Heimische Wildpflanzen: Artenvielfalt wird gefördert

AHORN, 04.12.2019 – Um die Ziele und Maßnahmen rund um den Klimawandel und das Artensterben umsetzen zu können, braucht es im Gartenbau und in der Landwirtschaft neben einem neuen Naturbewusstsein innovative Ideen. Wildgräser, Wildkräuter und Wildgehölze können bei diesem Ansatz eine wichtige Rolle spielen.

Von Kerstin Lüchow, Ahorn

Der Saatgutbetrieb Rieger-Hofmann hat dieses Jahr 1.900 Kulturen im Anbau. | Foto: www.film-webfabrik.de
Der Saatgutbetrieb Rieger-Hofmann hat dieses Jahr 1.900 Kulturen im Anbau. | Foto: www.film-webfabrik.de

Für die Arbeit mit Wildpflanzen bedeutet dies, dass ökologisch wertvolle Blühstreifen, naturnahes Stadtgrün oder private Naturgärten nur angelegt werden können, wenn echtes, zertifiziertes Wildpflanzensaatgut auf dem Markt verfügbar ist und der Kunde es eindeutig erkennen kann. Darüber hinaus entscheidet ein gutes gärtnerisches Praxiswissen über Aussaattechnik, Bodenvorbereitung, Standortansprüche und Pflege über den Erfolg oder Misserfolg bei der Anlage von Wildblumenflächen.
Bei der Aussaat von Wildpflanzen oder der Pflanzung von Wildgehölzen muss beachtet werden, dass ab 1. März 2020 die Übergangsregelung endet und die Ausbringung gebietsfremden Saatguts in der freien Natur nach § 40(4) Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) genehmigungspflichtig ist.

Wildpflanzenkultur und Biologische Vielfalt

Um ökologisch wertvolle Blühflächen mit Wildgräsern, Wildkräutern und Wildgehölzen anlegen zu können, braucht es viel Erfahrung und eine langjährige Fachpraxis. Gerade in diesem Bereich werden Fachkräfte dringend benötigt, doch die Sparte Naturgartenbau ist bis heute nicht offiziell in der Gartenbaubranche verankert. Weder in der gärtnerischen Ausbildung noch im Gartenbaustudium wird gelehrt, wie naturnahe Flächen mit regionalem Wildpflanzensaatgut oder vielfältige Biotope anlegt werden können. Wissenschaftliche Studien sind in diesem Bereich rar, landwirtschaftliche oder gartenbauliche Beratungsdienste existieren nicht. Interessierte Gärtner, Biologen und Landschaftsarchitekten müssen sich das Wildpflanzenwissen seit über 35 Jahren durch Fachbücher, Tagungen, mündliche Überlieferungen oder eigene Erfahrungen aneignen.

Besonders die Kultur von Wildpflanzensaatgut erfordert flexible und entscheidungsfreudige Produzenten, denn jede Wildpflanzenart stellt besondere Ansprüche an Aussaat, Erntemethode, Erntezeitpunkt und Aufbereitung für Lager und Handel. In Großbetrieben wie der Rieger-Hofmann GmbH im hohenlohischen Raboldshausen gibt es deshalb neben den landwirtschaftlichen Standardgeräten viele speziell für die Wildsamenernte und Wildsamenreinigung umgebaute Maschinen und Geräte. Doch nicht nur jede Kultur, auch jede Saison und jede Ernte sind anders. Für die seltenen biotischen und abiotischen Probleme bei Wildpflanzenkulturen gibt es keine Empfehlungen, Abwehrmaßnahmen bei Vogelfraß, Käferfraß, Hasen oder Rehen müssen sich die Betriebe selbst erarbeiten. Hinzu kommt die Kultur vieler verschiedener Wildpflanzenarten in relativ kleinteiligen Flächen, was sich einen höheren Arbeitszeitaufwand bedeutet.

Die Gemeinnützige Wohnungsbau-Gesellschaft Ingolstadt (GWG) wandelte über 20.000 m2 Rasenflächen in artenreiche Wildblumenwiesen um
Die Gemeinnützige Wohnungsbau-Gesell-
schaft Ingolstadt (GWG) wandelte über
20.000 m2 Rasenflächen in artenreiche
Wildblumenwiesen um. In der B_I galabau
Ausgabe 1+2 2020 wird über das Projekt-
beispiel „Tiefgarage Äußerer Buxheimer
Weg“ berichtet. | Foto: GWG Ingolstadt

Eine hohe logistische Herausforderung besteht auch darin, gebietseigene Wildsamenmischungen und Einzelsaaten in acht Produktionsräumen mit insgesamt 22 Ursprungsgebieten Deutschlands anzubauen, vorrätig zu halten und zu vermarkten. Um gebietseigenes Saatgut anbieten zu können, schlossen sich 20 Erzeuger und Händler im Jahr 2005 zum Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten (VWW) zusammen, darunter auch die Rieger-Hofmann GmbH. Die Mitgliedsbetriebe garantieren seit der Gründung die höchsten fachlichen Standards im Wildblumenanbau und Wildblumenhandel. Das mit der Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörden in der Natur gesammelte Basissaatgut wird auf landwirtschaftlichen Ackerflächen professionell vermehrt. Erst dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, wenigstens einen Teil der bundesweiten Nachfrage zu decken.

Von der Sammlung der Wildsamen über die regionale Vermehrung bis zum Verkauf unterliegen gemäß VWW alle Schritte einem strengen Regelwerk und werden lückenlos dokumentiert. Die Einhaltung kontrolliert eine unabhängige Kontrollstelle (ABCERT AG), das Siegel „VWW-Regiosaaten“ vergibt eine unabhängige Kommission. Qualität und Transparenz sind wichtig auf einem wachsenden Saatgutmarkt für Wildpflanzen, damit Blühflächen und Biologische Vielfalt mehr als Schlagworte sind.

BMU-Maßnahmenprogramme

In Deutschland ist es noch nicht gelungen, die Belastungen der Umwelt so zu verringern, dass sich die biologische Vielfalt ausreichend regenerieren kann. Nach den „Nationalen Strategien zur biologischen Vielfalt“ (2007), der „UN-Dekade der biologischen Vielfalt“ (2011-2020), der „Naturschutz-Offensive 2020“ und dem Aktionsprogramm „Insektenschutz 2019“ hat die Bundesregierung dieses Jahr beschlossen, ihre Anstrengungen noch einmal zu erhöhen, um die Arten- und Biotopvielfalt in den Städten zu fördern. Mit dem neuen Maßnahmenprogramm „Masterplan Stadtnatur“ sollen die Kommunen zukünftig noch stärker durch konkrete Förderungen, Arbeitshilfen und rechtliche Anpassungen im Bundesnaturschutzgesetz unterstützt werden. Wettbewerbe für Insektenschutz, ökologisch orientierte Schulungen und Informationsmaterial sollen zusätzlich bei der Öffentlichkeitsarbeit helfen.

95-03 (Portraitfoto Kerstin Lüchow)
Kerstin Lüchow ist Agraringenieurin
(Gartenbau), freie Journalistin, Referentin
und Amateurfotografin. Sie arbeitete 17
Jahre als Geschäftsstellenleiterin im
Naturgarten e.V. www.naturgartenvielfalt.de

Mehr Natur im Siedlungsraum

Um die Natur vor der Haustür wieder erlebbar zu machen, gibt es zahlreiche kommunale Blühflächenprogramme und private Initiativen. In vielen Kommunen entstehen insektenfreundliche Blühflächen, Hummel-Wellness und Wildbienenhäuser. Auch das Angebot an Wildblumenmischungen und die Zahl der Saatgutanbieter steigen kontinuierlich. Aus dem Wunsch, aktiv etwas für die Artenvielfalt zu tun, ergeben sich manchmal mehr Fragen als Antworten: Wo gibt es gute Beratungen? Wie gelingt die Umstellung? Wie werden die Flächen gepflegt? Wo und zu welchem Preis wird geeignetes Wildpflanzensaatgut angeboten?

Alle Freiflächen innerhalb von Siedlungsräumen, die für die Artenvielfalt von Bedeutung sind, sind wichtige Trittsteinbiotope. Sie verbinden als wichtige Ersatzlebensräume für bedrohte Pflanzen- und Tierarten die Städte und Dörfer mit der umliegenden Landschaft und umgekehrt. Darüber hinaus sind sie wichtige Frischluftschneisen und Naherholungsräume in der Stadt. Natur in der Stadt steigert die Lebensqualität, Gesundheit, Bewegungsmöglichkeit und Naturerfahrung. Besonders Kinder profitieren von naturnahen Spielräumen, hier können sie Eigenverantwortung, Kreativität, Sozialverhalten und motorische Fähigkeiten erlernen und stärken.

Unabhängig von den politischen Maßnahmenprogrammen haben viele Kommunen bereits artenreiche, innerstädtische Lebensräume angelegt. Naturnahes öffentliches Grün, Ausgleichsflächen, Spielräume, Privatgärten, Gewerbegrün, Friedhöfe oder Stadtwälder wurden und werden immer häufiger mit Wildpflanzen eingesät. Pestizidverzicht, naturnahe Pflege und ökologische Baumaterialien sind fester Bestandteil dieser Anlagen.

Ein naturnahes Projektbeispiel im Siedlungsraum und ein neu angelegtes Biotop in freier Landschaft stellt Kerstin Lüchow in der B_I galabau Ausgabe 1+2 2020 vor.

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