Trotz Corona-Einbruch: Baumaschinenindustrie bleibt optimistisch

KIEL, 20.05.2020 – Die deutschen Baumaschinen- und Baustoffanlagenhersteller rechnen 2020 infolge der Corona-Krise mit deutlich rückläufigen Umsätzen. Dennoch bleibt die Industrie grundsätzlich optimistisch – auch weil der Rückgang mit 10 bis 30 Prozent geringer ausfällt als in der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09.

von Hendrik Stellmach

Baustelle mit Turmdrehkranen
Die Baumaschinenindustrie zeigt sich in der Corona-Krise, gestützt durch eine weitgehend ungestört laufende Bauindustrie, erstaunlich stabil. So schlimm wie 2008/09 ist die Lage nicht, wie Daten des VDMA-Fachverbandes Baumaschinen und Baustoffanlagen zeigen. | Foto: VDMA
Die deutsche Baumaschinenindustrie ist in den letzten zehn Jahren von Rekord zu Rekord geeilt, hat beispielsweise 2017 gegenüber dem Vorjahr 15 Prozent und 2018 zwölf Prozent mehr Umsatz erzielt. Jetzt machen sich die positiven Nachwirkungen der Boomjahre bemerkbar. Das erste Quartal 2020 erzielte in den meisten Unternehmen noch unbeeinflusst von der Krise akzeptable Ergebnisse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Auftragseingang lag bei Baumaschinen mit 6 Prozent im Plus über dem Vorjahresniveau, vor allem durch die starken Monate Januar und Februar. Die Baustoffanlagen drehten im selben Zeitraum mit 22 Prozent ins Minus im Vergleich zum Vorjahr – eine reine Momentaufnahme, da dieser Bereich durch langfristige Großprojekte bestimmt wird.
Umsatz deutscher Baumaschinenhersteller
Der Umsatz der deutschen Baumaschinenhersteller kennt seit zehn Jahren nur eine Richtung: nach oben. Eine zyklische Erholung sei auch ohne Corona-Krise inzwischen überfällig gewesen, meint man beim VDMA. | Grafik: VDMA

Langjähriger Boom der Baumaschinenindustrie wirkt noch nach

Ab April erwartet der VDMA insgesamt einen signifikanten Rückgang, verbreitet aber dennoch alles andere als Pessimismus. Selbst nach einem 30-prozentigen Rückgang werde der Baumaschinenabsatz 2020 noch auf einem sehr respektablen Niveau liegen, sagt Sebastian Popp vom VDMA. Die Industrie befinde sich seit mehr als zehn Jahren fast ununterbrochen in einem Aufwärtstrend, der nun abgelöst werde von einem „zyklischen Marktabschwung, der irgendwann kommen muss“, so Popp. Er hält die aktuelle Situation für eine „temporäre Schwäche, eine besser zu bewältigende Krise als 2009“ und gibt zu bedenken: „Unsere zyklische Branche kennt zweistellige Rückgänge.“

Aber, so der Konjunkturexperte, die Corona-Krise werde „die Branche ausdauernder beschäftigen“ als es die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 getan habe. Langfristige staatliche und kommunale Budgetrestriktionen würden sich negativ auf den Auftragseingang auswirken. Schließlich seien auch weitere Disruptionen, etwa durch eine zweite Infektionswelle, noch längst nicht vom Tisch.

Zu den Faktoren, die die derzeitige Situation von derjenigen der Jahre 2008 und 2009 unterscheidet, zählt die Tatsache, dass es trotz des beispiellosen Wachstums des Maschinensektors keinerlei Blasenbildung gegeben habe. Das Positive aus Sicht der Bauunternehmen ist, dass es Popp zufolge „in diesem Jahr wahrscheinlich keine großen Lieferengpässe bei Baumaschinen“ geben wird.

Störungen der Lieferketten bei Baumaschinenherstellern
Die Stimmung in der Baumaschinenindustrie beginnt, sich etwas aufzuhellen: Nur noch 6 Prozent der Unternehmen berichteten in der jüngsten Blitzumfrage des VDMA zur Corona-Krise von gravierenden Störungen der Lieferketten. | Grafik: VDMA
Franz-Josef Paus
„Unter dem Strich sind wir alle relativ opti-
mistisch.“ – Wie die meisten Unternehmen
im VDMA-Fachverband Baumaschinen und
Baustoffanlagen produziert auch die Her-
mann Paus Maschinenfabrik von Geschäfts-
führer Franz-Josef Paus zurzeit normal
weiter. | Foto: VDMA

Auftragseingang weiter im Sinkflug

Die ersten negativen Tendenzen in der Baumaschinenindustrie zeigten sich Ende März in den Ergebnissen der zweiten VDMA-Blitzumfrage zur Corona-Krise. 57 Prozent der Unternehmen, die aus dem Baumaschinen- und Baustoffanlagenbereich teilnahmen, gaben an, dass sie signifikante oder starke Rückgänge beim Auftragseingang hinnehmen mussten; im April waren es bereits 72 Prozent. Dabei gingen insbesondere Bestellungen von Vermietunternehmen zurück, die derzeit kaum noch investierten, was vor allem den Absatz von Kompaktmaschinen treffe. Viele Hersteller unterbrachen für zwei, drei, manchmal vier Wochen ihre Produktion.

Laut VDMA hat es kaum Stornierungen von Aufträgen gegeben, sie wurden überwiegend lediglich aufgeschoben. Was dagegen fehlt, sind neue Bestellungen. Störungen in der Lieferkette blieben weitestgehend stabil, von Ende März bis Mitte April waren diese sogar leicht rückläufig. Das zeigt, dass es den Unternehmen gelingt, Prozesse anzupassen und Alternativen einzusetzen. Die vierte Umfrage vom 7.- 8. Mai zeigt an dieser Stelle weitere positive Tendenzen. Anders sieht es beim Auftragseingang aus: 87 Prozent der Unternehmen gaben an, gravierende oder signifikante Einbußen zu haben – vorwiegend in Europa und den USA, China spielt dabei kaum eine Rolle.

Die Entwicklungsprojekte der Hersteller würden unter den aktuellen Gegebenheiten bisher „nicht wesentlich beeinflusst“, sagt Franz Josef Paus, Vorsitzender des VDMA Baumaschinen und Baustoffanlagen. Auch Entlassungen seien zurzeit „kein Thema“. Er berichtet außerdem von einem guten Miteinander mit den Auftraggebern und großem beiderseitigem Verständnis in der derzeitigen außergewöhnlichen Situation.

Baustellen laufen weiter

Ralf Lüddemann vom Bauunternehmen Leonhard Weiss spricht von aufgeschobenen Investitionen in neue Maschinen, jede Anschaffung werde zurzeit zwei oder dreimal überdacht. Es gebe aber keinen Investitionsstopp. Kein Wunder, ist doch der Baubetrieb in seinem Unternehmen seit Beginn der Corona-Krise ununterbrochen weitergelaufen. Gleichzeitig wirke die Krise als Beschleuniger des digitalen Wandels in der Baubranche. Der Digitalisierung von Baustellenprozessen komme eine immer größere Bedeutung zu. „Die Digitalisierung ist ein Schlüssel, um diese Krise meistern zu können“, so Lüddemann. Er setzt daher große Hoffnungen in die VDMA-Arbeitsgruppe MiC 4.0, die Standards für den Datenaustausch zwischen der Maschinen- und der Bauwelt definieren will. So könne die Bauindustrie auch in Zukunft ihrer besonderen Rolle als Konjunkturlokomotive gerecht werden.

Flaute in der Zementproduktion drückt auf’s Geschäft

Im Bereich Baustoffanlagen sind Zulieferer der Zementbranche am Umsatzvolumen gemessen das größte Segment. Die weltweite Drosselung der Zementproduktion führt auch bei den Maschinen- und Anlagenbauern dieser Branche zu Einbußen. Aktuell sind noch 80 Prozent der Zementwerke weltweit aktiv, jedoch mit großen regionalen Unterschieden und vielerorts mit reduzierter Produktion. In Indien beispielsweise, traditionell ein starker Markt für die VDMA-Mitglieder, stehen alle Zementwerke still. Die VDMA-Mitglieder aus der Fachabteilung Zementanlagen rechnen mit einem Rückgang des Auftragseingangs in diesem Jahr von über 20 Prozent in Relation zu den erwarteten Ergebnissen. Gleichzeitig wird mit einer baldigen Rückkehr zum Vor-Corona-Niveau gerechnet.

Größere Einschnitte erwartet die Ziegelzulieferindustrie. Mitglieder der europäischen Arbeitsgruppe ECTS berichten teilweise von dramatischen Einschnitten. Vor allem Engineering-Unternehmen, die fast ausschließlich von großen Projekten im Bereich Neuanlagen oder Überholung leben, rechnen mit Verlusten im Auftragseingang von über 30 Prozent. Da ein genaues Ende der Krise noch nicht abzusehen ist, könnte selbst dieser Wert teilweise zu konservativ sein. Etwas besser sieht es bei den Unternehmen aus, die Verschleißteile in die grobkeramische Industrie liefern. Hier rechnen die Hersteller aktuell mit Rückgängen um 15 Prozent.

Baumaschinenindustrie erwartet Aufschwung für 2021

„Als Branche sind wir sehr heterogen aufgestellt, das erschwert natürlich allgemeine Aussagen. Trotzdem können wir insgesamt feststellen, dass wir die Krise bis heute recht gut meistern konnten. Wir erwarten im Laufe des Jahres für unsere Branche deutliche Rückgänge, die aber nicht so schwer wie 2009 ausfallen werden. Für 2021 sehen wir die Chance für einen zügigen Aufschwung. Dieser wird auch abhängen von hoffentlich kurzen Planungszeiträumen für gegebenenfalls neu aufgelegte oder bereits laufende Infrastrukturprojekte“, bekräftigte Franz Josef Paus.