Viele Arbeitsunfälle ließen sich vermeiden

Holzminden, 28.10.2016 – Die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle ist auf ein langjähriges Minimum gesunken. Traurige Realität ist aber auch, dass sich die Zahl der tödlichen Unfälle erhöht hat. Dabei ließe sich eine große Zahl aller Arbeitsunfälle vermeiden. Doch wie sollte man dazu vorgehen?

Von Arne Neuendorff, Holzminden

Arne Neuendorff
Arne Neuendorff, Diplom Forsting (FH),
hat ein Beratungsbüro in Holzminden.

Ein führerloser Radlader überrollt einen Arbeiter, ein Raupenbagger überschlägt sich bei Arbeiten am Hang und klemmt den Fahrer ein, beim Langholzrücken wird ein Arbeiter vom zurückschnellenden Stamm erschlagen. Nur drei Beispiele von Arbeitsunfällen im Bereich der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Drei, die vermeidbar gewesen wären. Vor einigen Monaten hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ihren „Unfallverhütungsbericht Arbeit“ für das Jahr 2014 veröffentlicht. Das Vorwort zum BAuA-Bericht stimmt erst einmal optimistisch: So heißt es dort, dass sich die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle – insgesamt 955.919 – „unterhalb der Millionengrenze“ stabilisiert habe. Sie sinke damit auf ein „erneutes Minimum“. Tatsächlich ist die Anzahl der meldepflichtigen Unfälle laut Bericht in nahezu allen Bereichen gesunken. Das gilt für die SVLFG leider nur eingeschränkt: Zwar hat sich die Gesamtzahl (meldepflichtige und nicht meldepflichtige Unfälle) rückläufig entwickelt – von 167.090 auf 165.907; die meldepflichtigen und damit schwereren Unfälle belaufen sich für 2014 allerdings auf 86.102: das sind 1,7% mehr als 2013.

Gefährlicher Arbeitsplatz im Wald

Aber auch bei Betrieben, die nur im Wald arbeiten, sieht es nicht besser aus: Das KWF stellt zu seinem Thementag Arbeitssicherheit fest, dass jeder im Wald beschäftigte Mitarbeiter alle 3 Jahre einen Arbeitsunfall erleidet. Allein in Bayern gibt es im Jahr 5.000 Unfälle bei der Waldarbeit. Was die tödlichen Arbeitsunfälle angeht, muss in der Gesamtbetrachtung aller Branchen ein Plus von 5,4% verzeichnet werden; die Zahlen der SVLFG allein ergeben sogar ein Plus von 6,6 Prozent. Mit einer Quote von 70,2 meldepflichtigen Arbeitsunfällen je 1.000 Vollarbeiter ist die SVLFG trauriger Spitzenreiter, den „zweiten Platz“ belegt die BG Bauwirtschaft mit 55,9; die Durchschnittsquote aller erfassten Branchen liegt indes bei gerade einmal 23,7 und ist im Vergleich zu 2013 rückläufig. Was die Fälle der anerkannten Berufskrankheiten betrifft, hat die SVLFG mit einer Zunahme um 13,8% den höchsten Anstieg zu verzeichnen und auch bei der Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage - je Diagnose liegt sie mit 15,8 Tagen deutlich über dem Durchschnitt von 12,8 Tagen.

Tödliche und meldepflichtige Unfälle

Zu denken gibt die absolute Gesamtzahl der tödlichen Unfälle und meldepflichtigen Unfälle: Von den tödlichen Unfällen ereigneten sich absolut 22,8% in der Landwirtschaft und bei den meldepflichtigen Arbeitsunfällen liegt der absolute Anteil bei 9%. Das bei einem Erwerbstätigenanteil in der Landwirtschaft von ca. 1,5% aller Erwerbstätigen!
Bei der SVLFG ist man sich dieser Umstände schmerzlich bewusst: „Trotz erheblicher Anstrengungen aller Beteiligten, insbesondere der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, ist die Zahl der Arbeitsunfälle und Fälle von Berufskrankheiten nach wie vor erschreckend hoch“, konstatiert Dr. Erich Koch, Leiter der Stabsstelle Selbstverwaltung und Öffentlichkeitsarbeit bei der SVLFG. Arbeiten in der Landwirtschaft, im Forst und im Gartenbau würden „naturgemäß und seit jeher zu den gefährlichsten“ gehören. Mehr als ein Viertel aller bei der SVLFG erfassten Unfälle geschahen im Zusammenhang mit Tierhaltung, 18,4% bei Grün- und Landschaftspflegearbeiten und 6,4% bei Forst- und Waldarbeiten.

Prävention möglich

„Oftmals ist harter körperlicher Einsatz unter komplexen Rahmenbedingungen zu leisten“, sagt Erich Koch. Was also ist zu tun?
Neben der klassischen Präventionsarbeit verfolge die ehemalige LBG neue Ansätze, wie „innovative fachliche Schulungen“, erklärt Erich Koch. So bemüht man sich also, viele Felder gleichzeitig zu beackern, wie aus dem Präventionsbericht 2014 hervorgeht: Im Forstbereich soll über aktuelle Arbeitsverfahren und die Zulässigkeit von unterstützendem Technikeinsatz informiert werden, mit der Industrie berät man über mögliche Nachrüstungen älterer und damit potenziell gefährlicher Bestandsmaschinen, und arbeitet in Normungsgremien mit, um die Sicherheitsstandards von Maschinen weiter zu verbessern. Seminare vermitteln den sicheren Umgang mit Rindern, bei Betriebsbegehungen berät man zur rückengerechten Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitsweise.

Weiterhin viel zu tun

Fest steht: Es gibt nach wie vor viel zu tun. Aber was? Leider ist es so, dass die meisten der Unfälle durch einfachste Mittel hätten vermieden werden können. Eine der häufigsten Unfallursachen ist mangelnde Qualifizierung des verunglückten Mitarbeiters. Die BAuA hat festgestellt: mit Zunahme der Qualifikation der Mitarbeiter sinkt die Zahl der Unfälle. Deswegen sollte jeder Arbeitgeber sich im Interesse seiner Mitarbeiter bemühen, die Qualifikation durch Ausbildung, Weiterbildung und regelmäßige Unterweisungen zu erhöhen.
Aber auch durch einfache organisatorische Maßnahmen lassen sich Unfälle verhindern. Auch hier ist die Fachkunde des Unternehmers entscheidend. Wenn schon keine externe Fachkraft für Arbeitssicherheit eingesetzt werden soll (warum eigentlich nicht?), sollte jeder Unternehmer zumindest an den Schulungen nach dem LUV-Modell der SVLFG teilnehmen und sich hier regelmäßig, aber mindestens alle 5 Jahre, weiterbilden. Das sollte jedem verantwortlichen Unternehmer die Sicherheit seiner Mitarbeiter wert sein.

Was machen andere Wirtschaftszweige anders?

In der Industrie gibt es für viele Bereiche eine hohe Anzahl an Lehrberufen mit unterschiedlichen Fachrichtungen. Im grünen Bereich gibt es für ein so umfangreiches Spektrum wie Arbeiten mit Bäumen nur den Lehrberuf Forstwirt. Für den anspruchsvollen und sehr gefährlichen Arbeitsbereich der Baumpflege gibt es keinen Lehrberuf, nur Weiterbildungen. Für die Arbeiten im Wald gibt es aber auch keine einheitliche Regelung, denn auch innerhalb der zuständigen Berufsgenossenschaft ist man sich nicht einig, welche Mindestqualifikation bei Arbeiten mit der Motorsäge benötigt wird. In dem ehemaligen Gartenbau Bereich wird ausdrücklich der AS Baum 1 als Qualifikation genannt (VSG 4.2§ 2).

Zuverlässig und fachkundig

In dem Bereich Forst und Landwirtschaft reicht es hingegen aus, wenn der Mitarbeiter zuverlässig und fachkundig ist. In dem im Mai dieses Jahres erschienenen Heft B 10 (Aktuelles zu Sicherheit und Gesundheitsschutz Waldarbeit) steht: Fachgerechtes Arbeiten mit der Motorsäge erfordert in der Regel eine erfolgreiche Teilnahme an einem anerkannten Motorsägenlehrgang. Eine Anpassung innerhalb der SVLFG wäre im Interesse der Mitarbeiter längst überfällig.
Die geplante Ausbildung zum Forstmaschinentechniker und die Einführung des Europäischen Motorsägenführerscheins kann ein Schritt zur Reduzierung der tödlichen Unfälle sein, wenn es denn Arbeitgeber gibt, die ihre Mitarbeiter ausbilden lassen. Aber auch ohne großen Aufwand kann mit einfachen Mitteln der Arbeitsschutz erhöht werden. Verbesserungsmöglichkeiten bzw. noch lange nicht ausgeschöpftes Potenzial in Bezug auf eine Verbesserung des Arbeitsschutzes sind hier vor allem die Erhöhung der Qualifizierung der Mitarbeiter, eine regelmäßige Auffrischung der Erste Hilfe Ausbildung und Rettungsübungen, keine Alleinarbeit im Wald, regelmäßige (mindestens einmal im Jahr) und ausführliche und praxisnahe Unterweisung der Mitarbeiter, das Erstellen einer situationsabhängigen Gefährdungsbeurteilung und entsprechende örtliche Einweisung der Mitarbeiter durch den Unternehmer, die konsequente Auswertung von Unfällen und Beinahe- Unfällen und ein regelmäßiges Überprüfen der eingesetzten Werkzeuge und Maschinen.

Rettungskette umsetzen

Des Weiteren geht es darum die Rettungskette Forst im Betrieb umzusetzen, bei der örtlichen Einweisung auf die Rettungspunkte hinzuweisen und eine regelmäßige Schulung des
Unternehmers zu gewährleisten.
Bitte bedenken Sie immer: „Unfälle passieren nicht, sondern werden verursacht. Durch Fachkompetenz und permanente Aus- und Weiterbildung wird Sicherheitsbewusstsein gefördert und die methodisch richtige Vorgehensweise bei der Bewältigung von Gefahrensituationen garantiert – und genau darauf kommt es an“.