Aerogel inside:

Neuer Wunder-Dämmputz mit Weltraumtechnik

DÜBENDORF/CH, 19.12.12 - Die Schweizer nutzen demnächst Weltraumtechnik für Altbauwände: Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa und der Schweizer Putzhersteller Fixit AG haben einen neuartigen Putz auf Basis von Aerogel entwickelt, der doppelt so gut isoliert wie übliche Dämmputzsorten - ähnlich wie Polystyrolplatten.

Vergleich von aktuellen Dämmputzen mit dem neu entwickelten Aerogel-Putz: Das Material isoliert vergleichbar gut wie eine EPS-Platte (EPS = Extrudiertes Polystyrol). | Grafik: Empa
Der Aerogel-Dämmputz wird mit
der Verputzmaschine aufgespritzt
und glatt gezogen. Anschließend
wird der weiche Dämmputz mit
einem gewebearmierten Einbett-
mörtel versehen. | Foto: Fixit AG
Um die Optik einer alten Hauswand zu erhalten, eignet sich ein Verputz am besten. Und auch beim Auskleiden von verwinkelten Treppenhäusern, Rundbögen und Stützmauern ist das Zuschneiden von Dämmplatten ein mühseliges Geschäft. „Eine Innenverkleidung aus Dämmputz lässt sich wesentlich schneller aufbringen“, sagt Empa-Bauphysiker Thomas Stahl. „Außerdem liegt der Putz direkt auf dem Mauerwerk auf und lässt keine Lücken, in denen Feuchtigkeit kondensieren kann.“ Stahl und sein Kollege Severin Hartmeier vom Fixit-Zentrallabor haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Dämmeigenschaften von Putz auf eine neue Ebene zu heben und einen Putz zu entwickeln, der ebenso gut dämmt wie eine Polystyrolplatte. Nach jahrelanger Forschungsarbeit hat das Produkt die Laborversuche mittlerweile überstanden und wird seit Juli 2012 an ersten Gebäuden, u.a. in Winterthur, getestet. Am 4. Dezember fiel der Startschuss für den neuen Dämmputz - sein Name ist Fixit 222 Aerogel Hochleistungsdämmputz - für den Verkauf in der Schweiz. In den nächsten Jahren soll er auch in anderen europäischen Ländern auf den Markt kommen.

Aerogel: der beste Dämmstoff der Welt

Was aber steckt drin im neuen „Wunderputz“? Stahl und seine Kollegen entschieden sich für den wohl besten Dämmstoff, der industriell hergestellt werden kann: Aerogel. Das Material, wegen seiner Optik auch als „gefrorener Rauch“ bekannt, besteht zu rund 5 Prozent aus Silikat – der Rest ist Luft. Aerogel wurde bereits in den Sechzigerjahren zur Isolation von Raumanzügen eingesetzt und hält 15 Einträge im Guinness-Buch der Rekorde, darunter denjenigen als „bester Isolator“ und „leichtester Feststoff“. Im Baubereich wird Aerogel bereits eingesetzt, etwa als einblasbarer Isolierstoff für Mauerzwischenräume oder in Form von Dämmplatten aus Faservlies.

Wo also liegt das Problem, dass noch niemand Aerogel in einen Putz gemischt hat? Bauforscher Stahl spart sich eine lange Erklärung, nimmt eine durchsichtige Plastikbox aus dem Regal und öffnet den Deckel: „Fassen Sie mal rein und reiben Sie ein wenig.“ Tatsächlich sind die Aerogel-Kügelchen extrem leicht, fast gewichtslos und sie lassen sich zwischen Daumen und Zeigefinger festhalten. Doch sobald man die Finger reibt, zerbröseln sie. Nach zwei, drei Bewegungen ist von dem Wunderstoff nur noch ein feines Pulver übrig. „Genau das war unser Problem“, sagt Stahl, „wenn wir das Pulver sachte mit Wasser verrühren und den Putz von Hand auftragen, sind die Ergebnisse gut. Aber stellen Sie sich vor, der Putz wird mit einem Druck von 7 bis 8 bar durch den Schlauch einer professionellen Putzmaschine gepumpt. Dann bleibt von unserem Aerogel nicht mehr viel übrig.“

Um den Putz Industriemaschinen-tauglich zu machen, waren Kenntnisse über die Inhaltsstoffe von Trockenputzmischungen und deren Wechselwirkung mit Aerogel nötig. Und eine Reihe von Versuchen – von der handtellergroßen Laborprobe bis zum monatelangen Bewitterungsversuch. Am Ende hatten die Forscher von Empa und Fixit eine Lösung, die demnächst patentiert werden soll.
Die Proben des Aerogel-Putzes ergaben eine Wärmeleitfähigkeit von weniger als 30 mW/(mK) – doppelt so gut isolierend wie Dämmputz, den es heute zu kaufen gibt. Das bedeutet: Ein 40 mm dicker Aerogel-Putz isoliert genauso gut wie eine Schicht von 95 mm EPS-Putz (Polystyrol) oder 110 mm mineralischer Dämmputz. Doch was ist mit den Kosten? "Das Produkt selbst ist zwar teurer als bisherige Dämmputz-Sorten“, so ein Sprecher der Empa. „Doch die geringere Schichtdicke hilft dabei, Umbauten zu minimieren. Man braucht zum  Beispiel keine neuen Fenstergewänder.“ bi

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