Wie viel Sparpolitik verträgt unser Grün?

NÜRNBERG, 01.03.2017 – Der Wert von öffentlichem Grün ist unbestritten. Grünanlagen wirken sich positiv auf Wohn- und Gewerbestandorte sowie die Wertentwicklung von Immobilien aus. Allerdings werden die Folgekosten bei Neuanlagen in dem öffentlichen Haushalt häufig zu wenig berücksichtigt.

von Walter Brisken, Nürnberg

Baumpflanzungen sind ein positiver Faktor in der Stadt
Attraktive Baumpflanzungen sorgen für ein positives soziales Umfeld.  | Alle Fotos: Walter Brisken

Grün- und Freiflächen sind jedoch nur wertig, wenn sie entsprechend angelegt, gepflegt und unterhalten werden. Das sollte Ziel kommunalen Frei- und Grünflächenmanagements sein. Die öffentlichen Haushalte haben aber die Grünbudgets stark eingeschränkt und daher scheint der Umgang mit dieser Wertigkeit in den letzten Jahren qualitativ zu schrumpfen. Einsparungen sind offensichtlich in den öffentlichen Haushalten im Bereich Grün, und hier insbesondere im Unterhalt, am leichtesten durchzuführen. Dem dennoch steigenden Ausbau von Grünflächen, die in der Regel durch Bauprogramme finanziert werden, stehen jedoch auch erhöhte Unterhaltskosten gegenüber, die aber nicht als Folgekosten im Haushaltsplan berücksichtigt werden.

Folgekosten niedrig halten

Und hier liegt das eigentliche Problem, denn diese Kosten möchte bzw. muss jeder Kämmerer dauerhaft auf niedrigen Niveau halten können. Diese Scherenentwicklung geht leider unaufhaltsam weiter. Durch das damit verbundene Absinken des Pflegestandards sinkt aber auch unzweifelhaft die Hemmschwelle derjenigen, die für den wachsenden Vandalismus im urbanen Bereich sorgen. Vielleicht könnte eine für den Bürger sichtbar bessere Pflege, die ja auch eine Qualitätsverbesserung darstellt, kostengünstiger und nachhaltiger sein als die ständige kostenintensive Schadensbeseitigung.

Schlecht gepflegtes Staudenbeet
Reste einer attraktiven Staudenpflanzung mangels Pflege von Unkraut durchsetzt.

Kostenfaktor "Grün"

In den 80er Jahren wurden von den Stadträten unter dem Vorwand extensive Pflege sei ökologisch sinnvoller und vor allem kostengünstiger, massive Kürzungen in den kommunalen Haushalten durchgeführt. Aber auch die Extensivpflege hat ihren Preis und ist doch nicht so kostengünstig wie damals gehofft. Die Hoffnung, weniger Pflegegänge sollten auch weniger Ausgaben bedeuten, entwickelte sich als Trugschluss. Die Hemmschwelle zur Verunreinigung der Anlagen sank erheblich und zog somit höhere Reinigungskosten nach sich. Die vermeintlichen Einsparungen wurden auf diese Weise wieder neutralisiert. Durch mangelnde Pflege verschieben sich die Pflegekosten immer weiter in Richtung Reinigungskosten. Dieses Geld fehlt eigentlich in der gärtnerischen Pflege.

Gestalterische Veränderungen nötig

Die Fachwelt macht sich zu Recht Gedanken, wie mit gestalterischen Veränderungen Folgekosten gesenkt werden können. Man sieht es allerorten, dass dies gar nicht so einfach ist. Staudenpflanzungen sind zwar in der Blütezeit attraktiv, stellen aber in der Welkezeit den Eindruck der Ungepflegtheit dar. Hier wird auf den nächsten Maschineneinsatz gewartet, denn dies ist kostengünstig. Bäume und Sträucher werden derart zugeschnitten, dass Pflegefahrzeuge ungehindert ihre Runden fahren können. Ausstattung und Pflegeaufwand werden immer einfacher und sind maschinenbetont. Leider werden zudem auch vielfach ungelernte Arbeitskräfte mit Pflegemaßnahmen betraut, die eigentlich Fachkräften vorbehalten sind. Mangelhafte Pflege wird vom Bürger sehr schnell wahrgenommen und trägt zur Verringerung der sozialen Funktionen einer Grünanlage massiv bei.

Durch Nutzungsveränderung entstand diese Freifläche
Durch Nutzungsveränderungen finden in dieser Anlage, wo es ehemals Stauden- und Wechselflorpflanzungen gab, heute z.B. große Open-Air-Konzerte statt.

Nachhaltiges "Grün"

Mit der Pflanzung von Bäumen sollen keine kurzlebigen Statistiken geschaffen werden, um die Volksseele zu beruhigen, sondern langfristig ökologische und gestalterische Akzente gesetzt werden. Die Grundlagen hierfür dürfen weder durch monetären noch durch flächenmäßigen Sparzwang eingeschränkt werden. Wer aus Kostengründen kleinere Baumgruben fordert, verkürzt die Lebenserwartung eines Baumes drastisch und erhöht somit den laufenden Kostenfaktor durch frühzeitig erforderliche Neupflanzung. Die ökologische Wirkung bleibt dahingestellt, denn sie ist nur von gut eingewachsenen Bäumen zu erwarten.

Monetäre und flächenmäßige Sparzwänge

Neben den monetären Sparzwängen kommen aber noch die flächenmäßigen Sparzwänge hinzu. Zugegeben, Grund und Boden ist vor allem in Ballungsgebieten sündhaft teuer und deshalb werden neue Grünanlagen immer kleiner und entwickeln sich so zu Planungsalibi-Elementen. Nachdem wir aber alle vom Klimawandel reden und wissen, welchen Stellenwert die Grünstruktur in unseren Städten eigentlich haben sollte, darf es kein Luxus sein, großzügigeres Grün zu etablieren. Grün ist nach wie vor noch immer die preiswerteste und ökologisch sinnvollste Art, dem Klimawandel zu begegnen, vorausgesetzt dass es auf Nachhaltigkeit angelegt ist. Vielerorts gibt es großzügige Grünanlagen bzw. Grüngürtel aus "Alten Zeiten", deren Wertschätzung sich in der Nutzerfrequenz ableiten lässt. Der Pflege solcher Anlagen darf man keineswegs mit Sparzwängen begegnen, sonst entwickelt sich hier verstärkt die Begierde nach "Wohnen im Grünen" und schon bald wird aus altehrwürdigem Grün für Investoren attraktives Bauland.

Baumpflanzung im Innenstadtbereich
Baumpflanzung im Innenstadtbereich mit
ausreichend großem Wurzelraum als
Beispiel für Nachhaltigkeit.

Öffentliches Grün findet zu wenig beachtung

Leider hat Grün nicht die ihm eigentlich zustehende Lobby und wird in der Öffentlichkeit wie der Straßen- oder Wohnungsbau lediglich als ein monetärer Gegenstand betrachtet, den man sich entweder leisten kann oder nicht. Grün ist ein lebendiger Gegenstand mit den bekannten Wohlfahrtswirkungen, dessen Wertschätzung wir uns nicht immer bewusst sind. Betrachten wir nur einmal große Bäume und schätzen ihr Alter ein, kommt schon eine gewisse Ehrfurcht auf. Unsere Vorfahren haben ihnen Platz zum Wachsen gegeben, was wir heute nicht mehr können sollen oder wollen? Es gibt natürlich im urbanen Bereich die Platzzwänge durch Versorgungsleitungen, Verkehr und Bebauung. Um hier Grün nachhaltig zu etablieren, bedarf es insbesondere bei Neuanlagen einer Rücksichtnahme der am Bau Beteiligten auf die zukünftige Grünsituation.

Raum für Grünflächen schaffen

Jeder reduzierte Kubikmeter Wurzelraum stellt die Entwicklungsfähigkeit nebst ökologischer Wirkung eines Baumes in der Stadt in Frage und ist auch nicht durch spezielle Substrate zu kompensieren. Wenn also eine Kommune schon den Sparzwang nach außen praktiziert, sollte sie konsequenterweise nicht jedem Wunsch nach einer Baumpflanzung nachkommen. Patenschaftsmodelle sind sicher ein Anreiz, mehr Grün in die Städte zu bringen, sie nutzen aber nur, wenn die pflegeerforderlichen Folgekosten für einen Baum oder eine Grünfläche langfristig durch die Paten gewährt werden und somit eine echte finanzielle Entlastung für die Kommune erfolgt. Ein gesundes Mischverhältnis von Eigenpflege und Fremdvergabe kann Kosten erheblich senken und einen fachgerechten Qualitätsstandard bieten.

Beispiel für fachgerechte Grünflächenpflege
Dank einer engagierten Anliegerinitiative kann hier fachgerecht qualitative Pflege erfolgen.

Grenzen der Sparmaßnahmen

Alle Sparmaßnahmen haben letztendlich auch schmerzliche Grenzen, bei denen es danach nur noch Substanzverlust gibt. Wie gesagt mindert mangelnde Pflege die Qualität des Grüns und führt somit u.a. zum vorzeitigen Absterben der Grünsubstanz. Wenn wir in 50 Jahren und später noch umgeben sein wollen von altem Baumbestand und großzügigen Grünanlagen dann haben wir heute die Verpflichtung, mit diesem Wertgegenstand höchst prioritär und sensibel umzugehen. Es ist bedrückend, dass in vielen kommunalen Haushaltsplänen der Finanzanteil Grün bei mittlerweile unter 2% liegt. Bleibt zu hoffen, dass das neue, schon längst überfällige Förderprogramm des Bundes "Zukunft Stadtgrün" von den Kommunen so gezielt eingesetzt wird, dass auch der Unterhalt dieser Maßnahmen entsprechend qualitativ und nachhaltig gewährleistet wird. bi

Zum Autor

Dipl.-Ing. Walter Brisken war 28 Jahre bei der Stadt Nürnberg in verschiedenen Bereichen von Neubau und Unterhalt im damaligen Gartenbauamt und heutigen Eigenbetrieb tätig.