Herausforderungen und Lösungen für den Umgang mit Regenwasser

FREIBURG, 08.10.2020 – Rund 30 Fachjournalisten aus der Umweltbranche und der Tagespresse folgten der Einladung von Mall in die Lokhalle auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs in Freiburg. Das denkmalgeschützte Gebäude bot dabei einen besonderen Rahmen und diente gleichzeitig als Referenzobjekt für eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung: Ein Thema, das angesichts des Klimawandels zunehmend an Bedeutung gewinnt, wie auch die Referenten aus der Siedlungswasserwirtschaft und der Versicherungsbranche deutlich machten.

Von Ebba Stoffregen

Die Freiburger Lokhalle wurde von 1903 bis 1905 von der Deutschen Bahn auf dem Güterbahnhof Nord gebaut. Seit 2011 befindet sich das Kulturdenkmal in privater Hand und wird aufwändig revitalisiert.
Die Freiburger Lokhalle wurde von 1903 bis 1905 von der Deutschen Bahn auf dem Güterbahnhof Nord gebaut. Seit 2011 befindet sich das Kulturdenkmal in privater Hand und wird aufwändig revitalisiert. | Foto: Neithard Schleier/Lokhalle
Starkregenereignisse und Trockenperioden erfordern besonders im verdichteten urbanen Raum clevere Konzepte und baupraktische Lösungen, um die Extreme zu meistern und die Ressource Wasser zu schützen. Maßnahmen für eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, die aus den sechs Bausteinen Nutzung, Rückhaltung, Behandlung, Versickerung, Verdunstung und Ableitung besteht, werden deshalb zunehmend nachgefragt. Dies bestätigt auch eine Marktbefragung von Mall in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in Freiburg erstmals vorgestellt wurde und an der 5.079 Personen aus Architektur- und Ingenieurbüros, Handwerk, Behörden, Hochschulen und dem Baustoffhandel teilgenommen haben (s. unten). Demnach erwarten 98 % der Umfrageteilnehmer eine gleichbleibende bzw. verstärkte Nachfrage für Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung.

Dazu zeigt die im Sommer 2020 durchgeführte Umfrage, dass die ungleiche Verteilung des Regenwassers eines der Topthemen ist: Der Umgang mit Starkregen und die Regenwassernutzung stehen bei den Befragten ganz oben. So ist es auch der Ausgleich zwischen Wasserüberschuss und Wassermangel, der von 69 % der Befragten als größte Chance bei den Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung angesehen wird. Im Vergleich zu einer von Mall 2015 durchgeführten Umfrage bei Planungsbüros haben dabei die Bereiche Versickerung, Rückhaltung und Nutzung mit jeweils plus 5-10 % an Bedeutung gewonnen. Damit wird auch deutlich, dass im Umgang mit Regenwasser ein Umdenken in der Branche bzw. bei den Entscheidungsträgern eingesetzt hat.

Darüber hinaus spiegelt die Umfrage wider, dass in Zeiten des Klimawandels die Empfehlungen und Warnungen von Experten zunehmend mehr Gehör finden.  Ein Paradigmenwechsel von der Niederschlagswasserbeseitigung hin zu einer dezentralen, nachhaltigen Niederschlagswasserbewirtschaftung ist in vollem Gang – sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen.

Die Referenten der Veranstaltung in Freiburg (v.l.n.r.): Markus Grimm (Mall), Dr. Tim Peters (Westfälische Provinzial Versicherung), Martin Lienhard (Mall), Markus Böll (Mall), Prof. Dr. Heiko Sieker (Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Sieker).
Die Referenten der Veranstaltung in Freiburg (v.l.n.r.): Markus Grimm (Mall), Dr. Tim Peters (Westfälische Provinzial Versicherung), Martin Lienhard (Mall), Markus Böll (Mall), Prof. Dr. Heiko Sieker (Ingenieurgesellschaft Prof. Dr. Sieker). | Foto: B_I/es

Ökosystem schützen

Mall mit Hauptsitz in Donaueschingen, u.a. Hersteller von Anlagen für die Regenwasserbewirtschaftung aus Beton, hatte anerkannte Experten aus der Siedlungswasserwirtschaft und der Versicherungsbranche nach Freiburg eingeladen. Prof. Dr. Heiko Sieker von der gleichnamigen Ingenieurgesellschaft mit Sitz in Hoppegarten und der Meteorologe Dr. Tim Peters von der Westfälischen Provinzial Versicherung setzten den Fokus auf die Entstehung und die Folgen von Starkregenereignissen.

Übereinstimmend forderten die Referenten den verstärkten Einsatz dezentraler Maßnahmen, um die bestehenden Entwässerungssysteme mit den bei Starkregen plötzlich ansteigenden Niederschlagsmengen nicht zu überfordern. Ein klares Plädoyer für die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung auch in Bezug auf die Ökosystemleistung von Stadtgrün hielt Prof. Dr. Heiko Sieker. Denn: Mit ihr könne nicht nur der Effekt urbaner Hitze-Inseln durch die weitergehende Flächenversiegelung in Städten abgemildert werden, sondern auch das Stadtgrün in Trockenzeiten besser versorgt werden. Reines Ableiten des Wassers verschärfe die Hochwassergefahr nur und entziehe der Landschaft Wasser, so Sieker. Stattdessen setzt die Siedlungswasserwirtschaft für die Zukunft auf das Prinzip der Sponge-City (dt. Schwammstadt): Das Konzept basiert darauf, dass anfallendes Regenwasser in Städten lokal gespeichert und langsam an die Umgebung abgegeben wird. So sollen Überflutungen vermieden, das Stadtklima verbessert und auch die innerstädtische Vegetation gefördert werden.

Die Rummelsburger Bucht in Berlin, die das Rummelsburger Ufer und die Halbinsel Stralau in Friedrichshain umfasst, nannte Sieker als Positiv-Beispiel. Bereits vor über 20 Jahren ist hier eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung mit Bausteinen wie u.a. Versickerungsanlagen, Mulden-Rigolen-Systeme und Dachbegrünungen umgesetzt worden.

Risiko „Starkregen“ bewerten und begrenzen

Dass Starkregen für Gebäude- und Grundstückseigentümer schnell existenzbedrohend werden kann, zeigte Dr. Tim Peters in seinem Vortrag anhand von eindrücklichen Beispielen für schon jetzt auftretende Schäden und Kosten nach Starkregenereignissen. Aktuelle Umfragen würden allerdings zeigen, dass das Naturgefahrenrisiko – und hier vor allem das Risiko durch Starkregen – von Hausbesitzern nach wie vor stark unterschätzt werde. In Deutschland seien lediglich 45 % der Gebäude gegen Gefahren wie Starkregen und Hochwasser versichert, wie Peters anhand einer Grafik vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigte. Demnach habe mehr als die Hälfte der Hauseigentümer keine Elementarschadenversicherung abgeschlossen.

Dabei können die Schäden immens sein, wie der Meteorologe am Beispiel Münster zeigte: Hier sei durch das Unwetter „Quintia“ am 28. Juli 2014 – an nur einem Tag – ein Gesamtschaden von 200 Mio. Euro entstanden, erklärte er. Innerhalb von nur sieben Stunden wurden an einer Stelle, der Hauptkläranlage  (HKA), 292 l/m2 Niederschlag registriert; nur etwa 14 km weiter nordwestlich, am Flughafen Münster-Osnabrück (FMO), lag der Wert bei 20,3 l /m2. Damit zeigte er auch auf, dass Starkregen als lokale Ereignisse auftreten. Deshalb würden Versicherer wie die Provinzial aus Landformen und der Nähe von Bächen sogenannte Starkregengefährdungsklassen für einzelne Standorte erstellen, um das Starkregenrisiko besser berechnen zu können.
Auf der Veranstaltung in Freiburg hatte die Fachpresse Gelegenheit, die Anlage zur dezentralen Regenwasserbewirtschaftung zusammen mit Martin Lienhard (Foto), Leiter der technischen Abteilung bei Mall, zu begutachten.
Auf der Veranstaltung in Freiburg hatte die Fachpresse Gelegenheit, die Anlage zur dezentralen Regenwasserbewirtschaftung zusammen mit Martin Lienhard (Foto), Leiter der technischen Abteilung bei Mall, zu begutachten. | Foto: B_I/es

Bauen im Bestand: Versickerungslösung für die Lokhalle

Passend zur Diskussion über extreme Wetterphänomene und den Umgang mit Regenwasser, hatte Mall den Veranstaltungsort gewählt.  Beim Bauvorhaben Lokhalle wurde eine Kombination der Bausteine „Behandlung“ und „Versickerung“ gewählt. Grund: Im Zuge der Sanierung des 1905 erbauten, ehemaligen Bahnbetriebswagenwerks war die Auflage der Baubehörden, dass das Regenwasser des gesamten Areals künftig vor Ort versickert wird. Verbaut wurde im Juli 2020 der Mall-Sickertunnel CaviLine aus Stahlbetonhalbschalen und die Substratfilter-Anlage ViaPlus.

Martin Lienhard, Leiter der technischen Abteilung bei Mall, zeigte in Freiburg, wie der Sickertunnel CaviLine anhand der Wasserdurchlässigkeit des Bodens und des erforderlichen Rückhaltevolumens bemessen wurde und welche Anlagenteile nun dafür sorgen, dass das Regenwasser behandelt wird und anschließend unter den Parkflächen der Lokhalle langsam versickern kann. Bevor das Regenwasser der Dach- und Hofflächen über die Bauteilkombination der Versickerung zugeführt werden konnte, mussten zunächst die vorhandenen Schmutzwasser- und Regenwasserleitungen voneinander entkoppelt werden.

Aufgrund der großen abflusswirksamen Flächen (Au) von mehr als 10.000 m2 und der langen Leitungswege entschied man sich für eine Versickerungsanlage nördlich der Lokhalle und einer zusätzlichen Anlage südlich des Gebäudes. Praktisch: CaviLine kann linienförmig mit einem Strang unter Straßen oder wie in Freiburg im Parallelbetrieb mehrerer Stränge unter Plätzen bis zu einer Sohltiefe von 5 m verbaut und damit an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. Die Hohlkörperrigole aus Beton hält außerdem Verkehrsbelastungen bis SLW 60 stand und ist nach DGUV begehbar und dadurch leicht zu warten. Lediglich die insgesamt vier Substratfilter-Anlagen (Typ ViaPlus 3000) zur Vorbehandlung bzw. das dazugehörige Mall-Sorptionsmaterial ViaSorp, das abfiltrierbare Stoffe wie Reifenabrieb, aber auch mineralische Kohlenwasserstoffe aus Kraftstoffen und Schwermetalle von Bremsbelägen und Fahrzeugelektronik herausfiltert, sollte laut Lienhard nach ca. vier Jahren ausgewechselt werden, um die Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Die ViaPlus-Filter haben eine Bauartzulassung des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt), die von den Wasserbehörden als Voraussetzung für die Verwendung verlangt wird. In Summe sei der Mall-Sickertunnel CaviLine, der ohne großen Montagaufwand eingebaut werden kann, preiswert. Der Listenpreis liege bei ca. 180 Euro/m³, erklärte der Leiter der technischen Abteilung bei Mall.  Neben diesem System für die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung bietet Mall viele weitere Bausteine an und bedient damit einen Zukunftsmarkt. Entsprechend treibt der Systemanbieter für die Regenwasserbewirtschaftung seine Geschäfte weiter voran. 
Die Umfrage zeigt die beiden Topthemen der Zukunft: Umgang mit Starkregen und die Regenwassernutzung liegen bei den Teilnehmern ganz vorne.
Die Umfrage zeigt die beiden Topthemen der Zukunft: Umgang mit Starkregen und die Regenwassernutzung liegen bei den Teilnehmern ganz vorne. | Abb.: Mall

Mall bleibt auf Kurs

Kein Produktionsstopp, keine Kurzarbeit während des Lockdowns, ein 6. Fertigungsstandort in Deutschland wird Anfang 2021 in Coesfeld neu eröffnet, eine weitere Produktionsstätte in St. Valentin (Österreich) soll folgen. Markus Grimm, Mall-Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsführung, zeigte sich in Freiburg entsprechend optimistisch. Insbesondere im Bereich der Regenwasserbewirtschaftung, mit dem Mall rund 30 % des Gesamtumsatzes generiert (2019: 84 Mio. Euro), sieht Grimm weiteres Wachstumspotential.

Für den Bau der zwei neuen Standorte, wo vor allem große Stahlbetonbehälter gefertigt werden sollen, sprachen laut Grimm aber auch praktische Überlegungen, was den Transportaufwand und die -kosten betrifft. Denn: Die bis zu 25 t schweren Großbehälter werden bis dato am Hauptsitz in Donaueschingen und in Nottuln (NRW) gefertigt und die Behälter in ovaler Bauweise nur am österreichischen Standort in Asten. Die Umweltspezialisten verkürzen somit ihre Wege zu Kunden in der für sie wichtigen DACH-Region, wobei der Heimatmarkt Deutschland das Zugpferd für die Geschäftsentwicklung ist: Rund 85 % des Umsatzes erzielt Mall in Deutschland, erklärte Grimm gegenüber der Fachpresse. Die Bedeutung des Marktes spiegelt sich auch in den Beschäftigtenzahlen wider. Von den insgesamt 490 MitarbeiterInnen beschäftigt Mall allein 405 in der Bundesrepublik.

Mall-Marktumfrage 2020

Ziel der nunmehr 3. Marktbefragung von Mall war es, die aktuelle Situation und die Zukunftsthemen in der Siedlungswasserwirtschaft zu erfahren. Basis der Umfrage waren 70.000 Kontaktadressen von Mall in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit einer Rücklaufquote von knapp über 7 % nahmen insgesamt 5.079 Personen an der Befragung teil. 81 % (= 4.113) der Teilnehmer kamen aus Deutschland, 11 % (= 552) aus Österreich und 8 % (= 372) aus der Schweiz. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung kann die Teilnahme anteilig als ungefähr gleich betrachtet werden. Die Umfrageteilnehmer in Deutschland stammen aus dem gesamten Bundesgebiet, aber mit einem deutlichen Schwerpunkt im Süden. Die PLZ-Gebiete 7 (Baden-Württemberg) und 8 (Bayern) sind mit 36 % am stärksten vertreten. Die anderen PLZ-Gebiete liegen zwischen 5 und 10 %. Den hohen Prozentsatz der Teilnehmer aus Süddeutschland begründet Mall mit der Dichte der vorhandenen Adressdaten in diesem Heimatgebiet.



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