Biodiversität im Firmengelände

GAGGENAU, 05.09.2016 – Fast immer werden Freiflächen auf Firmengeländen mit einfachen aber artenarmen Pflanzungen ausgestattet. Dabei sind diese Flächen geradezu prädestiniert um Lebensräume für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen zu schaffen. Die Vorteile überzeugen, wie das folgende Beispiel zeigt.

Von Dr. Reinhard Witt, Ottenhofen

Zauneidechse auf dem gelände der Daimler AG
Zauneidechse. Noch im Anlagejahr 2012 besiedelten erste Zauneidechsen das für sie ideale Gelände. Inzwischen gibt es eine nennenswerte Population.

Massives Artensterben heimischer Wildtiere und Pflanzen und der immer deutlichere Klimawandel befördern ein Umdenken bei der Gestaltung der Außengelände von Gewerbebauten und Firmengeländen.
Das übliche Raseneinheitsgrün, verziert mit einigen Hochstämmen verschwindet und macht einer bunten Vielfalt verschiedenster heimischer Blumen, Stauden und Sträucher Platz: Wildblumenwiese statt Golfrasen, Wildsträucherhecke statt Ziergehölz und Naturnahe Rosen statt Hochzuchtsorten. Kurzum: Immer mehr Firmen machen sich auf den Weg, ihr Betriebsgelände naturnah zu gestalten. Das schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe:

Ästhetik:

Naturnahe Anlagen schauen sehr viel schöner aus das übliche Einheitsgrün. Und der Blick ins Detail offenbart uns die Wunder des Lebens.

Kostengünstiger:

Die Baukosten verringern sich. Wird Regen oder Oberflächenwasser im Gelände als bereicherndes Lebenselement genutzt, spart man Entwässerungskosten. Zur großen Freude der Laubfrösche.

Informationstafel auf dem renaturierten Gelände der Daimler AG
Auch in anderen Werksteilen und Werken wurden naturnahe Flächen wie diese angelegt. Eine große Schautafel erklärt Besuchern das Konzept.

Pflegeleichter:

Bei der Pflege punkten naturnahe Elemente erst recht. Hier werden durchschnittlich 50-90% der üblichen Aufwendungen gespart. Es muss viel weniger gemäht und geschnitten werden. Auch fallen Nachdüngung, Mulchen oder Ersatzpflanzungen wegen eingegangener Pflanzen komplett weg. Weniger Pflege fördert zudem Insekten- und Samenfresser auf dem Gelände. Grauschnäpper und Distelfink lassen grüßen.

Lebendiger:

In Nullkommanichts stellt sich unglaubliche Artenvielfalt ein. Unzählige Tierarten profitieren vom Angebot am heimischen Futterpflanzen und Rückzugsräumen. Jede naturnahe Fläche ist ein weiterer Trittstein im Mosaik eines quicklebendigen Siedlungsraumes. Wer mag keine Bläulinge im Industriegebiet?

Anpassungsfähiger gegenüber Störungen:

Lkw-Fahrspuren, Trittbelastung, Lagerschäden, das alles reparieren Wildpflanzen von alleine. Sie sind aussaatfähig und im Prinzip unsterblich. Kahlstellen werden sofort neu erobert. Besonders Pionierarten wie Natternkopf oder Königskerzen profitieren davon.

Hitzefest und Regensicher:

Unsere heimischen Biotope sind wetterfest, auch gegenüber den Extremen der vergangenen Jahre. Sie brauchen keine Bewässerungscomputer und keine Entwässerungsrigolen. Auftretende Schäden beheben sie sofort.

Beispiel Daimler

Inzwischen sind so einige Firmengelände auf diesem Weg unterwegs. So zum Beispiel das Mercedes-Benz Werk Gaggenau mit seinem Werkteil in Rastatt, das von Anfang an dabei war. Diese erste biozertifizierte Industriefläche Deutschlands ist ein Gemeinschaftsprojekt von drei Fachbetrieben für naturnahes Grün - empfohlen von Bioland. Kerstin Gruber und Reinhard Witt als Planer sowie die ausführende Firma Naturart arbeiteten hier Hand in Hand zusammen. Die Koordinierung übernahm der Umweltschutzmitarbeiter des  Mercedes-Benz Werkes Gaggenau, Ralf Gensicke. Auch der Naturschutzbund Baden-Württemberg brachte sich mit Martin Klatt aktiv ein. Die Umweltschutzauflage, die alte Kläranlage abzureißen und das Gelände zu renaturieren, war eine Riesenchance für das Mercedes-Benz Werk Gaggenau, das Leitbild Natur im Werksgelände zu implementieren.

Wildblumen auf dem neu gestalteten Gelände der Daimler AG
Die am Rand entlang gesäten Hochstauden zeigen,  welche zauberhaften Bilder mit heimischen Wildpflanzen gelingen können.

Potential vorhanden

Das 1.530 m² umfassende Areal im Getriebewerk in Rastatt bietet ein großes Potenzial für den Naturschutz. Es liegt direkt am Riedkanal, einem ehemaligen, zwischenzeitlich begradigten Altrheinarm. Durch die Nachbarschaft zu diesem Fließgewässer konnte eine gefährdete Tierart des 111-Artenkorbes der Baden-Württembergischen Landesregierung gefördert werden: Für den Eisvogel am Ufer wurde eine künstliche Brutwand eingebaut. Der zweite Schwerpunkt der Neuanlage waren die gefährdeten Insekten und Reptilien Baden-Württembergs.

Viele neue Arten

Viele Arten konnten auf den Flächen ein Zuhause finden, darunter einige Vertreter der Roten Listen. Ein Beispiel: Inzwischen flattert es nur so von Blauflügeligen Ödlandschrecken, einer stark zurückgegangenen Heuschrecke von Trockenstandorten. Damit die Pflanzung lange lückig bleibt - einer ihrer Lebensraumansprüche, wurden auf der zentralen Fläche Wildstauden nur gepflanzt und nicht gesät. Durch spezielle Futterpflanzen für Tagfalter wurden zudem viele Arten angelockt, beispielsweise verschiedene äulinge, Scheckenfalter oder Widderchen. Mit sonnigen Strukturen, Winterverstecke und sandigen Plätze zur Eiablage entstanden Lebensmöglichkeiten für die gefährdeten.

Gefährdete Holz- und Wildbienen

Etliche weitere Arten aus dem 111-Artenkorb der Landesregierung Baden-Württemberg sind ebenfalls vor Ort, z.B. die im Totholz nistende Holzbiene. Überhaupt wurden Wildbienen zur Hauptzielgruppe des Artenschutzprojektes. Allein in Baden-Württemberg kommen über 460 Arten vor, die heute zu über 60% gefährdet sind. Ihre Futterpflanzen sind auf der neu gestalteten Fläche ebenso vorhanden wie Wildbienen-Nisthilfen, die von Mercedes-Benz-Mitarbeitern gebaut werden. Durch eine Kartierung von Martin Klatt wurden auf den 1530 m² sensationelle 65 Wildbienenarten nachgewiesen, davon die Hälfte gefährdete Arten. Zu den Magerrasen, Steinriegeln, Totholzstämmen der Hauptfläche fügen sich wertvolle biologische Randstrukturen ein: Mehr oder weniger hohe Wildblumensäume aus verschiedenen Wildpflanzen. Sie bieten ganzjährig Blüten, Samen, Versteck, Winterquartier und Reproduktionsmöglichkeiten für die Fauna. Unter anderem auch für den Distelfinken - eine weitere Spezies aus dem 111-Artenkorb.

Wichtige Auszeichnungen

Noch während der Fertigstellung der Fläche im März 2012 umkurvten erste Mauerbienen die frisch aufgestellten Baumstämme, während Sandbienen sich an ihren Sandflächen zu schaffen machten. Mittlerweile haben sich sogar erste Zauneidechsenweibchen zwischen den extra dafür aufgeschütteten Grobschotterfluren angesiedelt. Insgesamt 2.700 heimische Wildstauden kamen in die mineralischen Böden aus Sand, Schotter und Kies. Große Ehre: Im Mai 2013 wurde das Projekt UN-Dekadeprojekt ausgezeichnet, im Juni 2015 ein zweites Mal!

Infostand des Naturgarten e.V. auf der GaLaBau Nürnberg: Halle 4, Stand 301