Studie:

Öffentliche Großprojekte im Schnitt 73 Prozent teurer als geplant

BERLIN, 05.05.2015 – Öffentliche Großprojekte in Deutschland kosten im Durchschnitt 73 Prozent mehr als geplant. Dabei zeigen sich große Unterschiede zwischen den verschiedenen Sektoren, so eine aktuelle Studie. Fehlkalkulationen gebe es vor allem im Planungsprozess.

Terminal am BER
Terminal am BER: Die Studie wertete auch die Projektdaten des Berliner Großflughafens aus. | Foto: Fridolin freudenfett/Wikimedia Commons

Während sich Projekte in den Bereichen Verkehr und öffentliche Gebäude durchschnittlich um 33 bzw. 44 Prozent verteuern, schlagen Energieprojekte mit 136 und IT-Projekte gar mit 394 Prozent ihres angesetzten Budgets zu Buche. Der Sektor Rüstungsbeschaffung nimmt mit durchschnittlich 87 Prozent Kostensteigerung pro Projekt einen Platz im Mittelfeld ein. Dies sind erste Ergebnisse einer Studie der Hertie School of Governance, die am 19. Mai in Berlin vorgestellt wird.

Defizite bei Entscheidern und Planern

Die Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Genia Kostka untersucht 170 in Deutschland seit 1960 realisierte Großprojekte, darunter 119 abgeschlossene und 51 noch laufende Projekte. Bei letzteren ermittelt die Studie Kostensteigerungen von bislang durchschnittlich 41 Prozent. Für alle untersuchten Projekte zusammen waren 141 Milliarden Euro eingeplant, tatsächlich kosteten sie 200 Milliarden Euro - eine Budgetüberschreitung um 59 Milliarden Euro. Kostka und ihr Team erklären Fehlkalkulationen unter anderem mit Defiziten im Entscheidungs-, Planungs- und Steuerungsprozess. Verwaltung und politisch Verantwortliche seien oftmals zu optimistisch und überschätzten ihre Fähigkeiten. Dies führe zum Beispiel dazu, dass Entscheidungsträger Vertragsbedingungen zustimmten, die der öffentlichen Hand das Risiko aufbürdeten oder Unternehmen falsche Anreize setzten.

Sektorübergreifende Kostensteigerungen pro Projekt
Sektorübergreifende durchschnittliche Kostensteigerungen pro Projekt (in %). | Grafik: Hertie School of Governance

Pionier- und Megaprojekte besonders riskant

Zu besonders hohen Budgetüberschreitungen käme es allerdings zumeist bei "Pionierprojekten" mit hohen Technologie-Risiken, z.B. der Bau von Atomkraftwerken oder Offshore-Windparks. "Wenn neue Technologien eingesetzt werden, sind die Anschubkosten hoch und die Projekte insgesamt risikoreicher. Allerdings können sich die Investitionen langfristig lohnen, weil sich Lerneffekte und der Technologievorsprung auszahlen", so Kostka.
Besonders hohe Kostenüberschreitungen ergeben sich regelmäßig bei Megaprojekten: Vorhaben mit einem Volumen von über 500 Millionen Euro werden im Schnitt doppelt so teuer wie geplant. Bei kleinen (bis 50 Millionen Euro) und mittleren (zwischen 50 und 500 Millionen Euro) Projekten stellt die Studie 78 bzw. 59 Prozent durchschnittliche Budgetüberschreitung fest.

Von Nachbarländern lernen

Ein internationaler Vergleich der Ergebnisse ist aufgrund der Datenlage schwierig. Vorhandene Studien legen ein leicht schlechteres Abschneiden Deutschlands mit vergleichbaren Ländern nahe: So liegen die Kostenüberschreitungen bei Straßen-, Schienen-, Tunnel- und Brückenbau in den Niederlanden bei 17 Prozent, in den Ländern Nordwest-Europas bei 22, in Deutschland aber bei 30 Prozent.
Um die Kosteneinhaltung von Großprojekten künftig besser überwachen zu können, empfiehlt Kostka unter anderem die Einrichtung eines nationalen Benchmarkings für Großprojekte und einer unabhängigen Kontrollagentur nach britischem Vorbild.
 
Die Studie "Großprojekte in Deutschland - zwischen Ambition und Realität" umfasst neben einer umfassenden Auswertung der Projekt-Daten drei detaillierte Fallstudien: zum Berliner Großflughafen BER, zur Elbphilharmonie sowie zu fertiggestellten Offshore-Windparks. Eine Zusammenfassung erster Ergebnisse finden Sie hier: http://bit.ly/Grossprojekte-Factsheet1.
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