Giftköder in der Kanalisation: Gefährliche Rattengifte in Fischen nachgewiesen

HAITERBACH, 3.2.2020 – Der Einsatz von Giftködern bei der professionellen Rattenbekämpfung in der Kanalisation soll laut Forschern eine mögliche Ursache dafür sein, dass sich gefährliche Rattengifte mittlerweile sogar in Fischen nachweisen lassen, die ausschließlich gereinigtem Abwasser ausgesetzt waren. Auch wurden Antikoagulanzien (Gerinnungshemmer) der 2. Generation in freilebenden Fischen aus deutschen Flüssen gefunden.

Von Tillmann Braun, Haiterbach

Ratten gibt es in jeder Stadt bzw. Gemeinde. Wenngleich sie zu unserer Umwelt gehören, gehen von ihnen auch Gefahren aus: So können sie etwa Krankheiten übertragen und den Untergrund aushöhlen.
Ratten gibt es in jeder Stadt bzw. Gemeinde. Wenngleich sie zu unserer Umwelt gehören, gehen von ihnen auch Gefahren aus: So können sie etwa Krankheiten übertragen und den Untergrund aushöhlen. | Foto: iStock/Chanawat Phadwichit

In einer vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen umfangreichen Studie hat die Bundesanstalt für Gewässerkunde sowohl Karpfen aus 25 Bioakkumulationsteichen wie auch Fische aus deutschen Flüssen wie der Donau, Iller, Isar, Lech, und dem Main untersucht. Dabei fanden die Forscher in über 80 Prozent der untersuchten Fischleber-Proben aus deutschen Flüssen Rückstände von hochgiftigen Rodentiziden. Und auch in den Fischen aus den Bioakkumulationsteichen konnten an gleich mehreren Standorten Rattengift-Rückstände nachgewiesen werden, obwohl das Wasser in den Teichen zuvor in den jeweiligen Klärwerken gereinigt worden war. Wie die umfassenden Untersuchungen deutlich machen, handelt es sich bei den Funden keinesfalls um Einzelfälle.

Eintrag von PBT-Stoffen nur zur sicheren Rattenbekämpfung

Gängige Rodentizide enthalten Wirkstoffe, die persistent (schwer abbaubar), bioakkumulierend (im Organismus anreichernd) und toxisch (giftig) sind, sogenannte PBT-Stoffe. Zudem sind sie als reproduktionstoxisch und zielorgantoxisch eingestuft. Aufgrund dieser für Mensch und Umwelt hochgefährlichen Eigenschaften dürften Antikoagulanzien der 2. Generation in Deutschland prinzipiell nicht genutzt werden.
Ausnahmen gibt es – unter strengen Auflagen – nur für die Rattenbekämpfung zum Gesundheits- und Materialschutz, weil sich die Rattenpopulation und damit u.a. auch die Verbreitung von Krankheiten ansonsten nicht kontrollieren ließen. Zu den Auflagen gehört, dass die entsprechenden Rattenköder nur von professionellen und geschulten Rattenbekämpfern genutzt werden dürfen. Der Kontakt zwischen Köder und Wasser ist dabei auszuschließen.

Weggespültes Rattengift im Sandfang
Weggespültes Rattengift im Sandfang | Foto: ball-b

Unsachgemäßer Umgang mit Rattengiften gefährdet auch die Nahrungskette

Wie die nun selbst in Fischen aus Bioakkumulationsteichen nachgewiesenen Giftrückstände beweisen, werden die strengen und rechtsverbindlichen Auflagen bzw. die Risikominderungsmaßnahmen im Umgang mit Rodentiziden der 2. Generation offenbar von vielen professionellen Anwendern trotz Sachkundenachweis nicht konsequent eingehalten. Denn andere Ursachen können ausgeschlossen werden. „Andere Anwendungsbereiche der acht antikoagulanten Rodentizid-Wirkstoffe sind – mit Ausnahme von Warfarin – in Deutschland derzeit nicht gegeben“, sagt Dr. Julia Regnery von der Bundesanstalt für Gewässerkunde. „Keiner der Wirkstoffe, mit Ausnahme von Warfarin, ist zur Anwendung als Arzneistoff zugelassen. Als Arzneistoff spielt Warfarin in Deutschland allerdings eher eine untergeordnete Rolle. Und keiner der Wirkstoffe ist zurzeit in Deutschland als Pflanzenschutzmittel zugelassen“, so Dr. Julia Regnery.
Die Forscher hinter der Studie weisen darauf hin, dass die Giftstoffe über die Nahrungskette weitergegeben werden können und dass vor allem Lebewesen an der Spitze der Nahrungskette gefährdet sind. Weil die Auswirkungen der nachgewiesenen Giftstoffe auf die menschliche Gesundheit nicht im Zuständigkeitsbereich der Bundesanstalt für Gewässerkunde bzw. des Umweltbundesamtes liegen, geht die aktuelle Studie auf die möglichen Folgen für den Menschen nicht ein. „Inwiefern der Verzehr belasteter Fische für Menschen ein Gesundheitsrisiko darstellt, können wir derzeit nicht bewerten“, sagt Anton Friesen, Fachbegleiter für das Forschungsprojekt beim Umweltbundesamt. „Allerdings sollten PBT-Stoffe wie die antikoagulanten Rodentizide der 2. Generation aufgrund ihrer schädlichen Eigenschaften grundsätzlich nicht in die Umwelt gelangen“, mahnt Friesen.

Team des Rodentizit-Forschungsprojektes (v.l.): Dr. Sabine Schäfer, Dr. Marvin Brinke, Dr. Julia Regnery, Robert Schulz, Dr. Georg Reifferscheid
Team des Rodentizit-Forschungsprojektes (v.l.): Dr. Sabine Schäfer, Dr. Marvin Brinke, Dr. Julia Regnery, Robert Schulz, Dr. Georg Reifferscheid | Foto: Bundesanstalt für Gewässerkunde

Rattenköder weiterhin ungeschützt in Kanalisation eingesetzt

Wie nicht zuletzt die Untersuchungen der Karpfen aus den Bioakkumulationsteichen einmal mehr zeigen, lassen sich die PBT-Stoffe nicht mehr entfernen, sobald sie einmal in die Umwelt gelangt sind. Selbst die umfangreiche Abwasserreinigung in Klärwerken ist hier nachweislich machtlos. Somit ist eine strikte Vorbeugung das einzige Mittel, eine Belastung des Wassers und der Fische sowie grundsätzlich die Anreicherung über die Nahrungskette zu verhindern.
Um sicherzustellen, dass sich die Verantwortlichen bei der Rattenbekämpfung an die neusten Vorschriften halten, drohen bei einer unsachgemäßen Anwendung von Rattenködern mittlerweile Bußgelder von bis zu 50.000 Euro. Und dennoch wird in vielen Städten, Gemeinden und Betrieben weiterhin so beködert, dass es zur Kontamination von Wasser durch Köder kommen kann. Anstatt ihre Methoden umzustellen, befestigen offenbar viele Schädlingsbekämpfer und Sachkundige die Giftköder wie früher üblich ungeschützt in der Kanalisation, indem sie die Köder einfach an einem Draht befestigt in den Schacht einhängen. Dabei wird nicht beachtet, dass ein Einstau in der Abwasseranlage – bis zur Rückstauebene, welche der Geländeoberkante entspricht – ein ganz normaler Betriebszustand ist, der jederzeit erreicht werden kann. „Es ist in der Realität nicht machbar, dass alle am Draht ausgebrachten Formköder eines beköderten Kanalnetzes rechtzeitig vor dem Auftreten beispielsweise von Starkregenereignissen aus der Kanalisation entfernt werden“, sagt Dr. Julia Regnery. „Zudem ist anzunehmen, dass die Häufigkeit des Auftretens unvorhergesehener kurzzeitiger, lokaler Starkregenereignisse durch den Klimawandel weiter zunehmen wird.“ Ein weiteres Problem ist, dass Köder, die oberhalb der Bankette im Schacht platziert werden, mitunter von den Ratten nur schwer oder sogar überhaupt nicht erreicht werden können, sodass sie ihren Zweck nicht erfüllen.
Die Forscher hinter der Studie gehen zudem davon aus, dass auch oberirdisch platzierte Rattenköder zu dem Problem beitragen, dass PBT-Stoffe in die Gewässer gelangen und dort von den Fischen aufgenommen werden. Schließlich werden Rattenköder häufig in Ufernähe platziert, weil Ratten sich mit Vorliebe in der Nähe von Gewässern aufhalten. Werden diese Köder nicht adäquat geschützt, kommt es auch hier bei Überflutungen und Starkregen zu einem Eintrag der Giftstoffe ins Wasser.

Rattenköderbox in Ufernähe
Rattenköderbox in Ufernähe | Foto: ball-b

Köderschutzboxen verhindern Kontakt zwischen Köder und Wasser

Für die Rattenbekämpfung sind in Deutschland die jeweiligen Städte und Gemeinden bzw. Betriebe verantwortlich. Manche bekämpfen die Ratten in Eigenregie mit entsprechend geschulten Mitarbeitern, andere setzen auf die Dienste professioneller Schädlingsbekämpfungsunternehmen. In beiden Fällen sollten die Verantwortlichen schon aus reinem Eigeninteresse sicherstellen, dass keine Vorschriften missachtet werden und keine Giftstoffe in die Umwelt gelangen. Immer mehr Städte, Gemeinden und Betriebe nutzen deshalb spezielle Köderschutzboxen, die den Kontakt zwischen Köder und Wasser selbst bei Überschwemmungen verhindern.

Fulda nutzt umweltfreundliche Lösung

So nutzt man in Fulda beispielsweise das vom Nürnberger Unternehmen ball-b entwickelte ToxProtect-System. Die dazugehörigen Köderschutzboxen lassen sich je nach Modell entweder fest im Kanal installieren oder mit einem Klemmmechanismus befestigen, sodass sich der Einsatzort bei Bedarf leicht ändern lässt. In beiden Fällen sorgt eine Verschlussklappe an der Unterseite der Box dafür, dass kein Wasser eindringen kann, wenn der Pegel im Kanal steigt. Somit bleibt der Köder im Inneren jederzeit geschützt. Geht das Wasser im Kanal wieder zurück, öffnet sich die Box automatisch und ist für Ratten wieder zugänglich. Die Vorteile der intelligenten Köderschutzboxen gehen allerdings über den mechanischen Schutz hinaus.
Nicht zuletzt aus Umweltschutzgründen hatte man sich in Fulda früh mit alternativen Methoden zur Rattenbekämpfung im 700 km langen Kanal- und Abwassernetz auseinandergesetzt. Letztlich fiel die Wahl auf das ToxProtect-System, das neben dem Aspekt des Umweltschutzes auch ein genaues Monitoring sowie eine automatische Dokumentation erlaubt. Die Lösung verfügt unter anderem über Bewegungssensoren, verschiedene Funk-Technologien sowie eine eigene Software. „Somit können wir jetzt schnell und leicht erkennen, wo sich die Ratten tatsächlich aufhalten“, erklärt Peter Geffe, Leiter der Kanalabteilung des Abwasserverbandes Fulda. Das hilft nicht nur dabei, gezielt gegen die Ratten vorzugehen, sondern wird auch per Vorschrift verlangt. Denn ohne konkreten Anlass bzw. den Nachweis von Ratten vor Ort dürfen Rodentizide der 2. Generation laut Biozid-Zulassung gar nicht eingesetzt werden.
„Es gibt viele Halbwahrheiten die im Zusammenhang mit der Rattenbekämpfung verbreitet werden“, bedauert Geffe. Dazu gehöre, dass der Einsatz von Köderschutzboxen in einem Kanalnetz zu teuer oder nur für große Städte und Kommunen rentabel sei. Das sieht Peter Geffe allerdings anders: „Wer sich mit dem Nahrungsverhalten von Ratten beschäftigt, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass es nicht notwendig ist, in jedem Schacht eine Köderschutzbox zu installieren“, so der Fachmann. Das Suchgebiet für Nahrung einer Ratten-Kolonie sei zudem leicht zu verstehen, ganz besonders, wenn man nicht nur auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen sei. „Mit den vernetzten Köderschutzboxen können wir schnell Schwerpunktgebiete beim Rattenbefall feststellen und dann ganz gezielt reagieren“, betont Geffe.

Peter Geffe, Leiter der Kanalabteilung des Abwasserverbandes Fulda
„Es gibt viele Halbwahrheiten die im Zusammenhang mit der
Rattenbekämpfung verbreitet werden“, betont Peter Geffe,
Leiter der Kanalabteilung des Abwasserverbandes Fulda.
| Foto: Abwasserverband Fulda

Zentrale Steuerung

Dank der modernen Kommunikationstechnik ist es für Peter Geffe nicht mehr notwendig, einen Mitarbeiter zur Kontrolle zu entsenden, was den Aufwand reduziert: „Sobald ein Ratten-Hotspot beseitigt wurde, werden die Boxen, die wir flexibel einsetzen, an anderen Stellen platziert, sodass sie nie ungenutzt bleiben.“ Die einzelnen Maßnahmen und Aktivitäten können zentral über Endgeräte wie Smartphones und Laptops verfolgt, gesteuert und protokolliert werden. Letzteres ist nicht nur für Geffe und sein Team wichtig, um den Überblick zu behalten, sondern gehört ebenfalls zu den strengen Auflagen im Umgang mit PBT-Stoffen. Wer keine Systeme wie ToxProtect nutzt, muss sämtliche Maßnahmen manuell festhalten, um dieser Dokumentationspflicht nachzukommen.
Mittlerweile sind in Fulda bereits 80 Köderschutzboxen im Einsatz. Weitere 40 Boxen wurden bereits bestellt. Neben Fulda nutzen bereits über 200 Städte und Gemeinden in Deutschland die Köderschutzboxen von ball-b – und haben ihren Rattengifteinsatz so um rund 90 Prozent reduziert.
Andere Unternehmen wie UniTechnics aus Schwerin bieten mittlerweile ebenfalls Lösungen an, die den Eintrag von PBT-Stoffen ins Wasser verhindern. Die Köderbox von UniTechnics treibt mittels integrierter Luftkammern auf der Oberfläche, wenn es zu Wasserhochständen im Kanal kommt. Geht das Hochwasser im Kanal wieder zurück, sinkt auch die Box wie eine Boje wieder nach unten. Das Gerät ist dabei laut Hersteller so geformt, dass es sich beispielsweise nicht an den Sprossen im Schacht verheddert.

Vielerorts hat sich noch nichts geändert

Es gibt also durchaus Möglichkeiten, den Eintrag von gefährlichen PBT-Stoffen in die Umwelt zu verhindern. Die neusten Lösungen sind unter anderem dank gezieltem Monitoring sogar effektiver bei der Rattenbekämpfung als herkömmliche Methoden. Dennoch wird vielerorts trotz drohender Bußgelder von bis zu 50.000 Euro so weitergemacht wie bisher. So gelangen die gefährlichen Stoffe letztlich auch in die Nahrungskette. Welche Auswirkungen das womöglich auf den Menschen hat, ist noch nicht geklärt. Fest steht, dass die Stoffe in der Umwelt bleiben. Dass es nicht so weitergehen kann wie bisher, steht also nicht nur in den Vorschriften, sondern gebietet schon das eigene Gewissen.