Anspruchsvolle Gartengestaltung im verdichteten Stadtraum

HAMBURG, 10.07.2020 – In vielen Großstädten wird der Wohnraum knapp. Im großen Stil werden Neubauten errichtet und auf Grundstücken werden nun teilweise gleich mehrere Mehrparteienhäuser gebaut. Doch auch auf kleinen Flächen lässt sich ein anspruchsvoll gestalteter Garten anlegen, wie ein Beispiel aus der Elbmetropole zeigt.

Von Soeren von Hoerschelmann

In Hamburg Rahlstedt galt es, auf einer Fläche von nur 90 m2 inmitten eines Wohnkomplexes eine grüne Oase zu schaffen.
In Hamburg Rahlstedt galt es, auf einer Fläche von nur 90 m2 inmitten eines Wohnkomplexes eine grüne Oase zu schaffen. | Fotos: von Hoerschelmann
Mit einem Fall extremer Nachverdichtung hatte unser Landschaftsarchitekturbüro im vergangenen Jahr im Hamburger Stadtteil Rahlstedt zu tun: Ein neu gebauter großer Gebäudekomplex in dritter Reihe, größtenteils über einer Tiefgarage, mit Fahrzeugen kaum zugänglich. Zu den Erdgeschosswohnungen gehörte jeweils ein sehr überschaubarer Garten von gut 90 m2 Fläche. Angelegt waren eine kleine Terrasse, Rasen und eine Buchenhecke. „Was kann man da schon groß draus machen?!“, werden sich nicht wenige fragen. „Gerade daraus lässt sich mit guter Planung etwas tolles machen!“, ist unsere Antwort. Bei einem derart eingeschränkten Raum zählt nur in ganz besonderem Maße jedes Detail.

Überhaupt sind gute Pläne die perfekten Kommunikationsmittel und verhindern so manche Enttäuschung auf Bauherrenseite. „Das hatte ich mir so aber nicht vorgestellt!“, ist ein Satz, den man am Ende des Dialogs mit den Bauherren nicht hören sollte. Egal ob klein oder groß - die Bauherren haben die Wünsche und idealerweise auch das Geld, sie umzusetzen. Wir als Fachleute haben die Ideen und den Sachverstand, sie zu realisieren. Auf dem Weg dahin gilt es, viel miteinander zu sprechen und die unterschiedlichen Bilder auf Deckung zu bringen. Planung eben. Und selbstverständlich bezahlt.
Die beiden Amelanchier lamarckii bringen Bewegung in die Topografie und stehen als Fixpunkte auf anmodellierten Hügeln.
Die beiden Amelanchier lamarckii bringen Bewegung in die Topografie und stehen als Fixpunkte auf anmodellierten Hügeln.


Vom Leitbild bis zur Ausführung

In diesem Fall hatte die Bauherrin klare Prioritäten: Der Garten sollte zum Eintauchen in Vielfalt und Lebendigkeit einladen, Pflanzen standen ganz oben auf der Wunschliste. Eine Besonderheit für die Planung stellte natürlich die darunter liegende Tiefgarage dar. Der vorgefundene Aufbau ermöglichte bereits eine intensive Begrünung. Der Entwurf musste nun die Form finden, mit der unter diesen Voraussetzungen dieses Bild erreicht werden konnte: Statt architektonischer Designelemente und viel versiegelter Fläche war das Motiv ein großes Pflanzenzimmer, das sich der Mensch mit vielen anderen Bewohnern teilt. In dieser „Garten-WG“ verschwimmen die Grenzen zwischen Weg, Sitzfläche und Beet. Glücklicherweise bekommt sie ein gutes Stück Sonne ab, ein Vorteil bei der Pflanzplanung. Man bewegt sich durch eine üppige Pflanzung hindurch statt an ihr vorbei.

Die beiden Amelanchier lamarckii (Felsenbirnen) als Fixpunkte stehen auf anmodellierten Hügeln, um ausreichend Wurzelraum zu schaffen.Außerdem bringt dies Bewegung in die Topographie. Kleinere Sträucher setzen weitere dauerhafte Akzente. Die Staudenpflanzung ist an den Standort angepasst und insektenfreundlich. Von einem um eine Stufe höher liegenden wohnlichen Deck aus Robiniendielen führt ein Pfad in einer parabelähnlichen Form durch den Garten. Dabei weitet er sich für den Aufenthalt und biegt einmal zum Ausgang ab. Rechts und links stehen blütenreiche Stauden und Gräser. Der Übergang in die Beete geschieht unmerklich, denn alles erhält einen Belag aus Kies (2-8mm). Neben Holz und der kiesigen „Grundierung“ gibt es mit Grauwacke nur noch einen weiteren Baustoff. Als drei große Quader liegen sie im Garten und laden zum Verweilen ein. Sehr willkommen ist hierbei ihre Eigenschaft, die Wärme des Tages zu speichern und abends wieder abzugeben. Außerdem bildet sie einen Kontrast zu den weichen Pflanzen um sie herum.

Ein vierter Quader liegt als Wasserstein nahe an der Terrasse. Die Beschränkung auf einige wenige Materialien und die klare Idee einer fließenden Gestaltung lassen das Gartenzimmer harmonisch und gleichzeitig abwechslungsreich erscheinen – und viel größer, als man es bei der zur Verfügung stehenden Fläche vermuten würde. Der Entwurf fand sofort Anklang. Auch eine Perspektivzeichnung half dabei, bei der Bauherrin Begeisterung zu wecken und Vertrauen aufzubauen – zwei wesentliche Faktoren, wenn ein Projekt erfolgreich sein soll. Parallel wurde von uns ein passgenauer Kostenvoranschlag erstellt, der mit nur wenigen Änderungen zum Auftrag wurde.

Einer der insgesamt vier Quader ist als Wasserstein angelegt und nahe der Terrasse positioniert.
Einer der insgesamt vier Quader ist als Wasserstein angelegt und nahe der Terrasse positioniert.

Um nun den Plan Realität werden zu lassen, wurde zunächst der Rasen entfernt - bekanntlich eines der schwierigsten Gewächse, die man sich in den Garten holen kann. In einem kleinen Garten hat er unserer Erfahrung nach nur sehr selten eine Daseinsberechtigung. Die Hecke durfte bleiben, denn sie konnten wir als stabilen gestalterischen Rahmen wiederverwenden. Die Betonterrasse hielt als Auflager für das Holzdeck her. Die ca. 20 cm starke Auflage aus Rasensubstrat wurde für den Einbau von Stabilisierungswaben für den Kies abgetragen, auf dem Aushub stehen nun die Amelanchier. Spannend war der Einbau des Wassersteins, denn das dafür nötige Reservoir hat natürlich eine gewisse Einbautiefe - ein Punkt, der bei Dachbegrünungen sehr schnell sehr relevant werden kann. Der Transport der großen und damit schweren Grauwackesteinen in den weit zurückliegenden Garten war eine logistische Herausforderung. Einmal gelegt, werden sie ihren Platz so schnell nicht verändern. Der Wasserstein hat erst vor Ort seine Bohrung erhalten.

Neben Materialauswahl und Steinsetzung ist es die Pflanzenauswahl, die im Detail das gewünschte Bild weiter ausformuliert und unterstreicht. Die Sträucher bilden den holzigen, aber auch blühenden Rahmen für eine Auswahl blühfreudiger und nektarreicher Stauden. So ist für üppigen Augenschmaus und vielfältiges Insektenleben gesorgt. Frühjahrsblühende Zwiebelpflanzen beginnen den Reigen und werden von verschiedenen Stauden über das Jahr abgelöst. Mit Fragaria vesca (Wald-Erdbeere) und den beiden Felsenbirnen gibt es sogar Futter für menschliche Naschkatzen. Sehr schön kontrastieren die inmitten von Calamintha nepeta ssp. nepeta (Steinquendel) stehenden Iris barbata-nana-Hybr. `Hamburger Nacht´ (Zwerg-Iris). Überhaupt geht es natürlich nicht nur darum, eine große und lang andauernde Blütenfülle zu schaffen, sondern auch mit einer Vielfalt von Strukturen den jeweiligen Gartenbetrachtern eine Fülle an unterschiedlichen Eindrücken im Laufe der Jahreszeiten zu bieten. So wird der Garten nicht nur zum Ort für das Leben, sondern des Erlebens – und das funktioniert mit einer guten Planung auch mit sogenannten kleinen Handtuchgärten.

Statt architektonischer Designelemente und versiegelter Flächen ist ein großes Pflanzenzimmer entstanden, das durch die vorhandene Buchenhecke gerahmt wird.
Statt architektonischer Designelemente und versiegelter Flächen ist ein großes Pflanzenzimmer entstanden, das durch die vorhandene Buchenhecke gerahmt wird.

Pflanzenverwendung
Gehölze: Amelanchier lamarckii, Kolkwitzia amabilis, Euonymus alatus 'Compactus', Viburnum bodnatense 'Dawn', Corylopsis pauciflora, Syringa microphylla `Superba ́.
Stauden: Knautia macedonica `Mars Midget´, Panicum virgatum `Shenandoah´, Aster frikartii `Mönch´, Perovskia atriplicifolia, Helleborus niger, Helleborus orientalis, Dicentra spectabilis `Alba´, Fragaria vesca, Calamintha nepeta ssp. Nepeta, Iris barbata-nana-Hybr. `Hamburger Nacht´, Veronicastrum virginicum, Phlomis russeliana, Gaura lindheimeri, Helenium-Hybr. `Moerheim Beauty´, Nassella (Stipa) tenuissima `Pony Tails´, Sedum telephium `Herbstfreude´, Aquilegia caerulea-Hybr. `Blue Star´, Thymus serpyllum `Coccineus´, Geranium wallichianum `Rozanne´.
Zwiebeln: Galanthus nivalis , Crocus tommasinianus, Tulipa turkestanica, Frittilaria raddeana, Allium-Hybr. 'Globemaster', Allium sphaerocephalon.

Bautafel
Objekt: Hamburg Rahlstedt
Fertigstellung: Frühjahr 2019
Bausumme: Niedrige fünfstellige Summe
Planung/Ausführung: Soeren von Hoerschelmann / Gaerten von Hoerschelmann GmbH

Soeren von Hoerschelmann ist gelernter Landschaftsgärtner und studierter Landschaftsarchitekt. Er bezeichnet sich selbst als Landschaftskomponist, der Planung und Bau mit Fokus auf hochwertige private Außenanlagen im Großraum Hamburg anbietet.
Über den Autor

Soeren von Hoerschelmann ist gelernter Landschaftsgärtner und studierter Landschaftsarchitekt. Er bezeichnet sich selbst als Landschaftskomponist, der Planung und Bau mit Fokus auf hochwertige private Außenanlagen im Großraum Hamburg anbietet. Ihn interessiert das Spannungsfeld zwischen Handwerk, Natur und Kunst mit dem Dreiklang von Stein, Wasser und Pflanze. Mehr Informationen unter www.gaertenvonhoerschelmann.de.



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