20 Jahre IKT:

Fragen der Netzbetreiber im Fokus

KIEL, 08.12.2014 – Außergewöhnlich und in seinen technischen Möglichkeiten einmalig war das IKT von Beginn an. Um die Rolle in Markt und Wissenschaft zu spielen, die es heute ausfüllt, vollzog das Institut einen Kurswechsel.

Von Artur Graf zu Eulenburg

Im Herbst 1994 wurde das architektonisch anspruchsvoll gestaltete und mit modernsten Prüf- und Versuchseinrichtungen ausgestattete IKT eröffnet

Im Herbst 1994 wurde das architektonisch anspruchsvoll gestaltete und mit modernsten Prüf- und Versuchseinrichtungen ausgestattete IKT eröffnet.

Mitte der achtziger Jahre herrschte Aufbruchstimmung rund um die Kanalnetze. Es war die Pionierzeit der grabenlosen Technologien zum Bau und zur Instandhaltung von Kanälen. Immer bessere Inspektionstechnologie ermöglichte ein immer genaueres Bild vom Zustand der Netze und offenbarte nicht nur Handlungsbedarf sondern auch viele offenen Fragen.
Die Grundstimmung war zu jener Zeit günstig für eine solche Idee. Allgemein gewann das Umweltbewusstsein an Gewicht und vor diesem Hintergrund stieg auch das Problembewusstsein gegenüber dem Thema Abwasser, nicht nur in der Fachwelt, sondern auch in Teilen der Öffentlichkeit und in der fachorientierten Politik und Gesetzgebung. Und vor diesem Hintergrund nahm die Idee eines solchen Institutes Gestalt an.

Eine Idee wird Wirklichkeit

1992 wurde die Gesellschaft zur Erforschung der Kanalisationstechnik, GEK, gegründet. Gesellschafter waren zu einem Drittel die Stadt Gelsenkirchen, zu zwei Drittel ein Förderverein des An-Instituts der Ruhr-Universität Bochum. Mitglieder waren 22 Unternehmen aus der Branche.
Unter der Trägerschaft der GEK konnte 1993 mit dem Bau des „Institutes für Kanalisationstechnik“, IKT, in Gelsenkirchen begonnen werden. Im Herbst 1994 eröffnete Nordrhein-Westfalens damaliger Umweltminister Klaus Matthiesen das IKT, architektonisch anspruchsvoll gestaltet und ausgestattet mit modernsten Prüf- und Versuchseinrichtungen, darunter der bis heute weltweit einmalige Großversuchsstand, in dem auch komplexe Rohr-Boden-Systeme im Maßstab 1:1 nachgebildet und unterschiedliche Einflüsse untersucht werden können.
Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Dietrich Stein standen praxis- und anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung im Mittelpunkt der Aktivitäten des IKT. Dabei war das Institut zum einen an öffentlich finanzierten Forschungsprojekten beteiligt, einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Basis der Einrichtung sollten zum anderen von der Industrie initiierte und finanzierte Projekte leisten.

Kurswechsel

Die Arbeit des IKT stieß in der Fachwelt in Deutschland und auch international auf Interesse und Anerkennung. Doch die Industrie investierte nicht in dem Umfang in Forschung und Entwicklung, wie dies ursprünglich von den Verantwortlichen prognostiziert worden war. Die Folge: Dem IKT drohte eine finanzielle Schieflage.
„Das Geschäftskonzept, von der Industrie finanzierte Forschung und Entwicklung zu betreiben, ist letztendlich nicht aufgegangen. Man musste feststellen, dass die überwiegend mittelständisch und kleinbetrieblich strukturierte Branche nicht bereit und in der Lage war, genügend Projekte in einer Größenordnung zu beauftragen, wie sie für die betriebswirtschaftliche Existenz des IKT mit seiner herausragenden Ausstattung an Technik und qualifiziertem Personal erforderlich gewesen wären“, erinnert sich Roland W. Waniek.
Der Ökonom kam im Januar 1999 vom Rheinisch Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, RWI, als neuer Geschäftsführer zum IKT. Für ihn war klar: Für eine wirtschaftlich stabile Perspektive braucht das IKT eine strategische Neuausrichtung. Kerngedanke hierbei war es, die Arbeit und die Forschungsinhalte an den Problemen und Fragestellungen der Netzbetreiber auszurichten und so einen neuen Kundenkreis für die Finanzierung von Forschungsprojekten zu erschließen. Je konkreter sich der neue Kurs des IKT abzeichnete, desto schwerer fiel es Prof. Dietrich Stein, diesen neuen Weg mitzugehen. Im Jahr 2000 trennten sich Institut und Professor – in gegenseitigem Einvernehmen, wie Waniek betont.
Neuer wissenschaftlicher Leiter wurde mit Dr. Bert Bosseler ein Schüler von Prof. Stein, der nach seiner Promotion an der Ruhr-Universität Bochum zur Emschergenossenschaft gegangen war. Bosseler sah genau in dem neuen Ansatz den besonderen Reiz. Die Probleme und Fragen der Netzbetreiber in den Fokus einer Forschungseinrichtung zu stellen, diese Strategie weiterzuentwickeln und mit Leben zu füllen, waren für ihn die entscheidenden Argumente, den ebenfalls interessanten Arbeitsplatz bei einem großen Wasser- und Abwasserverband zu kündigen und zum IKT zu wechseln.
Mit Roland W. Waniek und Dr. Bert Bosseler an der Spitze des Institutes wurde das zunächst noch recht grob strukturierte neue Konzept weiterentwickelt und verfeinert. Faktoren identifizieren und bewerten, welche die Qualität und die Wirtschaftlichkeit des Netzbetriebes beeinflussen und auf diese Weise die Entscheidungsgrundlage für Investitionen in die Netze verbessern, so kann man das übergeordnete Ziel beschreiben. „Hierfür ist Objektivität eine unabdingbare Voraussetzung“, begründet Waniek, weshalb die Begriffe unabhängig, neutral und gemeinnützig in der Außendarstellung des IKT eine so wichtige Rolle spielen. „Dies war auch der Grund, weshalb wir uns aus der Entwicklung von Produkten zurückgezogen haben und keine Patente halten. Denn die Neutralität gebietet es, dort, wo man prüft, vergleicht und bewertet, nicht gleichzeitig Markteilnehmer zu sein“, ergänzt Dr. Bosseler, der sich im Jahr 2010 an der Leibniz Universität Hannover habilitierte und dort seit 2014 Honorarprofessor ist.

Roland W. Waniek und Prof. Dr. Bert Bosseler vom IKT
Roland W. Waniek (l.) und Prof. Dr. Bert Bosseler rückten die Probleme und Fragen der Netzbetreiber in den Fokus der Forschungseinrichtung.

Testen und Prüfen

Als erstes Projekt im Rahmen der neuen strategischen Ausrichtung führte das IKT – Institut für Unterirdische Infrastruktur, so der nach einer Umbenennung vollständige Name, den ersten IKT-Warentest durch. Verglichen wurden Hausanschlussstutzen. Die Bandbreite der Ergebnisse erregte im Jahr 2002 in der Fachwelt nicht nur großes Aufsehen. Nachdem der erste Ärger bei den Herstellern mit schlecht bewerteten Produkten verraucht war, initiierte dieser Warentest konkret die Neu- und Weiterentwicklung und damit die Verbesserung am Markt verfügbarer Stutzen. Es war gelungen, im Dialog mit den Netzbetreibern ein zum damaligen Zeitpunkt praxisrelevantes Thema zu benennen und mit der Beteiligung von 14 Kommunen die Finanzierung des Projektes sicherzustellen. Die Ergebnisse gaben dem Markt Anstöße für Produktverbesserungen im Sinne der Netzbetreiber. Einen erfolgreicheren Auftakt der Warentest-Aktivitäten hätte sich das IKT kaum wünschen können. Inzwischen wurden in acht Warentests unterschiedliche Verfahren und Produkte untersucht, verglichen und bewertet.
Im Oktober 2004 folgte ein weiterer spektakulärer Schritt. Das IKT veröffentlichte im ersten IKT-LinerReport die Ergebnisse seiner Untersuchungen an den auf Schlauchliner-Baustellen genommenen Materialproben. Die teilweise wenig schmeichelhaften Werte waren für die Betroffenen unangenehm, denn Anspruch und Wirklichkeit stimmten in einigen Fällen nicht so überein, wie sich dies die Netzbetreiber gewünscht hätten. Entsprechend gespalten war die Resonanz auf die Veröffentlichung: Die Kritiker zogen Methodik, Neutralität und Aussagekraft des LinerReport in Zweifel, die Befürworter sahen in ihm einen Zugewinn an erforderlicher Transparenz des Marktes. Der LinerReport wurde zu einem jährlich wiederkehrenden Ereignis und selbst Kritiker gestehen zu: Er hat die Entwicklung des Schlauchlining wesentlich beeinflusst.

Forschen

Auch in der Forschung änderten sich mit der Neuausrichtung Ansatz und Fragestellung. „Grundgedanke ist es, das Zusammenwirken aller Prozesse bei Bau- und Sanierungstechniken sowie im Betrieb über den gesamten Lebenszyklus besser zu verstehen. So können wir Qualitätseinflüsse erkennen, die einerseits den Betreibern zusätzliche Handlungs- und Entscheidungsoptionen eröffnen und anderseits der Industrie Informationen für Produktverbesserungen liefern“, erklärt Prof. Dr. Bosseler. Auf diese Weise konnten im Rahmen eines Projektes zum Thema Rohrvortrieb im Großversuchsstand neue Erkenntnisse über die in der Rohrverbindung wirkenden Vortriebskräfte gewonnen werden.
Praxisnah und aufschlussreich waren auch die Projekte, die sich direkt mit den Fragen des Kanalbetriebes beschäftigen. Hierzu zählen die Vorhaben, die sich mit der Kanalreinigung befassen. Dabei wurden sowohl unter dem Stichwort „bedarfsgerechte Reinigung“ die Managementsysteme als auch in technischer Hinsicht die Reinigungsfahrzeuge untersucht.

Weiterbilden

Neben den Bereichen Prüfen/Testen und Forschen bildet der Bereich Bildung eine weitere Säule des IKT. „Praxisorientierte Forschung hat erst dann wirklich Sinn, wenn die Ergebnisse auch in der Praxis ankommen“, schildert Roland W. Waniek. Aus diesem Grunde wurde zum Ende eines jeden Projektes neben dem klassischen Forschungsbericht ein Seminar veranstaltet, in dem die gewonnenen Erkenntnisse vorgestellt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass diese Tagungen nicht nur auf große Resonanz stießen, es wurde darüber hinaus die Nachfrage nach Veranstaltungen zu weiteren Themen deutlich, mit denen sich das IKT befasst.
Inzwischen hat das breit angelegte Bildungsangebot einen bedeutenden Stellenwert. Dabei nutzt das IKT auch ganz gezielt die im Haus vorhandenen Möglichkeiten, Theorie und Praxis zu verbinden. Inhaltlich orientiert es sich an den im Institut bearbeiteten Themen. Jüngstes Angebot ist der im kommenden Jahr beginnende Ausbildungsgang zum zertifizierten Kanalbetriebsmanger, der Nachwuchskräften in Entwässerungsbetrieben die notwendigen Kompetenzen zur Wahrnehmung der breit angelegten Aufgaben des Netzbetriebes vermitteln soll.

Prüfung eines Schlauchliners durch das IKT
Die Veröffentlichung der Prüfergebnisse von den auf Schlauchliner-Baustellen genommenen Materialproben im LinerReport sorgte für kontroverse Diskussionen. | Fotos: IKT

Öffentlichkeit erreichen

Vorträge auf Fachveranstaltungen, Veröffentlichungen in der Fachpresse und die Nutzung des Internets, die mediale Präsenz nötigt selbst Kritikern des IKT Respekt ab. Zur Erfolgsgeschichte des Institutes und zum strategischen Konzept gehört die intensive und sehr professionell gestaltete Öffentlichkeitsarbeit. „Zur Aufgabe einer modernen Forschungseinrichtung, die sich mit praxisnahen Fragestellungen befasst, gehört es einfach dazu, dass die Ergebnisse unserer Arbeit von möglichst vielen wahrgenommen werden“, sagt Waniek.
Unter dem Stichwort „öffentliche Wahrnehmung“ darf natürlich der „Goldene Kanaldeckel“ nicht unerwähnt bleiben. Vor 12 Jahren hatte Waniek die Idee, mit dieser jährlich verliehenen Auszeichnung besondere Leistungen engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kanalnetzbetreibern öffentliche Anerkennung und Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Gut aufgestellt

Nach 20 bewegten Jahren ist Waniek überzeugt: Die im Jahr 2000 eingeleitete strategische Neuausrichtung hat funktioniert. „Die Instrumente unserer Arbeit sind etabliert und anerkannt. Nicht alle – wie LinerReport und Warentests – sind von allen gleichermaßen geliebt, aber das ist aus unserer Sicht nicht Erfolgskriterium. Das Entscheidende für uns ist der Zuspruch der Netzbetreiber.“ Zuspruch bedeutet in dem Zusammenhang nicht nur Lob und Schulterklopfen, sondern die finanzielle Beteiligung an den Projekten. Und auf diesem Feld sieht sich der IKT-Geschäftsführer im Kurs des Institutes bestätigt. Umfang und Art, wie das IKT mit Referenten in Fachveranstaltungen eingebunden, wie es in den Fachgremien vertreten und im akademischen Umfeld vernetzt ist, sind darüber hinaus klare Anzeichen dafür, dass das Institut seinen anerkannten und mit entsprechendem Gewicht ausgestatteten Platz in der Fachwelt gefunden hat.
Fachlich möchte sich das IKT weitere Netzbereiche erschließen. „Netzneubau findet aktuell vor allem in den Bereichen Breitbandverkabelung und Fernwärme statt“, beschreibt der wissenschaftliche Leiter interessante Betätigungsfelder. Zu beiden Themen ist das Institut bereits an Projekten beteiligt.
Ein weiteres großes Aufgabenfeld sieht Bosseler im Koordinieren der unterschiedlichen Aufgaben und Interessen der unterschiedlichen Nutzer des unterirdischen Raumes. Dazu gehören neben den verschiedenen Ver- und Entsorgungsnetzbetreibern auch die Grünflächenverwaltungen mit ihrer Verantwortung für die den Boden durchwurzelnden Bäume. Hier sieht der Professor die Kommunen als übergeordnete Instanz in der Pflicht, die Einzelinteressen im Sinne eines bürgerfreundlichen Gesamtmanagements zu organisieren und zu regeln.

Den vollständigen Bericht lesen Sie in der nächsten bi-UmweltBau.