DVNW-Umfrage 2019: Die Digitalisierung der Beschaffung ist noch nicht überall angekommen

BERLIN, 29.11.2019 - Eine Mitgliederumfrage des Deutsche Vergabenetzwerks (DVNW) zum Stand des öffentlichen Auftragswesens in Deutschland hat bestätigt: Bei der Digitalisierung der öffentlichen Beschaffung gibt es aktuell noch Nachholbedarf.

Im September hat das Deutsche Vergabenetzwerk (DVNW) die öffentlichen Auftraggeber und bietenden Unternehmen unter seinen Mitgliedern um Einschätzung der aktuellen Situation im öffentlichen Auftragswesen gebeten.

Die Ergebnisse der Mitgliederbefragung liegen nun vor.

Die 403 Befragten haben bestätigt: Die letzten Vergaberechtsreformen haben die Digitalisierung des Vergabewesens stark nach vorn getrieben. Doch bei der Umsetzung gibt es Nachholbedarf. Außerdem wird kritisiert, dass die Privatwirtschaft über zu wenig Kenntnis des Vergaberechts verfüge, um erfolgreich den Weg zum öffentlichen Auftrag zu finden.

Auswertung der Umfrage

  • Ungenutzte Potenziale in der Vergabeorganisation
    Der Gesetzgeber habe durch die letzten Vergaberechtsreformen die Digitalisierung der Vergabe (eVergabe) weit nach vorne getrieben, um diese effektiver und effizienter zu gestalten.
        In der aktuellen DVNW-Umfrage gaben nur rund zwei Drittel der Befragten (69 Prozent) an, diese Vorgaben in ihrer Organisation bereits vollständig umgesetzt zu haben.

    Über die gesetzlichen Anforderungen zur eVergabe hinaus böten am Markt erhältliche Vergabemanagementlösungen öffentlichen Auftraggebern die Möglichkeit, beispielsweise in Form einer vollständigen elektronischen Vergabeakte, Prozesse operativ zu straffen.
        Die Umfrage ergab, dass derzeit nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent) mit solchen Lösungen arbeiten. Weitere 14 Prozent der Befragten gaben an, dass eine Einführung geplant sei.

    Eine weitere Stellschraube für mehr Effizienz böten zentralisierte Beschaffungsorganisationen im eigenen Haus.
        Die Befragten gaben an, dass derzeit weniger als 70 Prozent in einer solchen zentralen Beschaffungsorganisation arbeiten. Nur 46 Prozent führen mit anderen Auftraggebern über Verwaltungsgrenzen hinweg gemeinsame strategische Beschaffungen durch.

    Dazu Marco Junk, Geschäftsführer des DVNW: „Forschung und Politik argumentieren seit langem, die teils erheblichen Einsparpotenziale durch größere Auftragsvolumina sowie eine Minimierung der Verwaltungskosten zu heben, insofern bleibt ganz offensichtlich noch einiges Potenzial ungenutzt“.

  • Zu wenig Personal
    70 Prozent der Befragten gaben an, dass in ihrer Organisation ein struktureller Personalengpass besteht und die Gewinnung von neuem Personal schwierig sei.
        Gemäß Umfrage ist die Identifikation mit der eigenen Aufgabe bei 84 Prozent hoch. Gemessen an der mit dem Aufgabengebiet verbundenen Verantwortung gaben 41 Prozent der Befragten an, keine angemessene Vergütung zu erhalten.

    Dazu Marco Junk: „Öffentliche Auftraggeber tragen eine enorme Verantwortung – von der effizienten Verwendung der Haushaltsmittel über die Förderung des Wettbewerbs bis zur Berücksichtigung der mit der Vergabe verfolgten politischen Zielsetzungen, wie z.B. der Beachtung von Umwelt- und Sozialstandards. Wer hier am Personal spart, spart am Ergebnis“

  • Zu wenig Kenntnis des Vergaberechts in der Privatwirtschaft
    Das Vergaberecht gilt als komplex und teils schwer zugänglich.
        69 Prozent der Befragten gaben an, dass das Vergaberecht für sie als Auftraggeber zu kompliziert ist. 90 Prozent glauben, dass es für Bieter zu kompliziert ist.

    Dazu Marco Junk: „Umso wichtiger sind daher Information, fachlicher Austausch und gegenseitiges Verständnis, wozu eine Organisation wie das Deutsche Vergabenetzwerk (DVNW) beitragen möchte“.

    Gerne werde öffentlichen Auftraggebern der Vorwurf gemacht, dass sie die Marktsituation nicht hinreichend einschätzen könnten und daher ihre Vergaben an Entwicklungen bei Produkten, Dienstleistungen sowie Preisen und Kapazitäten vorbei formulieren würden.
        Dabei gaben knapp zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) an, das Instrument Markterkundung zu nutzen. Umgekehrt kritisieren 85 Prozent der DVNW-Mitglieder mangelnde Kenntnisse des Vergaberechts auf Seiten der auf öffentliche Ausschreibungen bietenden Privatwirtschaft, was den Zugang zum Auftrag erheblich erschwert. Dieses Bild spiegelt in der mangelnden Resonanz auf Vergabeverfahren: 56 Prozent der Befragten sind mit dieser unzufrieden.

    Bei der Nutzung der Vergabeverfahrensarten Innovationspartnerschaft und wettbewerblicher Dialog, die Auftraggeber für komplexe Aufträge und Entwicklung von Innovationen mit der Wirtschaft nutzen können, zeigt sich Zurückhaltung.
      Dass beide Verfahrensarten bisher nicht genutzt werden, gaben je Verfahrensart 70 bis 80 Prozent der Befragten an. Auch seien derzeit bei weniger als 5 Prozent Verfahren dieser Art überhaupt in Planung.

  • Eigenständige VOB/A erhält weniger Zuspruch
    Mit den letzten großen Reformen hat der Gesetzgeber das Vergaberecht umfassend neu strukturiert. So wurde beispielsweise die zuvor eigenständige Vergabeordnung für freiberufliche Leistungen (VOF) in die komplett überarbeitete Systematik der Verordnung über die Vergabe öffentlicher Aufträge (VgV) integriert.

    Für Vergaben unterhalb der EU-weit geltenden Schwellenwerte wurde die Vergabe- und Vertragsordnung für Leistungen (VOL/A) durch die Unterschwellenvergabeordnung (UVgO) auf Bundesebene und mittlerweile fast vollständig auf Länderebene abgelöst.

    Eigenständig existiert noch die Vergabe- und Vertragsordnung (VOB/A). Wirtschafts- und Innenministerium des Bundes prüfen derzeit, inwiefern hier weitere Anpassungen erfolgen könnten. Die deutsche Bauwirtschaft hat sich über ihre Verbände klar zum Erhalt der VOB/A ausgesprochen.
        Jeder Dritte Befragte (34 Prozent) sieht das auch so. Fast die Hälfte (47 Prozent) geben an, für eine Integration der VOB/A in die VgV zu sein.
Zum DVNW

Im Deutschen Vergabenetzwerk (DVNW) sind Experten und Entscheider im Vergaberecht vernetzt. Die Mitglieder kommen aus der Verwaltung, Wirtschaft, Rechtspflege, Wissenschaft, der Politik, von Organisationen und NGOs sowie großen und mittelständischen Unternehmen.

(Quelle: Pressemitteilung Deutsches Vergabenetzwerk -DVNW) | B_I MEDIEN

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