corthum-Fachseminar 2020

MARXZELL-PFAFFENROT, 08.05.2020 – Mit rund 100 Teilnehmern voll belegt war das 15. corthum-Fachseminar, das Landschaftsarchitekten, kommunale Entscheider sowie Unternehmer aus dem Garten- und Landschaftsbau in den Schwarzwald lockte. Hochkarätige Referenten vermittelten unter Moderation von Johannes Prügl vom gleichnamigen Bodeninstitut ein praxisnahes Wissens-Update.

Anlage einer Staudenfläche mit Unterflurbewässerung (druckkompensierte Tropfer) mit Studierenden am Campus der Hochschule Geisenheim University.
Anlage einer Staudenfläche mit Unterflurbewässerung (druckkompensierte Tropfer) mit Studierenden am Campus der Hochschule Geisenheim University. | Foto: Stephan Roth-Kleyer

Professor Dr. Stephan Roth-Kleyer, zuständig für das Lehr- und Forschungsgebiet Vegetationstechnik an der Hochschule Geisenheim University, widmete sich dem Thema Wasserbedarf für die Grünflächenpflege. Die Herausforderung der künftigen Jahrzehnte läge in der Sicherstellung der Trinkwasserversorgung für die Menschheit. Wie Professor Roth-Kleyer ausführte, besteht nur rund 2,5% des auf der Erde vorkommenden Wassers aus Süßwasser. Davon sind 68,7% an den Eiskappen und in Gletschern sowie 30,1% im Grundwasser gebunden. Das dann noch verbleibende eine Prozent teilt sich auf Flüsse (2%), Sümpfe (11%) und Seen (87%) auf. In Deutschland stehen jährlich rund 182 Mio. Kubikmeter Wasser zur Nutzung zur Verfügung. Davon verwenden Industrie, Landwirtschaft, Kraftwerke und öffentliche Wasserversorger aktuell 24% und somit knapp 44 Mio. Kubikmeter.

Laut Angaben von Prof. Roth-Kleyer führte Diplomingenieur Bernd Roser vom Grünflächenamt in Frankfurt für den heißen Sommer 2018 verschiedene Klimaaufzeichnungen durch. Er ermittelte dabei für Frankfurt eine Sonnenscheindauer von plus 33% zum Normalwert. Auch nach der Bilanz des Deutschen Wetterdienstes sei es in Frankfurt so warm wie an keinem anderen Ort in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen. Kronen- und Astdürren, Grünastbrüche, Braunfärbung der Blätter, früher Laub- und Fruchtfall wurden von Bernd Roser in 2018 festgestellt, wobei sich die Langzeitschäden vermutlich erst in drei bis fünf Jahren zeigen. Seine daraufhin errechnete Prognose für die durch den Klimawandel notwendigen Anpassungen in der Grünpflege, beläuft sich auf 760.000 Euro.

„Das sind 450.000 Euro mehr als in Frankfurt bislang veranschlagt sind“, stellte Roth-Kleyer fest und erklärte: „Eine sachgerechte Bewässerung, kombiniert mit einer vegetationstechnisch fachgerechten Ausführung sowie klimatisch tauglichen Pflanzen, kann unsere Grünflächen zukünftig nachhaltig und ressourcenschonend sichern. Dabei ist die Technologie der druckkompensierten Tropfbewässerung in der Regel die ökologisch und ökonomisch sinnvollste Form, wenn es um automatisierte Bewässerungen geht“. Roth-Kleyer empfiehlt den ausschreibenden Stellen und ausführenden Betrieben die FLL-Bewässerungsrichtlinien für die Planung, Installation und Instandhaltung von Bewässerungsanlagen in Vegetationsflächen aus dem Jahr 2015. Durch sachgerecht geplante und installierte Tropfbewässerungen lassen sich seinen Angaben zufolge zwischen 30 und 60% des gegenwärtig benötigten Wassers einsparen.

Pflanzungen nach Geselligkeitsstufen imitieren natürliche Lebensgemeinschaften.
Pflanzungen nach Geselligkeitsstufen imitieren natürliche Lebensgemeinschaften. | Foto: Bernd Hertle


Erfolgreiche Staudenpflanzungen

Professor Dr. Bernd Hertle von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ist Leiter der Weihenstephaner Gärten und lehrt das Fach Freilandzierpflanzen an der Fakultät für Gartenbau und Lebensmitteltechnologie. Sein Vortrag beleuchtete verschiedene Konzeptionen für Staudenpflanzungen. Der Erfolgsfaktor liegt dabei laut Dr. Hertle in der Verknüpfung von Ökologie, Ökonomie, Funktionalität und Ästhetik. Unter dem Stichwort Ökonomie verbirgt sich z.B. die zeitliche Kapazität und das vorhandene Fachwissen der Pflegekräfte, was bereits bei der Planung entsprechend berücksichtigt werden sollte. Hinter der Ökologie stecken sinnvolle Pflanzengemeinschaften, die sich das Leben nicht gegenseitig erschweren und den zur Verfügung stehenden Standort schätzen. An erster Stelle der Entscheidungskette stehe deshalb immer die Gesamtsituation vor Ort.

Einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf die Entwicklung ist dabei der Boden, also die Vegetationstragschicht bzw. das Substrat. Doch auch das Klima, mit Lichtsituation, Temperatur und Feuchtigkeit gelte es zu berücksichtigen. Bei der Pflanzenauswahl unterscheidet Hertle drei Strategietypen (nach Grime): Ruderal-Strategen sind meist ein- bis zweijährige Kulturfolger und echte Vagabunden wie der Mohn mit seinem hohen Versamungspotenzial. In der Regel ist ihr Auftreten von Kurzlebigkeit bestimmt. Spätestens im dritten Standjahr sind sie verschwunden, dafür geben sie alles bei der Neuanlage, was schöne Effekte verspricht. Stress-Strategen beherrschen Mangelsituationen, sind zäh, anpassungsfähig und brauchen keine Bewässerung. Durchaus wettbewerbsfähig und in Konkurrenz tretend sind dagegen die C-Strategen, die Hertle auch gerne als Platzhirsche bezeichnet. Unter den Stauden gäbe es zwar nur wenige reine R-, S- oder C-Strategen, jedoch viele attraktive Mischformen, die manchmal zwei oder sogar alle drei Strategien beherrschen.

Fertige Staudenrezepte, bei denen keine Denkleistung mehr gefordert wird, gibt es aus seiner Sicht allerdings nicht. Die Standortbestimmung, inklusive der Niederschlagsmenge, plus dem fachlichen Potenzial der Pflegekräfte entscheidet, was passt. „Wenn keine Fachkräfte für die Pflege zur Verfügung stehen, ist eine „Einartige Pflanzung“ aus Geranium macrorrhizum als Baumunterpflanzung nicht immer die schlechteste Lösung“, so Hertle. Driftpflanzungen schaffen wunderschöne Bilder, Flächenpflanzungen sind einfacher zu pflegen als differenzierte Mosaikpflanzungen. Pflanzungen nach Geselligkeitsstufen imitieren natürliche Lebensgemeinschaften. Sie bestehen aus Leitstauden und ihren Begleitern, sogenannten Füllstauden und Flächenpflanzen. Solche Konzepte unterliegen einer großen, zu steuernden Dynamik und benötigen sehr viel Pflegewissen.

Bei den modernen Stauden-Mischpflanzungen dominieren in den ersten Jahren kurzlebige Arten, die später in einer Art Eigendynamik durch ausdauernde Stauden abgelöst werden. Solche Pflanzungen haben auch bei einer Pflege, die nur aus der Unkrautbeseitigung und Steuerung der Dynamik besteht, durchaus eine Lebensdauer von 15 und mehr Jahren. Für Bernd Hertle hängt der langfristige Erfolg jedoch allein von der Korrelation Pflanzenauswahl zu Pflegekompetenz ab und Letzteres ist aus seiner Sicht leider immer noch der am Häufigsten unterschätzte Faktor. „Fachkräfte müssen Gewünschtes von Ungewünschtem unterscheiden können. Und danach richtet sich die Vielfalt einer Staudenpflanzung“, so der Professor, für den individuelle Lösungen immer noch die besten sind. Den Startpunkt einer Pflanzung bestimme die Planung, für die Reiseroute sei das Pflegepersonal zuständig. Die Hypothese, im städtischen Umfeld nur noch trockenheitsverträgliche Stauden zu verwenden, stellt der Wissenschaftler in Frage und fordert ein Umdenken in funktionierende stressresistente grüne Lebensgemeinschaften.

Bildgalerie: Die Referenten des corthum-Fachseminars 2020

Häufig lässt sich die Schadverdichtung leicht an der Bodenoberfläche erkennen.
Häufig lässt sich die Schadverdichtung leicht an der Bodenoberfläche erkennen. | Foto: Katharina Weltecke


Bewertung des Wurzelraumes von Bäumen

Einen Einblick in das Thema Bodenschadverdichtung, eine der Hauptstörungen im Wurzelraum von Stadtbäumen, gewährte Dr. Katharina Weltecke den Seminarteilnehmern. Die Sachverständige für Baumstandorte ist Mitglied beim Arbeitskreis Baum im Boden, der aktuell im Eigenverlag das „Praxishandbuch Wurzelraumansprache“ veröffentlicht, welches ab Mai bei Climbtools, Drayer, FLL, Freeworker und Gefa Produkte Fabritz bezogen werden kann. Eine Buchvorschau findet sich auf der Internetseite www.baumimboden.de. Der Musteraufnahmebogen zur Wurzelraumansprache und ein Muster-Wurzelprotokoll stehen dort oder unter www.bodenundbaum.de kostenfrei zum Download zur Verfügung.

Baumwurzeln müssen im Feinwurzelbereich atmen, wobei 25-50% der produzierten Assimilate im Wurzelraum wieder veratmet werden, erläuterte Dr. Weltecke in ihrem Vortrag. Bei einem intakten Boden sei der Austausch von O2 und CO2 gegeben. Durch Befahren oder andere Belastungen nehmen jedoch die Hohlräume und weiten Grobporen in der Bodenstruktur ab. Das gehe zu Lasten der Belüftung und lasse die CO2-Konzentration im Boden ansteigen. Bereits 1% CO2 im Boden hat laut Dr. Weltecke eine wurzelschädigende Wirkung.

Untersuchungen in der Stadt Kassel bspw. ergaben, dass Baumhöhe und Durchmesser der dort untersuchten Eichen mit der Bodenbelüftung korrelieren. „Je besser die Bodenbelüftung am Standort war, desto höher und dicker wuchsen die Bäume“, erläuterte die Wissenschaftlerin. Durch zu wenig Sauerstoff im Boden sterben Feinwurzeln ab, was wieder zu einer schlechteren Versorgung des oberirdischen Baumteils führt und letztendlich zum Absterben weiterer Pflanzenorgane. Im schlimmsten Fall sterbe der Baum. „Verdichtung kann im Wurzelraum mit aufmerksamem Blick diagnostiziert werden. Fahrspuren von Fahrzeugen, Pfützen, fehlender Aufwuchs, keine Regenwurmlosung sowie das Vorkommen von pflanzlichen Verdichtungszeigern wie Rotklee, Löwenzahn und Breitwegerich sind bspw. deutliche Zeichen.“, zählt die Sachverständige auf.

Das wichtigste Hilfsmittel zur Ansprache des Wurzelraumes ist die Bodensonde, alternativ auch einfach der Sondierstab. Hiermit lassen sich tieferliegende Verdichtungshorizonte schnell und sicher aufspüren. Da der Bodenwiderstand von verschiedenen Faktoren, wie z.B. der Bodenfeuchtigkeit abhängig ist, sollte zeitgleich auch immer der Bodenwiderstand auf einer Referenzfläche untersucht werden. Zur Bodensanierung mit Baumbestand können Druckluftlanzen verwendet werden, wobei die Erfahrungen damit sehr unterschiedlich sind. Bohrlöcher und Belüftungsgräben mit Bodenaustausch sind weitere mögliche Maßnahmen mit wissenschaftlich nicht nachgewiesener Verbesserung. Als Ökosystem-Ingenieure bezeichnet Weltecke Pflanzen, die auch auf verdichteten Böden wachsen und diese mit ihrem sehr intensiven Wurzelgeflecht durchdringen. Nach Absterben der Wurzeln bleiben Poren zurück, die für eine Belüftung des Bodens sorgen.

Übrigens zählen auch Regenwürmer zur „Spezies“ der Ökosystem-Ingenieure. Urbane Baumscheiben können mit Pflanzen wie Leguminosen, Sonnenblumen oder Phacelia, die alle mit ihren tiefen dichten Wurzeln Bodenporen schaffen (Phytomelioration), bepflanzt werden. Da auch hier noch nicht hinreichend bekannt ist, welche Pflanzen gut auf städtischen Baumstandorten wachsen, sei die Ausbringung von Mischungen mit verschiedenen verdichtungstoleranten, tief und intensiv wurzelnden Pflanzen sinnvoll.

Wegen der besonderen Anforderungen gibt es für begrünbare Feuerwehrzufahrten in den Richtlinien eine eigene Nutzungskategorie N FW.
Wegen der besonderen Anforderungen gibt es für begrünbare Feuerwehrzufahrten in den Richtlinien eine eigene Nutzungskategorie N FW. | Foto: Leopoldseder LWG

Neue FLL-Richtlinien für begrünbare Flächenbefestigungen

Thomas Leopoldseder, der am Institut für Stadtgrün und Landschaftsbau der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau tätig ist, stellte die neuen FLL-Richtlinien für Planung, Bau und Instandhaltung von begrünbaren Flächenbefestigungen vor. „Der Hauptpunkt bei der Überarbeitung war die Anerkennung solcher Flächenbefestigungen durch die Feuerwehr, die in der Ausgabe aus dem Jahr 2008 noch nicht geregelt war“, erklärte er. In den aktuellen Richtlinien gibt es deshalb nun die Nutzungskategorien N 1 bis N 3 zuzüglich der für die Feuerwehr als NFW ausgewiesenen.

N 1 umfasst Flächen wie Terrassen, Wege und Sitzplätze, in N 2 wird der Belastung durch Pkw bis zu 3,5 t bei Garageneinfahrten und Stellplätzen Rechnung getragen und die N 3 kümmert sich um die gelegentliche Befahrung mit Fahrzeugen bis 20 t. „Bei Flächenbefestigungen, die für die Feuerwehr erstellt werden, können Punktlasten von bis zu 800 kN pro Quadratmeter auftreten und Achslasten von 10 t, weshalb diese Flächen einer besonderen Nutzungskategorie und bautechnischen Anforderungen unterliegen“, so Leopoldseder. „Die Feuerwehren benötigen hierzu den Nachweis einer messtechnischen Prüfung, denn bei dieser hohen Verkehrslast braucht es auch ein hohes Verformungsmodul auf der Tragschicht“.

Unter die begrünbaren Beläge fallen Kunststoffwabenelemente, Rasenklinker, Rasengittersteine und Pflaster mit Rasenfugen, für die die Richtlinien Schichtaufbauempfehlungen mit konkreten Beispielen enthalten. Auch für die Erstellung von Schotterrasen gibt es entsprechende Empfehlungen. Die Materialeigenschaften der Baustoffe sind in Tabellen definiert, damit sie bei der Anlieferung der Vegetationstragschicht geprüft werden können. Beim Einbau kommen weitere Kennwerte ins Spiel, die vom Verarbeiter auf der Baustelle eingehalten werden müssen. Es sei laut Leopoldseder ratsam für den Qualitätsnachweis einen unabhängigen Gutachter zu beauftragen..

Zum Veranstalter:
Die corthum Erdenwerke mit Standorten in Marxzell (Stammhaus seit 1975) und Herbolzheim (seit 2013) sind Hersteller und Lieferant von Erden, Substraten und Rindenprodukten in Gärtnerqualität. Seit 1987 ist Uwe Schönthaler Geschäftsführer des nachhaltig aufgestellten Familienbetriebs, wobei die 3. Generation auch schon mitwirkt. Ein eigener Fuhrpark, die Verwendung von ausgewählten und regionalen Zuschlagstoffen sowie ein großes Know-how in der Rindeaufbereitung zeichnen die Werke aus. Zudem wird großer Wert auf Umweltschonung und Nachhaltigkeit gelegt. So stellt die Humusheizung auf dem Gelände des Erdenwerks in Marxzell ein deutschlandweites Pilotprojekt dar. In diesem Zusammenhang wurde im Jahr 2008 ein Glashaus gebaut, das die Wärmeenergie aus den eigenen Produkten nutzt und wo nicht nur Pflanzen lagern. Auch Fortbildungen und das jährliche corthum Fachseminar finden dort statt.

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