ISOE-Experten warnen: Cybersicherheit in der Wasserwirtschaft weist Lücken auf

FRANKFURT A.M., 2.7.2020 – Die Digitalisierung macht sich auch im Wassersektor bemerkbar. Doch sie kann in Unternehmen deren Anfälligkeit für Cyberangriffe erhöhen. Wasserexperten des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung weisen in der Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis (TATuP) darauf hin, dass sich vor allem bei kleinen Unternehmen Sicherheitslücken auftun.

Das IT-Sicherheitsgesetz weist sie als „Kritische Infrastrukturen“ aus: die Leitungen, Rohre und Kanäle der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung und alle dazugehörigen technischen Vorrichtungen, die zur Bereitstellung von Trinkwasser oder Betriebswasser und zur Ableitung und Behandlung von Abwasser benötigt werden. Sie gelten als besonders schützenswert, weil sie einen wichtigen Beitrag zur Daseinsvorsorge leisten. Im Zuge der Digitalisierung werden diese als kritisch eingestuften Infrastrukturen noch „verletzlicher“, denn sie sind, wie alle smarten Anwendungen, möglichen Cyberangriffen ausgesetzt.

„Wir beobachten, dass die Anfälligkeit der digitalen Systeme sowohl für gezielte Sabotage und Cyberangriffe als auch für menschliches und technisches Versagen in der Fachdebatte zu Wasser 4.0 nicht hinreichend berücksichtigt wird“, sagt ISOE-Wasserexperte Dr.-Ing. Martin Zimmermann. „Es sind vor allem die vielen kleinen Unternehmen der Siedlungswasserwirtschaft, die die Digitalisierung vor große Probleme stellt, denn sie können die hohen Anforderungen an IT-Sicherheits- und Datenschutzmaßnahmen schlichtweg nicht erfüllen.“ Bei den kleineren Unternehmen setze sich auch deshalb der Trend hin zu smarten, vernetzten und automatisierten Wasserversorgungs- und -entsorgungssystemen mit stärkerer Kundenorientierung nur zögerlich durch.

Die Bandbreite für mögliche Sicherheitsausfälle bis hin zu gezielter Cyberkriminalität in der Wasserwirtschaft ist laut Experten des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung groß.
Die Bandbreite für mögliche Sicherheitsausfälle bis hin zu gezielter Cyberkriminalität in der Wasserwirtschaft ist laut Experten des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung groß.

Cyberkriminalität im Wassersektor

„Die verantwortlichen Behörden haben sich lange fatalerweise auf die großen Anlagen und Einzugsgebiete konzentriert. Da aber gerade in Deutschland die Siedlungswasserwirtschaft sehr stark kommunal organisiert ist, müssen Regularien zum Schutz der Kritischen Infrastrukturen künftig unbedingt auch den Bedarf der kleineren und mittleren Unternehmen berücksichtigen“, ist sich Martin Zimmermann sicher. Denn die Bandbreite für mögliche Sicherheitsausfälle bis hin zu gezielter Cyberkriminalität sei groß.

Zu den sogenannten vulnerablen, also verletzlichen Bestandteilen der Wasserversorgung gehören alle Bereiche der Siedlungswasserwirtschaft, von der Wassergewinnung und -aufbereitung über die Wasserverteilung bis hin zur Abwasserbeseitigung. „In all diesen Bereichen der Siedlungswasserwirtschaft sind Manipulationsversuche grundsätzlich möglich“, so Zimmermann. Naheliegend seien Manipulationen an der Rohwassergewinnung aus Grundwasser, Seen oder Talsperren oder auch Angriffe auf Prozesse der Wasseraufbereitung im Wasserwerk. Auch könne der Ausfall von Pumpen zu Versorgungsproblemen bei der Wasserverteilung führen.
„Insgesamt betrachtet“, so Zimmermann weiter, „sind die Bedrohungslagen für Gesellschaft und Natur vielfältig. Für beide können sich je nach Szenario – vorübergehende Funktionsstörung einzelner Komponenten bis hin zum Totalausfall der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung – sehr unterschiedliche Reichweiten und Gefährdungslagen ergeben.“

IT-Sicherheitsgesetz jetzt nachbessern

Martin Zimmermann und seine Mitautoren weisen deshalb in ihrem Artikel* darauf hin, dass die bevorstehende Novellierung des deutschen IT-Sicherheitsgesetzes einen guten Zeitpunkt biete, um die Sicherheitsprobleme der kleineren Unternehmen zu berücksichtigen. Weil die Cybersicherheit „die Achillesverse der Digitalisierung in der Siedlungswasserwirtschaft“ sei, empfehlen die ISOE-Autoren den kleineren Unternehmen zudem, untereinander zu kooperieren. „Wenn nicht jedes Unternehmen der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung ausreichend eigene Kompetenzen zur IT-Sicherheit aufbauen kann, könnten Kooperationen zwischen mehreren kleinen Unternehmen ein gutes Mittel sein, um Synergieeffekte zu erzielen. So könnten sie sich gegenseitig in Fragen der Cybersicherheit unterstützen“, meint Zimmermann.

*Zimmermann, Martin/Engelbert Schramm/Björn Ebert (2020): Siedlungswasserwirtschaft im Zeitalter der Digitalisierung. TATuP 29 (1), S. 37-43
Wissenschaftlicher Ansprechpartner: Dr. Martin Zimmermann, Tel.: 069/7076919-44, E-Mail: zimmermann@isoe.de

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