Streuobstwiesen richtig anlegen und pflegen

ERFURT, 18.01.2019 – Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Biotopen in Europa. Rund 5000 Tier- und Pflanzenarten finden hier einen Lebensraum. Überleben können sie nur, wenn sie optimal geplant, gepflegt und wirtschaftlich genutzt werden. Nur dann kann ein altes Kulturgut mit zukunftsfähigen Obstsorten auch für kommende Generationen erhalten werden.

Von Michael Grolm, Erfurt

Eine gut gepflegte Streuobstwiese | Fotos/Abb.: Michael Grolm

Eine gut gepflegte Streuobstwiese | Fotos/Abb.: Michael Grolm

Bei der Anlage von Streuobstwiesen handelt es sich um ein Mehrgenerationenprojekt. Je sorgfältiger die Planung, desto größer die Chance, dass die Bäume ein Alter von über hundert Jahren erreichen, und, dass sich auch die nächste Generation um die Wiese kümmert. Ein vorab erstellter Pflanzplan, der die jeweiligen Baumabstände, Obstarten und -sorten erfasst, ist damit eine grundsätzliche Voraussetzung für eine funktionierende Anlage. Entscheidet man sich für eine Rechteckpflanzung lässt sich die Reihenbreite gut der benötigten Technik anpassen. Die Dreieckspflanzung dagegen ermöglicht beste Licht- und Platzausnutzung. Viele weitere Faktoren müssen beachtet werden und immer sollte der Pflanzplan sorgfältig für die nächsten Generationen aufbewahrt werden. Sie enthält Wissen, das über die Jahre oft verloren geht. Darüber hinaus muss bedacht werden, dass die Überlebenschancen einer Streuobstwiese ohne eine wirtschaftliche Obernutzung der Bäume und ohne eine Unternutzung der Obstwiese eher gering sind.

Obernutzung Obst

Die Obernutzung zielt auf die Obstverwertung in Form von Wirtschafts- und Tafelobst: Wirtschaftsobst dient zur Herstellung z.B. von Saft, Wein, Brand, Likör, von Apfelkraut und Trockenfrüchten. Geht es um große Erntemengen, sollte man deutlich mehr Wirtschaftsobst als Tafelobst pflanzen, da man verarbeitete Produkte das ganze Jahr über vermarkten kann. Außerdem sind Wirtschaftsobstsorten insgesamt anspruchsloser, widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge, und ihr hoher Säureanteil macht die Produkte besonders geschmackvoll. Nur wer große Obstmengen ernten kann, erhält einen eigenen Presstermin. Deshalb ist es unverzichtbar, darauf zu achten, dass alle Obstsorten zur selben Zeit reifen.

Auf die Planung kommt es an: Um eine funktionierende Streuobstwiese anzulegen, die auch langfristig Bestand hat, müssen viele Faktoren berücksichtigt werden.
Auf die Planung kommt es an: Um eine funktionierende Streuobstwiese anzulegen, die auch langfristig Bestand hat, müssen viele Faktoren berücksichtigt werden.

Tafelobst lässt sich frisch und als Lagerobst vermarkten. Geeignetes Tafelobst entsteht nur dann, wenn die Bäume gut erzogen sind und günstige Standortbedingungen bestehen. Sollen Obstbäume Tafelobst produzieren, müssen sie regelmäßiger beschnitten werden als Wirtschaftsobstbäume. Unterschiedliche Reifezeiten sind beim Tafelobst sehr erwünscht, verlängert man auf diese Weise doch die Ernte- und damit die Nutzungs- und Vermarktungszeit. Richtig geplant, stehen Tafeläpfel ganzjährig zur Verfügung.

Unternutzung der Obstanlage

Die Unternutzung einer Streuobstanlage kann darin bestehen, die Obstwiese zu mähen, sie von Vieh abweiden zu lassen, oder unter den Bäumen Feld oder Garten anzulegen.
Bei einer Obstwiese reicht ein einfacher Verbissschutz. Es empfiehlt sich aber ein größerer Baumreihenabstand, damit die abgemähte Mahd gut trocknen kann.
Auf einer Obstweide dürfen die Baumabstände geringer sein, weil das Vieh dort den Mäher ersetzt. Allerdings brauchen die Bäume einem umfangreichen Verbissschutz. Beim Feldobstbau geht es vermehrt um die Wertholzproduktion. Die Bäume werden wegen der Feldbearbeitung höher aufgeastet, dadurch entsteht wertvolles Schaftholz. Allerdings ist das Obst durch die Arbeit auf dem Feld häufig stark verschmutzt.
Beim Gartenobstbau darf der Astansatz etwas niedriger sein, da unter den Bäumen kaum Maschinen eingesetzt werden.

Obstartenwahl

Äpfel sind gut vermarktbar und werden deshalb besonders häufig angepflanzt, gefolgt von der Birne. Kirsche, Pflaume, Zwetschke und sonstiges Obst lassen sich kaum in großen Mengen verkaufen. Direktvermarkter erweitern aber mit solchen Angeboten ihre Produktpalette. Dazu bringt jeder Standort seine eigenen Voraussetzungen für den Obstanbau mit sich. Je günstiger das Klima, umso einfacher der Obstbau. Wo ein raues Klima herrscht, scheiden viele Sorten von vornherein aus. Unterschiedliche Lagen erfordern unterschiedliche Planung. Senken sind für den Obstanbau nicht geeignet, da die kalte Luft nicht abfließen kann und es daher zu Blütenfrost kommt. Ebenso wenig eignen sich beschattete Standorte in engen Tälern oder in Waldnähe.

Bei dieser Anlage stehen die Obstbäume zu dicht beisammen. Die Baumkronen sollten sich im Ertragsalter nicht berühren können.
Bei dieser Anlage stehen die Obstbäume zu dicht beisammen. Die Baumkronen sollten sich im Ertragsalter nicht berühren können.

Standorteigenschaften und Bedingungen

Bei einem Nordhang führt die gute Wasserverfügbarkeit zu höheren Erträgen. Durch die verzögerte Blüte ist Blütenfrost kaum eine Gefahr. Nachteil: Anspruchsvolles Obst hat es wegen der fehlenden Sonneneinstrahlung schwer. Größere Pflanzabstände können das aber etwas ausgleichen. Bei Anlagen an Westhängen fegen starke Winde die Früchte oft frühzeitig vom Baum. Daher sind gut ansitzende Obstarten gefragt z.B. wie Steinobst und Sorten wie Zabergäu Renette, Boikenapfel und Boskoop. Die hohe Luftfeuchtigkeit bedeutet höhere Pilzanfälligkeit. Am Osthang können ebenfalls kalte Winde extreme Fröste verursachen. Heckenpflanzungen im Westen oder Osten können hier Abhilfe schaffen. Sie bremsen starke Winde ab, dürfen aber nicht zu dicht stehen, da sonst die Anlage schlechter abtrocknet. Eine hangabwärts liegende Anlage wird durch Hecken im obersten Bereich geschützt. Dicht gepflanzt führen sie die Kaltluft um die Anlage herum. Im unteren Bereich sollte man auf Hecken verzichten oder mit Durchgängen dafür sorgen, dass sich keine Kaltluft in der Anlage staut und Blütenfrost verursacht. Bei Anlagen am Südhang gibt es genügend Sonneneinstrahlung für Obstarten wie Aprikose, Pfirsich und viele Birnensorten. Die Pflanzabstände können deshalb auf ein Minimum begrenzt werden. Allerdings gibt es oft nicht genügend Wasser und durch die frühere Blüte besteht Frostgefahr. Starke Sonneneinstrahlung kann zu Sonnenbrand und zu Frostrissen durch hohe Temperaturschwankungen führen.

Die besten Böden für den Obstanbau sind tiefgründige, luftdurchlässige, humose Lehm- und Lössböden. Staunasse Böden eignen sich nicht für den Obstanbau. Will man es dort dennoch riskieren, muss man Hügel anlegen, damit die Baumwurzeln der nassen Zone entkommen. Am ehesten noch vertragen Zwetschgen staunassen Boden. Beim Apfelbaum-Anbau muss man auf krebsunanfällige Sorten ausweichen. Hier eignen sich z. B. Luxemburger Renette, Maunzenapfel und Stina Lehmann. Auf sehr trockenen Standorten kommen bestenfalls Kirschen in Frage.
Ohne Bestäuber keine Früchte: Je größer die Sortenvielfalt in einer Anlage ist, desto besser klappt es mit der Befruchtung. Für eine optimale Bestäubung pflanzt man unterschiedliche Obstarten in Gruppen an. Triploide Sorten können keine anderen Sorten bestäuben. Deshalb sollten davon höchstens 30 % in einer Anlage stehen. Werden Bienen als Bestäuber eingesetzt, so sind vier Bienenvölker für 1ha Steinobst optimal. Kernobst kommt mit zwei Völkern pro Hektar aus, es sei denn, die Bienen werden z. B. durch nahe Rapsfelder von den Obstbäumen abgezogen. Reifezeiten müssen ebenfalls beachtet werden: Früh-, Herbst- oder Wintersorten sollten in Gruppen zusammenstehen. Frühe Sorten pflanzt man nah am Wieseneingang. Das verkürzt die Wege bei der Ernte und schont die Unterkultur, die nicht unnötig betreten werden muss.

Obstsortenwahl

Bei den hohen Bäumen in einer Streuobstanlage ist effektiver Pflanzenschutz nur begrenzt möglich. Deshalb pflanzt man die alten, robusten, lokal angepassten Sorten. Um beim Einkauf genau die Sorte zu erhalten, die man braucht, wendet man sich an Baumschulen, die noch selbst veredeln. Supermarktsorten eignen sich nicht für den Streuobstanbau, weil sie viel zu oft gespritzt werden müssen.

Baumschnitt und -schutz

Der untere Astansatz der Leitäste von Obstbäumen sollte mindestens 2 m betragen damit Vieh und Erntetechnik die Baumkronen nicht beschädigen können. Damit sich eine Obstwiese gut bearbeiten lässt, werden die Bäume in Reihe gepflanzt, so, dass sich die Baumkronen im Ertragsalter nicht berühren. Der sonst nötige häufige Schnittausgleich würde nicht die Früchte, sondern das Holz stärken. Ohne Schnitt aber leiden die Bäume unter Licht- und Belüftungsmangel. Zu geringe Pflanzabstände behindern zudem die Unternutzung. Apfel und Birne brauchen z. B. einen Abstand von mindestens 12 m, Pflaumenartige benötigen einen Mindestabstand von 10 m, Kirschen und Walnüsse etwa 15 m. Zu Waldrändern sollte ein Abstand von mindestens 20 m gewahrt sein, damit die Kronen nicht vor dem Schattendruck „fliehen“. Zu Wirtschaftswegen sollte wegen der Fahrzeuge ein Abstand von 5 bis etwa 8 m bestehen. An der Grenze zu Nachbargrundstücken gilt der gesetzlich vorgeschriebene Abstand.
Beweidete Obstwiesen kommen zudem nicht ohne Verbissschutz aus. Hier zu sparen würde gravierende Verbissschäden bedeuten. Am Jungbaum wird zusätzlich ein Kaninchendraht zum Schutz vor Mäusen angebracht. Darüber hinaus muss das Astgerüst beachtet werden: Beim Pflanzen und in den folgenden Jahren führt man die unteren Leitäste durch den Schnitt von den Fahrgassen weg.

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Autor Michael Grolm
Autor Michael Grolm | Foto: Linda Huber
Zum Autor: Michael Grolm (Dipl.-Ing. agr.) ist Berufsimker und Leiter der Obstbaumschnittschule mit Sitz in Erfurt. Er bietet Einführungskurse, Obstbaumkletterkurse, Agroforstkurse, Baumwartausbildungen und Alleebaumschnittkurse an. Zurzeit schreibt er an seinem Buch „Obstbaumschnitt Schritt für Schritt“, das bereits jetzt vorbestellt werden kann. Weitere Infos unter www.obstbaumschnittschule.de.