Praxistest: Iveco Daily mit Gasmotor

ULM, 20.09.2018 – Der Iveco Daily H-Matic NP mit der  komplizierten Typenbezeichnung Daily 35S14N A8V überzeugt im Praxistest. Er ist ein einzigartiger Transporter, denn er verbindet einen sauberen und kräftigen Gasmotor mit einem komfortablen Automatikgetriebe.

von Randolf Unruh

Wer einen Daily mit Gasantrieb fährt, gewinnt das blaue Band. Es fasst Kühlergrill und Scheinwerfer ein und steht für Sauberkeit
Wer einen Daily mit Gasantrieb fährt, gewinnt das blaue Band. Es fasst Kühlergrill und Scheinwerfer ein und steht für Sauberkeit

Die Abgase des Schaufelladers duften streng, der kompakte Bagger dröhnt, dazu tuckert minutenlang ein Diesel-Transporter im Leerlauf. Mal ehrlich: Wenn die Gartenbauer an-rücken und eine Woche lang die Einfahrt neu pflastern und das Grundstück umgestalten, dann sieht’s hinterher zwar schöner aus, aber in der Nachbarschaft machen sie sich nicht nur Freunde. Es geht auch anders. Nein, hier ist nicht vom flüsterleisen und abgasfreien Elektroantrieb in Transportern und Leicht-Lkw die Rede, der ist noch nicht soweit für handfeste Einsätze.

Gas statt Strom

Wie wär’s stattdessen mit einem Erdgastransporter? Sie machen sich rar, doch einer steht auch für deftige Einsätze parat, der Iveco Daily.Vorn schlingt sich ein blaues Band um Kühlergrill und Scheinwerfer. Unten rotieren auf Wunsch fesche blaue Aluminiumräder. Drinnen wartet ein Cockpit mit blauen Einlegern und schicken blaue Ziernähte am optionalen Lederlenkrad und dem Säckchen des Schalt-hebels – die Farbe Blau zeigt beim Daily, wie man sich den Himmel über smoggeplagten Städten wünscht.

Nur für die saubere Blue Power-Generation des Daily gibt es auf Wunsch blau lackierte Aluminiumräder. | Fotos: Unruh
Nur für die saubere Blue Power-Generation des Daily gibt es auf Wunsch blau lackierte Aluminiumräder. | Fotos: Unruh

Power to Gas

„Blue Power“ nennt Iveco alle Daily seiner Saubermann-Fraktion, sie vereint die neuen 2,3-l-Diesel mit SCR-Technik, den Daily Electric sowie den Daily NP mit Gasmotor. Die Buchstaben NP stehen für „Natural Power“. Das klingt nach sprudelnd frischem Quellwasser und einer luftigen Brise und umfasst diverse Gasvarianten als Treibstoff. Das beginnt mit fossilem Erdgas und reicht über Biogas bis zu künftigen Produkten aus Strom unter der schmissigen Überschrift „Power to Gas“. Der Daily schluckt alles und verwandelt Gas to Power, er stößt mit Erdgas spürbar weniger CO2 aus als ein Diesel, fährt mit Biogas sogar nahezu CO2-neutral. Wer also ambitionierte CO2-Ziele erfüllen will, der sollte nicht blindwütig auf Verbrennungsmotoren einschlagen, sondern sie mit dem richtigen Stoff befüllen.
Zumal so ein Gasmotor ein friedlicher Geselle ist und auch von daher Sympathie erweckt. Gilt der klassische Dreiliter-Dieselmotor im Daily als kernig und etwas ungehobelt, so schnattert die davon abgeleitete Gasvariante vergleichsweise dezent vor sich hin – Gasmotoren verbrennen nach dem Ottoprinzip und arbeiten entsprechend weniger rüpelhaft.

Gasbrenner mit Mumm

Gemeinhin gelten sie aber auch als etwas verweichlicht und kraftlos. Das liegt darin begründet, dass ein anderer Hersteller vergeblich versucht hat, handfesten Transporterleuten einen schmalbrüstigen Pkw-Gasmotor schmackhaft zu machen. Das Daily-Triebwerk ist von einem anderen Schlag: drei Liter Hubraum, 100 kW (136 PS) Leistung, 350 Nm Drehmoment konstant von 1500 bis 2730 Touren – dieser Gasmotor hat Mumm.
Wer nicht nur der Umwelt, sondern auch sich selbst etwas Gutes tun möchte, der koppelt den bulligen Gasmotor mit dem Achtgang-Automatikgetriebe. Die Schaltbox heißt beim Daily Hi-Matic, ist aber ein ZF-Getriebe, das sich selbst in Pkw bewährt hat. Annähernd jeder zweite neue Daily in Mitteleuropa fährt inzwischen automatisch, dies zur Qualität des Getriebes. Sein Knauf glänzt, die Bedienung erfordert wie immer ein wenig Eingewöhnung. Es gibt die Eco- und die Power-Stellung (diese bitte schnell vergessen, zu nervös), es gibt per Knopfdruck die P-Stellung. Auch manuelle Eingriffe ins Schaltgeschehen sind möglich, aber in der Realität kaum nötig. Vor allem aber: Umweltschonendes Gas und fahrerschonende Automatik, das passt.

Zwei von vielen Möglichkeiten: Den Daily mit Gasantrieb gibt es in mannigfacher Ausführung.
Zwei von vielen Möglichkeiten: Den Daily mit Gasantrieb gibt es in mannigfacher Ausführung.

Beim forschen Tritt aufs Fahrpedal reißt die Kombination den Daily temperamentvoll nach vorn. Zunächst laufen die Schaltvorgänge etwas ruppig ab, doch haben sich Fahrer und Getriebe gefunden, wechselt das Getriebe geschmeidig und fast unmerklich die Gänge. Dann rollt der 3,5-Tonner mit Tempo 50 im sechsten Gang mit 1500 Umdrehungen ruhig durchs Industriegebiet, ist dabei vor der Haustür des Iveco-Werks in Ulm ausgerechnet in der Dieselstraße unterwegs. Außerorts schnürt der Daily bei gleicher Drehzahl im höchsten achten Gang gelassen mit 80 Sachen dahin, dank der flink reagierenden Automatik und dem antrittsstarken Motor stets sprung-bereit.

Außen leise, innen weniger dezent

Aus Sicht von Fußgängern und Stadtbewohnern ist der Gas-Daily auf leisen Sohlen unterwegs. Im Fahrerhaus gibt er sich weniger dezent, auffallend sind Dröhngeräusche beim kräftigen Beschleunigen zwischen etwa 2000 und 2500 Touren.
Typisches Merkmal des Daily ist seine stämmige Bauweise mit einem tragenden Leiter-rahmen. Was den Kurierfahrer durch eine entsprechend hohe Ladekante ärgert, ist mit Blick auf den Gasvorrat von Vorteil. Die Behälter finden alle unterhalb des Aufbaus und der Rahmenoberkante Platz. Serienmäßig fährt der Daily mit drei Gasflaschen zwischen den Achsen vor, angeordnet links und rechts des Rahmens sowie mittig. Sie fassen zusammen 30,6 kg. Je nach Radstand, angepeilter Reichweite sowie Gewicht lässt sich das Tankvolumen deutlich vergrößern. Schritt eins ist ein vierter Gasbehälter mittig im Rahmen Platz (Füllmenge 4,8 kg). Schritt zwei sind im hinteren Überhang zwei weitere Gasflaschen (zusammen neun Kilo). Die maximale Füllmenge steigt somit auf maximal 44,4 kg, genug für einige hundert Kilometer, wobei die Angaben für die Gasvorräte je nach Quelle etwas variieren. Stabile stählerne Wannen schützen die Tanks vor Beschädigungen durch Steinschlag oder Bodenberührungen.

Getankt wird auf der rechten Seite unten in der B-Säule. Dort also, wo andere Daily-Fahrer ihrem Transporter Adblue einflößen. So etwas gibt’s hier nicht, statt eines aufwendigen Chemiewerks genügt ein Dreiwege-Katalysator zur Abgasreinigung.
Falls Versorgungsengpässe auftreten führt der Daily zusätzlich 14 Liter Benzin mit. Diese Reserve ist allerdings auf die Leicht- und Mittelgewichtler bis 6,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht beschränkt. Die Ursache ist einfach: Im Benzinbetrieb reduziert Iveco Leistung und Drehmoment auf nur 60 kW (82 PS) und 230 Nm – damit ist beim Daily-Siebentonner nun wirklich kein Staat zu machen.

Blaue Einleger schmücken links und rechts die Armaturentafel des Gas-Daily.
Blaue Einleger schmücken links und rechts die Armaturentafel des Gas-Daily.

Bis zu sieben Tonnen

Die Gewichtsangabe wirft ein Schlaglicht auf die breite Produktpalette des Daily NP. Sie umfasst Kastenwagen von 9,0 bis 19,6 Kubikmeter Ladevolumen und Fahrgestelle von 3450 bis 5100 Millimeter Radstand, ebenso Doppelkabinen. Und alle ragen in Regionen bis rund sieben Tonnen zulässiges Gesamtgewicht hinauf. Und wenn das nicht reicht, zieht auch der Gas-Daily wie jeder seiner Kollegen Anhänger bis 3,5 Tonnen Gewicht. Auf der Umweltmesse IFAT im vergangenen Frühjahr präsentierte Iveco eine komplette Daily-Gasflotte mit gasbetriebenen Daily vom Kastenwagen bis zu Kipper und Abrollkipper.

Nur zu gern weist die Gasbranche darauf hin, dass die CO2-Emission eines Gasfahrzeugs mit Biogasbetrieb von der Fahrzeugherstellung über die Kraftstoffbereitstellung bis zur Nutzung auf dem niedrigen Niveau von E-Fahrzeugen liegt, die mit regenerativer Energie betrieben werden. Und wer klassisches Erdgas fossilen Ursprungs nutzt ordnet sich bei dieser Rechnung mit einem Gastransporter zwischen Stromern mit Saft aus dem EU-Mix und dem Diesel ein.
Ganz ohne Falle ist der Kauf eines Gas-Daily indes nicht. Je nach Tankbestückung beläuft sich das Mehrgewicht auf 180 bis 260 Kilogramm. Speziell bei einem 3,5-Tonner wie dem hier gefahrenen Daily mit der komplizierten Bezeichnung 35S14G A8V kann das knapp werden.

Der Daily als Tank-Wagen: Bis zu sechs Gastanks sichern eine Reichweite von mehreren hundert Kilometern.
Der Daily als Tank-Wagen: Bis zu sechs Gastanks sichern eine Reichweite von mehreren hundert Kilometern.

Mehrkosten und Nutzen

Unangenehmer ist die Tankstellendichte, vor allem in ländlichen Regionen lässt die Versorgung zu wünschen übrig. Eine weitere Hürde sind die Kosten. Der Sprung vom Daily mit dem gleich starken 2,3-Liter-Dieselmotor zu Gas beläuft sich laut Preisliste auf rund 8 000 Euro. Das ist trotz deutlichem Preisvorteil fürs Kilo Gas zum Liter Diesel kaum jemals herauszufahren. Deshalb, so ist zu hören, zeigt Iveco beim Verhandeln eine gewisse Preiselastizität, von einer realen Differenz von etwa 5000 Euro ist die Rede. Auf absehbare Zeit profitiert Gas als Treibstoff von einem deutlichen Steuervorteil, die Bundesregierung hat ihn bis ein-schließlich 2023 fortgeschrieben. Danach soll er über mehrere Jahre hinweg abgeschmolzen werden. Die Wartungsintervalle belaufen sich auf lange 40 000 Kilometer, am Anfang ist nach den ersten Kilometern zusätzlich eine Überprüfung der Gasanlage vorgegeben. Und mit Einfahrbeschränkungen ist kaum zu rechnen. Aber mit Sympathie bei Kunden und auch bei deren Nachbarn. Und so gibt’s mit dem Gas-Daily tatsächlich eine blaue Stunde und kein blaues Auge.

Der Autor ist freiberuflich als Journalist und Autor tätig und ausgewiesener Kenner der Nutzfahrzeugbranche.