geschwungene Betonflächen im neuen Merck Innovationcenter
„Knotenpunkt für Innovationen“: Das MIC mit seinen organischen Formen, offenen Raumhöhen und gekrümmten Sichtbetonflächen stellte jede Menge Herausforderungen an den Betonbau. | Foto: BB/B_I baumagazin

SB 3 mit Betoplan: Dynamisches Raumkontinuum in Sichtbeton

DARMSTADT, 23.07.2019 – Geschwungene Linien, variable Geometrie und überall Sichtbeton: Mit seinem neuen repräsentativen Innovationszentrum will der Chemie- und Pharmakonzern Merck eine kreative Arbeitsumgebung mit einer Kultur der Offenheit verbinden. Für das ausführende Unternehmen war es eine besondere Herausforderung, die SB 3-Qualität der vielen gekrümmten Sichtbetonflächen zu erreichen.

Der Merck-Standort in Darmstadt soll sich schrittweise von einem Produktionswerk zu einem Technologie- und Wissenscampus entwickeln. Kernstück dieser Veränderung ist das Innovation Center mit einer neuen Arbeitswelt. Ein dynamisches Raumkontinuum verbindet die einzelnen Arbeitsorte zu einem räumlichen Netzwerk für Mitarbeiter und Start-ups. Baulich wurden Ecken und Geraden vermieden, stattdessen in Beton gegossene Dynamik. Eine gläserne Hülle sorgt dafür, dass alles sichtbar bleibt. Schalhaut der Westag & Getalit AG spielte bei der Umsetzung der Betongestaltung eine wesentliche Rolle, sagt Architekt Lars Teichmann vom internationalen Architekturbüro Henn. Nach dessen Plänen errichtet die Ed. Züblin AG den Rohbau.

Der an der Frankfurter Straße gelegene Gebäudekomplex mit 5-geschossigem Innovation Center sowie dem ostwärts dahinter platzierten dreigeschossigen Mitarbeiterrestaurant misst 55 m in der Breite und 97 m in der Längsausrichtung. Eine 11 m breite Freitreppe verbindet beide Bauteile. Das markante, vom öffentlichen Straßenraum 40 m zurückgesetzte Innovation Center dominiert als besonderes Highlight die Straßenfront. Der Emanuel-Merck-Platz fungiert als Brücke und verbindet die westlich und östlich der Frankfurter Straße gelegenen Werksteile optisch miteinander.


Wegweiser im MIC
Ungewöhnlicher Wegweiser durchs Raumkontinuum an
gekrümmter Sichtbetonfläche | Foto: BB/B_I baumagazin
Das Innovation Center besteht aus fünf oberirdischen und einem unterirdischen Geschoss. Seine Grundriss-Abmessungen betragen 43 m x 52 m, die Gebäudehöhe misst 25 m. Das Mitarbeiterrestaurant ist in der Grundfläche nur unwesentlich kleiner und nur 18 m hoch.

Stahlbeton mit Hohlkörper-Flachdecken


Ausgesteift und erschlossen wird der Gesamtkomplex durch die Treppenhäuser und den Aufzugskern. Schlanke Stahlbetonstützen, z.T. mit Stahlkernverstärkung übernehmen die Lastabtragung und schaffen durch ihre Optik zusätzliche Transparenz. Das Innovation Center ist ein Stahlverbundtragwerk mit Aufbeton in den Deckenbereichen, das Restaurant ein Betonbau mit Hohlkörperflachdecken auf STB-Stützen.

Die Planer beschreiben die Deckengeometrie des Gesamtkomplexes vereinfacht als den Zusammenschluss zweier gegenüberliegender Quadranten und einer brückenartigen Verbindung dazwischen. Die Decken sind geschossweise um 90° zueinander gedreht und die überwiegenden Geschossflächenteile daher zweigeschossig. Ihre Erschließungskerne liegen an den Enden einer gedachten Mittelachse. Weitläufige Rampen und breite Treppen verbinden bühnenartige Ebenen miteinander.

Ein beiläufiges Durchwandern des Hauses soll das Teilhaben an der Innovation im Unternehmen fördern, so der Architekt. Ziel der Architektur sei, das sogenannte ‚Silodenken‘ zu überwinden und Interaktion und Austausch zu generieren. „Wir ließen die Projektphilosophie und Vorgaben unseres Auftraggebers dreidimensional wie in ein Origami einfließen“, sagt Teichmann. „Diese gefaltete, origamigleiche Ordnung im Gebäude, zusammen mit der Besetzung der Mitte durch die Bühnen, lässt einen einzigartigen, kreativen Mittelpunkt entstehen.“
Foyer im MIC Darmstadt
Die Media Wall im Foyer: Die Installation von 72 Flüssigkristallbildschirmen, die sich einzeln auf und ab bewegen können, demonstriert die PSVA-Technologie von Merck. | Foto: BB/B_I baumagazin

Betoplan Top MF erfüllt alle Anforderungen


Insgesamt ca. 16.000 m³ Transportbeton der Klasse C30/37 bis hin zu C50/60 sowie ca. 2.500 t Bewehrungsstahl waren zum Bau erforderlich. Besonders hohe Aufmerksamkeit bei der Herstellung erforderten die geschwungenen Bauteile. In den unteren Bereichen musste mit Innenrüttlern gearbeitet werden, weiter oben kamen auch Außenrüttler zum Einsatz. Der Neigungswinkel der Schalung und die in der Schalung verbauten hohen Mengen an Bewehrung erforderten die Berücksichtigung spezieller Rüttelgassen, damit der angelieferte Transportbeton der Druckfestigkeitsklasse C50/60 ohne Lunkerbildung eingebaut werden konnte. Mit der melaminbeschichteten Schalhaut Betoplan Top MF verfügte man über eine Großflächenschalungsplatte, die geeignet war, die hohen Sichtbetonanforderungen zu erfüllen. Bis zu sieben Einsätze verzeichnete man mit dieser Schalhaut.

Westag bietet „Betreutes Schalen“


Als Sichtbetonanforderungen war ein SB 3 definiert. Begleitet wurden die Sichtbetonaktivitäten vom Institut für Baubetrieb an der TU Darmstadt unter der Regie von Prof. Dr.-Ing. Christoph Motzko. Gerd Ploeger, Gebietsleiter der Westag & Getalit AG, beriet die Baustelle und speziell das Sichtbetonteam, als es um die praktische Umsetzung beim Einsatz der Schalhaut Betoplan Top MF ging.
Enge Bauteil-Radien im MIC
Wegen der teilweise sehr engen Radien musste die Schalhaut mittels CNC-gesteuerter Maschinen millimetergenau gefräst werden. | Foto: Westag + Getalit
Weil viele unterschiedliche Faktoren die Qualität des Sichtbetons beeinflussen, hat man mit der richtigen Schalhaut die auf der Baustelle auftretenden Wechselwirkungen besser im Griff. Die hohe mechanische Resistenz der Oberfläche und die UV-Beständigkeit der Betoplan Top MF ermöglichten das zielsichere Erreichen einer robusten aber gleichmäßigen Betonoberfläche. Farblich, so Teichmann, war ein matter, heller Grauton gewünscht.

Schalhaut millimetergenau gerundet


Mit der Schalungsplanung und Herstellung war der Schweizer Baudienstleister Implenia AG mit seinem Schalungsbau in Bobenheim-Roxheim beauftragt. Eine vorgefertigte H20-Holzträgerschalung kam zum Einsatz, auf die die Schalhaut von hinten verschraubt war. Wegen der teilweise sehr engen Radien musste die Schalhaut mittels CNC-gesteuerter Maschinen millimetergenau gefräst werden.

Werksseitig ist die Betoplan Top MF mit einem Melaminharzfilm von 550 g/m² je Seite beschichtet und die Kanten vorversiegelt. Gerd Ploeger empfiehlt sie uneingeschränkt für alle glatten, fugenarmen Betonoberflächen mit erhöhten Anforderungen, wie sie auch an dieser Baustelle bestanden.

Das MIC in Darmstadt von außen
Das neue Innovationscenter des Darmstädter Chemie- und Pharmakonzern Merck | Foto: Jan Westphal


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