Ist maßgeblich für den großen wirtschaftlichen Erfolg der letzten Jahre verantwortlich: Kärcher-Chef Hartmut Jenner bei der Präsentation der neuen Akku-Plattform in Winnenden.
Ist maßgeblich für den großen wirtschaftlichen Erfolg der letzten Jahre verantwortlich: Kärcher-Chef Hartmut Jenner bei der Präsentation der neuen Akku-Plattform in Winnenden. | Alle Fotos: Lommel / B_I galabau

Kärcher: Neue Plattform für Akku-Geräte vorgestellt

WINNENDEN, 20.09.2019 – Mit der Vorstellung seines „Battery Universe“ bringt der schwäbische Weltmarktführer für Reinigungstechnologie auf einen Schlag 43 neue Geräte vor und kündigt 20 weitere für nächstes Jahr an. Eine dedizierte Profi-Linie richtet sich an gewerbliche Anwender.

von Lasse Lommel

Herzstück der neuen Akkuplattform „Kärcher Battery Universe“ sind Li-Ionen Akkus mit 18 oder 36 Volt Spannung in verschiedenen Größen. Der Energiegehalt der Akkus liegt zwischen 45 Wh (2,5 Ah bei 18 V) und 270 Wh (7,5 Ah bei 36 V). Bei ihrer Präsentation im Winnender Hauptquartier betont der Hersteller das hohe Schutzniveau der Akkus. Sie sind geschützt gegen Wasser nach IPS5 (strahlwassergeschützt) sowie gegen Staub gewappnet. Ein Schutz gegen Strahlwasser geht über den bei anderen Herstellern üblichen Schutz gegen Spritzwasser aus allen Richtungen (IPS4) hinaus. Der starke Schutz vor Außeneinwirkungen führt allerdings auch dazu, dass der Akku nicht mehr belüftet werden kann, was den maximalen Ladestrom begrenzt und so längere Ladezeiten erfordert.
Schneidet Hecken und kleinere Äste, aber dank Zweihand-Bedienung und Schnittschutz keine Finger und Oberschenkel: Die neue Akku-Heckenschere für professionelle Anwender.

Schneidet Hecken und kleinere Äste, aber dank
Zweihand-Bedienung und Schnittschutz keine
Finger und Oberschenkel: Die neue
Akku-Heckenschere für professionelle Anwender.

Trotzdem sollen Anwender laut Angaben von Kärcher bei vielen Arbeiten mit einem einzigen Ersatzakku auskommen. Denn in der Regel liefen die Geräte im Einsatz nicht ununterbrochen, da nur wenige Arbeiten ihren Dauereinsatz über mehrere Stunden erforderten. So soll der Ersatzakku, der idealerweise parallel zur Arbeit mit dem ersten Akku aufgeladen wird, seine volle Kapazität erreichen bevor der erste Akku zur Neige geht. Um dem Anwender genau aufzuzeigen, wie lange er noch mit der vorhandenen Akkuladung arbeiten kann, hat Kärcher ein Display an den Akkus verbauen lassen. Während es im Stillstand die Restkapazität in Prozent angibt, zeigt es im Betrieb die Restlaufzeit in Minuten an. Zur Berechnung der Restlaufzeit mittelt die Elektronik des Akkus den Energieverbrauch über eine Laufzeit von mindestens einer Minute. Um eine verlässliche Angabe zu ihrer Restlaufzeit zu erhalten, müssen Geräte also mindestens sechzig Sekunden am Stück laufen. Während Arbeiten mit Rasenmähern, Heckenscheren oder Freischneidern häufig mit mehr als einer Minute Dauerbetrieb verbunden sind, dürfte der Mehrwehrt der Restlaufzeit-Anzeige sich bei Kettensägen oder Hochdruckreinigern in Grenzen halten, da diese Geräte häufig in kurzen Intervallen von weniger als einer Minute Länge genutzt werden.

Kärchers Akkus können innerhalb der hauseigenen Plattform „Battery Universe“ beliebig eingesetzt werden, solange die Spannung des Akkus mit der vom Gerät benötigten übereinstimmt. Einerseits ergibt sich daraus viel Freiraum für Anwender, die weitestgehend oder sogar ausschließlich auf Geräte von Kärcher setzen. Andererseits führt die Einführung einer zusätzlichen, neuen Akku-Schnittstelle zur weiteren Fragmentierung der Akku-Anschlüsse innerhalb der Industrie. Anwender, die Geräte mehrerer Hersteller einsetzen, sind so zumeist auch auf separate Akku- und Ersatzakkusets sowie unterschiedliche Ladegeräte angewiesen. Auf Nachfrage, warum man sich nicht bestehenden Standards angeschlossen habe, erläutert Kärcher-Chef Hartmut Jenner, dass die eigene Plattform hinreichend groß sei für die Etablierung eines eigenen Anschlusses und man den Akku direkt in die Entwicklung der Geräte habe integrieren wollen.

Kärcher unterscheidet im „Battery Universe“ strikt zwischen Endkunden- und Profigeräten. Letztere setzen auf effizientere und langlebige bürstenlose Elektromotoren und haben eine höhere Leistung, sodass sie häufig mit Akkus der 36 V-Klasse kombiniert werden. Auf Akkurucksäcke, wie sie bei anderen Herstellern zu finden sind, verzichtet Kärcher und integriert die Akkus stets in den Geräten selbst.

Bis zu 300 Schnitte von Stämmen mit 20-25 cm sind laut Kärcher mit einer 7,5 Ah-Akkuladung möglich. Allerdings verschwindet bereits nach dem ersten Schnitt das Logo aus dem Stamm.
Bis zu 300 Schnitte von Stämmen mit 10 cm sind laut Kärcher mit einer 7,5 Ah-Akkuladung möglich. Allerdings verschwindet bereits nach dem ersten Schnitt das Logo aus dem Stamm.

Neue Geräte für den GaLa-Bau

Mit dem Battery Universe überarbeitet Kärcher sein Portfolio von akkugetriebenen Heckenscheren. Das neue Profigerät HT 650/36 BP verfügt über eine Schnittlänge von 65 cm, einen Zahnabstand von 33 mm sowie einen Schnittschutz. Zur Schonung der Handgelenke hat Kärcher einen drehbaren Griff verbaut, sodass der Anwender je nach Arbeitswinkel schnell die für ihn optimale Position einstellen kann. Außerdem kann die Heckenschere an einem Tragegurt montiert werden. Mit einem 6 Ah-Akku sind laut Hersteller bis zu 700 m² Hecke mit einer Akkuladung beschneidbar. Eine teleskopierbare Heckenschere mit 55 cm Schnittbreite und um 180° schwenkbaren Ausleger ist als Teil eines „Multi-Tools“ verfügbar.

Multifunktionstool mit Sägen-Aufsatz. Die Akkus integriert Kärcher stets in die Geräte.
Multifunktionstool mit Sägen-Aufsatz. Die
Akkus integriert Kärcher stets in die Geräte.
Tauscht man den Aufsatz des Multi-Tools, erhält man eine teleskopierbare Kettensäge (15 m/s Kettengeschwindigkeit), einen Fadenschneider mit 38 cm Schnittbreite. Mit dem Fadenschneider sind laut Kärcher die Bearbeitung von 500 m² Fläche mit dem 6 Ah-Akku möglich bei einer Laufzeit von 45 Minuten im Turbo-Modus und 60 Minuten im Standard-Modus. Da die Ladezeit des 6 Ah-Akkus ebenfalls 60 Minuten beträgt, ist bei vorhandener Stromquelle nahe dem Einsatzort ein durchgängiges Arbeiten mit zwei Akkus möglich. Zusätzlich bietet Kärcher einen Freischneider mit zweiarmigem „Fahrradgriff“ und Hüfthalterung sowie 26 cm Stahlmesser an. Bei Bedarf kann der Kopf des Freischneiders auf Fadenbetrieb umgerüstet werden. Durch einen leichten Schlag auf den Boden wird der Faden automatisch nachgezogen.

Kettensägen: 300 Schnitte mit einer Akkuladung

Neben dem Kettensägen-Aufsatz des Multi-Tools bietet Kärcher auch stand-alone Akku-Kettensägen an, wobei die Führungsschiene und Kette auf Modellen des US-amerikanischen Herstellers Blount bzw. dessen Marke „Oregon“ basieren. Die für die professionelle Anwendung vorgesehene Kettensäge schaffe mit dem größten 7,5 Ah Kärcher-Akku 300 Schnitte à 10 cm. Die Kette der neuen, sich automatisch schmierenden Profi-Säge läuft dabei mit 23 m/s. Das nötige Werkzeug für Nachspannung und Tausch der Kette integriert Kärcher elegant in den Griff der Säge. Ohne Akku wiegt die Säge 4,5 kg. Mit 6 Ah bzw. 7,5 Ah Akku steigt ihr Gewicht auf 6 bzw. 6,5 kg.
Kärcher Akku-Rasenmäher für Profis

Im Gegensatz zum Hochdruckreiniger läuft
der neue Kärcher Akku-Rasenmäher für
professionelle Anwendungen auch mit nur
einem Akku. Trotzdem sind zwei Plätze
vorhanden um länger autark arbeiten zu
können. Neben der Restlaufzeitanzeige
am Display vorne verfügt der Rasenmäher
über eine zusätzliche LED-Anzeige oben,
sodass der Ladezustand gut für den
Bediener erkennbar ist.

Neue Rasenmäher und Laubbläser

Im Bereich Rasenpflege erweitert Kärcher sein Angebot mit einem Akku-Rasenmäher mit 53 cm Schnittbreite, 57 Liter Fangkorb und Fahrantrieb. Das Gerät passt die Motorleistung stufenlos an den Widerstand des zu schneidenden Grases an, sodass die Energie der bis zu zwei mitführbaren Akkus optimal ausgenutzt wird. So sollen laut Hersteller Flächen von 1.850 m² ohne Nachladen gemäht werden können. Der Rasenmäher verfügt über einen Metallrahmen und kann dank integrierter Feder mit nur einem Handgriff und ohne großen Kraftaufwand zwischen 3 und 11cm Schnitthöhe verstellt werden.

Soll kein Rasen gemäht, sondern Laub geblasen werden, steht der neue, als Rucksack ausgeführte Laubbläser von Kärcher bereit. Wie auch der Rasenmäher verfügt der Laubbläser über Fächer für bis zu zwei 36 V Akkus, sodass ein längeres Arbeiten ohne Akkutausch möglich ist. So erreicht das Gerät mit zwei Akkus Laufzeiten von über 100 Minuten im Standardmodus und ca. 40 Minuten im Turbomodus. Zudem ist es möglich, die gewünschte Leistung zu arretieren, sodass nicht durchgängig ein Knopf gedrückt oder ein Hebel gezogen werden muss. Die Luft strömt dabei mit maximal 65 m/s aus dem Rohr des Laubbläsers. Zu weiteren Komfortmerkmalen gehört eine in den Rucksack integrierte Vibrationsreduktion. Aktuell seien Vorserienmodelle in der Praxiserprobung, bevor spätestens im Dezember mit der Serienproduktion begonnen werde, damit das Gerät im Februar 2020 am Markt verfügbar ist, so ein Produktmanager von Kärcher. Ergänzt wird der Rucksack-Laubbläser durch ein handgeführtes Modell mit einer Luftgeschwindigkeit von bis zu 60 m/s.

B_I galabau-Redakteur Lasse Lommel erprobt ein Vorserienmodell des rucksackmontierten Laubbläsers. Die angenehm starke Leistung überzeugt im Kurztest, reicht aber nicht für den Flug ins Universum.
B_I galabau-Redakteur Lasse Lommel erprobt ein Vorserienmodell des rucksackmontierten Laubbläsers. Die angenehm starke Leistung überzeugt im Kurztest, reicht aber nicht für den Flug ins Universum.

Kabellos kärchern

Im Jahr 2018 erfolgte der Ritterschlag für den erfolgsverwöhnten schwäbischen Weltmarktführer für Reinigungstechnik mit der Aufnahme des Verbs „kärchern“ in den Duden: mit einem Hochdruckreiniger reinigen. So darf im „Battery Universe“ selbstverständlich auch ein akkubetriebener Hochdruckreiniger nicht fehlen. Dieser arbeitet mit 110 bis 150 bar und bedarf aufgrund seines hohen Energiebedarfs stets zwei 36 V-Akkus gleichzeitig. Inklusive zweier Akkus und einem Ladegerät soll das 27 kg schwere Gerät für 1.280 € auf den Markt kommen. Gerade für GaLaBau-Betriebe sei es praktisch, Werkzeuge und Maschinen unkompliziert nach dem Einsatz reinigen zu können, betont ein Kärcher-Produktmanager. Das benötigte Wasser (400 l/h) saugt der Hochdruckreiniger selbständig an; es genügt den Schlauch in einen Tank, Regentonne oder Bach zu legen.

Kärchern ohne Steckdose: Der erste akkubetriebene Kärcher-Hochdruckreiniger.
Kärchern ohne Steckdose: Der erste akkubetriebene
Kärcher-Hochdruckreiniger. Unter der Haube sitzen
zwei 36V-Akkus. Ein Betrieb mit nur einem Akku
ist nicht möglich, weil der Hochdruckreiniger mehr
Energie benötigt als ein Akku gleichzeitig zur
Verfügung stellen kann.

Alles Akku ab 2025?

Noch nicht für alle Produkte stehen die Marktpreise bereits fest, da viele Geräte erst im Laufe des nächsten Jahres erscheinen sollen. Der Preis des größten 7,5 Ah Akkus soll jedoch 300€ betragen.

Für die Zukunft erwarte Kärcher, dass ab 2025 mobile Geräte ihre Energie nur noch aus Akkus beziehen werden, so der Vorstandsvorsitzende Hartmut Jenner. Schon bis 2023 werde Kärcher eine halbe Milliarde Euro in die Entwicklung neuer Produkte stecken, so Jenner weiter. Auf die Nachfrage der B_I galabau, ob auch mit der Entwicklung akkubetriebener Kommunalmaschinen zu rechnen sei, antwortet Jenner nicht direkt, betont aber die Bedeutung von „Zero Emission“ Fahrzeugen in Innenstädten und die aktuellen Entwicklungen in der Automobilindustrie in Richtung Elektromobilität. Zwischen den Zeilen lässt sich durchaus ein „Ja“ erahnen. Was ebenfalls für die Entwicklung von alternativen Antrieben für Kommunalfahrzeuge spricht, ist, dass Kärcher wenige Tage vor dem Start des „Battery Universe“ die Übernahme von Holder, Hersteller für Multifunktionsfahrzeuge, vollzogen hat. Der Reutlinger Hersteller mit 215 Mitarbeitern hat bereits Kommunalfahrzeuge mit Hybridantrieb im Angebot, sodass Kärcher durch die Übernahme sein Knowhow in diesem Bereich schlagartig erhöht.