Dritte Tarifrunde am Bau: Geht es wieder in die Schlichtung?

FRANKFURT a.M., 25.06.2020 – Heute findet in Wiesbaden die dritte Runde der Tarifverhandlungen für das Bauhauptgewerbe statt. Mit am Verhandlungstisch sitzt weiterhin die Corona-Pandemie mit ihren Unwägbarkeiten für die Zukunft. Die IG Bau will unter anderem eine Entschädigung der Wegezeiten durchsetzen. Kommt es nicht zur Einigung, könnte wieder eine Schlichtung die Entscheidung bringen.

von Britta Brinkmeier

Im Video: IG-Bau-Mitglied Gromoll auf dem Weg zur Baustelle
Baumaschinenführer Mirko Gromoll braucht oft zwei Stunden für die Fahrt zur Baustelle – Wegezeit, die ihm niemand bezahlt. Der Screenshot stammt aus einem Video der IG Bau.
An die zwei Stunden Autofahrt bis zur Baustelle: Für Baumaschinenführer Mirko Gromoll ist das nichts Besonderes. Von seinem Arbeitsalltag berichtet IG-Bau-Mitglied Gromoll in einem Video, dass die Gewerkschaft auf ihrem Youtube-Kanal zeigt – es soll ihre Forderung nach einer Entschädigung der Wegezeiten für die Baubeschäftigten untermauern. Wie Gromoll sitzen viele Beschäftigte am Bau täglich stundenlang im Auto – verlorene, in der Regel unbezahlte Zeit. Mal nur 50 Kilometer zur Baustelle, mal 100 oder auch mehr.

Jeder vierte fährt über eine Stunde zur Baustelle

Dass Beschäftigte am Bau „weit überdurchschnittlich lange“ unbezahlte Wegezeiten zu den Baustellen auf sich nehmen, ergab auch eine Studie, die das Pestel-Institut im Auftrag der IG Bau durchgeführt hat. Danach beträgt die unbezahlte Zeit allein der einfachen Fahrt zu den Baustellen im Schnitt 54 Minuten. Fast die Hälfte (47,4 Prozent) der Beschäftigten braucht für eine Wegstrecke länger als eine Dreiviertelstunde. Fast jeder Vierte (24 Prozent) benötigt für die einfache Fahrt zur aktuellen Baustelle über 60 Minuten.

Arbeitnehmer wollen tarifliche Regelung

In der aktuell unsicheren Situation hat die Gewerkschaft sich in ihren Forderungen bei den Betriebsräten am Bau abgesichert. Durch eine Umfrage im Mai unter Betriebsratsvorsitzenden sah sich die IG Bau in ihrer Linie bestätigt: Der Bau bleibe trotz der Corona-Krise die Lokomotive der deutschen Wirtschaft, die Forderungen nach einem deutlichen Einkommensplus und nach einer Entschädigung für Wegezeiten seien berechtigt. „95 Prozent aller Befragten wollen eine tarifliche Regelung zur Entschädigung der Wegezeit“, sagt IG Bau-Verhandlungsführer Carsten Burckhardt.

Baubranche immun gegen Corona

Eine weitere Umfrage im Juni unter Bauexperten hat jetzt nochmals ergeben, dass das Bauhauptgewerbe gegen die Folgen der Corona-Pandemie weitgehend immun ist. Die Corona-Krise werde sich, das sagt Burckhardt ganz deutlich, auch künftig nicht negativ auf die Branche auswirken. Laut Umfrage gingen drei Viertel der Befragten für ihren Betrieb davon aus, dass auch im Jahresverlauf die Auftragslage stabil bleibe. Immerhin 27 Prozent erwarten für ihren Betrieb einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung.

Arbeitgeber warnen vor sinkender Nachfrage

Auch im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) und im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) weiß man, dass die Branche ganz und gar nicht mit dem Rücken an der Wand steht, sondern, so gab HDB-Präsident Peter Hübner auf einer Pressekonferenz Ende Mai zu, „mit Mehraufwendungen, aber sehr gut durch die Zeit gekommen“ ist. Der prognostizierte Nachfrageeinbruch werde die Baubranche allerdings mit Zeitverzug treffen, warnte der HDB-Präsident. Und: „Die Margen werden schrumpfen.“
Ob die Arbeitgeberseite den Forderungen der IG Bau in der dritten Verhandlungsrunde unter diesen Vorzeichen entsprechen kann, wird sich heute in Wiesbaden zeigen. Wenn nicht, wird es wohl wieder auf eine Schlichtung hinauslaufen.


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