Artenvielfalt auf Dächern mit „optimierter“ Begrünung erhöhen

KIEL, 20.04.2020 – Zur Biotopvernetzung und als Erhalt der Artenvielfalt können begrünte Dächer je nach Ausbildung als Ausgleichsfläche, Ersatzlebensraum oder Trittsteinbiotop dienen. Dachbegrünungen vereinen eine Vielzahl positiver Wirkungen und es wird viel über „Biodiversitätsgründächer“ gesprochen. Doch die Umsetzungsrate ist derzeit viel zu gering, was daran liegen mag, dass vielen Bauherren und Planern noch nicht klar ist, was unter einem Gründach, das die Artenvielfalt fördert, zu verstehen ist.

Von Dr. Gunter Mann

Struktur- und artenreiche Dachbegrünung als Maßnahme zum Erhalt der Artenvielfalt.
Struktur- und artenreiche Dachbegrünung als Maßnahme zum Erhalt der Artenvielfalt. | Fotos/Abb.: BuGG/G. Mann



Extensivbegrünungen mit Anhügelungen und einfache Intensivbegrünungen mit einer Wildstauden-Gehölze-Vegetation weisen aufgrund ihrer hohen Struktur- und Habitatvielfalt die höchste Zahl an Tierarten auf – sowohl bei der Bodenfauna, als auch bei Laufkäfern und Wildbienen. Je artenreicher die Vegetationsform, desto höher ist die Artenvielfalt. Dabei treten sehr häufig Arten mit unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen auf. Die Artenzahlen der verschiedenen Bodentiergruppen sind bei bestimmten Dachbegrünungen durchaus mit den Werten anderer Stadtbiotope vergleichbar.

Wie wichtig Rückzugsbereiche für frost- und trockenheitsempfindliche Bodentiere sind, zeigen die Untersuchungsresultate der mit Anhügelungen aufgewerteten Extensivbegrünungen: Der Anteil der Dächer mit Bodentieren und höherer Biodiversität steigt im Vergleich zu dünnschichtigen Extensivbegrünungen deutlich an. Mit höher werdendem Substrataufbau und einer damit verbundenen steigenden Vegetationsausprägung und Pflanzenhöhe steigt auch die Wahrscheinlichkeit, Individuen aus einer der benannten Bodentiergruppen zu finden.

Es liegt eine hohe positive Korrelation zwischen Vegetationsform und dem Vorhandensein von Bodentieren vor. Analog mit der Wahrscheinlichkeit, überhaupt Bodentiergruppen zu finden, steigt auch die Anzahl der gefundenen Arten. Durch das dauerhafte Vorkommen größerer Bodentierpopulationen erhöht sich das Ressourcenspektrum einer Dachbegrünung um mögliche Beutetiere für zoophage Käfer und Wirbeltiere (insbesondere Vögel) und das Beziehungsgeflecht wird größer.

Schematische Darstellung eines Biodiversitätsgründaches.
Schematische Darstellung eines Biodiversitätsgründaches.

Definition „Biodiversitätsgründach“
Unter einem „Biodiversitätsgründach“ ist eine Dachbegrünung mit hoher Struktur- und Pflanzenvielfalt zu verstehen, um Tieren (vorrangig Insekten und Bodentiere) weitere Nist- und Lebensräume anzubieten. Durch eine erhöhte Struktur- und Pflanzenvielfalt auf dem Dach wird die Artenvielfalt der Fauna nachhaltig gefördert. Vereinfacht dargestellt gibt es zwei Varianten „Biodiversitätsgründächer“ anzulegen: Als „höherwertige Extensivbegrünung“ oder als „einfache Intensivbegrünung“. Letztgenannte stellt eine Übergangsform von Extensiv- zu Intensivbegrünung dar und ist mit einem geringerem Herstellungsaufwand im Vergleich zu Intensivbegrünungen verbunden. In der Regel geht man bei einem „Biodiversitätsgründach“ aber von einer extensiven Dachbegrünung aus, die durch verschiedene Maßnahmen aufgewertet ist.

Gründachschichtaufbau
Der Basis-Aufbau eines kostengünstigen Biodiversitätsgründaches in Form einer mehrschichtigen Extensivbegrünung mit einer Gesamtaufbauhöhe von 10-15 cm sieht wie folgt aus:

• Ca. 2-4 cm Dränschicht (Kunststoff- oder Schüttgüterdränage)
• Filtervlies
• Ca. 6-12 cm Vegetationstragschicht (mit Extensivsubstrat für mehrschichtige Bauweise)
• Sedum-Gras-Kraut-Vegetation (Sedum-Sprossen plus Saatgutmischung bzw. Pflanzung)

Dieser Basis-Aufbau von 10-15 cm wiegt im wassergesättigten Zustand etwa 120-180 kg/m² und kann sowohl auf Dächern mit und ohne Gefälle eingesetzt werden. Schon allein dieser Aufbau bietet gegenüber einer einfacheren Sedum-Begrünung neben den vielen positiven Effekten wie u. a. Regenwasserrückhalt, Kühleffekt durch Verdunstung sowie Lärmminderung ein sehr gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis und lässt zudem viele Gestaltungsmöglichkeiten und eine große Artenvielfalt zu. Sind die statischen Möglichkeiten gegeben, sind höhere Gründachaufbauten zu befürworten.

„Hohe Schule der Gründachgestaltung“: Nachbildung einer artenreichen Heidelandschaft auf dem Dach.
„Hohe Schule der Gründachgestaltung“: Nachbildung einer artenreichen Heidelandschaft auf dem Dach.

„Biodiversitätsbausteine“
Um die ökologische Wertigkeit noch zu erhöhen, sind weitere Maßnahmen in Form von „Biodiversitätsbausteinen“ zu ergänzen. Dazu gehören z. B. auch Substratanhügelungen. Werden sie verwendet, müssen lediglich zusätzliche Lasten berücksichtigt werden: pro Zentimeter Substrat fallen je Quadratmeter etwa 12-14 kg an. Andere Biodiversitätsbausteine, wie beispielsweise Steinhaufen, sind ggf. als zusätzliche Punktlasten statisch zu berücksichtigen.

Nachfolgend sind weitere Maßnahmen aufgeführt, die zu einer höheren Struktur- und damit auch zu einer höheren Artenvielfalt der Fauna führen. Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und muss fortlaufend den Praxiserfahrungen angepasst werden.

• Bereiche mit höherer Substratauflage (mit Substrathöhen von ca. 10-20 cm), um dort
dauerhaft blühende Stauden pflanzen zu können.
• Partielle Substratanhügelung von einer Aufbauhöhe von etwa 30-40 cm und Pflanzung von anspruchslosen Gehölzen (z. B. Zwergkiefer, Felsenbirne, Ginster) und Stauden, damit frost- und trockenheitsempfindliche Bodentierarten Rückzugsmöglichkeiten finden.
• Pflanzenauswahl mit Blühzeitraum von April bis Oktober.
• Gezielte Pflanzenauswahl, beispielsweise spezielle Futterpflanzen für Insekten und Vögel.
• Sandflächen als weiteres andersartiges Mikrohabitat.
• Totholz als Haufen oder Einzelstrukturen, als Lebensraum, Versteck oder Nisthilfe für
Pflanzen und Tiere.
• Steine als Haufen oder Einzelstrukturen, als Versteck oder Nisthilfe.
• Wasserflächen (Tränke). Ausprägung von kleinen „Pfützen“ bis hin zu Teichen vorstellbar. Meist temporär ausgebildet, d.h. sie füllen sich durch Niederschlagswasser. Diese können auch mit einem dauerhaften Wasserstand und über automatische Wasserzufuhr (Regen- bzw. Trinkwasser) angelegt werden.

Für die Umsetzung und Gestaltung von Biodiversitätsdächern sollten die einzelnen Bausteine etwa 20-30 % der Dachfläche belegen und dabei gleichmäßig verteilt sein.


BuGG-Fachinformation „Biodiversitätsgründach“
In der BuGG-Fachinformation „Biodiversitätsgründach“, die mit Unterstützung der Stadt München entstanden ist, sind die wichtigsten Begriffe, Grundlagen, Handlungshinweise, Pflanzenlisten und einige Praxisbeispiele zu diesem Thema zusammengestellt. Die Fachinformation soll sowohl für die Planung als auch für die Ausführung von höherwertigen Extensivbegrünungen Hilfestellung geben. Die Infoschrift steht unter www.gebaeudegruen.info kostenlos zum Download bereit.



Der Autor ist Präsident des Bundesverbands GebäudeGrün (BuGG). Der BuGG beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Dach-, Fassaden-, Innenraum- und sonstiger Bauwerksbegrünung und ist 2018 aus dem Zusammenschluss der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB) und Deutscher Dachgärtner Verband (DDV) entstanden.




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