Schlauchliner: 50 Jahre Nutzungsdauer und mehr – mit Sicherheit?

HAMBURG, 3.1.2020 – Messtechnik, Qualitätsanforderungen und automatisierte Produktionsverfahren haben der Produktkategorie Schlauchliner längst zum Erfolg „in Serie“ verholfen. Die Nutzungsdauer von 50 Jahren ist ein gängiger Zeitraum, mit dem Auftraggeber planen. Wie sicher ist das eigentlich?

„Die Schlauchlinersysteme spielen ihren Trumpf nicht nur über die schnelle Einbaubarkeit aus, sondern über die Dauerhaftigkeit, die weit über den Abschreibungszeitraum hinaus zu erwarten ist. Das gilt aber nur dann, wenn die Systeme anforderungsgerecht eingebaut wurden“, sagt Andreas Haacker, Geschäftsführer von Siebert + Knipschild. Im Labor seines Unternehmens werden jährlich mehrere tausend Proben aus Schlauchliner-Baustellen geprüft.
Auf Seiten der Auftraggeber werde immer deutlicher, dass die langfristige Perspektive unabdingbar mit Planung und Minimierung der Ausführungsrisiken verknüpft ist und sich die sichere Langfristigkeit dann ergibt, wenn entsprechend der geltenden Regelwerke eingebaut und überwacht wird. „Um eine Nutzungsdauer von 50 Jahren und mehr zu erreichen, muss ein höherer Aufwand schon bei der Planung in Kauf genommen werden – zum Beispiel zur konkreten Profilvermessung und Lageerfassung des Altrohrsystems“, ergänzt Markus Vogel, Geschäftsführer von Vogel Ingenieure aus Kappelrodeck.

„Nicht am falschen Ende sparen“

Wie passt ein solcher Aufwand mit dem Kostendruck bei kommunalen Auftraggebern zusammen? Die erwartete technische Nutzungsdauer von 50 Jahren führt nach Ansicht von Vogel und Haacker in der Praxis immer noch zu einem Trugschluss. „Es gibt Auftraggeber, die der Ansicht sind: Ich schreibe aus und bekomme automatisch ein Serienprodukt, das für ein halbes Jahrhundert ausgelegt ist. Deshalb muss ich mich selbst nicht darum kümmern“, weiß Haacker aus seinen Erfahrungen, die auch Markus Vogel wahrnimmt. „Am Ende ist es aber leider anders: Wer sich nicht von der Planung weg bis zur Qualitätssicherung von den Regelwerken leiten lässt, verursacht seinerseits ggf. minderwertige Ergebnisse und spart am falschen Ende“, so Vogel.

Schlauchlining ist für den Abwasserbetrieb Fulda seit vielen Jahren das Verfahren der Wahl zur Instandhaltung. Zum Abwassernetz gehören 700 km Leitungen in der Stadt Fulda sowie in den Gemeinden Petersberg und Künzell.
Schlauchlining ist für den Abwasserbetrieb Fulda seit vielen
Jahren das Verfahren der Wahl zur Instandhaltung. Zum
Abwassernetz gehören 700 km Leitungen in der Stadt Fulda
sowie in den Gemeinden Petersberg und Künzell.

Netzbetreiber berichten aus der Praxis

Dass es auch anders geht, kann Falk Berger vom Abwasserbetrieb der Stadt Bruchsal bezeugen: „Die Nutzungsdauer einer grabenlosen Sanierung spielt eine sehr große Rolle bei uns. Dies ist insbesondere von Bedeutung, weil wir 60 Jahre lang abschreiben und uns einige Liner nach bereits 18 Jahren Bauchschmerzen bereiten. Hier ist die Ursachenforschung extrem wichtig, damit keine falschen Schlüsse zur Qualität gezogen werden.“ Generell sei das Schlauchlining für den Abwasserbetrieb seit vielen Jahren das Verfahren der Wahl zur Instandhaltung. „Die grabenlosen Technologien haben sich als die Art der Kanalsanierung schlechthin etabliert und hohe Anerkennung auch in der Politik der Stadt Bruchsal erreicht“, so Berger. Die Stadt Bruchsal setze auf eine sehr gründliche Planung im Vorfeld von Sanierungsmaßnahmen.

Substanzwerterhaltung als Aufgabe für Generationen

Peter Geffe ist Leiter der Kanalabteilung des Abwasserverbandes Fulda und zuständig für ein rund 700 km langes Kanalnetz im Bereich der Stadt Fulda sowie den Gemeinden Petersberg und Künzell. Er plant ebenfalls eher auf lange Sicht: „Wir haben in unserem Abwasserverband ein Substanzwerterhaltungskonzept. Es geht um den Erhalt des größten Anlagevermögens, das die Kommune besitzt – mit vertretbarem Aufwand.“ Die politischen Gremien tragen sein Konzept der gründlichen Planung und Überwachung mit, auch wenn dies vermeintlich erhöhte Kosten mit sich bringt. „Unsere Aufgabe ist es, generationenübergreifend die Abwasserbehandlung und -ableitung dauerhaft zu gewährleisten. Es geht darum, ein wirtschaftliches Produkt zu erhalten, wobei der Preis nicht das ausschlaggebende Kriterium darstellt. Wirtschaftlichkeit bedeutet auch, dass wir dem Gebührenzahler gegenüber verantwortlich handeln und eine sichere Sanierung gewährleisten“, so Geffe. Wichtig sei eine gute Grundlagenermittlung, die TV-Untersuchung mit einem entsprechenden Standard, die Wahl geeigneter Verfahren und eine konsequente Überwachung.

Im Abwasserverband Fulda setzt man auf langfristige Planung von Sanierungsprojekten. „Es geht um den Erhalt des größten Anlagevermögens, das die Kommune besitzt – mit vertretbarem Aufwand.“
Im Abwasserverband Fulda setzt man auf langfristige Planung von Sanierungsprojekten. „Es geht um den Erhalt des größten Anlagevermögens, das die Kommune besitzt – mit vertretbarem Aufwand.“ | Fotos: Abwasserverband Fulda

Optimale Dimensionierung im Schlauchlining

Im Labor von Siebert + Knipschild lässt sich nach Auskunft von Andreas Haacker direkt ablesen, wie es um die Qualität in der grabenlosen Sanierung steht. „Mit der zunehmenden Verbreitung des Schlauchlinings wird deutlich: Ein Produkt, das unter der Erde entsteht, verlangt vom Auftraggeber viel Vertrauen und zugleich viel Hintergrundwissen für einen geschlossen Kreis von Planung, Ausführung und Qualitätssicherung. Das wichtigste dabei: Alle Anforderungen an Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit müssen erfüllt sein.“ In den Schlauchlinerproben zeige sich die insgesamt gestiegene Qualität, aber auch die Unterschiede, die vornehmlich bei Planung und Ausführung zustande kommen. „Es ist so, dass noch nicht alle verfahrenstechnisch erforderlichen Angaben hinreichend genau definiert sind – da kommen die aktuellen Regelwerke an ihre Grenzen“, erklärt Haacker. So fehlten aktuell eindeutige Herstellerangaben zur Dehnfähigkeit. Auch eine bessere Definition der Härtungsprozesse in Abhängigkeit von den jeweils verwendeten Lichthärtungsquellen sei wünschenswert.
Die Folgen sieht Haacker fast täglich im Labor. „Eine fehlerhafte Dimensionierung des Schlauchliners führt zu übermäßigen Reinharzschichten, mangelnde Härtung und kritische Faltenbildung. Die Kunst liegt dann in der Bewertung dieser Mängel, denn es ist keinesfalls so, dass eine Falte zum Beispiel bei Bögen als Fehler zu deuten ist“, so Haacker. Mit einer Falten-Kategorisierung, die das Labor entwickelt hat, können Planer, Auftragnehmer und Auftraggeber eine bessere Einschätzung treffen.

In Sachen Dehnung eine einheitliche Sprache sprechen

Markus Vogel sieht eine bessere Verzahnung aller Beteiligten als Schlüssel zum flächendeckenden Vertrauen ins Schlauchlining. „Wenn auf der Baustelle etwas Unvorhergesehenes passiert ist, liegt die Ursache häufig in falschen Planungsentscheidungen. Bezogen auf die Schlauchlinerplanung hat die konkrete Profilmaßbestimmung eine hervorgehobene Bedeutung. In kaum einem sanierten Rohr steckt nach meiner Erfahrung das Maß drin, das außen draufsteht“, bemängelt Vogel. Bei einer Sanierungsmaßnahme, die das Ingenieurbüro begleitet hatte, wichen die realen Rohrdurchmesser vom Plandurchmesser innerhalb einer Haltung um 2 bis 10 Prozent ab. Sehr viele durchgeführte Profilmaßbestimmungen zeigen, dass solche Varianzen schon innerhalb einer einzigen Haltung auftreten.
Hinzu komme die Tatsache, dass die Dehnfähigkeit der Liner bislang nicht Gegenstand des Eignungsnachweises ist. Die Liner-Dehnfähigkeit unterscheide sich von Produkt zu Produkt nennenswert, so Vogel. „In der Planung brauchen wir konkrete Angaben zur Dehnfähigkeit, um dies mit den konkreten Profilmaßen abgleichen zu können, damit eine VOB-konforme Ausschreibung ohne unnötige Risiken möglich wird.“ Nach einer schriftlichen Umfrage bei den Herstellern stellte sich heraus, dass die Angaben erheblich voneinander abwichen und allein die Begrifflichkeiten zu Missverständnissen führten. „Es könnte schon helfen, bei der Dehnung eine einheitliche Sprache zu sprechen. Wenn Hersteller eindeutig angeben können, wie stark der Liner unter welchen Bedingungen gedehnt werden kann, wird dies in der Praxis schon sehr viel Klarheit in die Sache bringen“, meint Vogel.

Faktor Mensch im Schlauchlining

Ein Anliegen, das auch Falk Berger unterstützt: „Das Vertrauen in das Produkt wird aus meiner Sicht gestärkt, wenn die Schlauch- und Harzhersteller, aber auch die Reinigungsunternehmen ganz ‚gläsern‘ mit allen Themen umgehen, die beim Schlauchlining passieren können. Es sollte das Ziel sein, ein Bauwerk, das im Freien unter viel mehr unberechenbaren Einflüssen entsteht, möglichst perfekt im Sinne von Laborbedingungen herstellen zu können. Der Einflussfaktor Mensch ist hier schon schwierig genug zu handhaben.“ Allein die Profilmaßbestimmung, die in Bruchsal eingeführt wurde, habe schon eine erhebliche Verbesserung bewirkt.

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