Kein Corona-Aufschub: Kläranlagenabläufe und Drosseln weiterhin kalibrieren

GELSENKIRCHEN, 30.7.2020 – Die Pflicht zur Überprüfung von Drosseleinrichtungen und zu Abflussmengenmessungen auf Kläranlagen besteht uneingeschränkt weiter. Wer seine Frist zur Selbstüberwachung einhalten will, sollte sich jetzt Prüftermine sichern.

Drosseln müssen auch in Krisenzeiten regelmäßig überprüft werden. Der IKT-Lehrgang zeigt, wie es geht.
Drosseln müssen auch in Krisenzeiten regelmäßig überprüft werden. Der IKT-Lehrgang zeigt, wie es geht. | Fotos: IKT

Das Coronavirus hat das Leben ordentlich durcheinandergebracht. In manchen Branchen ist alles runtergefahren und nichts mehr wie zuvor. Andere kommen nach starken Einschränkungen so langsam wieder in die Gänge. Und wiederum andere mussten einfach weiter weitermachen. Die Abwasserentsorgung zum Beispiel kann man schlicht nicht runterfahren, sonst bekämen wir noch ganz andere Probleme als Corona.

Pflicht bleibt Pflicht

Natürlich gibt es für Abwasserbetriebe und Kläranlagenbetreiber in Krisenzeiten zunächst Wichtigeres als die Überprüfung und Kalibrierung von Drosseleinrichtungen und Abflussmengenmessungen auf Kläranlagen. Aber diese Betreiberpflicht ist auch nicht ausgesetzt. Fristen laufen weiter, die Forderungen der Selbstüberwachungs- und Eigenkontrollverordnungen der Länder gelten weiterhin. Und letztendlich liegt es auch im Eigeninteresse, dass Drosseln und Kläranlagenabläufe richtig eingestellt sind.

Rückhalteräume nutzen

Das Kanalnetz ist ein komplexes System, das besonders bei Regenereignissen starken Belastungen ausgesetzt ist. Um bei solchen Ereignissen eine Überlastung zu verhindern, gilt es, die gezielte Nutzung existierender Rückhalteräume zu gewährleisten. Dazu werden separate unterirdische Bauwerke wie Regenrückhaltbecken errichtet oder einzelne Kanalabschnitte als sogenannte Stauraumkanäle in einem größeren Durchmesser gebaut, als er zur direkten Wasserableitung benötigt wird. Das Einstauen dieser Bauwerke, das heißt das Aktivieren des Rückhaltevolumens, wird mit Drosseleinrichtungen erreicht.

Richtig eingestellte Drosseln minimieren auch Schmutzwasserentlastungen in die Umwelt.
Richtig eingestellte Drosseln minimieren auch Schmutzwasserentlastungen in die Umwelt.

Verordnungen regeln Prüf-Rhythmus

In vielen Bundesländern sind die Betreiber von Abwasseranlagen verpflichtet, diese regelmäßig zu überwachen und – falls erforderlich – Maßnahmen zu deren Instandsetzung einzuleiten. In Nordrhein-Westfalen regelt das zum Beispiel die Selbstüberwachungsverordnung Abwasser (SüwVO Abw NRW). Eine Übersicht über die Regelungen der Länder findet sich im Infokasten.
Um diesen Forderungen in der Praxis nachzukommen, ist eine Kalibrierung notwendig. Dabei wird vor Ort durch eine Mengenmessung überprüft, ob die eingebaute Drosseleinrichtung auch unter realen Bedingungen in der Lage ist, den geforderten Durchfluss, für den sie ausgelegt wurde, zu erbringen.

IKT-Warentest „Drosselorgane“

Dass nicht alle Drosseln so zuverlässig funktionieren, wie erwartet, hat der vergleichende Warentest von sechs hydromechanischen Drosseleinrichtungen für Regenbecken gezeigt, den das neutrale und unabhängige IKT - Institut für Unterirdische Infrastruktur durchgeführt hat. Die Ergebnisse sind breit gestreut: Sie reichen von „Gut“ (2,1) bis „Mangelhaft“ (5,0). Der Warentestbericht kann unter www.ikt.de/downloads/warentest-berichte/ heruntergeladen werden.

Erkenntnis aus vielen Jahren Durchflussmessung: Ein Drittel aller vom IKT geprüften Drosselorgane funktionierte nicht, wie sie sollten.
Erkenntnis aus vielen Jahren Durchflussmessung: Ein Drittel
aller vom IKT geprüften Drosselorgane funktionierte nicht, wie
sie sollten.

Überprüfung unter realen Betriebszuständen

Drosseleinrichtungen bestehen aus dem Drosselbauwerk zur Aufnahme des Drosselorgans, dem Drossel-, Regel- oder Steuerorgan selbst sowie der dazugehörigen Mess-, Steuer- und Regeltechnik. Die hydraulische Kalibrierung einer Drosseleinrichtung beinhaltet eine messtechnische Überprüfung der Drosselanlage unter realen Betriebszuständen. Hierbei wird mittels einer unabhängigen hydrometrischen Vergleichsmessung die Kennlinie der Drosselanlage vor Ort – unter Berücksichtigung der strömungstechnischen Bauwerkseinflüsse – aufgenommen.

Ein Job für Fachleute

Die hydraulische Kalibrierung einer Drosseleinrichtung erfordert von den ausführenden Personen ein erhebliches Maß an Fachwissen in der Hydrometrie. Diese Aufgabe kann oftmals nicht mehr vom Kanalbetrieb allein übernommen werden. Hierzu ist sachkundiges und erfahrenes Fachpersonal hinzuzuziehen.
Die IKT-Prüfstelle für Durchflussmessung ist kompetenter Ansprechpartner in Sachen Drosselkalibrierung. Die Mitarbeiter führen die Prüfungen fachgerecht und unter Einhaltung aller jeweils geltenden Hygiene- und Abstandsvorschriften durch. So können Netzbetreiber trotz Corona ihre Fristen einhalten und Ärger vermeiden.
Natürlich können die Überprüfungen und Kalibrierungen auch von eigenem sachkundigem Personal durchgeführt werden. Entsprechende Sachkundeschulungen bietet das IKT auch in Corona-Zeiten an.
Ansprechpartner: Marcel Goerke, Leiter Prüfstelle für Durchflussmessung, Tel.: 0209/17806-34, E-Mail: goerke@ikt.de


Die Regelungen in den Bundesländern:

Baden-Württemberg (Eigenkontrollverordnung)
Die Eigenkontrolle umfasst die Sichtkontrolle von Einlauf, Überläufen und Ablauf der Anlagen auf Ablagerungen und Verstopfungen und die Funktionskontrolle der technischen Ausrüstung, der Messgeräte und Drosseleinrichtungen. Die Abwasserdurchflussmessung bei Anlagen ab 1.000 EW erfolgt durch Messgeräte mit selbstschreibendem Anzeigegerät und uhrzeitsynchronem Zählwerk oder durch magnetisch-induktive Durchflussmesseinrichtung (MID) bzw. gleichwertige Verfahren. Die Messeinrichtung ist mindestens alle 5 Jahre durch einen Sachverständigen oder Sachkundigen zu überprüfen.

Bayern (EÜV)
Bei Regenbecken mit Messeinrichtungen zur Erfassung des Wasserstands ist auch das Entlastungsverhalten für jedes Regenereignis festzustellen. Dazu gehört, geordnet nach dem Datum der jeweiligen Regenereignisse, die Ermittlung des maximalen Füllstands bzw. der maximalen Überlaufhöhe sowie der Fülldauer und Überlaufdauer. Die Messergebnisse sind jährlich auszuwerten. Zusätzlich ist jährlich die Einstellung des Drosselabflusses zu überprüfen und das Ergebnis dem tatsächlichen Anschlussgrad im Einzugsgebiet gegenüberzustellen.

Brandenburg (Brandenburgische KanalnetzAnzeigeVV)
Für Drosselorgane wird eine Funktionskontrolle gemäß Herstellerangaben gefordert. Diese ist laut Herstellerangaben – aber mindestens jährlich – durchzuführen.

Hessen (§ 10 EKVO)
Bei Regenentlastungen mit gesteuerten oder geregelten Drosseleinrichtungen mit beweglichen Teilen ist eine hydraulische Prüfung alle 5 Jahre durch Prüfstellen gemäß § 10 EKVO gefordert, und passive Drosseleinrichtungen ohne bewegliche Teile sind alle 10 Jahre zu kalibrieren. Die Anforderungen gelten als erfüllt, wenn der Mittelwert der Abflusskurve um nicht mehr als 12 Prozent vom Sollwert abweicht und wenn die größte Abweichung nicht größer als 20 Prozent des Sollwerts ist.

Nordrhein-Westfalen (SüwVO Abw NRW, SüwV-kom NRW)
Alle 5 Jahre ist eine hydraulische Kalibrierung der Drosseleinrichtung von Regenklärbecken, Regenüberlaufbecken, Stauraumkanälen und Regenrückhaltebecken durchzuführen. Bei festgestellten Abweichungen der Drosselwassermenge von mehr als 20 Prozent vom Sollwert hat eine Sanierung der Drosseleinrichtung innerhalb eines Jahres zu erfolgen. Als Sollwert ist der in der wasserrechtlichen Genehmigung festgelegte Drosselabfluss zugrunde zu legen. Zusätzlich ist nach SüwV-kom die Überprüfung der Abflussmengenmessung alle 3 Jahre durch eine staatlich anerkannte Prüfstelle vorgeschrieben.

Sachsen-Anhalt (Eigenüberwachungsverordnung)
Die Überwachung der Regenbecken umfasst die Sichtkontrolle von Anlagen auf Ablagerungen und Verstopfungen und die Funktionskontrolle der technischen Ausrüstung, der Messgeräte und Drosseleinrichtungen. Die Überwachung soll insbesondere nach Belastung der Anlagen durch Starkregenereignisse, mindestens jedoch vierteljährlich durchgeführt werden. An der Einleitungsstelle in das Gewässer sind vierteljährlich Sichtkontrollen auf Auffälligkeiten durchzuführen.

Thüringen (ThürAbwEKVO)
In Thüringen ist laut Anhang 2 der Verordnung eine hydraulische Funktionskontrolle der Drosselorgane durch Sachkundige alle 5 Jahre vorgeschrieben.

(Stand: Juli 2020)