Verein Grünclusiv fördert Stadtgrün

NÜRNBERG, 03.12.2019 – Auf dem ehemaligen AEG-Gelände in Nürnberg feierte der gemeinnützige Verein Grünclusiv im September sein 20-jähriges Jubiläum. Die Vorträge in den Räumen der Bayerischen Architektenkammer erinnerten an erfolgreich gemeinsam umgesetzte Projekte.

Nach den Festreden wurde eine Günclusiv-Kletterrose auf dem AEG-Gelände gepflanzt.
Nach den Festreden wurde eine Günclusiv-Kletterrose auf dem AEG-Gelände gepflanzt. (v.l.n.r.): Frank V Herrmann, Umweltreferent Dr. Peter Pluschke, Rainer Goldmann, Daniela Bock und Bertram Schultze. | Fotos: Peter Dörfel

Ursprünglich entstand der Verein aus dem „Grünen Tisch“ der Grünen Branche rund um die GaLaBau-Messe in Nürnberg. Aber aus der Gesprächsrunde entwickelte sich bald mehr: Zweck des Vereins wurde die Entwicklung und Förderung von Stadtgrün-Projekten in der Metropolregion Nürnberg. Er bildet ein Forum zum Wissens-, Erfahrungs- und Meinungsaustausch und fördert die Durchführung von Veranstaltungen, Patenschaften etc. zu regionalen, stadttypischen Themen des Naturschutzes und der Freiraumgestaltung. Dazu organisiert der Verein Modellprojekte, Informationsveranstaltungen, Vorträge und Schulungen für Mitglieder und die interessierte Öffentlichkeit.

Die bekanntesten Projekte sind das „Verkehrsgrün Silbersommer“ in Nürnberg, der Modellversuch zur Vertikalbegrünung zusammen mit der Stadtentwässerung Nürnberg und der Landesanstalt in Veitshöchheim, Kübelbäume, modulare Gärten, temporäre Gärten (z.B. auf der „Bio erleben“ auf dem Nürnberger Hauptmarkt), Versickerungskonzepte, neuartige Baumquartiere (Stockholmer Methode) und viele mehr. Der Verein versteht sich als Impulsgeber für neue Entwicklungen im Stadtgrün und als schnelle Eingreiftruppe bei der Umsetzung von Pilotprojekten. Grünclusiv hat bundesweit rund. 30 (Förder-)Mitglieder aus der Grünen Branche, darunter Landschaftsarchitekten, GaLaBau-Betriebe, Zulieferer und Dienstleister. Anlässlich des 20-jährigen Vereinsbestehens ließen der 2. Bürgermeister der Stadt Nürnberg Christian Vogel sowie der Umweltreferent Dr. Peter Pluschke die Zusammenarbeit Revue passieren. Danach beleuchteten drei Vorträge die spannendsten Projekte aus dieser Zeit.

Living Walls

Jürgen Eppel, Leiter des Instituts für Stadtgrün und Landschaftsbau an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, lieferte den Erfahrungsbericht über die Living Walls in Nürnberg. Grüne Klimafassaden sollen die urbane Hitze mildern. Erfahrungen hätten gezeigt, dass die bioklimatische Wirkung mit Flächenausdehnung, Blattflächenindex und Polsterbildung zunimmt. Die wandgebundene Begrünung sei vertikal als Modulsystem oder flächig bepflanzt, horizontal als Regal- oder Rinnensystem, oder Boden gebunden mit Selbstklimmern und Gerüstkletterpflanzen möglich. Im Oktober 2013 erstellten Grünclusiv Mitglieder zusammen mit der Stadtentwässerung und Umweltanalytik Nürnberg, der LWG Veitshöchheim und den Systemherstellern Humko, Optigrün, 90degreen und Vertiko Versuchswände in Nürnberg. Die wandgebundenen Begrünungen wurden hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit verglichen. Seit Mai 2018 ist die Klima-Forschungs-Station in Würzburg in Betrieb. Hier trifft Erdwärme auf die Klimafassade als alternative Systemvariante für konventionelle Wärmedämmverbundsysteme.

Naturnahes Stadtgrün

Kerstin Gruber, Dipl.-Ing. (TU) Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin aus Neustadt a.d. Aisch sprach über die Herausforderungen, denen sich das Stadtgrün der Zukunft stellen muss. Wie kann naturnahes Stadtgrün dazu beitragen, eine Vielfalt zu bieten, die für den Erhalt der Biodiversität notwendig ist? Sind heimische Wildpflanzen eine Antwort auf den Klimawandel? Ihr Fazit: Verschiedene Beispiele aus der Praxis zeigen, dass sich Ansaaten mit Wildpflanzen nicht nur in der Landschaft, sondern auch in Siedlungen lohnen. Im Projekt ‚Modulare Gärten‘ wollten Grünclusiv Mitglieder mit einfachen Rezepten zum Bau von speziellen Pflanzenstandorten eine praktische Anleitung anbieten, um die Akzeptanz von Wildpflanzen zu fördern. Diese Bausteine wurden bspw. Kindergärten angeboten.

Anlässlich der „Bio erleben“ wurde das Pflanzenthema noch um Strukturen erweitert, um zu zeigen, was Artenvielfalt fördern kann. Hierbei ging es vor allem darum, richtige Nisthilfen von falschen oder unnützen zu unterschieden und Lebensraumstrukturen wie Steine, Sand und Totholz als dekorative Elemente in der Freiraumgestaltung zu zeigen. Auch habe man zu erklären versucht, warum gerade Wildpflanzen für den Erhalt der teilweise spezialisierten Insekten wichtig sind. In der Architektur gebe es seit Jahren den Begriff „Animal-Aided-Design“. Warum täten sich Landschaftsarchitekten trotzdem so schwer damit, dieses Wissen in ihre Planungen zu integrieren?

Baumquartiere nach der ‚Stockholm Methode‘

Dipl.-Ing. (TU) Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin Daniela Bock stellte das Projekt ‚Innerstädtische Regenwasserbewirtschaftung‘ mit dem Schwerpunkt Baumquartiere vor. Stadtbäume treffen häufig auf ungünstige Lebensbedingungen. Ein hohes Maß an Versiegelung bei zu kleinen Baumscheiben, starke Bodenverdichtung, Baumaßnahmen und fehlendes Bodenleben machten den Bäumen das Leben schwer. Die ‚Stockholm-Methode‘ jedoch biete Vorteile für den Baumstandort und fördere die Baumgesundheit. Diese Methode legt Wert auf einen strukturstabilen und überbaubaren Wurzelraum, was zu erhöhtem Wurzelvolumen führt. Der Niederschlag angrenzender Flächen und angrenzender Gebäude wird zur Baumbewässerung genutzt.

Das komme nicht nur den Stadtbäumen zugute, sondern verbessere auch die Abflussdynamik eines Siedlungsgebietes, fördere die Grundwasserneubildung, entlaste die Kläranlagen und wirke Wasser reinigend. Im Nürnberger Heugässchen wurden daher von Grünclusiv bei der Neugestaltung und optischen Aufwertung eines öffentlichen Parkplatzes die Erfahrungen aus Stockholm genutzt, um die Baumstandorte zu verbessern. Der neue Planungsansatz sah vor, die Gefällerichtung der Stellplätze zu drehen. Das Niederschlagswasser wurde durch das auf Lücke gesetzte Anfahrbord in die modellierte Pflanzfläche geleitet und bewässert somit die neuen Straßenbäume. Der mittels Skeletterde ausgebildete Wurzelraum bleibt langfristig strukturstabil und nimmt dadurch zuverlässig Niederschlag auf. Die Bäume können sich gesund entwickeln.

Mit einem Mittagssnack und der Gelegenheit zum fachlichen Austausch endete die Jubiläumsfeier. Daniela Bock (1. Vorstand) dankte Bürgermeister Christian Vogel sowie dem Umweltreferenten Dr. Peter Pluschke für ihre Worte. Ihr Dank ging auch an die Stadträte Britta Walthelm und Thorsten Brehm sowie den Leiter des Grünflächenamtes der Stadt Fürth Ernst Bergmann sowie viele Vertreter von SÖR für ihr Interesse und ihre Unterstützung. „Lassen Sie uns alle im Dialog bleiben und noch viele spannende Stadtgrün Projekte ‚ausbrüten‘“, wünscht sich die Landschaftsarchitektin.

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