Baumschulwirtschaft trotzt der Krise

KIEL, 20.05.2020 – Die Produktion und der Verkauf von Baumschulware geht trotz des coronabedingten Ausnahmezustands weiter. Laut Bund deutscher Baumschulen sind bei Gartenbesitzern besonders Obstgehölze gefragt. Zumindest auf nationaler Ebene scheint die Baumschulwirtschaft weniger von Einbußen betroffen zu sein. Darüber sprach die B_I galabau mit BdB-Präsident Helmut Selders.

von Ebba Stoffregen

Die rund 1800 Baumschulbetriebe in Deutschland kultivieren Gehölze mit einem jährlichen Produktionswert von über 1. Mrd. Euro. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Geschäftsentwicklung sind zurzeit noch nicht absehbar.
Die rund 1800 Baumschulbetriebe in Deutschland kultivieren Gehölze mit einem jährlichen Produktionswert von über 1. Mrd. Euro. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Geschäftsentwicklung sind zurzeit noch nicht absehbar. Es scheint aber, dass die Baumschulwirtschaft den Lockdown relativ gut überstanden hat. | Foto: BdB/Graf Luckner
Helmut Selders, seit 2013 BdB-Präsident und Gründer sowie Inhaber der Baumschulen Selders in Haan (NRW) und Delitzsch (Sachsen).
Helmut Selders, seit 2013 BdB-Präsident und
Gründer sowie Inhaber der Baumschulen
Selders in Haan (NRW) und Delitzsch
(Sachsen): „Für die Zeit nach Corona hoffen
wir, dass grüne Umweltthemen noch mehr
an Bedeutung gewinnen. Schließlich ist die
Wichtigkeit sowohl von privaten als auch
städtischen Grünanlagen gerade jetzt
überaus deutlich geworden.“
| Foto: BdB/Graf Luckner

B_I galabau: Herr Selders, die Gartencenter sind mittlerweile in allen Bundesländern geöffnet und der Trend zur Selbstversorgung scheint angesichts von Kontakt- und Reisebeschränkungen einen Schub bekommen zu haben. Profitieren die Baumschulbetriebe im Privatsektor vielleicht sogar von der aktuellen Lage und wie stellt sich diese dar?

Helmut Selders: Insgesamt kann man sagen, dass es den meisten Baumschulbetrieben in Deutschland besonders im Vergleich zu anderen Einzelhandelsgeschäften gut geht. Viele Garten- und Endverkaufsbaumschulen konnten während des Corona-Lockdowns mit findigen Ideen wie zum Beispiel Abhol- oder Lieferdiensten private Abnehmer erreichen und Umsatz generieren: Obstgehölze sind mittlerweile quasi ausverkauft und der Trend zur eigenen Lebensmittelversorgung hält an. Das Interesse an „Grün“ ist im Privatgartenbereich gestiegen, was sich in einigen Bilanzen sicherlich positiv auswirken wird. Dazu kommt, dass die Betriebe des Garten- und Landschaftsbaus bundesweit weiterarbeiten konnten und so wichtiges Geschäftsfeld der rund 1800 Baumschulbetriebe in Deutschland aufrechterhalten wurde. Demgegenüber sind im Auslandsgeschäft allerdings deutliche Einbußen zu erwarten, auch, wenn, der Export von Baumschulware zum Beispiel gen Osten nicht gänzlich zum Erliegen gekommen ist. Ob sich ein Absatzdefizit auf der einen Seite durch eine positive Entwicklung auf der anderen Seite ausgleichen lässt, hängt vom Zuschnitt des jeweiligen Kulturbetriebes ab und lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in Zahlen ausdrücken. 

B_I galabau: Wie schätzen Sie aktuell den Geschäftsverlauf in der Baumschulwirtschaft ein und was erwarten Sie für die Zeit nach Corona?

Helmut Selders
: Die Baumschulbetriebe stehen trotz der Lockerungen vor Herausforderungen. Gesamtwirtschaftlich wird eine tiefe Rezession prognostiziert und nach wie vor ist ein vorsichtiges Handeln vonnöten, um Infektionen zu vermeiden und Betriebsabläufe zu sichern. Das hat bei uns in den Baumschulbetrieben in Haan (Nordrhein-Westfalen) und Delitzsch (Sachsen) bisher sehr gut funktioniert: Es wurden feste Kolonnen gebildet und viele weitere Hygienemaßnahmen getroffen, um sowohl Kunden als auch Mitarbeiter zu schützen. Ein Ausfall von Beschäftigten durch eine Covid-19-Erkrankung in anderen Baumschulen ist mir zurzeit auch nicht bekannt. Die Betriebe sind mit ihrer Arbeit gut vorangekommen. Aufschulpläne werden langfristig angelegt und darüber hinaus hatten wir einen milden Winter, sodass alle Kulturarbeiten ausgeführt werden konnten. Was den Baumschulen trotz prognostiziertem Konjunktureinbruch eventuell auch zugutekommen kann, ist die Tatsache, dass deutsche Urlauber momentan nicht normal ins Ausland reisen können. Diejenigen, die einen Garten besitzen, werden diesen dann vielleicht verändern wollen und dabei auch auf Baumschulware zurückgreifen. Für die Zeit nach Corona hoffen wir insgesamt, dass grüne Umweltthemen noch mehr an Bedeutung gewinnen. Schließlich ist die Wichtigkeit sowohl von privaten als auch städtischen Grünanlagen gerade jetzt überaus deutlich geworden.

B_I galabau: Wie schätzen Sie die Lage ein, was den Aufbau und die Weiterentwicklung von mehr Stadtgrün betrifft? Die Sorge um klamme Kommunen ist groß: Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat erst kürzlich ein Sofortprogramm zur Sicherung der Kommunalfinanzen eingefordert.

Helmut Selders
: Wir müssen davon ausgehen, dass die finanziellen Verteilungskämpfe in den Kommunen größer werden. Es wird sicherlich zu einem Anstieg der Sozialausgaben kommen, wobei gleichzeitig die Steuereinnahmen zurückgehen werden. Aber es darf nicht wie in der Vergangenheit dazu kommen, dass die Grüne Infrastruktur als erstes Federn lassen muss. Sowohl Corona als auch der Klimawandel zeigen, wie wichtig das gestaltete Grün in den Parks und Straßen unserer Städte ist. Es garantiert die soziale Teilhabe und die Gesundheit der Bevölkerung. Wenn diese Einsicht bei den kommunalen Entscheidern vorhanden ist, wird es auch kein Entweder-oder geben. Allerdings sehen wir auch den Bund in der Verantwortung, die Kommunen in diesem Bereich finanziell zu unterstützen. Darüber hinaus fordern wir als BdB schon lange, dass 5 % der Bausumme verpflichtend in eine grüne Infrastruktur investiert wird – egal, ob bei privaten oder öffentlichen Bauprojekten.

B_I galabau: Mal angenommen, die Nachfrage nach Baumschulprodukten bleibt stabil oder steigt sogar: Wie steht es um das Angebot seitens der Baumschulen, wo doch seit dem 1. März gemäß Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) keine gebietsfremden Gehölzarten in der freien Landschaft ausgebracht werden dürfen?

Helmut Selders
: Der gesamte Gehölzmarkt ist von Knappheit geprägt. Nicht selten geht es bei Aufträgen um die Verwendung alternativer Pflanzen, die dem ursprünglichen Kundenwunsch entsprechen. Bei den gebietseigenen Gehölzen ist die Lage noch viel schwieriger. Es gibt für viele Gehölze keine Beerntungsgebiete und folglich auch kein Saatgut. Das betrifft vor allem die Landschafts- und Wildgehölze und weniger die Forstgehölze. Es rächt sich jetzt, dass man die BdB-Forderung nach Austauschgebieten von Seiten des Bundesumweltministeriums damals vom Tisch gewischt hat. Hinzu kommt, dass die Zertifizierung durch eine von Bund und Ländern vorangetriebene Überbürokratisierung für die Betriebe sehr kostenintensiv geworden ist. Angesichts dieser Rahmenbedingungen stellen sich viele Baumschulen die Frage, ob sich der Markt überhaupt wirtschaftlich lohnt. Wenn es schlecht läuft, werden wir in der freien Natur eine Verengung der Artenvielfalt bekommen, da in weiten Teilen Deutschlands viele Straucharten gebietseigen nicht verfügbar sein werden. Wir haben als Praktiker vor dieser Situation jahrelang gewarnt. Als Branchenverband und Interessenvertretung von rund 1.000 Mitgliedsbetrieben im BdB werden wir die Situation weiter beobachten und der Politik als konstruktiver Gesprächspartner zur Verfügung stehen.

B_I galabau: Der BdB fordert angesichts der Klimawandelfolgen seit Längerem eine intensive Gehölzforschung. Ende April, anlässlich des Petersberger Klimadialogs, haben Sie noch einmal nachdrücklich auf die Bedeutung der Klimafolgenforschung an Gehölzen aufmerksam gemacht und auf die Notwendigkeit einer Sortimentserweiterung ohne ideologische Debatten um heimische oder nichtheimische Bäume hingewiesen. Was erwarten Sie von der Politik?

Helmut Selders
: Sie weisen auf die wirklich dringende Diskussion hin, die wir in unserem Land führen müssen. Es kann in Zeiten des Klimawandels nicht darum gehen, starr an Überzeugungen festzuhalten. Wer wie die Bundesregierung davon überzeugt ist, dass es zu einer Erderwärmung kommen wird, muss doch auch anerkennen, dass diese Entwicklung Auswirkungen auf die heimische Flora hat. Die Diskussion um die regionale Einteilung heimischer Gehölze ist daher rückwärtsgewandt. Viel wichtiger ist es genau zu prüfen, welche heimischen Arten an welchen Standorten langfristig funktionieren. Und überall dort, wo es nötig ist, müssen wir mit anderen Arten und Sorten ergänzen. Wir brauchen einen dynamischen Naturschutz, der sowohl der biologischen Vielfalt als auch den Menschen dient. Ein Baum, der nicht vital ist, wird seine Funktion an seinem Endstandort nicht wahrnehmen – und davon hat weder die Biene noch der Mensch etwas. Ein Ausbau der Forschungsinfrastruktur ist deshalb dringend nötig.  Das Problem ist nur, dass die Lehrstühle im Gartenbau seit Jahren verschwinden. Und das obwohl wir die universitäre Forschung als Innovationstreiber und Ort der Wissensvermittlung mehr denn je brauchen, um künftige Generationen von Forschern und Lehrern aufzubauen. Sowohl den Bund wie auch die Kultusminister der Länder und die Hochschulrektorenkonferenz haben wir erst jüngst auf diese problematische Entwicklung aufmerksam gemacht. Letztlich schiebt man sich die Verantwortung für diese Situation gegenseitig in die Schuhe. Wenn wir aber eine ernsthafte Politik zur Klimafolgen-Adaption machen wollen, dann müssen Bund und Länder über ihren Schatten springen, Geld in die Hand nehmen und die Forschungslandschaft in unserem Bereich restrukturieren. Das ist kein Hexenwerk, sondern reiner politischer Wille.

B_I galabau: Wie könnte Ihrer Meinung nach die Gehölzforschung aufgebaut und koordiniert werden?

Helmut Selders
: Wir Baumschulen stehen als bewährte Partner ebenso bereit wie die gartenbaulichen Versuchsanstalten. In der „Arge Baumschulforschung“, die seit über fünfzig Jahren Praktiker, Versuchsansteller und die noch verbliebenen Hochschulvertreter versammelt, existiert meiner Meinung nach bereits ein Instrument. Die Arbeitsgemeinschaft könnte als Keimzelle für eine breit angelegte Gehölzforschung genutzt werden, die auch auf weitere Forschungsfelder ausstrahlen kann. Denn: Innovative Ideen im Bereich der Pflanzengesundheit sind ebenso gefragt wie die Erforschung der notwendigen Infrastruktur, damit Gehölze in der Verwendung ordentlich „ihre Arbeit“ machen können..


Lesen Sie auch:
Grüne Infrastruktur ist systemrelevant
Zwischenbilanz der Baumschulwirtschaft


Hier erfahren Sie alles aus der grünen Branche.

Jetzt den B_I Newsletter abonnieren!
✔ ca. 1x pro Monat - ✔ Jederzeit abbestellbar