Wirtgen Group: "Unsere Kinder sind einfach noch zu jung"

KIEL, 02.06.17 – Die Meldung machte am 1. Juni sofort die Runde: Die Wirtgen Group wird für rund 4,5 Milliarden Euro an den US-Konzern Deere & Company verkauft. Im Gespräch erläutern Stefan und Jürgen Wirtgen die Gründe für den überraschenden Schritt.

von Hendrik Stellmach

Die Baumaschinenindustrie ist weltweit im Umbruch, gut. Aber dieser Deal übertrifft alles, woran wir uns in jüngerer Zeit erinnern. Die Meldung über den Verkauf der Wirtgen Group an Deere & Company trifft die meisten in der Branche vollkommen unvorbereitet. Stefan und Jürgen Wirtgen, die geschäftsführenden Gesellschafter der Wirtgen Group, wollen sich bis Jahresende vollständig aus dem Unternehmen zurückziehen, behalten auch keine Anteile daran. Sie geben damit nach 20 Jahren vollständig aus der Hand, was ihr Vater Reinhard Wirtgen seit 1961 aufgebaut hatte – „nicht leichtfertig“, wie sie sagen.

Stefan (links) und Jürgen Wirtgen auf der bauma 2016

Die letzte bauma als Gesellschafter: Stefan (links) und Jürgen Wirtgen auf der bauma 2016 in München. | Foto: bi

"Bis einer der beiden alt genug ist, um verantwortungsvoll die Geschäftsführung zu übernehmen, sind wir beide mindestens 75." Wirtgen Brüder

„Letztendlich sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass es für die Wirtgen Group am besten ist, wenn es einen stabilen Gesellschafter gibt, der aus dem Geschäft kommt, die Mitarbeiter- und Kundenbedürfnisse versteht und zu 100 Prozent am langfristigen Erfolg des Unternehmens interessiert ist.“

Doch warum gerade jetzt? Es habe schon in der Vergangenheit Angebote gegeben, sagen die Brüder, auch vom Wettbewerb. Sie hatten aber genaue Vorstellungen über den geeigneten Kandidaten. Hedge Fonds oder Private-Equity-Firmen etwa wären kein Garant für eine sichere Zukunft des Unternehmens gewesen. „Bei den Anforderungen kann man sich den Zeitpunkt nicht aussuchen“, so die Brüder. Auch ein Verbleib des Unternehmens in Familienhand sei keine realistische Option gewesen: „Unsere Kinder sind einfach noch zu jung. Bis einer der beiden alt genug ist, um verantwortungsvoll die Geschäftsführung zu übernehmen, sind wir beide mindestens 75.“

Beide wollen die Geschäfte bis Jahresende an das bewährte Management-Team bestehend aus Rainer Otto, Dr. Günter Hähn und Frank Betzelt übergeben. Den Vorsitz der Geschäftsführung wird ab Januar 2018 Domenic Ruccolo von John Deere übernehmen. Danach wollen die Brüder nach eigenen Angaben „Abstand gewinnen“ und Zeit mit ihren Familien verbringen – also Dinge nachholen, für die sie bisher keine Gelegenheit oder schlicht keine Zeit gehabt hätten.

Für die Belegschaft des Familienunternehmens ist die Situation nicht einfach oder besser gesagt: ein Schlag ins Kontor. Die Wirtgens sprechen von „Betroffenheit“ und „starken Emotionen“, zählen aber auf den Mut und die Zukunftsorientierung ihrer Leute. Das Unternehmen habe sich in seiner langen Geschichte schon oft gewandelt, weil man immer offen für Neues gewesen sei. Immerhin habe John Deere eine mehrjährige Arbeitsplatzgarantie fest zugesichert. Die Brüder betonen ihre Dankbarkeit gegenüber ihren Mitarbeitern. Damit das kein bloßes Lippenbekenntnis bleibt, wollen sie ihnen einen dreistelligen Millionenbetrag als Bonus zukommen lassen – rein rechnerisch kann also jeder der rund 8.000 Mitarbeiter weltweit demnächst mit einer Sonderzahlung von mindestens (brutto) 12.500 Euro rechnen. Eine schöne Summe, aber sicher nicht ansatzweise genug, um die Wehmut der Mitarbeiter des Windhagener Familienunternehmens zu lindern.