Skandinavier in der Inhouse-Sanierung weit voraus

PORVOO/FINNLAND, 24.01.2019 – Bei der Inhouse-Sanierung steht Deutschland da, wo die Skandinavier vor etwa zehn Jahren standen. Doch wie in Skandinavien ist das Potenzial in Deutschland riesig. Um dieses in Zukunft auszuschöpfen, wird man sich hierzulande an den nordischen Nachbarn orientieren, aber einen eigenen Weg finden müssen.

Von Boris Valdix

Mittelhohe Mehrfamilienhäuser sind typisch finnisch.
Mittelhohe Mehrfamilienhäuser sind typisch finnisch. In Lahti sanierte die Firma Picote kürzlich Gebäudeleitungen zweier solcher Wohnhäuser von 1972 mit jeweils 68 Wohnungen. In solchen Wohnhäusern sind regelmäßig weit über 500 m Abwasserleitungen verlegt. Sechs Wochen pro Haus brauchte die 6-Mann-Kolonne. | Fotos: B_I/Valdix

Mittelhohe Mehrfamilienhäuser aus den 70er Jahren mit alten und/oder schadhaften Leitungen gibt es in Finnland zuhauf. Viel zu tun haben daher Firmen, die sich auf die Sanierung von Fall- und Anschlussleitungen in Gebäuden ohne Aufbrucharbeiten spezialisiert haben. Denn Inhouse-Sanierung ist in Finnland wie auch in den anderen skandinavischen Ländern seit einigen Jahren weit verbreitet und in der Regel werden die Gebäudeleitungen alle 40 bis 50 Jahre erneuert bzw. saniert – sofern sie nicht schon vorher schadhaft sind.
In Skandinavien hat man bereits seit gut zehn Jahren Erfahrungen mit der grabenlosen Rohrsanierung in Gebäuden. Vorreiter waren die Schweden, dicht gefolgt von den Finnen und Norwegern. Und auch die Dänen sind seit ein paar Jahren in diesem Bereich aktiv. Noch in den Kinderschuhen steckt dagegen der deutsche Markt. „Vor zehn Jahren hatten wir in Deutschland den Markt noch gar nicht auf dem Schirm“, weiß Sebastian Beck, Key Account Manager vom Systemanbieter Brawoliner. Das Unternehmen hat sich auf kleine Rohrdurchmesser spezialisiert und arbeitet mit diversen skandinavischen Sanierungsfirmen zusammen. „Es hat sich erst etwas getan, als wir in Skandinavien die dortige Marktentwicklung gesehen haben. Erst dann wurden in Deutschland Produkte zugelassen, die speziell für den Inhouse-Markt entwickelt wurden“, so Beck. „Hier gibt es erst seit 2012 Inhouse-Produkte mit DIBt-Zulassung und nennenswerter Marktdurchdringung.“

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Alte und/oder schadhafte PVC-Leitungen der ersten Generation werden in Finnland häufig saniert.
Alte und/oder schadhafte PVC-Leitungen
der ersten Generation werden in Finnland
häufig saniert.

Erfolgreich auf Riesen-Markt

Ganz anders sieht es in Skandinavien aus. In Finnland etwa wird das Inhouse-Marktvolumen auf rund 150 Millionen Euro geschätzt. Der Wettbewerb ist groß und die Auftragsbücher sind voll, obwohl ein Großteil der Sanierungsarbeiten klassisch, also in offener Bauweise erfolgt. „Seit 2008 ist der finnische Schlauchlining-Markt stark gewachsen, insbesondere auch im Inhouse-Bereich“, sagt Katja Lindy-Wilkinson, CEO der Firma Picote. Das internationale Unternehmen Picote Solutions Inc. entwickelt Werkzeuge für die grabenlose Rohrsanierung, speziell auch für kleinere Durchmesser, das finnische Unternehmen Picote Services mit Sitz in Porvoo saniert seit rund zehn Jahren Leitungen in großen Wohngebäuden und kleineren Ein- bzw. Mehrfamilienhäusern und baut heute bis zu 100 Liner pro Tag ein – im Umkreis von 100 Kilometern. Dabei legt Picote Services großen Wert auf eine präzise Vorbereitung und Durchführung der Arbeiten. So werden beispielsweise umfassende Pläne von den einzelnen Gebäude-Etagen samt allen Leitungen sowie deren Nennweiten (üblicherweise DN 50 bis 150) und Abzweige gefertigt. Die Sanierungsplanung wird in Finnland grundsätzlich von sogenannten Supervisors übernommen, die ausschließlich hierfür verantwortlich sind. Sie sind vergleichbar mit zertifizierten Kanalsanierungsberatern, allerdings nicht für erdverlegte Kanäle und Leitungen, sondern nur für die Sanierung der Gebäudeentwässerung. Vor Sanierungsbeginn wird der komplette Fußboden auf den Gebäudefluren, in den Kellern und in den Wohnräumen mit Pappe abgedeckt, um ihn nicht zu verschmutzen. Während der Arbeiten werden permanent die Elektrik und der Schlauchliner-Druck gemessen.

Ein Mitarbeiter von Picote Services zeigt einen gelinerten DN50er-Anschluss.
Ein Mitarbeiter von Picote Services zeigt einen gelinerten DN50er-Anschluss.
Eine weitere Besonderheit in Skandinavien ist, dass die Bewohner während der Sanierung meist in ihren Häusern bzw. Wohnungen bleiben, obwohl oft für zwei Wochen das Wasser abgestellt wird und sie auf eine Trockentoilette angewiesen sind. In Deutschland wäre das wohl so kaum denkbar. Sebastian Beck vermutet, dass die Mentalität der Skandinavier „etwas gelassener“ sei. Und natürlich spielen zur Überzeugung der Bewohner auch die Kosten eine Rolle, die bei der geschlossenen Inhouse-Sanierung laut Katja Lindy-Wilkinson gegenüber der offenen Bauweise meist deutlich geringer ausfallen, immer abhängig von der jeweiligen Baustelle und auch der beauftragten Firma.
Doch es gibt noch weitere Gegebenheiten, die der Inhouse-Sanierung in Skandinavien zum Erfolg verhelfen: Anders als in Deutschland gehören in einem Wohngebäude mit mehreren Eigentümern sowohl Fall- und Grundleitungen als auch die Leitungen in den Wohnungen zum Gemeinschaftseigentum. Auf Beschluss der Eigentümergemeinschaft wird daher die Sanierung für das komplette Haus umgesetzt und jeder Eigentümer beteiligt sich an den Kosten. Des Weiteren verlaufen häufig die Wasserversorgungsleitungen in Skandinavien nicht – wie in Deutschland – unter dem Putz und in der Regel weisen die Anschlussleitungen in nach einem Standard gebauten Wohnblock weniger Bögen auf als hierzulande.
Zum Erfolg der Inhouse-Sanierung in Finnland hat auch das Kommunizieren der Vorteile und die Weitergabe von Kenntnissen beigetragen. Für Picote war etwa die Ausbildung bzw. Einweisung von Technikern, Kontrolleuren, Hausverwaltern, Hausgemeinschaften sowie Ingenieuren sehr wichtig, wie Katja Lindy-Wilkinson erklärt. „So konnte den Hauseigentümern schließlich auch der Mehrwert der Sanierung in geschlossener Bauweise vermittelt werden.“ Daneben präsentierte das Unternehmen auch auf Messen und Infoveranstaltungen die neuen Produkte und Techniken.
Sebastian Beck von der Firma Brawoliner
„Ob sich bei der Inhouse-Sanierung auch in Deutschland ein Geschäftsfeld wie in Skandinavien aufbauen wird, lässt sich noch nicht sagen. Aber das Marktpotenzial ist riesig“, meint Sebastian Beck von der Firma Brawoliner.

Lernen und eigenen Weg finden

Angesichts des großen Wissens-, Erfahrungs- und Technikvorsprungs der Skandinavier bei der Inhouse-Sanierung gilt für Deutschland: Anschluss halten! Denn das Marktpotenzial ist trotz vieler Unterschiede zu den Skandinaviern auch in Deutschland groß. „Wir haben etwa 45 Millionen Gebäude mit insgesamt über 20 Millionen Kilometern Abwasserleitungen. Im Vergleich zu Finnland mit seinen etwa 150 Millionen Euro Marktvolumen heißt das: Da die Einwohnerzahl in Deutschland fast 13 Mal höher ist, bedeutet das bei uns ein theoretisches Marktvolumen von 1,5 bis 2 Milliarden Euro“, rechnet Sebastian Beck vor.
Von Wettbewerb könne man in Deutschland indes noch nicht reden. Momentan gehe es eher darum, den deutschen Markt zu entwickeln und zu standardisieren. „Marktentwicklung heißt auch Aufklärungsarbeit leisten“, so Beck. „Wir müssen die Eigentümer, egal ob große Immobiliengesellschaften oder private Hauseigentümer, darüber informieren, dass man Rohre in kleinen Nennweiten ab DN 50 grabenlos sanieren kann. Dazu müssen wir vor allem bestehende Kontakte nutzen. Daneben sind Regelwerke und Normung auf europäischer Ebene wichtig. Dadurch werden Inhouse-Verfahren mehr Anerkennung finden.“ Das werde aber wohl noch mindestens 2-5 Jahre dauern, vermutet Beck.

Picote hat für jegliche Leitungsgrößen verschiedene Sanierungswerkzeuge
Picote hat für jegliche Leitungsgrößen
verschiedene Sanierungswerkzeuge, die
nach und nach immer wieder optimiert
wurden (hier einige Beispiele).

Voraussichtlich wird zu den hierzulande bisher wenigen zugelassenen Produkten für die Inhouse-Sanierung noch das eine oder andere skandinavische Produkt nach Deutschland kommen. Und sicherlich werden sich die Deutschen in Zukunft an der Arbeitsweise der Skandinavier orientieren, wenngleich man in Deutschland angesichts der bereits beschriebenen Unterschiede einen eigenen „Sanierungsweg“ finden muss, der bereits bei klar formulierten Ausschreibungen anfängt. „Aber selbst wenn es den Deutschen gelänge, nur 1 % des skandinavischen Marktvolumens zu erreichen, hätten die deutschen Firmen mehr als genug zu tun“, verdeutlicht Sebastian Beck.
Zu den wenigen deutschen Firmen, die sich auf die Inhouse-Sanierung spezialisiert haben, gehört die Polyline GmbH. Geschäftsführer Mario Karge sieht die Interessenverbände und Unternehmen in der Pflicht, die die Akzeptanz für die Inhouse-Sanierung bei der Bevölkerung und den Auftraggebern noch viel mehr „erarbeiten“ müssten. „Auch die Planungsbüros müssen viel mehr angesprochen werden, damit solche Verfahren überhaupt bei der Findung von Lösungsansätzen beim Bauen im Bestand eine Berücksichtigung finden“, meint Karge.
Bleibt also abzuwarten, wie sich der deutsche Inhouse-Markt in den nächsten Jahren entwickeln wird. Mario Karge und auch andere Unternehmensleiter, die sich mit der Inhouse-Sanierung beschäftigen, sind jedenfalls davon überzeugt, dass Deutschland ein Wachstumsmarkt ist. „Wir bekommen in letzter Zeit auch vermehrt Anfragen zu innenliegenden Fallrohren, welche sehr stark korrodiert sind“, freut sich Dominik Spitzenberg, Leiter für Marketing und IT bei der tkm Service GmbH, und verspricht: „Wir werden auf jeden Fall in Zukunft näher in den Inhouse-Markt vorstoßen, da der Markt gigantisch ist.“ Andere Firmen werden ganz sicher folgen.

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Katja Lindy-Wilkinson, CEO der Firma Picote
„Anfangs waren die Werkzeuge zu groß, um in Gebäuden für die Inhouse-Sanierung eingesetzt werden zu können. Daher haben wir kleinere entwickelt und kleine Nennweiten ab DN 50 konnten saniert werden“, beschreibt Katja Lindy-Wilkinson, CEO der Firma Picote.