Fachkräftemangel am Bau: Wer packt mit an?

KIEL, 10.09.2019 – Der boomende Bau hat ein großes Problem: Er verliert Fachkräfte, und er findet keine neuen. Wegen des schlechten Images der Baubranche findet auch zu wenig Nachwuchs den Weg in die Bauwirtschaft. Jetzt sind dringend Strategien gefragt.

von Benno Stahn

Bausimulator der Kampagne „Bau Dein Ding“
Mit Bausimulatoren will die Kampagne „Bau Dein Ding“ Interesse für Baumaschinen wecken und für den Bauberuf werben. | Foto: Bauwirtschaft Baden-Württemberg/aufwind Group

Das Bundesinnenministerium gab im März aktuelle Beschäftigungszahlen für den Bau bekannt. Danach stiegen die Erwerbstätigen im Bauhauptgewerbe im Jahr 2018 um 2 % auf 832.000 Beschäftigte an, für 2019 wird mit einem weiteren Anstieg auf 850.000 gerechnet. Dennoch leidet der Bau unter einem Fachkräftemangel, im Juni 2018 waren rund 70.000 offene Stellen nicht besetzt. Hoffnungsvoller ist die Zahl der Auszubildenden, die 2017 auf rund 13.000 und 2018 noch einmal auf rund 14.000 stiegen. Doch auch mit den neu hinzugewonnenen Auszubildenden kann das von Ruheständlern verursachte Defizit (2017: 15.500) nicht kompensiert werden.

Der Bau ist in einem Dilemma: Der Mangel an Fachkräften ist seit geraumer Zeit ein produktionsbehindernder Faktor. Eine Studie der Soka-Bau aus dem Jahr 2018 zeigt, dass nicht nur der mangelnde Nachwuchs das Problem ist, sondern auch die Abwanderung von Fachkräften aus der Bauwirtschaft. Verantwortlich seien, so die Studie, vor allem gesundheitliche und finanzielle Gründe. Besonders hart trifft das den Bau, weil es sich überwiegend um ausgebildete Fachkräfte handelt.

Abwanderung in andere Branchen


Was die Abwanderungsgründe angeht, nennt der größte Teil der Befragten (38 %) gesundheitliche Gründe, gefolgt von schlechten ökonomischen Rahmenbedingungen wie einer zu niedrigen Entlohnung (25 %), Kündigung bzw. Insolvenz des Arbeitgebers (13 %) und einer zu hohen Arbeitsbelastung (12 %). Als Zielbranche nennen die abgewanderten Fachkräfte mehrheitlich das Verarbeitende Gewerbe, gefolgt vom öffentlichen Bereich und dem Handel. Für rund 40 Prozent der abgewanderten Fachkräfte ist der Abschied aus der Branche endgültig. Vor allem jüngere Arbeitnehmer (bis 25 Jahre) können sich aber durchaus wieder vorstellen, in die Baubranche zurückzukehren.

Aus der Studie können mehrere Schlüsse gezogen werden, so die Soka-Bau: „Die harte körperliche Arbeit am Bau stellt immer noch eine besondere Herausforderung für die Arbeitnehmer dar. Dies deckt sich mit Daten zum Renteneintritt der Arbeitnehmer, die Soka-Bau vorliegen. Danach haben im vergangenen Jahr 28 % der Neurentner in der Baubranche eine Rente wegen teilweiser oder voller Erwerbsminderung bezogen, wohingegen dies nur für 18 % der gesamten westdeutschen männlichen Neurentner galt. Es wäre deshalb hilfreich, die körperliche Belastung der Arbeitnehmer wenn möglich zu reduzieren und ihnen gegebenenfalls nach längerer Tätigkeit alternative Beschäftigungsformen in Aussicht zu stellen. Dazu gehört auch, den technischen Fortschritt besser zu nutzen. Die Baubranche investiert erfahrungsgemäß im Branchenvergleich ohnehin verhältnismäßig wenig in Ausrüstungsgüter.“

Bedarf decken mit Geflüchteten?


Könnten Geflüchtete eine Lösung sein? Im Prinzip ja, sagt der Hauptverband der deutschen Bauindustrie, zwischenzeitlich bilde jetzt schon jedes fünfte Bauunternehmen Geflüchtete aus. Ausgebildete Baufacharbeiter gebe es nämlich kaum unter Geflüchteten, da eine vergleichbare Ausbildung in den Herkunftsländern gar nicht existiere. 2017 konnten 3.100 Personen aus Kriegs- und Krisenländer in die Ausbildung von Bauberufen vermittelt werden, dreimal so viel wie im Jahr zuvor. Eine Hürde stellen nach wie vor mangelnde Sprachkenntnisse, an denen häufig ein Abschluss scheitert, sowie ein unklarer Aufenthaltsstatus dar. In den Ausbildungszentren werden deshalb vermehrt Kurse für Sprachkenntnisse angeboten.

Fachkräfte aus Spanien gewinnen


Bereits seit einigen Jahren gibt es verstärkt Bemühungen, Fachkräfte aus dem europäischen Ausland für den deutschen Arbeitsmarkt zu interessieren. Bei dem IHK-Projekt „Adelante“ beispielsweise geht es um die Gewinnung von Fachkräften aus Spanien. Seit 2013 haben mehr als 200 junge Spanier/-innen allein in Niedersachsen die Gelegenheit zur Integration in den deutschen Arbeitsmarkt genutzt. Auch der niedersächsische Nutzfahrzeugvermieter Pema bildet im Rahmen dieses Programmes vier spanische Trainees zum Nutzfahrzeugtechniker aus. Nach einem vertiefenden Kurs zur Auffrischung der vorhandenen Sprachkenntnisse werden sich die vier Trainees in einer zwölfmonatigen Anpassungsqualifizierung in der Pema-eigenen Werkstatt die notwendige betriebliche Praxis aneignen. Auf dieser Basis können sich die Absolventen 2020 ihren spanischen Berufsabschluss auch in Deutschland anerkennen lassen.
Vier spanische Trainees bei Pema
Vier spanische Trainees werden bei Pema intensiv betreut und als Nutzfahrzeugtechniker qualifiziert. | Foto: Pema

Kampagne „Bau Dein Ding“ jetzt bundesweit


Es ist kein Geheimnis, dass bei einer Entscheidung für oder gegen einen Ausbildungsberuf die soziale Anerkennung insbesondere im privaten Umfeld eine Rolle spielt. Zwar punktet der Bau regelmäßig mit hohen Ausbildungsvergütungen, es gelingt jedoch nicht, die Ausgebildeten anschließend in der Baubranche zu halten. Viele verlassen nach dem Abschluss die Branche. Deshalb setzt der Bauindustrieverband auf die bundeseinheitliche Kampagne „Bau Dein Ding“, um eine Wiedererkennbarkeit zu gewährleisten und die Sichtbarkeit der Branche im Wettbewerb mit anderen Branchen zu erhöhen.

Wichtig scheint auch das Ansehen des Ausbildungsbetriebes zu sein. Daniel Wirth von der Unternehmensgruppe Hundhausen spricht aus Erfahrung: „Ein guter Ausbildungsbetrieb sollte einen festen Ansprechpartner für Nachwuchskräfte haben und darüber hinaus in wiederkehrenden Austauschgesprächen mit Auszubildenden deren Nöte und Probleme kennenlernen. Das erhöht nicht nur die Bindung an den Betrieb, damit können auch Ausbildungsabbrecher verhindert werden.“

Zukunftsinvestition in die Ausbildung


Viel Geld investiert die Firmengruppe Max Bögl, um die eigenen Nachwuchskräfte zu fördern. Rund drei Millionen Euro hat die Firmengruppe in ein modernes Ausbildungszentrum investiert. Zukünftig sollen in der rund 4.500 Quadratmeter großen Halle mit Seminar- und Schulungsräumen die über 300 Auszubildenden und dualen Studenten der Firmengruppe für ihr Berufsleben fit gemacht werden. Neben der Vermittlung von theoretischen Grundlagen und praktischen Fertigkeiten werden dabei in Zeiten der Digitalisierung und Industrie 4.0 auch moderne Technologien vermittelt. Betreut werden die Jugendlichen von einem erfahrenen und geschulten Team von hauptamtlichen Ausbildern. Neben der Ausbildung von Jugendlichen wird das Zentrum auch zur Weiterbildung von Fachkräften genutzt, um so das lebenslange Lernen zu unterstützen und die Innovationskraft der Mitarbeiter zu fördern.



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