Vor der Schlichtung: Kontroverse Debatte um Löhne und Wegezeit

KIEL, 25.08.2020 – Im Vorfeld der Schlichtungsgespräche für das Bauhauptgewerbe prallen die Argumente von Gewerkschaft und Arbeitgebervertretern heftig aufeinander. Während die IG Bau im Tarifkonflikt an ihren Forderungen festhält, werfen die Arbeitgeber die möglichen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise in die Waagschale. Sollte die Schlichtung scheitern, droht dem Bau ein „heißer Herbst“.

von Britta Brinkmeier

IG Bau-Demonstration in Mannheim
Erhitzte Gemüter in Mannheim: Bei heißen 36 Grad kam es zum „kontroversen, aber fairen Schlagabtausch“ zwischen Verbandsführung und einer Abordnung von etwa 30 Gewerkschaftlern vor dem Verbandsgebäude der Bauwirtschaft Baden-Württemberg. | Foto: Bauwirtschaft BW
Bevor morgen um 10 Uhr in Berlin die Auftaktrunde zur Schlichtung beginnt, will die IG Bau noch einmal „richtig Druck“ machen. Mit einem „Corona-konformen“ Protest und einer mannshohen Sanduhr demonstriert die Gewerkschaft vor dem Verhandlungsgebäude Entschlossenheit und droht mit Streik: „Es ist fünf vor zwölf. Die Schlichtung entscheidet darüber, ob im Herbst auf den Baustellen gearbeitet oder gestreikt wird“, so Gewerkschaftschef Robert Feiger. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) wirft den Arbeitgebervertretern vor, ihre Forderungen nach 6,8 % mehr Lohn und nach Entschädigung von Wegezeiten „hartnäckig“ zu ignorieren und kein Angebot vorgelegt zu haben. Der Vorwurf richtet sich besonders an die Vertreter des Bauhandwerks, also gegen den ZDB, der diesmal die Tarifverhandlungen führt.

Weiter mit dem Boom oder Einbußen im Herbst?

Uneinig sind sich Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter in der Bewertung der konjunkturellen Lage. Die IG Bau sieht nach wie vor einen Boom am Bau mit „randvollen“ Auftragsbüchern und „satten Gewinnen“ für die Unternehmen - trotz der Corona-Pandemie. Die Arbeitgeberseite versucht, die hohen Erwartungen zu dämpfen. „Die Entwicklung in den kommenden Monaten bereitet uns Sorgen. Wir erwarten im Herbst eine zurückgehende Bautätigkeit in allen Bausparten“, sagte beispielsweise Matthias Wächter, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen, zu den aktuellen Konjunkturzahlen. Die Lohnforderung der IG Bau nannte er „unverhältnismäßig“. Die Baubranche belege im Vergleich zu den meisten anderen Gewerbezweigen schon jetzt eine Spitzenposition mit ihrer Bezahlung. Zwar sei die Branche weitgehend von der Corona-Pandemie verschont geblieben, ein hoher Tarifabschluss würde aber „unweigerlich zu Kurzarbeit und Entlassungen“ führen.


Matthias Wächter, Baugewerbe Niedersachsen
„Ein hoher Tarifabschluss würde unweigerlich zu Kurzarbeit und Entlassungen in unserer weitgehend von der Corona-Pandemie verschonten Branche führen.“ Matthias Wächter, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen | Foto: BVN

Zur Mäßigung beim Tarifabschluss mahnte auch Markus Böll, Verbandspräsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, als am vergangenen Freitag eine Gewerkschaftsabordnung vor dem Haus der Bauwirtschaft in Mannheim demonstrierte. „Ja, die Bauwirtschaft ist bislang einigermaßen glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Aber auch wir spüren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Die Aufträge in vielen Bausparten gehen seit Monaten zurück. Wir wissen nicht, was die zweite Jahreshälfte bringt und können deshalb nicht aus dem Vollen schöpfen. Die Sicherung unserer Arbeitsplätze sollte dabei oberste Priorität haben", sagte Böll. Die IG Bau solle von ihren „Maximalforderungen“ abrücken und zu „konstruktiven Lösungen mit einem maßvollen Lohnabschluss“ beitragen.

Wegezeiten individuell oder pauschal vergüten?

Auf wenig Gegenliebe bei den Arbeitgebern stößt die Wegezeitvergütung, die weitere Kernforderung der IG Bau. Es gebe dazu schon lange Regelungen im Tarifvertrag, so BVN-Hauptgeschäftsführer Matthias Wächter. So werde ein Teil des Lohnes pauschal für den Einsatz auf wechselnden Baustellen gezahlt. Zudem gebe es Sondervergütungen für Fahrer sowie einen Verpflegungszuschuss und Fahrtkostenabgeltung. Eine gerechte Pauschalregelung könne es aus Sicht der Arbeitgeber nicht geben, meint Wächter. Viele Betriebe würden die Bereitschaft ihrer Mitarbeitender zu längeren Fahrtzeiten auf freiwilliger Basis honorieren. Eine allgemeingültige Wegezeitvergütung sei „wenig hilfreich“.

Dass Geld ist nicht alles ist, weiß auch IG Bau-Chef Robert Feiger. Bei der Wegezeitenvergütung gehe es um „wertvolle Lebenszeit“, die den Bauarbeitern weglaufe, wenn sie Tag für Tag lange Strecken zur Baustelle fahren müssten. Dazu kommen die Überstunden, die für viele Beschäftigte am Bau mittlerweile zur Normalität geworden sind. Das mache Bauberufe auch für den Nachwuchs zunehmend unattraktiv, argumentiert die Gewerkschaft.

„Schmutzkampagne“ oder fehlender Corona-Schutz?

Sauer aufgestoßen ist dem ZDB und seinen Landesverbänden die Kampagne der IG Bau, in der die Gewerkschaft nach der dritten Verhandlungsrunde Anfang August die „mangelnde Corona-Disziplin“ auf Baustellen anprangerte. Feiger hatte kritisiert, dass „Sammeltransporte zu Baustellen im Bulli“ in vielen Firmen wieder an der Tagesordnung seien, ebenso wie gemeinsame „Pausen im engen Bauwagen“ und viele Bauunternehmen den Corona-Schutz nicht ernst nähmen. Die Gewerkschaft versuche, „mit derartigen Pauschalvorwürfen die ganze Branche in Verruf“ zu bringen, nur um ihre Verhandlungsposition zu stärken, konterte der ZDB.

Die Positionen liegen in diesem Corona-Jahr also weiter auseinander denn je. Ob Prof. Dr. Rainer Schlegel unter solchen Vorzeichen die Tarifparteien zu einem Kompromiss bewegen kann, müssen die nächsten zwei Wochen zeigen. Ein Scheitern der Schlichtung würde nicht nur Streik im Herbst bedeuten, sondern wäre auch eine fatale Ausgangslage für die Baumindestlohn-Tarifverhandlungen, die in diesem Jahr noch anstehen.



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