Corona-Krise: Baumaschinenproduktion gerät ins Stocken

KIEL, 27.03.2020 – Die Coronakrise erreicht die Baumaschinenindustrie: Zahlreiche Hersteller stellen die Produktion in ihren Werken vorübergehend ein oder fahren den Betrieb deutlich herunter, weil die Nachfrage eingebrochen ist und wegen unterbrochener Lieferketten vielfach wichtige Komponenten fehlen.

von Hendrik Stellmach

Case-Werk San Mauro, Italien
Bei Case in San Mauro bei Turin ruht seit dieser Woche die Produktion. Während der Auszeit wird die Fabrik umfassend gereinigt und desinfiziert. | Foto: CNH Industrial
Als Folge der wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus ziehen einige Werke der Wacker Neuson Group die für den Sommer geplanten Werksferien vor und beantragen Kurzarbeit. Angesichts der zunehmenden Auswirkungen auf die Lieferketten des Konzerns und vor dem Hintergrund der zurückhaltenden Geschäftsprognose für das laufende Jahr werden ab sofort Produktionsprogramme reduziert. Das Ausmaß der Produktionskürzungen wird dabei flexibel an die Verfassung der Lieferketten und Absatzmärkte angepasst.

Der Vertrieb von Baumaschinen und Dienstleistungen wird – soweit es die lokalen Gegebenheiten zulassen – aufrechterhalten. Derzeit verfügt die Wacker Neuson Group laut eigenen Angaben über einen hohen Lagerbestand an Maschinen und Ersatzteilen, so dass sie „ein hohes Maß an Lieferfähigkeit“ sicherstellen kann. Nichtsdestotrotz kommt es aufgrund der erheblichen Einschränkungen der Logistikketten teilweise zu Verzögerungen bei der Auslieferung.
JCB-CEO Graeme Macdonald
„Diese Maßnahmen sind beispiellos in der Geschichte von JCB,
aber absolut notwendig, um unser Geschäft zu schützen. Niemand
hätte gedacht, dass wir uns in einer solchen Situation wiederfinden.“
– Graeme Macdonald, CEO von JCB

JCB stellt Produktion ein

JCB hat als Reaktion auf den durch das Coronavirus ausgelösten weltweiten Nachfragerückgang die Produktion in allen seinen britischen Werken am 18. März gestoppt. Mindestens bis Ende April stehen die Bänder in den neun Fabriken in den englischen Grafschaften Staffordshire, Derbyshire und Wrexham nun still.

Gleichzeitig legen nun auch die Beschäftigten der Verwaltung, die zwischenzeitlich aus dem Homeoffice tätig waren, die Arbeit nieder; damit sind nun die meisten der rund 6.500 Mitarbeiter von den Schließungen betroffen. Sie sollen in dieser Zeit 80 Prozent ihres Lohns erhalten. Durch diese Ankündigung hoffe JCB, seinen Beschäftigten „die finanziellen Sorgen zu nehmen, die viele Leute sicherlich gehabt haben“, sagte Graeme MacDonald, Geschäftsführer von JCB.

Die Maßnahmen seien beispiellos in der Geschichte von JCB, aber „absolut notwendig“, um das Geschäft zu schützen, so Macdonald. Weltweit sei die Nachfrage nach JCB-Baumaschinen eingebrochen, weil Kunden Aufträge storniert und geplante Auslieferungen verschoben hätten. Mit Frankreich, Italien und Spanien seien Schlüsselmärkte für Baumaschinen quasi „über Nacht verschwunden“. Die Werksschließungen gäben JCB die Möglichkeit, „eine Bestandsaufnahme zu machen, die Auftragsbücher neu zu ordnen, dringend von Kunden benötigte Maschinen zu priorisieren und die erforderlichen Komponenten entsprechend umzuverteilen“.

Das JCB-Werk in Pudong nahe Schanghai stoppte seine Produktion im vergangenen Monat zu Beginn der Corona-Pandemie. Nach mehreren Wochen Stillstand ist es jetzt wieder voll betriebsfähig.

JCB-Werk in Uttoxeter, England
Bei JCB Heavy Products im mittelenglischen Uttoxeter ruht die Produktion so wie in allen englischen Werken bis mindestens Ende April. | Foto: JCB

Case-Werke schließen für zwei Wochen

Ebenfalls für zwei Wochen schließen die meisten europäischen Werke von CNH Industrial. Die durch die Covid-19-Notlage ausgelösten Engpässe in den Lieferketten erlaubten „keine effiziente Produktion“ in den europäischen Werken, sagte der scheidende Vorstandsvorsitzende Hubertus Mühlhäuser. „Während dieser vorübergehenden Schließungen werden wir umfangreiche Desinfektions- und Reinigungsmaßnahmen durchführen.“ Die Komponentenwerke des Konzerns produzieren auf niedrigem Niveau weiter, um die Versorgung der außereuropäischen Werke aufrechtzuerhalten. Die europäischen Ersatzteillager und die meisten Händler bleiben ebenfalls geöffnet, um den Service für die Kunden sicherzustellen.

CNH Industrial nehme die Gesundheit seiner Mitarbeiter sehr ernst und habe alle Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten beschlossen und um bei der Eindämmung der Pandemie zu helfen, sagte Mühlhäuser. Man stimme sich eng mit Gewerkschaften und Betriebsräten ab, um die vorübergehenden Schließungen und die anschließende Wiederinbetriebnahme umzusetzen, teilte das Unternehmen mit.

Produktionspause bei Komatsu

Auch Komatsu unterbricht die Produktion in seinen Werken in Italien, England und Deutschland. Das Werk im norditalienischen Este nahe Venedig machte am 26. März den Anfang, gefolgt vom englischen Newscastle (30. März) und dem Standort Hannover, der vom 4. April bis einschließlich 13. April seine Pforten schließt. Komatsu hat nach eigenen Angaben begonnen, seine weltweite Beschaffung auszuweiten und Lagerbestände umzuverteilen, um regionale Veränderungen von Nachfrage und Wechselkursen auszugleichen; der Vertrieb und die Ersatzteileversorgung werden insbesondere durch modifizierte Versorgungswege und Schichtarbeit sichergestellt.

Daher erwartet das Unternehmen keinen negativen Effekt auf sein Geschäftsergebnis im Fiskaljahr 2019, das am 31. März endet. In den nicht von den Schließungen betroffenen Werken will Komatsu Schutzmaßnahmen umsetzen wie zum Beispiel Fiebermessen, Gesichtsmasken, Telearbeit und ein Verbot von Dienstreisen. Sämtliche chinesische Fabriken von Komatsu produzieren seit dem 17. Februar wieder in vollem Umfang.

Wacker-Neuson-Werk in Pinghu, China
Während die Coronakrise in Europa gerade voll durchschlägt, hat der chinesische Wacker-Neuson-Standort Pinghu seine Tätigkeit inzwischen wieder aufgenommen; die Abläufe hinsichtlich Einkauf, Produktion und Vertrieb normalisieren sich zunehmend. | Wacker Neuson

Abgasnorm: Baumaschinenhersteller fordern Verschiebung

Unterdessen hat der Verband der europäischen Baumaschinenhersteller CECE die Aufschiebung der für dieses und das nächste Jahr geplanten Abgasstufe EU Stage V gefordert. In einem gemeinsamen Schreiben an die EU-Kommission empfahl der CECE zusammen mit anderen Industrieverbänden ein Moratorium für die Anwendung der Abgasnorm.

Der durch die Coronakrise verursachte Ausfall von Teilelieferungen – zunächst aus China und nun auch aus Italien und anderen Ländern – mache es den Herstellern unmöglich, die Maschinen innerhalb der vorgeschriebenen Fristen fertigzustellen, schrieben die Verbände. Daher könnten die Maschinen nicht auf den Markt gebracht werden, obwohl dafür bereits Vorbaumotoren eingeplant worden seien. Diese müssten nun verschrottet werden. „Die Lage ist kritisch. Ein vorübergehendes Moratorium muss gewährt und die Fristen verschoben werden, bis die Situation neu bewertet werden kann. Diese Maßnahme würde weiteren wirtschaftlichen Schaden durch die Covid-19-Pandemie von unserer Industrie und den daran hängenden Arbeitsplätzen abwenden“, sagte CECE-Generalsekretär Riccardo Viaggi.

Bis Ostern keine Motoren mehr

Auch der Motorenhersteller Deutz will für seine europäischen Werke in Köln, Ulm, Herschbach und Zafra (Spanien) Kurzarbeit beantragen. Vom 1. April an sollen – zunächst bis einschließlich 17. April – große Teile der Produktion ruhen, nachdem viele große Kunden ihre Produktion geschlossen haben. Laut dem Deutz-Vorstandsvorsitzenden Dr. Frank Hiller „lassen die Präventivmaßnahmen zur Einhaltung eines Mindestabstands im Montagebereich derzeit keine effiziente Produktion mehr zu, so dass wir uns zu einer vorübergehenden Schließung großer Teile unserer Produktion entschlossen haben.“ Bisher habe es noch keinen bestätigten Corona-Fall an den Deutz-Standorten gegeben.

Update 23.04.2020:

Komatsu hat die Produktionspause in seinem Werk in Este (Italien) bis zum 3. Mai und im englischen Newcastle bis zum 31. Mai verlängert. Die Produktion von Forstmaschinen im schwedischen Umea ruht noch bis zum 1. Mai. Das deutsche Komatsu-Werk in Hannover hat dagegen am 14. April wieder begonnen zu produzieren, und im russischen Yaroslavl sind die Bänder früher als geplant schon am 13. April wieder angelaufen. Im Vertrieb arbeiten die Komatsu-Händler nach Angaben des Herstellers vor allem in Japan, Nordamerika, Europa und Asien mit Hilfe von Homeoffice-Arbeit weiter. Um weiterhin Maschinen, Ersatzteile und Serviceleistungen anbieten zu können, haben sie unter anderem ihre Lieferketten angepasst und lassen ihre Beschäftigten Schicht arbeiten.