Merceds-Benz Sprinter Doka: Platzhirsch geht in die letzte Runde

KIEL, 22.03.2017 – Viele Jahre lang war der Mercedes-Benz Sprinter Doka der Bestseller im Leichtlastwagen-Segment. Für das kommende Jahr ist ein Nachfolger angekündigt und der Konkurrenzdruck ist stark gestiegen. Der große Praxistest aber hat gezeigt: Der Sprinter weiß bis heute mit seinen Qualitäten zu überzeugen.

Von Wolfgang Tschakert

Der Mercedes Sprinter Doka überzeugt mit seinen Qualitäten
Multitalent für Bauhandwerker: Der Sprinter macht als Doppelkabiner eine gute Figur. | Fotos: Tschakert

Langsam gerät auch der lange Zeit herrschende Souverän unter Druck. Noch vor wenigen Monaten galt: Wer einen geräumigen und belastbaren Transporter sucht, landet früher oder später beim Sprinter. Heute werden die Karten neu gemischt, spätestens jetzt mit der Vorstellung des neuen VW Crafter. Der soll alles besser können, was noch zu beweisen wäre – einen Fahrzeugtest haben wir bereits verabredet. Aber hier soll es um das Brot-und-Butter-Fahrzeug für GaLaBau-Betriebe gehen, Mercedes schickt dafür den Sprinter-Doka ins Rennen. Gut ein Jahr noch muss er die Stellung halten, für 2018 ist ein Nachfolgemodell angekündigt.

Praktischer Doppelkabiner

Doppelkabiner oder Dokas, wie sie im Fachjargon heißen, machen wenig Aufheben um sich, ganz im Gegensatz zu den Pickups, die gern mit Chromschmuck und verwegenen Outfits prahlen. Der Sprinter macht hier keine Ausnahme, er gibt kompromisslos den Nützling und steckt auch gröbere Behandlung klaglos weg. Er ersetzt den Kleinbus und dient als kleiner Lkw. Die Mannschaft fährt mit, das macht Dokas so wertvoll. Vor Ort dient die geräumige Kabine auch gerne als Pausenhütte, dann gehört eine Standheizung für kältere Tage unbedingt zum Ausstattungsumfang.

Jetzt mit Adblue

Der Sprinter bietet auf beiden Sitzreihen bis zu sieben Mitfahrgelegenheiten. Allerdings sollten die Kollegen keine Berührungsängste kennen. Die etwas steile Rücksitzlehne lässt sie mit geradem Rücken sitzen, an Beinraum mangelt es sicher nicht. Sonst fehlt nichts – weder eine leistungsfähige Klimaanlage noch die angenehm dezente Geräuschkulisse. Soweit bleibt alles wie gehabt. Erkenntlich zeigt sich die neueste Ausgabe nur unter der Motorhaube, wo ein blauer Schraubdeckel auf das Additiv Adblue hinweist – damit sollen die giftigen Stickoxide in den Abgasen unschädlich gemacht werden.

Das Kockpit des Sprinters überzeugt durch Ergonomie und intuitive Bedienung
Einfache intuitive Bedienung: Ergonomisch geht der Sprinter perfekt zu Hand und Fuß.

Neue Sicherheitsassistenten

Und im Innenraum thront neuerdings ein Funktionslenkrad in Chromspeichen-Optik vor dem Fahrer, auch die Elektronikarchitektur wurde erneuert. Ist ja auch logisch, schließlich überwachen neue Sicherheitsassistenten den Fahrbetrieb. Bei stürmischem Wind hilft der Seitenwind-Assistent, ein optionaler Abstandswarner überwacht die Distanz zu vorausfahrenden Verkehrsteilnehmern. Der Brake Assist pro – so heißt das System – schärft die Bremsanlage für den Notfall, es gibt den Totwinkelassistent, den Spurhalte- und den Fernlichtassistenten, die man extra bezahlt.

Knappheitsfaktor Nutzlast

Aufs Laden versteht sich der Sprinter, besonders der Doka mit langem Radstand. Schnell sind die Alubordwände der Scattolini-Pritsche geklappt, dann darf der Stapler oder der Radlader walten. Die Ladefläche mit robustem Siebdruckboden ist 3,40 m lang und gut 2 m breit, macht knapp 7 m² Ladefläche. Die Bordwände ragen rundum 400 mm auf, nur eine robuste Stirnwand, die das Fahrerhaus schützt, hat unser Mercedes nicht. Vier Paar Zurrringe sitzen im Außenrahmen, damit sollten sich die meisten Ladungen ordentlich sichern lassen. Der 3,5-Tonner stemmt legal 1.100 kg Nutzlast - aber wer zu siebt unterwegs ist, darf nur noch eine halbe Tonne auf die Pritsche schultern. An den Überlastreserven des Fahrzeugs liegt es nicht, technisch reichen die Achslasten für gut 4 t. Deshalb brauchen Doka-Fahrer im Alltag oft ihre Anhängerkupplung, der Sprinter darf mit verstärkter Ausstattung bis zu 3 t Anhängelast ziehen.

Unser Tipp: Der stärkste Vierzylinder im Programm

Für dann mehr als 6 t ist unser Sprinter gut gerüstet. Und sonst zählt der 163 PS starke Sprinter zur schnellen Truppe. Man bekommt ihn auch mit weniger Leistung, aber das wirtschaftlichste Triebwerk, das sagt auch der Hersteller, ist der stärkste Diesel-Vierzylinder. Der OM 651, so heißt das 2,1 l große Aggregat, legt aus dem Leerlauf kräftig los – schon bei tausend Touren liefert es verwertbare Kräfte. Ausgesprochen stämmige Durchzugskraft gibt es von 1.200 bis 2.500 Umdrehungen, hier wuchtet der Transporter-Motor 360 Nm auf die Kurbelwelle.

Komfortabel auf der Autobahn

Hohe Drehzahlen werden nur auf der Autobahn gebraucht, wo der Sprinter Doka knapp 160 km/h schafft. Dabei nervt der Mercedes weder mit vorlauten Tönen noch mit Vibrationen, nur die anschwellenden Windgeräusche lassen nicht verkennen, dass hier ein Klein-Lkw über die Autobahn eilt. Wer maßvoll fährt und die Leistungsreserven nicht ausreizt, schafft 100 km mit genügsamen 9,2 l Dieselkraftstoff. Auf schnellen Autobahnritten werden schon mal 13 l/100 km und mehr verbrannt, hier schlägt das aerodynamische Manko des Doka-Konzepts gnadenlos zu. Ein Tipp: Wer schnell fahren möchte, sollte die Pritsche mit einer Persenning abdecken.

Nützliche Assistenten

Das Fahrwerk des heckgetriebenen Sprinters, einfach gehalten mit Querblattfeder an der Vorderachse und einer parabelgefederten Starrachse hinten, bietet Kritikern keine offene Flanke. Der lange Sprinter rollt sauber geradeaus, lenkt exakt ein und bleibt leer wie beladen auf der sicheren Seite. Das für einen Pritschenwagen wohlkomponierte Fahrverhalten wird nicht durch Härte erkauft. Auf nasser und glatter Straße hat der starke Sprinter allerdings Mühe, die volle Leistung auf die Straße zu bringen. Vollgas in Kurven führen zu einem Zucken im Heck, worauf das ESP-System den Sprinter schnell wieder auf Kurs bringt. Das elektronische Stabilitätsprogramm regelt auch die Laufeigenschaften des Anhängers. Wenn der ins Schlingern kommt, wird das Gespann gezielt mit Einzelradbremsungen stabilisiert. Generell vermittelt die moderne Bremsanlage das gute Gefühl, jederzeit Herr der Lage zu sein.

Am Ende der Testfahrt

Wie gut der Sprinter auf den harten Verkehrsalltag vorbereitet ist, zeigt er mit vielen Details: Die großen Scheibenwischer tragen Waschdüsen an den Blättern, die Endlagen der Wischer werden beheizt. Das optionale Kurven- und Abbiegelicht leuchtet nachts die Kurven aus, Regen- und Lichtsensoren erleichtern die Arbeit. Gute Noten verdienen auch die großen Außenspiegel, die beim Reversieren mit integrierten Leuchtpunkten den rückwärtigen Abstand signalisieren. Allerdings ist der fein gegen Korrosion verzinkte Sprinter auch nicht für Kleingeld zu haben. Rund 38.000 Euro kostet das nackte Fahrgestell, für weitere 2200 Euro wird die lange Pritsche montiert. Und dann beginnt erst der Auswahlprozess in der Optionsliste: Klimaanlage und Standheizung kosten im Paket 3.666 Euro, für die stabile Anhängerkupplung  (zulässig für 3 t) ruft Mercedes 1200 Euro auf, die praktischen Leiterträger an Stirnwand und Pritschenheck kosten nochmal einen Tausender – und damit ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. bi