KanalReinigungsCongress 2018: Sicher ist sicher und sauber ist besser

GELSENKIRCHEN, 28.06.2018 – Beim KanalReinigungsCongress - KRC 2018 des IKT drehte sich alles um die aktuellsten Themen aus Kanalreinigung und -betrieb: Feuchttücher-Problematik, Arbeitssicherheit und der Dauerbrenner bedarfsorientierte Kanalreinigung.

Von Henning Winter, IKT

IKT-Geschäftsführer Roland W. Waniek begrüßte die Teilnehmer, Referenten und Aussteller zum KRC 2018.
IKT-Geschäftsführer Roland W. Waniek begrüßte die Teilnehmer, Referenten und Aussteller zum KRC 2018.
In festen Intervallen oder nach Bedarf reinigen? Wie der Invasion der Feuchttücher begegnen? Und wie die Sicherheit des Personals sicherstellen? Planer und Praktiker in der Kanalreinigung und im Kanalbetrieb müssen immer wieder Antworten auf aktuelle Fragen finden und weitreichende Entscheidungen treffen. Da ist es wichtig, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Deshalb trafen sich Mitarbeiter aus Kanalreinigung und Kanalbetrieb, aus Ingenieurbüros und Aufsichtsbehörden beim KanalReinigungsCongress - KRC 2018 im IKT - Institut für Unterirdische Infrastruktur in Gelsenkirchen. Sie spürten dort den neuesten Trends nach, tauschten praktische Erfahrungen aus den Betrieben aus und informierten sich über aktuelle Produkte und Dienstleistungen.
IKT-Geschäftsführer Roland W. Waniek stellte in seiner Begrüßung die enormen Werte der Abwasserinfrastruktur in Deutschland und Europa heraus. Dabei sei die Kanalreinigung von unschätzbarer Bedeutung nicht nur für einen reibungslosen Betrieb der Kanalisation, sondern auch für deren Werterhalt. Die Optimierungspotenziale in der Kanalreinigung und im Kanalbetrieb loteten die Experten aus, die beim KRC 2018 referierten.
Kanalreinigung als Management-Prozess auffassen? Beim KRC wurde auch dieser Frage nachgegangen.
Kanalreinigung als Management-Prozess auffassen? Beim KRC wurde auch dieser Frage nachgegangen.

Bedarfsorientierte Kanalreinigung

Eine der Grundfragen, wenn es um Kanalreinigung geht, lautet: Bedarfsorientiert oder nach Plan? Für Dipl.-Ing. Roman Türk von der Stadt Würselen ist der Fall klar: Nach der Umstellung der Reinigungsstrategie auf bedarfsorientierte Kanalreinigung hat sich der Reinigungsaufwand in Würselen um 75 bis 80 Prozent verringert. Eine Auswertung von etwa zehn Kanalkilometern durch das IKT bestätigt den Eindruck: Zwei Jahre nach der letzten Reinigung wiesen fast 90 Prozent der Haltungen keinen Reinigungsbedarf auf.
Auch beim Märkischen Stadtbetrieb Iserlohn/Hemer hat man Erfahrungswerte mit der bedarfsorientierten Kanalreinigung gesammelt, die Frank Weiland, Teamleiter Kanal- und Gewässerunterhaltung, mit den KRC-Teilnehmern teilte. Die neue Reinigungsstrategie wurde 2008 in Zusammenarbeit mit dem IKT und der Ruhr-Universität Bochum eingeführt und funktioniert grob gesagt so: Wenn bei den regelmäßigen Kontrollen Ablagerungshöhen von mehr als 15 Prozent des Rohrquerschnitts festgestellt werden, wird zunächst ein Starkregen abgewartet. Wenn danach noch Ablagerungen vorhanden sind, wird gereinigt. Reinigungsbedarf heute pro Jahr: ca. 10 km bei 185 km Netzlänge. Der Reinigungsaufwand hat sich laut Weiland um 80 Prozent reduziert – und das ohne einen Anstieg der Störfallzahlen.

Frank W. Grauvogel, Technische Werke Burscheid: Molch und mobile Pumpe für die Druckleitungsreinigung in Erprobung
Frank W. Grauvogel, Technische Werke Burscheid: Molch und mobile Pumpe für die Druckleitungsreinigung in Erprobung

Druckleitungen reinigen

Freispiegelleitungen zu reinigen ist eine Sache, Druckleitungen sauber zu kriegen eine ganz andere. Burscheid liegt an der A1 zwischen Leverkusen und Remscheid. Dort ist es hügelig und das Abwasser muss an vielen Stellen gepumpt werden. Mit der Reinigung von Abwasserdruckleitungen hat Dipl.-Ing. Frank W. Grauvogel von den Technischen Werken Burscheid deshalb schon einige Erfahrung. Er berichtete von seinen Erfahrungen mit verschiedenen Verfahren. Eine leistungsfähige mobile Pumpe befindet sich in Burscheid zurzeit in der Testphase. Außerdem wird gerade eine Molchstation gebaut. Grauvogel gab praktische Hinweise, die bei Neu- oder Umbau von Druckleitungen beachtet werden sollten.

Nasse Lappen pappen Pumpen zu

Vielleicht das aktuellste und zurzeit meistdiskutierte Thema im Kanalbetrieb: Feuchttücher sind eine Plage. Drei Referenten umrissen die Probleme, die die nassen Lappen in Kanälen, Pumpwerken und Kläranlagen verursachen, und stellten Lösungsansätze vor. Raja-Louisa Mitchell, M.Sc. von der TU Berlin führte eine Reihe von Studien an und machte als eigentliche Verursacher der Probleme in erster Linie die fälschlicherweise über die Toilette entsorgten Babytücher und in zweiter Linie die fälschlicherweise als „spülbar“ deklarierte Vliestücher aus. Mitchells Fazit: Das mit dem feuchten Toilettenpapier kann nur funktionieren, wenn auf die Kennzeichnung „spülbar“ Verlass ist. Und wenn die Verbraucher keine anderen Tücher über die Toilette entsorgen.
Auch Sascha Kokles, B. Eng. von den Berliner Wasserbetrieben sieht das Hauptproblem bei den feuchten Babytüchern, die sehr reißfest und schwer abbaubar sind und deshalb unbedingt über den Hausmüll entsorgt werden müssen. Er referierte zu den Hintergründen von Herstellung, Zusammensetzung, Spülbarkeit und Zersetzungsverhalten von feuchten Baby- und Kosmetiktüchern einerseits und feuchtem Toilettenpapier andererseits. Kokles ist der Ansicht, dass Optimierungen im Betrieb eigentlich unnötig sein sollten, wenn Verbraucher über die richtigen Entsorgungswege informiert würden und die Hersteller ihre Produkte anpassen würden.
Solange allerdings reißfeste Tücher in rauen Mengen in der Kanalisation landen, gibt es noch andere Ansatzpunkte für Abwasserbetriebe, um der Lage Herr zu werden. So lassen sich vor den Pumpen Zerkleinerer oder Auffangrechen installieren, die die Pumpen schützen, erläuterte Stefan Bretz, B. Eng. vom IKT. Auch spezielle Pumpen mit Laufrichtungswechsel versprechen Abhilfe. Trotzdem sollte verstärkt auf Öffentlichkeitsarbeit zur Aufklärung der Bürger gesetzt werden, um dem Ziel der vliestuchfreien Kanalisation näher zu kommen, gab Bretz zu bedenken.

Sascha Kokles, Berliner Wasserbetriebe: Optimierungen im Betrieb sollten eigentlich nicht nötig sein.
Sascha Kokles, Berliner Wasserbetriebe: Optimierungen im Betrieb sollten eigentlich nicht nötig sein.

Kanalreinigung managen

Die Kanalreinigung, v.a. die bedarfsorientierte, ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Deshalb fordert die DIN EN 14654-1, die Kanalreinigung als Management-Prozess aufzufassen. Was das bedeutet und welche Vorteile das bringt, erklärte IKT-Wissenschaftler Dipl.-Ing. Marco Schlüter, der durch seine Funktion als Leiter des Kommunalen Netzwerks Abwasser (KomNetAbwasser, www.komnetgew.de) in engem Kontakt mit den 50 Mitgliedskommunen steht.

Betriebsführungssysteme gewinnbringend einsetzen

Bei der Strukturierung und Optimierung der Arbeitsprozesse in der Kanalreinigung kann der Einsatz von Betriebsführungssystemen sinnvoll sein. So ein System könne zum einen helfen, die Aufgabenstruktur klarer zu gestalten, vermittelte Norbert Kramer vom Erftverband in seinem Vortrag beim KRC. Zudem könne der Aufwand für Dokumentation und Verwaltung minimiert werden. Und mehr Transparenz der Daten sei ein weiterer Effekt. Insgesamt habe die Einführung eines Betriebsführungssystems beim Erftverband eine deutliche Arbeitserleichterung gebracht, so Kramer.

Arbeitssicherheit verbessern

Eine optimierte Organisation und Dokumentation kann auch helfen, die Arbeit für die Mitarbeiter im Kanalbetrieb sicherer zu machen, ist sich Reinhold Schröder, Meister für Rohr-, Kanal- und Industrieservice bei der SWO Netz GmbH Osnabrück, sicher. Wer Betriebsmittel, Tätigkeiten, Ergonomie und Gefahrstoffe strukturiert erfasst, kann Gefährdungen besser erkennen. Dabei helfen Checklisten und eine detaillierte Dokumentation. Dann können Schutzmaßnahmen gezielt ergriffen werden.

Beitrag zur Starkregenvorsorge

Die Kanalreinigung leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Starkregenvorsorge. Denn je mehr Wasser über die Kanalisation abfließen kann, desto weniger Schäden kann es an der Oberfläche anrichten. Die Starkregenvorsorge ist seit einiger Zeit eines der Schwerpunktthemen im KomNetAbwasser, dem Netzwerk der Abwasserbetriebe. Das aktuelle Forschungsprojekt „Umgang mit Starkregen im Kanalbetrieb“ geht der Frage nach: Was kann der Kanalbetrieb leisten? Unter anderem soll ein 48-h-Soforthilfe-Check entwickelt werden, der greift, wenn ein Starkregenereignis vorhergesagt wird. IKT-Projektleiter Mirko Salomon, M.Sc. stellte beim KRC das Projekt vor, an dem zwölf Kommunen sowie das NRW-Umweltministerium, das Landesumweltamt NRW und die Bezirksregierung Detmold teilnehmen.

Fachausstellung mit Live-Vorführungen und Ausstellerinterviews beim KRC 2018 | Fotos: IKT
Fachausstellung mit Live-Vorführungen und Ausstellerinterviews beim KRC 2018 | Fotos: IKT

Produkte und Dienstleistungen

Den KanalReinigungsCongress begleitete eine große Fachausstellung im Innen- und Außenbereich des IKT. Von der Reinigungsdüse bis zum kompletten Spülfahrzeug, von der Software bis zur Molchstation, von der Schachtzoomkamera bis zum Cutter mit Wasserdruck – die Aussteller präsentierten ihre Produkte und Dienstleistungen an den Ständen und in kurzen Ausstellerinterviews, die live auf die große Leinwand übertragen wurden. Live-Vorführungen drinnen und draußen zeigten den Teilnehmern die Technik in Aktion. Die Aussteller freuten sich über die vielen guten Gespräche mit den Teilnehmern und Referenten.

Idealer Treffpunkt für Planer und Praktiker

Bei der gemeinsamen Abendveranstaltung im Foyer und draußen auf dem Vorplatz hatten die Teilnehmer Gelegenheit, entspannt zu netzwerken, plaudern und diskutieren. Letztlich war der diesjährige KanalReinigungsCongress des IKT der ideale Treffpunkt für alle Planer und Praktiker aus Kanalreinigung und Kanalbetrieb, um sich zu informieren, tiefer in die Materie einzusteigen und von den Erfahrungen der anderen zu profitieren.