Urban Gardening: Erdbeeren und Salat vom Dach

VEITSHÖCHHEIM, 17.08.2016 – Auf dem klassischen Gründach findet man verschiedene Gräser oder Sedumarten, auf dem Dach der LWG Bayern sieht das ganze etwas anders aus: Hier wird ein neues Anbausystem auf Basis der extensiven Dachbegrünung getestet.

Von Florian Demling, Veitshöchheim

Ernte auf dem Dachgarten der LWG Bayern
Gemüseernte auf dem Dach. | Fotos: LWG/Demling

Die lokale Produktion von Nahrungsmitteln liegt (wieder) im Trend. Immer wieder wird Obst und Gemüse auf dem Balkon oder in Gemeinschaftsgärten angebaut. In der Stadt fehlt es dabei oft an großen Flächen zur Bewirtschaftung. Durch Bevölkerungsbewegungen kommt es zu immer mehr Überbauungen. Doch es gibt sie bereits: die dauerhaft nutzbaren Flächen im Siedlungsbereich. Dächer und Fassaden werden bereits vielfach begrünt. Allein in Deutschland werden jährlich etwa 10 Mio. qm neue Dachbegrünungen angelegt (Quelle: FBB). Dabei bieten vor allem extensive Dachbegrünungen mit ihren baustatisch günstigen Bedingungen (mit einer Nutzlastreserve bis 150 kg/qm) eine interessante Alternative zur bodengebundenen Vegetation mit Nahrungspflanzen.

Neues Anbausystem entwickelt

Seit 2014 wird an der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau ein neues Anbausystem auf der Grundlage extensiver Dachbegrünungen entwickelt und getestet. In den Versuchen werden die Flächen auf dem Dach und den Dachmodellen ähnlich eines herkömmlichen Aufbaus einer extensiven Einschichtbegrünung nachempfunden. Die abgedichteten Flächen mit etwa 2% Gefälle enthalten ein Schutzvlies und eine 8 cm dicke Substratschicht eines herkömmlichen Dachsubstrats für Extensivbegrünungen.

Bestens geeignet fürs Gemüsedach: Erdbeeren
Besonders für Nahrungspflanzen mit geringer Lagerfähigkeit wie z.B. Erdbeeren kann das Gemüsedach ein attraktiver Standort sein.

Bewässerung und Düngung

Um die Produktion von Nahrungspflanzen auf dem dünnschichtigen Standort zu ermöglichen, müssen die Pflanzen ausreichend bewässert und gedüngt werden. Die Wasserversorgung erfolgt am besten über Tropfschläuche. Damit wird Wasser eingespart und es ist eine Düngung über die Bewässerung möglich. Die Bewässerungsmenge kann je nach Kultur und Witterung bis zu 10 l/qm betragen. Meist genügen allerdings wenige Bewässerungsintervalle von etwa 2 Minuten pro Tag. Zwar wird ein hoher Anteil des Wassers im Substrat gespeichert. Dennoch kann Überschusswasser (Drain) auftreten. Dies sollte in einem ausreichend dimensionierten Behälter aufgefangen werden, und kann damit wiederum zur Bewässerung der Kulturen genutzt werden. Für dieses System wird deshalb auch ein Behälter benötigt, der Starkregenereignisse puffern kann.

Fruchtfolge auf dem Dach

An der LWG Veitshöchheim wurden bisher vor allem Untersuchungen zur Pflanzenauswahl in dem beschriebenen System durchgeführt. Salate und Kräuter erscheinen als logische Nutzpflanzen für das dünnschichtige Dachsubstrat. Im Erwerbsgartenbau ist bereits die Nutzung von erdelosen Kultursystemen (im Gewächshaus) üblich. Somit bieten sich auch Erdbeeren, Tomaten und Paprika dafür an. Diese werden meist in zirkulierenden Systemen angebaut. Doch auch Feldgemüsearten, wie z.B. Zwiebeln, Rote Bete, Möhren (Sorte ‚Pariser Markt‘), Broccoli, Kohlrabi, Fenchel, Grünkohl, Endivie und Bohnen bieten interessante Möglichkeiten für das Dach. Sogar Zucchini und Auberginen können auf 8 cm Dachsubstrat kultiviert werden. Lediglich ausreichend Wasser und Nährstoffe müssen verfügbar sein. Besonders für Nahrungspflanzen mit geringer Lagerfähigkeit, wie Erdbeeren, Kräuter und Salate, kann das Gemüsedach ein attraktiver Standort sein.

Kohlrabipflanezen auf dem Dach
Auf einer ehemaligen extensiven Dachbegrünung wurde Schnittsalat in Mischkultur neben Fenchel und Kohlrabi kultiviert.

Verschiedene Kulturen

Die Gemüsekulturen wurden sowohl einzeln, in gemischten Reihenpflanzungen und als gemischte Ansaaten getestet. Einzeln wurden z.B. Zucchini, Erdbeeren, Kohlrabi und Salate kultiviert. Vor allem bei dem Versuch mit Dachmodellen wurde die generelle Eignung der Nahrungspflanzen auf dem Anbausystem untersucht. Auf der ehemaligen extensiven Dachbegrünung wurden im Jahr 2014 und 2015 vor allem Gemüsekulturen in Reihenmischpflanzungen angebaut. So wurde z.B. Schnittsalat in Mischkultur neben Fenchel und Kohlrabi kultiviert. In typischer gemüsebaulicher Fruchtfolge wurden bis zu drei Kulturen auf einer Fläche im Jahr angebaut. So wuchsen sogar im Herbst und Winter auch Grünkohl, Endivie und Winterrettich auf dem Dach.

Ergebnisse: Vieles ist auf wenig (Substrat) möglich

Die Pflanzenentwicklung auf dem Dach kann bei unterschiedlicher Kulturführung auch sehr unterschiedlich erfolgen . Im Sommer 2014 wurden die Paprikapflanzen mit sehr geringen Wasser- und Düngegaben (6 g N/qm, vgl. FLL-Richtlinie für extensive Einschichtbegrünungen: 5 g N/qm) kultiviert. Die Varianten im Sommer 2015 erhielten wesentlich mehr Dünger und Wasser. Der mittlere marktfähige Ertrag erhöhte sich somit bei einer höheren Nährstoff- und Wasserversorgung. Während die extensive Paprika-Variante (2014) bei 308 l/qm rund 700 g/qm erzielte, konnte die intensiv bewirtschaftete Paprika-Variante (2015) mit 564 l/qm einen Ertrag von rund 3.800 g/qm aufweisen. Die Versorgung der intensiven Variante entsprach in etwa den Erfahrungswerten des Erwerbsanbaus im Freiland. Die Erträge bei noch höheren Wasser- und Düngegaben auf dem Dach wurden noch nicht untersucht.

Gemüseernte auf dem Dach
Gemüsemischung vom Dach

Problematisches Gefälle

Die im Frühling 2014 kultivierten Kohlrabipflanzen entwickelten sich innerhalb der Dachmodelle unterschiedlich. Bei hohen Bewässerungsgaben und dem leichten Gefälle kam es vermutlich zu leichter Staunässe. Einzelne Kohlrabis im unteren Bereich wuchsen wesentlich weniger oder fielen komplett aus. Im oberen und mittleren Bereich der Modelle entwickelten sich die Pflanzen hervorragend und wurden zu einem hohen Anteil in vermarktungsfähiger Qualität geerntet. Für möglichst gleichmäßige und sichere Pflanzenentwicklungen sollte deshalb eine gute und angepasste Bewässerung und Entwässerung auf dem Dach erfolgen. Gleichzeitig besteht der Anspruch einer möglichst hohen Regenrückhaltekapazität bei Starkniederschlägen. Unterschiedliche Kulturführungs- und Bewässerungsstrategien müssen deshalb noch in weiteren Versuchen getestet werden.

Dachsubstrat: Pflege nötig

Die Zucchinipflanzen erzielten im Sommer 2014 trotz geringer Bewässerungsgaben von etwa 300 l/qm Erträge von über 3 kg/qm. Aufgrund der teilweise guten Wasserspeicherfähigkeit des Dachsubstrats und des Schutzvlieses konnten die Pflanzen auch in den heißen Sommertagen viele Zucchini tragen. Allerdings sollten nach der Ernte der Kulturen möglichst alle Pflanzen- und Wurzelreste entfernt werden. Das Dachsubstrat könnte sich sonst nachhaltig verändern. Die vorhandenen Drainage- und Speicherfähigkeiten des Systems könnten dann nicht mehr gewährleistet werden. Deshalb erscheinen auch mehrjährige Nahrungspflanzen als interessante Alternative für die Begrünung auf dem extensiven Gründach.

Potential vorhanden

Auch Dächer mit geringen Nutzlasten können ganz leicht für die Produktion von Nahrungspflanzen umgestaltet werden. An der LWG Veitshöchheim wurde anhand eines neuen Anbausystems auf Grundlage von extensiven Dachbegrünungen durch zusätzliche Bewässerung und Düngung bereits über 2 Jahre erfolgreich Gemüse angebaut. Bei einer angepassten Kulturführung können somit nahezu alle Gemüsearten kultiviert werden. Das System wird in weiteren Untersuchungen optimiert und soll weiterhin Wasser einsparen und für eine gute Pflanzenentwicklung sorgen. Somit bieten auch in Zukunft viele Gebäudeflächen das Potenzial für eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion in der Stadt.

Autor Florian Demling
Florian Demling

Zum Autor

Florian Demling studierte Gartenbau an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in Freising. Er schloss das Studium mit Schwerpunkten im Produktionsgartenbau und Gemüsebau im Jahr 2013 erfolgreich ab. Seit 2013 betreut er als Gartenbauingenieur an der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim (LWG), Abteilung Landespflege Projekte zum „Urban Gardening“ auf Dach- und Fassadenbegrünungen. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die Planung, Durchführung, Auswertung und Präsentation von Versuchen zur Nahrungsmittelproduktion auf überbauten Flächen.