20 Jahre VSB: „Wir können Dinge schneller bewegen“

KASSEL, 06.07.2018 – Der Verband zertifizierter Sanierungs-Berater für Entwässerungssysteme e.V. (VSB) hat in den zurückliegenden 20 Jahren die Kanalsanierung in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Im Interview stellt der Vorsitzende Michael Hippe fest, dass Aufgaben und Ziele des VSB nichts an Aktualität und Bedeutung verloren haben.

Michael Hippe: „Das Know-how der einzelnen Bearbeiter ist letztlich ausschlaggebend für Wirtschaftlichkeit und Qualität einer Sanierung.“
Michael Hippe: „Das Know-how der einzelnen Bearbeiter ist letztlich ausschlaggebend für Wirtschaftlichkeit und Qualität einer Sanierung.“

B_I umweltbau: Als vor 20 Jahren der VSB gegründet wurde, da entstand ein sehr dynamischer, schnell wachsender Verband mit einem außergewöhnlich hohen Engagement der Mitglieder. Wie kam es damals zu dieser Aufbruchsstimmung?

Hippe: Es gab zu der Zeit generell eine große Dynamik in der Kanalsanierung. Vieles war Neuland und als Planer in diesem Bereich war man in vielen Fragen auf sich selbst gestellt. Der Verband wurde von Absolventen eines der ersten Lehrgänge zum Zertifizierten Kanalsanierungsberater ins Leben gerufen, die weiter in Kontakt bleiben und sich austauschen wollten. Schnell wurde klar, dass viele fachliche Grundlagen noch nicht vorhanden waren. So entstand die Idee, diese vorhandenen Lücken, vor allem hinsichtlich der technischen Anforderungen und der Vertragsbedingungen zu schließen.

„Wir schließen Lücken“, so heißt ja auch ein zentrales Motto des VSB. In welchen Bereichen war der Verband dabei aus Ihrer Sicht besonders erfolgreich?

Es gibt dabei drei große Schwerpunkte. Zunächst war und ist es wichtig, die Rahmenbedingungen für die Planung und Ausschreibung von Sanierungsmaßnahmen zu schaffen. Das betrifft z. B. die Erstellung von zusätzlichen technischen Vertragsbedingungen, die lange Zeit nur durch den VSB aufgestellt, veröffentlicht und vertrieben wurden. Als sich diese Papiere immer mehr etablierten, haben wir dann die Kooperationsvereinbarung mit der DWA geschlossen und damit die Grundlage geschaffen, dass diese ZTVen in das DWA-Regelwerk überführt werden und damit eine noch breitere Basis erhalten.
Der zweite Schwerpunkt ist die Erstellung von Regelwerk und Anforderungen im Bereich der Ingenieurleistungen. Hier hat sich der VSB mit grundlegenden Fragestellungen beschäftigt: Was muss ich bei einer Bedarfsplanung berücksichtigen, worauf muss ich bei einer Objektplanung achten und wie kann das Ganze honoriert werden.
Und der dritte Schwerpunkt ist die Aus- und Weiterbildung. Das ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Punkt, weil das Know-how der einzelnen Bearbeiter letztlich das Ausschlaggebende für Wirtschaftlichkeit und Qualität einer Sanierung ist. Es betrifft die Planer genauso wie die Operateure auf der Baustelle. Die Einschätzung spiegelt sich auch bei den Teilnehmern der Zertifikatslehrgänge wieder: Hier sind Mitarbeiter aus den Unternehmen, aus Ingenieurbüros und auch aus den Kommunen vertreten. Die Ausbildung zum zertifizierten Kanalsanierungsberater haben wir jetzt mit dem Aktualisierungssiegel noch einmal auf eine neue Stufe gehoben. Damit können die Absolventen nachweisen, dass sich ihr Wissen auf dem aktuellen Stand befindet.

„Der VSB kann mit seiner Arbeit relativ schnell Ergebnisse liefern und damit die Zeit bis zur Erstellung eines breiten Regelwerkes überbrücken.“ | Fotos: Thomas Martin
„Der VSB kann mit seiner Arbeit relativ
schnell Ergebnisse liefern und damit die
Zeit bis zur Erstellung eines breiten
Regelwerkes überbrücken.“
| Fotos: Thomas Martin

Zur Geschichte des VSB gehört auch, dass die Aktivitäten und Erfolge des Verbandes zunächst der großen DWA ein Dorn im Auge waren.

Wenn man sich den Zertifikatslehrgang anschaut, dann ist dieser ja tatsächlich als Alternativveranstaltung zum Angebot der DWA zu sehen. Damit schafft man sich nicht nur Freunde, das ist klar. Aber wie heißt es so schön: Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich denke, das ist auch hier der Fall und es zwingt uns genauso wie die DWA, das Angebot inhaltlich und qualitativ attraktiv und aktuell zu halten.
In den anderen Bereichen ergänzen sich VSB und DWA inzwischen in konstruktiver Weise. Als VSB haben wir die Möglichkeit, bestimmte Dinge zunächst in kleinerem Rahmen anzustoßen. Der Weg, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren, ist kürzer und schneller, hat aber im Vergleich mit der DWA eine nicht so breite Basis. Der VSB kann also mit seiner Arbeit relativ schnell Ergebnisse liefern und damit die Zeit bis zur Erstellung eines breiten Regelwerkes überbrücken. Und er kann damit gleichzeitig Grundlagen für das spätere Regelwerk zur Verfügung stellen. Das betrifft aktuell Themen wie BIM, die Beseitigung von Mängeln oder die Bewertung von Risiken, um nur drei Beispiele zu nennen, bei denen der VSB Themen für die Kanalsanierung neu aufgegriffen hat.
Die Verzahnung von VSB und DWA wird ja auch an den handelnden Personen deutlich, denn viele, die im VSB aktiv sind, arbeiten auch in Arbeitskreisen der DWA aktiv mit.

Seinem Motto entsprechend hat der VSB im Bereich Regelwerk, Musterleistungsverzeichnisse, Handlungsempfehlungen und Arbeitspapiere inzwischen sehr viele Lücken geschlossen. Haben sich Aufgaben und Ziele des VSB in den zurückliegenden Jahren verändert?

Das Selbstverständnis des VSB hat sich nicht verändert. Es geht nach wie vor darum, Punkte, die noch nicht geregelt und noch nicht angegangen sind, anzupacken, um die Qualität in der Sanierung – gerade auch in der Sanierungsplanung – immer weiter zu verbessern. Im Unterschied zum Anfang, als die Themenfelder sehr groß waren, müssen wir uns heute speziellen Bereichen zuwenden, die jetzt neu sind. Ich habe bereits Beispiele wie BIM genannt. Außerdem müssen wir uns auch bei etablierten Techniken, wie dem Schlauchlining, immer wieder mit neuen Fragestellungen auseinandersetzen, die sich aus der Praxis und der technischen Entwicklung heraus ergeben.

Aus- und Weiterbildung ist, Sie haben es bereits angesprochen, ein Tätigkeitsschwerpunkt des VSB. Wie fällt auf diesem Gebiet Ihre Bilanz aus?

Wir haben bisher rund 1300 zertifizierte Sanierungsberater ausgebildet. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Beitrag zu Qualität und Nachhaltigkeit von Investitionen, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass die Kanalsanierung für viele Kommunen eines der wichtigsten Tätigkeitsfelder geworden ist. Das werte ich als großen Erfolg und es ist Ansporn, die Qualität dieser Ausbildung hoch zu halten. Das noch relativ junge Aktualitätssiegel wurde bereits an mehr als 300 Kanalsanierungsberater verliehen, die damit nachweisen, dass sie über den aktuellen Stand des Wissens verfügen.
Einmalig ist nach wie vor, dass wir zwei Studiengänge unterstützen, die sich in Weimar und in Kaiserslautern ganz speziell mit der Kanalsanierung beschäftigen. Ich betone dies, weil ich immer wieder feststelle, dass die Kanalsanierung in der Ausbildung der Bauingenieure selbst im Schwerpunkt Siedlungswasserwirtschaft völlig unterrepräsentiert ist. Das steht in krassem Missverhältnis zur Bedeutung, die dieses Thema später in der Praxis hat.
Das Bildungsangebot des VSB wird ergänzt durch verschiedene andere Weiterbildungen wie zum Beispiel zur Kanalrenovierung oder zur Grundstücksentwässerung. Wir haben den Reparaturtag ins Leben gerufen, um damit dieses vergleichsweise schwierige, aber nicht so stark wahrgenommene Thema der Reparatur in den Blick zu rücken.

„Es geht nach wie vor darum, Punkte, die noch nicht geregelt und noch nicht angegangen sind, anzupacken, um die Qualität in der Sanierung – gerade auch in der Sanierungsplanung -  immer weiter zu verbessern.“
„Es geht nach wie vor darum, Punkte, die
noch nicht geregelt und noch nicht
angegangen sind, anzupacken, um die
Qualität in der Sanierung – gerade auch
in der Sanierungsplanung -  immer weiter
zu verbessern.“

Wir haben in Deutschland eine relativ breit gefächerte Verbändelandschaft. Worin sehen Sie das spezielle Profil des VSB?

Schon die Voraussetzungen für eine persönliche Mitgliedschaft sorgen dafür, dass sich im VSB ausschließlich Sanierungsexperten zusammenfinden, um sich auszutauschen und fachspezifische Regeln und Arbeitsmaterialien zu erarbeiten. Wir sind kein Lobbyverband. Oberstes Ziel ist es, die Qualität in der Kanalsanierung voranzubringen. Wir können, auch weil wir nicht so groß sind, manche Dinge schneller bewegen als andere, und wir können dabei unabhängig arbeiten, weil Planer, Auftraggeber und Firmen gleichberechtigt im VSB vertreten sind.

Wo sehen Sie nach 20 Jahren VSB die zentralen Herausforderungen für die nächsten Jahre?

Ich denke, dass wir uns neuen technischen Entwicklungen stellen müssen. Das betrifft auch und insbesondere die Planung. Das Stichwort BIM ist bereits mehrfach gefallen, der Umgang mit Alterungsmodellen wird zukünftig an Bedeutung gewinnen und auch bei dem Thema Risikobewertung sehe ich noch großen Nachholbedarf. Wir brauchen technische Weiterentwicklungen im Bereich der Sanierung kleiner Nennweiten, die wir als VSB hinsichtlich der Regeln und Anforderungen begleiten müssen. Wir müssen die technische Weiterentwicklung der bereits vorhandenen Verfahren kritisch begleiten und aufpassen, dass die Entwicklung nicht in eine falsche Richtung geht. Und natürlich wird uns das Thema Aus- und Weiterbildung vor dem Hintergrund des sich zuspitzenden Problems fehlender Fachkräfte auch in Zukunft sehr beschäftigen.

Warum lohnt es sich auch nach 20 Jahren, Mitglied im VSB zu sein?

Viele von uns haben ja den Wunsch, etwas zu einer Entwicklung beizutragen. Beim VSB kann man sehr gut einen Beitrag leisten, die Qualität in der Kanalsanierung zu verbessern, die Aus- und Weiterbildung zu unterstützen und sich aktiv in die Arbeit einbringen.
Der VSB ist ein kommunikatives Netzwerk. Ich kann im Austausch mit anderen VSB-Mitgliedern die eigenen Kompetenzen ausbauen. Das gilt verstärkt für die Mitarbeit in Ausschüssen und Arbeitsgruppen. Hier ist der Austausch noch intensiver und direkter.
Die Mitglieder begegnen sich im VSB auf Augenhöhe, unabhängig davon, ob sie aus einer Firma, einem Ingenieurbüro oder von einem Netzbetreiber kommen.
Darüber hinaus erhalten VSB-Mitglieder regelmäßig aktuelle Informationen und deutliche finanzielle Vergünstigungen bei der Teilnahme an Veranstaltungen und beim Kauf von Unterlagen.
Das, was der VSB in den 20 Jahren erreicht hat, kann sich wirklich sehen lassen. Es ist letztendlich das Ergebnis der umfangreichen und sehr engagierten Arbeit seiner Mitglieder. Das ist toll und macht Spaß, und dafür gilt es im Rückblick herzlichen Dank für diese Unterstützung zu sagen. Gleichzeitig zeigt es, dass der VSB auch für die Zukunft engagierten Fachleuten beste Voraussetzungen bietet, die aktuelle Entwicklung in der Kanalsanierung mitzugestalten.