„Kühlbox-Prinzip“: Passivhäuser sind bei Sommerhitze kühler

DARMSTADT, 08.08.2018 – An heißen Sommertagen können Passivhäuser spürbar kühler sein als konventionelle Gebäude. Vor allem ihre starke Wärmedämmung hält die Hitze ab. Zudem gibt es wirksame Strategien zur Auskühlung über Nacht, die teils auch bei normalen Gebäuden helfen.

Reihenhaus mit Passivhausstandard in Darmstadt-Kranichstein
„Bei Hitze öffnen wir in unserem Passivhaus nachts die Fenster. Damit kühlt das Haus bis zum Morgen angenehm aus. Tagsüber sind natürlich die Jalousien geschlossen, damit die Wärme draußen bleibt“, erklärt Dr. Bertold Kaufmann. Der Mitarbeiter des Passivhaus-Instituts wohnt mit Familie in einem dieser Reihenhäuser in Darmstadt-Kranichstein. | Foto: PHI

Deutschland ächzt unter der Hitzewelle. In vielen Gebäuden finden die Bewohner kaum noch Kühlung. Überhitzung in Gebäuden ist im Sommer aber ein allgemeines Problem, gerade bei konventionellen Gebäuden. Mit Blick auf den Klimawandel wird sich das Problem häufen. „Das ist nur der Anfang“, warnt Klimaforscher Prof. Mojib Latif nicht zum erstenmal.
Betroffen sind vor allem Gebäude ohne oder mit wenig Dämmung. „Diese Gebäude sind nicht nur im Sommer zu warm, sondern auch im Winter zu kalt“, sagt Zeno Bastian. Der Architekt leitet den Bereich Gebäudezertifizierung beim Passivhaus Institut. Ein angenehmes Sommerklima nachzuweisen ist auch eine der Anforderungen bei der Qualitätsprüfung zum zertifizierten Passivhaus.

Gute Planung ist wichtig


„Zahlreiche Beispiele aus der Praxis zeigen sehr deutlich, dass Passivhäuser auch in Hitzeperioden ein gutes und kühles Innenklima aufweisen. Zwar gebe es auch vereinzelt gut gedämmte Gebäude, die im Sommer überhitzen, gibt Bastian zu. Das sei aber vor allem Planungsfehlern geschuldet. Durch eine sorgfältige Planung lasse sich das Problem jedoch schon im Vorfeld vermeiden.

Das Besondere am Passivhaus


Passivhäuser zeichnen sich unter anderem durch eine starke Wärmedämmung, Fenster mit Dreifach-Verglasung sowie eine luftdichte Gebäudehülle aus. Im Winter sorgt die Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlage dafür, dass die Luft vorgewärmt ins Haus kommt.
Was bei Kälte die Wärme im Haus hält, hilft gleichzeitig im Sommer: Die Hitze kommt langsamer ins Haus. Damit sich ein Passivhaus während einer sommerlichen Hitzeperiode möglichst gar nicht oder nur langsam aufheizt, gibt es sogenannte „passive Kühlmaßnahmen“. Die können auch in konventionellen Gebäuden helfen, den sommerlichen Komfort ohne zusätzliche aktive Kühlung weitgehend zu erhalten.

Passivhäuser in der Bahnstadt Heidelberg
Heidelberger Bahnstadt: Passivhäuser weisen auch bei Sommerhitze ein gutes und kühles Innenklima auf. Dazu ist allerdings eine fachgerechte Planung unverzichtbar. | Foto: Passivhaus Institut  

Sechs „passive“ Kühlmaßnahmen


- Außenliegende Verschattung: Außenliegende Jalousien oder Rollos sollten an heißen Tagen möglichst geschlossen bleiben. Das funktioniert auch im Altbau, allerdings ist dort der Wärmeeintrag über Wände und Dach deutlich höher. 
- Passive Nachtauskühlung: Im Laufe des Sommertages wird es auch im Passivhaus etwas wärmer. Daher ist es wichtig, die Wärme nachts, wenn es kühler ist, wieder über offene Fenster abzulüften. Wände und Decken speichern diese Kühle für den nächsten Tag. Im Passivhaus hält der kühle Zustand deutlich länger als im Altbau.
- Auch über eine Lüftungsanlage (Sommerbypass) kann nachts kühle Luft in die Wohnung gesaugt werden. Das ist allerdings weniger effektiv als die nächtliche Fensterlüftung. 
- Bei einem Passivhaus mit einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung kommt die frische Luft schon vorgekühlt ins Haus, wenn es am Vormittag drinnen kühler als draußen.
- Energieeffiziente Haushaltsgeräte und energiesparende Beleuchtung senken nicht nur die Stromrechnung, sondern produzieren auch weniger Abwärme.
- Gut wärmegedämmte Warmwasserleitungen reduzieren nicht nur Energieverluste, sondern mindern auch die Aufheizung der Innenräume.

Zertifizierer prüfen Qualität


Wenn ein Passivhaus-Zertifizierer damit beauftragt wird, die Qualität der Planung zu prüfen, dann untersucht er auch das sommerliche Verhalten des Gebäudes. Werden die Kriterien für die sommerliche Behaglichkeit nicht eingehalten, veranlasst er eine Änderung der Planung. In besonderen Fällen können zusätzliche Maßnahmen oder auch eine aktive Kühlung eine zweckmäßige Ergänzung sein. Zum Beispiel dann, wenn sommerliche Lüftungsstrategien in Innenstädten wegen Verkehrslärm oder wegen Einbruchschutz nicht umsetzbar sind, wenn extreme klimatische Bedingungen herrschen oder wenn ein geänderter bzw. ein erhöhter Komfortanspruch besteht.

Aktive Kühlung in Einzelfällen


Zu solchen besonderen Fällen zählen in Deutschland derzeit vor allem Bürogebäude mit erhöhten internen Wärmelasten. Außerdem kann es in besonders stark verdichteten Innenstadtlagen einen längeren Zeitraum geben, in dem die nächtliche Abkühlung nicht weit genug geht. Dann kann es notwendig werden, auch in Wohngebäuden eine kleine aktive Kühlung vorzusehen.

Kühlung mit erneuerbarer Energie


Wegen der geringen Wärmelasten reicht im Passivhaus in jedem Fall ein kleines Kühlgerät mit geringer Leistung und damit geringem Stromverbrauch aus. „Eine Photovoltaik-Anlage produziert gerade an heißen Sommertagen besonders viel Strom. Wer diese auf dem Dach installiert, kann mit selbst erzeugter erneuerbarer Energie direkt das Kühlgerät seines Passivhauses versorgen“, so Zeno Bastian. Das Passivhaus Institut empfiehlt, vor dem Einbau bzw. der Nachrüstung mit einer aktiven Kühlung eine fachgerechte Beratung einzuholen. 



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