Bauindustrie streitet um Datenstandards

KIEL, 10.02.2020 – Digitale Lösungen stellen zurzeit die Baubranche auf den Kopf. Doch ohne Datenstandards, ohne einheitliche Datenformate und frei zugängliche Plattformen ist der digitale Wandel zum Scheitern verurteilt. Bauunternehmen und Maschinenhersteller diskutieren, wie eine Lösung aussehen kann, die allen Seiten gerecht wird.

von Hendrik Stellmach

Podiumsdiskussion "Smart Construction" beim Construction Equipment Forum 2019
„Smart Construction und die intelligente Baustelle“ war das Thema einer Podiumsdiskussion auf dem Construction Equipment Forum in Mannheim im November 2019: (von links) Tomas Zelic (Zeppelin Lab GmbH), Christian Meschnig (Rosenberger Telematics GmbH), Alexander Manafi (Toolsense GmbH), Moderator Prof. Dr. Alexander Tsipoulanidis, Christian Hülsewig (Schüttflix GmbH) und Prof. Dr.-techn. Sigrid Brell-Cokcan (RWTH Aachen). | Foto: Offenblende
Die Bauindustrie kämpft zurzeit mit einem veritablen Digitalisierungshindernis: Baumaschinen liefern und verarbeiten zwar schon eine Unmenge an Daten – Stichworte: Telematik und Maschinensteuerung –, diese sind aber leider nicht universell lesbar, sondern nur im Ökosystem des jeweiligen Herstellers.

Der ungehinderte Datentransfer ist aber die Grundvoraussetzung für den digitalen Wandel in der Bauwirtschaft wie zum Beispiel die Automatisierung von Arbeitsabläufen. Idealerweise werden sämtliche im Bauprozess anfallende Daten in einer Baustellencloud gespeichert und in Onlineportalen ausgewertet und aufbereitet. Genau dafür müssen sie aber ein einheitliches Format besitzen, das den Austausch möglich macht – in der Baubranche bisher reines Wunschdenken. Oder, wie Hans Jörg Klingelhöfer, Head of Digitalisation bei der Strabag, schonungslos feststellt: „Wir sind auf dem Stand der sechziger Jahre stehen geblieben. Das müssen wir ganz dringend ändern.“

Uneins ist sich die Branche noch darüber, wer auf dem Weg zu einheitlichen Schnittstellen den ersten Schritt machen sollte: Die Industrie sieht die Verantwortung dafür bei den Bauunternehmen, die wiederum nehmen die Industrie in die Pflicht. „Schöner und einfacher ist es natürlich für die Hersteller, wenn Sie integrierte Lösungen im eigenen System haben – wir möchten aber offene Schnittstellen“, sagt Margit Dietz, Geschäftsführerin der Jean Bratengeier Bau GmbH & Sprecherin der Bauunternehmerinnen im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes. „Der direkte Austausch mit der Konkurrenz hat keine Tradition in der Bauindustrie“, gibt Strabag-Mann Klingelhöfer zu bedenken. Und auch Dietz‘ Optimismus ist gedämpft: „Aus meiner Sicht wird es noch dauern, bis es Datenstandards für Baustellen geben wird.“
VDBUM-Branchentreff Digitalisierung 2019

Baubranche im Wandel: Diskussionsforen zum Thema Digitalisierung – wie hier der VDBUM-Branchentreff im Oktober 2019 – sind zurzeit gut besucht. | Foto: VDBUM

Bauunternehmen und Bauverbände fordern Standards

Die maßgeblichen Verbände der Baubranche haben die Dringlichkeit des Themas erkannt und Gremien gegründet, die Lösungen für das Schnittstellenproblem erarbeiten sollen. Der Verband der Baubranche, Umwelt- und Maschinentechnik (VDBUM) hat über seinen Arbeitskreis Telematik die Grundlagen der ISO-Norm 15143-3 zur Datenstandardisierung von Erdbaumaschinen geschaffen, die als Arbeitsgrundlage auf dem Weg zu einer herstellerübergreifenden Standardisierung gedacht ist. Jetzt hat der Verband von seinen Mitgliedern das Mandat erhalten, die Entwicklung einer neutralen Web- oder FMS-Schnittstelle, die die Anforderungen der Bauwirtschaft erfüllt, technisch voranzutreiben.

Christian Meschnig, Rosenberger Telematics
„Wir scheitern vielfach noch total an den Basics.“ – Christian
Meschnig, Geschäftsführer der Rosenberger Telematics GmbH.
| Foto: Offenblende

Viele Bauunternehmen halten die Schaffung einer Plattform für alle Maschinen schon lange für unabdingbar. „Wenn jeder Hersteller seinen eigenen Standard etabliert, dann werden wir nicht zusammenarbeiten können“, warnt zum Beispiel Dr. Rainer Bareiß, Prokurist der Wolff & Müller Holding GmbH & Co. KG.

Damit aber Bauindustrieunternehmen mit einem gemischten Maschinen- und Anbaugerätebestand – aber beispielsweise auch Anbieter von Maschinensteuerungen – alle relevanten Daten in einer Cloud finden können, müssen die Maschinenhersteller ihre Schnittstellen öffnen und eindeutig beschreiben. Verschiedene Hersteller von Anbaugeräten befinden sich zurzeit im Austausch, erarbeiten Schnittstellen und einheitliche Standards.

Auch mit der Bereitstellung von Maschinenstammdaten durch die Hersteller sind viele Bauunternehmen unzufrieden. Sie müssen dafür viele innerbetriebliche Ressourcen vorhalten und würden sich eher die Bereitstellung eines digitalen Zwillings zu jeder Maschine wünschen.

Offenen Datenstandard schaffen

Markus Niedermayer, Geschäftsführer des Radlader- und Walzenzugherstellers Atlas Weyhausen, der auch Kunden in der Landwirtschaft beliefert und die dortigen Fortschritte in der Digitalisierung genau wahrnimmt, sieht in der Bauindustrie Zulieferer und Anwender in der Pflicht und ist skeptisch, was Kooperationsinitiativen der Industrie wie die im Frühjahr 2019 gegründete Arbeitsgemeinschaft Machines in Construction 4.0 des VDMA (MiC 4.0) betrifft. Die derzeit 80 dort tätigen Unternehmen haben sich bereits auf ein einheitliches Verständnis von Maschinenzustandsdaten geeinigt und wollen sich im nächsten Schritt den Bauprozessdaten zuwenden, damit ein umfassendes Qualitätssicherungssystem für die Baubranche entwickelt werden kann.

Am Ende soll eine vollständig digitalisierte, automatisierte und flexibel anpassbare Baustelle stehen, auf der Baumaschinen und Bauprozesse vorab simuliert und optimiert werden können. Im Laufe dieses Jahres sollen die Ergebnisse für die Prozessdaten feststehen. Auch einen Arbeitskreis Datenrechte gibt es, in dem viele rechtlich noch unklare Fragen der Eigentümerschaft von allgemeinen Maschinendaten gelöst werden sollen. Die in der Arbeitsgemeinschaft tätigen Unternehmen wollen die von MiC 4.0 erarbeiteten Standards im Markt etablieren und von einer neutralen Instanz prüfen lassen.

Christian Hülsewig, Schüttflix GmbH
Christian Hülsewig, Geschäftsführer der Onlineplattform Schütt-
flix, möchte offene Schnittstellen, aber keine „Datenkraken“ in
der Bauwirtschaft. | Foto: Offenblende

Andrew Allen, Leiter des Geschäftsbereichs Nutzfahrzeuge bei der Robert Bosch GmbH, glaubt nicht an einen „Leader“ auf dem Weg zu einheitlichen und offenen Schnittstellen; das könne nur gemeinsam gelingen. Sein Unternehmen hat vor kurzem das erste offene, herstellerunabhängige digitale Ökosystem für die Landwirtschaft ins Leben gerufen: „Nevonex“ macht das vor, wonach die Baubranche noch händeringend sucht. Christian Hülsewig, der Anfang 2019 zusammen mit dem Gütersloher Abbruchunternehmer Thomas Hagedorn das Startup-Unternehmen Schüttflix gegründet hat, wünscht sich ebenfalls offene Standards für die Baubranche, aber keine „Datenkraken“, die alles an sich reißen wollen und die Kontrolle über Daten als Geschäftsmodell betrachten. Solche Unternehmen „helfen uns gar nicht“, meint der Unternehmer.

Bauprozesse digital steuern

Ammann hat 2018 die Q Point AG als Spezialistin für digitale Anwendungen in den Bereichen Prozessoptimierung, IoT und BIM gegründet. Sie steht synonym für die digitale Plattform der Schweizer, die vorhandene Maschinen- und Prozessdaten verknüpft und explizit herstelleroffen gestaltet ist. Mit ihr können Straßenbauunternehmen in die digitale Prozessteuerung einsteigen und durch die Vernetzung aller beteiligten Akteure, die die Kommunikation verbessert und die Transparenz erhöht, die gesamte Lieferkette vom Mischwerk bis zur Verdichtung optimieren. Q Point steht damit für den Evolutionsschritt von der smarten Baumaschine zur smarten Baustelle. Ängste der Unternehmen, durch die enge Vernetzung mit anderen Akteuren die Hoheit über „ihre“ Baustellendaten zu verlieren, kann man bei Q Point entkräften: Der Datenaustausch zwischen den zusammenarbeitenden Unternehmen erfolgt als digitale Transaktion ausschließlich über gesicherte Verbindungen; es ist kein gegenseitiger Zugriff auf Unternehmensdaten möglich.

Damit Daten vernetzter Maschinen aber überhaupt übertragen werden können, bedarf es zuallererst einer leistungsfähigen Mobilfunkverbindung. Funktionen wie Ferndiagnose und -wartung, Augmented-Reality-Anwendungen im Service oder ferngesteuert arbeitende Baumaschinen erfordern ausreichende Netzabdeckung und Bandbreiten in den Mobilfunknetzen. Große Hoffnungen ruhen daher auf dem geplanten Ausbau des 5G-Mobilfunkstandards in Deutschland. Herbert Schüttler, Leiter der 5G-Geschäftsfeldentwicklung bei der Telekom, skizzierte in Mannheim die Ausbaustrategie seines Unternehmens für den deutschen Markt. Für eine flächendeckende Versorgung des Bundesgebiets sind demnach – wegen der unterschiedlichen Reichweiten der verschiedenen Funkfrequenzen – verschiedene Übertragungsstandards – auch das aktuelle 4G – nötig.

Digitale Startup-Unternehmen ausgezeichnet

Digital-Startups schießen in der Bauwirtschaft zurzeit wie Pilze aus dem Boden. Beim Startup Award des Construction Equipment Forums im November 2019 – Gründungspartner dieser Veranstaltung sind Ammann, Bosch und Wacker Neuson – wurden drei besonders vielversprechende junge Unternehmen ausgezeichnet, die digitale Lösungen für die Bauindustrie entwickelt haben. Die Abaut GmbH erhielt den Preis in der Kategorie „Smartes und autonomes Arbeiten“ für ihre Kameras, Sensorik und Auswertesoftware für Bau- und Mining-Anwendungen. In der Kategorie „Vernetzte Baustelle und Produkte“ gewann das Wiener Startup Toolsense, das mit seiner Cloudlösung für Maschinendaten die Digitalisierung des Service- und Vermietprozesses vorantreibt und schon namhafte Kunden in der Baumaschinenindustrie wie die Werkzeughersteller Tyrolit, Stihl und Metabo sowie den Aufzughersteller Geda vorweisen kann.


In der Kategorie „Antriebe der Zukunft“ bekam die Twaice Technologies GmbH aus München mit ihrer prädiktiven Batterie-Analyse-Software den Startup Award. Mit Hilfe digitaler Zwillinge können OEMs – egal ob Pkw, Lkw, Busse oder Baumaschinen – Test und Validierung von Batteriesystemen beschleunigen, ihre Leistung, Zuverlässigkeit und Lebensdauer verbessern und dadurch die Kosten senken und besser kalkulierbar machen. Das trägt ganz entscheidend dazu bei, dass neue, elektrisch angetriebene Baumaschinen schneller die Marktreife erlangen.

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