Onlinemiete: Cramo fährt zweigleisig

KIEL, 28.05.2019 – Seit Jahren wächst das Vermietgeschäft am Bau in Deutschland und wird es voraussichtlich weiter tun. Doch die Branche steht vor tiefgreifenden Veränderungen: Auch Cramo schwimmt auf der Digitalisierungswelle mit, darf aber nicht vergessen, dass seine Kunden bodenständig sind.

von Hendrik Stellmach

Cramo-App für die Verwaltung von Mietmaschinen
Mit der neuen Cramo-App können Unternehmen ihr gemietetes Equipment mobil und effizient verwalten und zum Beispiel bei Projektende den Abtransport in Auftrag geben.
Seit 2011 spielt der finnische Cramo-Konzern auch in Deutschland eine immer größere Rolle in der Vermietung von Baumaschinen- und -geräten, hat sich Kundengruppen außerhalb der Bauwirtschaft erschlossen und den Geschäftsbereich modulare Raumlösungen aufgebaut. Europas zweitgrößtes Vermietunternehmen will nach eigenen Angaben neue Geschäftsmodelle schaffen und innovative Angebote entwickeln, um die Zukunft der Baumaschinenvermietung zu gestalten. Diesen Job hat im vergangenen Jahr Hartwig Finger übernommen. Sein Einstieg bei Cramo am 14. Juni 2018 war wie der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser – in diesem Fall aber nicht nur von seinem neuen Arbeitgeber, der einen schnellen Wechsel in der Geschäftsführung anstrebte, sondern auch von Finger absolut gewollt.

„Eigentlich habe ich mein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht als Bau“, sagt der 46-jährige, dessen Vita sich dennoch alles andere als langweilig liest. Sein Weg führte den gebürtigen Warsteiner von der Ausbildung bei einem Europamarktführer für Thermostatventile in Erwitte über einen Hamburger Druckmaschinenhersteller zunächst zu einem Unternehmen für Brand- und Wasserschadensanierung, wo er jeweils umfassende Vertriebs-, Service- und Managementerfahrung sammelte, bevor er einige Jahre lang als selbständiger Berater, unter anderem bei einem Unternehmen der Bauindustrie, tätig war. „Ich habe die meiste Zeit meines Lebens sehr digital, sehr serviceorientiert gearbeitet“, sagt er, eine Erfahrung, von der er glaubt, dass sie ihm nun bei Cramo zugutekommt. Genau wie sein Faible dafür, Dinge aufzubauen und groß zu machen. Gute Voraussetzungen also, um bei Cramo die Weichen für die – mutmaßlich ziemlich digitale – Zukunft zu stellen.
Hartwig Finger, Cramo AG
„Wir möchten unsere Kunden dabei unterstützen, den Mietprozess von Bauequipment und die Verwaltung der gemieteten Maschinen effizienter zu gestalten und bieten dafür digitale Lösungen, die den Arbeitsalltag erleichtern“, sagt Cramo-Vorstand Hartwig Finger.

Baumaschinen online verwalten

Nicht nur durch die Bauunternehmen, auch durch die Maschinen- und Gerätevermieter geistert seit einigen Jahren das Schreckgespenst der Digitalisierung. Meist in einem Atemzug mit dem befürchteten Abbau von Arbeitsplätzen genannt, will in der Branche für die neuen Möglichkeiten noch nicht so recht Begeisterung aufkommen. Doch der digitale Wandel hat bereits begonnen. Und auch für Cramo ist die Digitalisierung kein Fremdwort mehr: Im April auf der bauma stellte das Unternehmen ein Webportal und zwei neue Apps vor, mit denen Unternehmen Baumaschinen, Arbeitsbühnen und Werkzeuge vom Smartphone oder Tablet aus einfach reservieren und zurückgeben können – auch außerhalb der Öffnungszeiten ihrer Mietstation.

Nach der Registrierung haben sie in dem Onlineportal einen guten Überblick über ihr aktuell gemietetes Bauequipment, können Bestellhistorien und Rechnungen einsehen. Mit der „MyEquip“-App können sämtliche Baustellen verwaltet und, sobald das Mietende erreicht ist, Rücktransporte angefordert werden. In der „Product Viewer“-App finden Mitarbeiter auf der Baustelle wichtige Informationen und Anleitungen für viele der 220.000 Maschinen, die Cramo anbietet. „Egal wie groß das Unternehmen oder Projekt ist, mit den neuen Lösungen können Sie Zeit sparen und kosteneffizienter arbeiten“, verspricht Finger.

Kunden wollen persönlichen Kontakt

„Wir wollen digital leader in unserer Branche sein“, sagt der Cramo-Vorstand. An eine Revolution in der Vermietung mag er aber noch nicht glauben. „Ich bleibe dabei: Die Bauwirtschaft in Deutschland an sich ist oldschool.“ Das stelle er immer wieder fest, wenn er Kunden in den Niederlassungen treffe. Sein Unternehmen werde noch lange Zeit zweigleisig fahren müssen, um jedem Kunden gerecht zu werden. „Ich glaube, der Übergang ist schwierig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir komplett umswitchen, sondern dass wir für die Kunden so eine Art ‚Parallelwelt‘ haben. Weil der klassische Abreißblock mit ´nem Durchschlag genauso weiter Bestand haben wird wie das digitale Unterschriftenfeld auf dem Tresen.“ Das übrigens, so Finger, von den Kunden noch immer kaum genutzt werde.

Cramo Vermietprogramm
Maschinen, Geräte, Raumlösungen, Stromversorgung: Der Cramo-Mietpark bietet alles, was Bauunternehmen für die Abwicklung einer Baustelle brauchen – jetzt auch online per App. | Fotos: Cramo

Derweil schläft die Konkurrenz nicht: Schon Anfang 2017 hat der Wettbewerber Zeppelin Rental mit der Online-Vermietung begonnen: Unternehmen können mit wenigen Klicks nach Maschinen und Geräten, Anbauteilen und Zubehör suchen, Verfügbarkeiten prüfen und verbindlich mieten – auch mobil per App. Im Kundenkonto werden alle Mietanfragen und abgeschlossenen Mietverträge dokumentiert, die Bezahlung erfolgt bequem per Rechnung. Allerdings glaubt man auch bei Zeppelin Rental nicht, dass der Onlinehandel so schnell das klassische Vermietgeschäft verdrängt, sondern betont stets die große Bedeutung von Kundenkontakt und Beratung gerade für größere Maschinen. Einen anderen Weg geht die Zeppelin-Tochter Klickrent als reine Vermarktungsplattform für die Onlinevermietung. Das Unternehmen verfügt nicht über eigene Maschinen, sondern bündelt das Angebot von mehr als 150 Baumaschinen-Vermietern auf seinem Online-Marktplatz – nach eigenen Angaben immerhin rund 450.000 Maschinen und Geräte. Die schon 2015 gegründete Klarx GmbH aus München bietet auf ihrer Onlineplattform nach eigenen Angaben schon mehr als 180.000 Maschinen aus über 2.400 Mietparks in Deutschland.

Zielgruppe: Junge und Neukunden

Auch Finger ist sich klar darüber, dass Cramo im aktuellen Digitalisierungsfieber einen klaren Kopf behalten und schauen muss, was genau die Kunden wollen. „Wir müssen aufpassen“, sagt er, „dass wir uns in die richtige Richtung entwickeln, den richtigen Bereich angehen, um die Kunden auch entsprechend abzuholen.“ Da geht es Cramo nicht anders als allen anderen Vermietunternehmen in Deutschland: In welchen Bereichen ist eine digitale Abwicklung sinnvoll, wo bringt sie Effizienzgewinne? Und gehen die Kunden diesen Weg auch mit? „Die Kunden, die gewillt sind, auf den Zug aufzuspringen, speziell wahrscheinlich die jüngeren und die neuen“, sagt Finger, „die werden dann auch sehr schnell die neuen Medien nutzen.“ Der Generationswechsel in den Unternehmen der Baubranche werde den digitalen Wandel in der Vermietung also auch vorantreiben.

„Für mich ist die Digitalisierung im Moment hauptsächlich in der Neukundenakquise ein Thema“, sagt Finger. Bei der Ansprache von Neukunden müsse Cramo Digitalisierung anbieten können. „Da wird der Großteil auch Digitalisierung einfordern.“ Cramo eröffneten sich dadurch große Chancen im Wettbewerb, weil das europaweit tätige Unternehmen andere finanzielle Möglichkeiten habe als kleine, regionale Anbieter. Finger: „Die nehmen das Geld in der Regel nicht in die Hand, so einen Digitalisierungsprozess voranzutreiben, solange es diese Produkte noch nicht von der Stange gibt.“

Transparente Vermietung

Dabei sei das, was Cramo an digitalen Lösungen nun anbiete, gar nicht mal spektakulär. Die Tools, an denen Cramo derzeit arbeite, seien aber wichtig, um beispielsweise den Vermietprozess transparent zu machen, um online Verfügbarkeiten prüfen und Anfragen stellen zu können. Und um den An- und Abmietprozess zu digitalisieren. „Wenn der Maschinenübergabe- und -rücknahmeprozess digital ist, das vereinfacht uns das Leben ungemein, und es ist für den Kunden viel transparenter. In einer nicht-digitalen Welt und in der Hektik ist schnell mal was vergessen“, erläutert Finger.

Das gelte auch für die Transportlogistik: Sie gehört nicht zum Unternehmen, sei aber, so Finger, „elementarer Bestandteil unseres Geschäftsmodells“. Cramo braucht also in Zukunft auch eine Möglichkeit, mit den Transportunternehmen digital in Kontakt zu treten. Technische Lösungen dafür sind inzwischen in großer Zahl am Markt verfügbar. Ob und wie schnell sie zur Anwendung kommen, bestimmen am Ende maßgeblich Cramos Kunden. Und wer weiß, vielleicht gelingt dem Unternehmen ja schneller als gedacht der Ausbruch aus der analog-digitalen „Parallelwelt“.