Mikroplastik auf der Spur: Forscher untersuchen auch Geotextilien

CHEMNITZ, 31.07.2017 – Können technische Textilien, wie sie in Bahndämmen, im Straßen- und Landschaftsbau oder in Stadien-Abdeckungen verwendet werden, eine Quelle für Mikroplastik in den Meeren sein? Forscher aus Chemnitz untersuchen jetzt erstmals, welche Wege textiles Mikroplastik tatsächlich zurücklegt.

Geotextilien im Straßenbau
Potentielle Quelle für Mikroplastik: Geotextilien im Straßenbau | Foto: STFI/J. Mählmann

Laut einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes werden jährlich weltweit 30 Millionen Tonnen Kunststoffe direkt und indirekt ins Meer gespült, in Europa sind es allein 3,4 bis 5,7 Millionen Tonnen. Sie zerfallen zu unverrottbaren Teilchen, landen in den Mägen von Fischen – und damit auch auf unserem Speiseteller. Gesundheitsbedenkliches Mikroplastik wurde inzwischen überall nachgewiesen, selbst in den entlegenen Gewässern der Arktis und Antarktis. Das Sächsische Textilforschungsinstitut Chemnitz (STFI) will nun in einem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt den textilen Ursachen zunehmender Mikroplastikverschmutzung nachgehen. Sie beginnen mit einer möglichen Quelle – den technischen Textilien.

Technische Textilien im Fokus

„Der Fingerzeig auf die Textilindustrie entstand aus Analysen von Wasserkundlern“, erklärt STFI-Forschungsleiterin Dr. Heike Illing-Günther. Dass aus Fleece-Pullovern Mikrofasern ausgeschwemmt werden, sei inzwischen bekannt; jedoch könnten auch aus Geo- und Industrietextilien sekundäre Mikropartikel aus Kunststoff freigesetzt werden. Folglich untersucht das zu Jahresbeginn gestartete Projekt der InnoKom-Vorlaufforschung zunächst, welche Wege die Partikel auf dem Weg ins Meer nehmen könnten. „Die Eintragspfade und Mengen sind bislang weitgehend unbekannt“, sagt Illing-Günther. Im Projekt sollen zunächst technische Textilien, wie sie in Bahndämmen, im Straßen- und Landschaftsbau, in Stadien-Abdeckungen und Gebäuden eingesetzt werden, auf solche Emissionen getestet werden. Auch dem Abrieb von Tauen, Trossen und Netzen aus Fischerei, Schifffahrt und maritimer Energie- und Rohstoffgewinnung wollen die Wissenschaftler auf den Grund gehen.

Baukasten für Mikroplastik-Prüfungen

Für eine stichfeste Datenlage müssen Materialproben direkt nach ihrer Herstellung und im Gebrauch gleichermaßen analysiert und standardisierte Test- und Prüfverfahren ausgeweitet werden. „Wir wollen ein Baukastensystem für die zusätzliche Prüfung auf textiles Mikroplastik entwickeln“, erläutert STFI- Projektleiter Jens Mählmann. „Bisher entzieht sich dieses spezifischer Analysetechnik. Auch die ökotoxikologische Bewertung ist schwierig.“ Um Geotextilien auf Freisetzung von Mikroplastik-Partikeln zu untersuchen und diese zu identifizieren, sollen spektroskopische und mikroskopische Methoden kombiniert und ausgebaut werden. Längerfristige wissenschaftliche Beobachtung unter Praxisbedingungen sei zudem nötig.
Es gelte in den nächsten Jahren herauszufinden, welche Technologievarianten unter minimierter Freisetzung von Mikroplastik letztlich für die Industrie geeignet sind, so der Projektleiter. Textilveredelung und mögliche industrielle Reinigung gelten dabei als Kernprozesse. So könnten spezielle Beschichtungen Textilien vor Faserverlust bei Erosion schützen oder weiterentwickelte Verfahren bei der Garn- und Flächenherstellung die Partikelemission minimieren.

Konkrete Anfragen erwünscht

Gegenüber Mikroplastik-Emissionen sei die Industrie wachsamer geworden; Textilhersteller und Chemiefaserverbände seien sensibilisiert, so die Chemnitzer Wissenschaftler. Politik und Wirtschaft erwarten wissenschaftlich fundierte Lösungen für Verfahren, die Emissionen von Mikroplastik aus Textilien verringern. In diesem Zusammenhang bittet das STFI u.a. Netz- und Segeltuchproduzenten, Hersteller von Spannleinen für Offshore-Windkraftanlagen und andere interessierte Unternehmen, entsprechende Untersuchungsobjekte zur Verfügung zu stellen. „Die Fertigung von Produkten soll so beeinflusst werden, dass bei bestimmungsgemäßem Gebrauch wenig oder keine Mikroplastik freigesetzt wird“, fasst Illing-Günther das Forschungsziel zusammen. Erste gesicherte Untersuchungsergebnisse sollen in zwei Jahren vorliegen.