Modellierte Landschaft aus der digitalen Matrix

HEILBRONN, 09.05.2019 – Als eines der Kernbereiche der BUGA Heilbronn kann die Sommerinsel gelten: Hügelige Rasenwellen, die aus der Ferne wahrnehmbar sind, wurden als eine der ersten 3D-generierten und gebauten Parklandschaften gestaltet. Das Modell des Areals entstand im Kasseler Architekturbüro Loma.

Von Sybille Eßer

„Blühendes Leben“: Unter diesem Motto lädt die BUGA Heilbronn noch bis zum 5. Oktober auf ein über 40 ha gestaltetes Parkgelände ein. | Foto: Benner/DBG
„Blühendes Leben“: Unter diesem Motto lädt die BUGA Heilbronn noch bis zum 5. Oktober auf ein über 40 ha gestaltetes Parkgelände ein. | Foto: Benner/DBG

Die Sommerinsel liegt zwischen zwei früheren Hafenbecken, die heute die Namen Stadtsee und Karlsee tragen. Dort soll, wenn die BUGA im Oktober endet, Wohnbebauung mit aufgelockerten Blockrändern entstehen. Loma architecture landscape urbanism wurde 2016 mit dem Entwurf und dem Bau der Sommerinsel beauftragt. Am Anfang war die vorgesehene Fläche eine terra incognita. Die Insel diente zur Lagerung von riesigen Erdmieten. Mit Baggern, Ladern und Kippern war der dort vom Neckar angeschwemmte tonige Alluvialboden technisch zu großen Depots aneinandergereiht worden. Mit dem Traum von einer Sommerinsel hatte die Baustelle nichts gemein.

Der sogenannte „Null-Ort“ entpuppte sich bald als Inspirationsquelle, die Erdaufschüttungen als Grundlage des Designs. Die Frage: „Wie generiert sich Landschaft selbst?“ wurde mit Bildern der vom Gletscher geformten Moränenlandschaften des Voralpenlandes und Dünenformationen an der Nordsee diskutiert. Wie formen Wind und Wasser, schiebende Gletscher und schmelzendes Eis die Haut unserer Erde und ist es möglich die natürliche Wellenbildung im Boden durch generatives Design nachzubilden? Die Überlegungen dazu führten zu Begrifflichkeiten wie „fluids“, „turbidite systems“ und „ripple-marks“.

In naturwissenschaftlichen Werken aus dem 17. Jahrhundert versuchten Kartographen die oberbayerische Moränenlandschaft nach zu zeichnen, um sie zu verstehen. Wie kommen wir der Natur als Landschaftsbildnerin auf die Schliche? Diese Frage hat die Planer im Landschaftsarchitekturbüro Loma gereizt. Es wurde versucht, die Linien eines Sandstrandes mit der Hand zu ziehen, „aber das sah aus, wie wenn man dem lieben Gott ins Handwerk pfuscht, weil man es eben nicht so kann wie er“. Da analoge Entwurfsmethoden keine adäquate Sprachannäherung an die Naturphänomene bringen konnten und die permanente Veränderung des Designprozesses nur schwerlich fortzuschreiben war, wurden die ersten Zeichnungen von Moränen, Dünen und Sandwellen mit Hilfe von Rhino3D, Aufsatz Grasshopper, in den Computer eingegeben. Diese Software wussten zunächst Bootsbauer zu nutzen, um dynamisch optimierte Bootskörper zu konstruieren. Dann entdeckte die Autoindustrie die Software, um ihre Fahrzeuge organischer, fließender zu formen. In der Landschaftsarchitektur wird dieses Werkzeug, vermutlich aus einem gewissen Grundkonservatismus heraus, selten genutzt.

Aus dem unwirtlichen Gelände ist ein attraktives Quartier geworden. | Foto: BUGA Heilbronn2019
Aus dem unwirtlichen Gelände ist ein attraktives Quartier geworden. | Foto: BUGA Heilbronn2019

Ein Park in einer Datenwolke

Der Designprozess konnte jedoch nicht nach dem Prinzip des „freien Entwerfens“ weitergeführt werden, sondern war, in Abhängigkeit mit der Programmiersprache, streng regelbasiert. Diese anfänglich als Limitation empfundenen Vorgaben wurden im weiteren Prozess als nützlich und konsistent empfunden. Am Ende entstand kein zweidimensionaler Plan, sondern ein räumliches Netz mit Abermillionen Datenpunkten im virtuellen, dreidimensionalen Raum. Um diese Wirklichkeit werden zu lassen, erwies sich Prof. Wigbert Riehl, Lehrstuhlinhaber für Landschaftsarchitektur und Technik an der Universität Kassel, als kongenialer Partner. Schon beim Bau des Landschaftsparks Duisburg-Nord hatte sich Riehl mit seinen Ansätzen zur experimentellen Bauweise einen Namen gemacht, und bereits 2007 hatten Riehl und Schück die parametrischen Methoden erstmals in Deutschland ins Studium der Landschaftsarchitektur eingeführt.

Derzeit sind Kettenbagger ab 25 t bereits in der Lage große und komplexe, landschaftliche Formationen umzusetzen. Die Datensätze aus dem Entwurfsbüro wurden dazu in ein digitales Geländemodell überführt und vom Baggerführer via Bildschirmsteuerung umgesetzt. In den Baggern, die auf der Sommerinsel zum Einsatz kamen, waren Tabletts und GPS-Steuerungen installiert, mit deren Hilfe die Baggerführer die virtuelle Landschaft realiter nachbauten. Die Umsetzung weitläufiger, komplexer Landschaften auf diese Weise hat es im Landschaftsbau bisher technologisch bedingt noch nicht gegeben. Wo Großgeräte nicht mehr den gewünschten Präzisionsgrad in der Feinmodellierung erbringen konnten, wurde partiell auf kleine, analoge geführte Bagger zurückgegriffen. Augenmaß, Können und Sensitivität der Baggerführer standen im Wettstreit mit den digital gestützten Arbeitsmitteln.

Gerade der GPS-gestützte, bauliche Feinschliff und die baukünstlerische Ausformulierung von Landschaftsbildern könnten für die GaLaBau-Firmen künftig einen Marktvorteil bedeuten. Als weitere Zukunftsvision wäre im Maschinenbau ein neuer Typ von Erdbaumaschinen möglich. Substrat-3D-Drucker könnten künftig komplexe Geometrien aufschichten oder programmierbare Erdfräsen die am Rechner generierten Modulationen in die Topographie 1:1 einschreiben.

BUGA als ideales Testfeld

Zur Pflege der Rasenwellen wurde von der Firma KommTek ein ferngesteuerter Mähroboter mit Hybridantrieb entwickelt. Aufgrund der teilweise extremen Topographie arbeitet das leichte Mähwerk mit minimalem Bodendruck und über Raupenlaufwerke. Die Rasenwellen wurden von Firma Benz mit aus Neckarwasser gespeisten Versenk-Getrieberegnern gewässert, der Wechselflor mit neu entwickelten wurzelfesten Tropfleitungen versehen. Hitzeschäden des extrem trockenen Sommers 2018 konnten so vermieden werden. Erkenntnisse wurden auch für den Garten- und Landschaftsbau gewonnen: die Ausstattung mittlerer und kleiner Firmen mit GPS-unterstützten Erdbaugeräten wäre eine Aufgabe der Zukunft.

Die Autorin ist Leiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Bundesgartenschau-Gesellschaft mbH (DBG).

Die Landesgartenschau 2018 in Würzburg war auch sehr erfolgreich. Lesen Sie unseren Artikel.