang mit dem europäischen Recht bewegt. Der Konflikt zwischen europäisch harmonisierten und damit für den Binnenmarkt verbindlichen Baustoffnormen und den nationalen öffentlich-rechtlichen Anforderungen bringt neue Schwierigkeiten beim Bauen. So gibt es laut Winkler ab dem Stichtag 15. Oktober kein Ü-Zeichen mehr. Ab dem Zeitpunkt sei die Bauregelliste ersatzlos aus dem Verkehr zu ziehen. Die Folge: Die Anforderungen würden nun in die Baugenehmigung geschrieben. Winkler riet dazu, bei Ausschreibungen künftig besonders auf die Anforderungen der Bauprodukte und Bauteile zu achten.


Betriebsvergleiche und 45 Sekunden für die Gesundheit

„Warum verdient der eine Tischler ein halbe Million und der andere macht 200.000 Euro Verlust?“ Solche Fragen beantwortet Christof Tatka, Geschäftsführer perfakta.SH e.V., tagtäglich. Er präsentierte mit dem Benchmarking Bau ein Steuerungsinstrument zu Kalkulation und Risikoabschätzung für die Baubranche in Schleswig-Holstein – übrigens bundesweit immer noch einmalig. Ein Betriebsvergleich koste das Unternehmen gerade zwei Stunden „Interview-Zeit“, in der die Unternehmenskennzahlen abgefragt werden, bringe aber ein hohes Maß an Erkenntnis bei der Frage ‚Wo steht mein Betrieb im Vergleich zu meinen regionalen Mitbewerbern?‘, erläuterte Tatka.
Für eine Auflockerung nach einem langen Sitzungstag – am Vormittag hatten schon die Mitgliederversammlung und die Obermeistertagung stattgefunden – sorgte Anke Fuchs von der IKK Nord. Den Sinn praktischer Maßnahmen der Gesundheitsförderung im Betrieb ließ sie die Teilnehmer gleich am eigenen Leib erfahren mit einer kurzen Übung für die Lendenwirbelsäule. Vorstand Ralf Hermes hatte zuvor darauf hingewiesen, dass die IKK Nord für ein Betriebscoaching in Sachen Mitarbeitergesundheit pro Versicherten 100 Euro an den Betrieb zahlt.

Motiviert wie Aale-Dieter


Im Anschluss präsentierte Rhetoriktrainer Michael Ehlers alias Hein Hansen mit dem Thema seines gleichnamigen Buches „Der Fisch stinkt vom Kopf“ einen außergewöhnlichen Vortrag. Fragen der Führungskultur – Wie schafft man es, ein ganz normales Produkt erfolgreich zu verkaufen und bei harter Arbeit auch noch Spaß zu haben? – beantwortete der Motivationsexperte mit Analogien zum Hamburger Fischmarkt. Die wichtigste Botschaft: Die Arbeit wie ein Spiel betrachten, anderen Freude machen, präsent sein und die eigene – positive – Einstellung wählen. Sein Buch ging anschließend weg wie frischer Fisch.