Das Nutzfahrzeugjahr 2015

KIEL, 06.04.2015 - Auch in diesem Jahr geht es mit Volldampf weiter, die Nutzfahrzeugindustrie hat gut zu tun. Neue Sicherheitsstandards sind gefordert, der deutsche Verkehrsminister regelt die Autobahnmaut für Lkw neu. Und die Fahrzeughersteller? Neue Modelle sind zuerst bei den Transportern zu erwarten.

Von Wolfgang Tschakert, Planegg

Arocs-Baufahrzeuge
Neue starke D38-Motoren für schwere MAN-Fahrzeuge: Wer 520 PS oder mehr haben möchte, muss das große TGX-Fahrerhaus wählen.
Die europäischen Nutzfahrzeug-Hersteller können sich nicht beklagen. Trotz Russland-Eskalation und schleichender Währungskrise wurden 2014 in Europa mehr Nutzfahrzeuge abgesetzt als noch im Vorjahr. Die Neuzulassungen legten um 9,8 Prozent zu – in allen Segmenten wurden Zuwächse registriert. Die leichten Nutzfahrzeuge, Transporter und Vans, legten um 10,3 Prozent zu, mittelschwere und schwere Lkw verkauften sich um 12,9 Prozent besser.
Alles paletti beim Lkw-Marktführer Mercedes-Benz, er hat sein Produktfeuerwerk nach zwei Jahren ununterbrochener Truck-Premieren endgültig abgebrannt. Alle Marktsegmente werden mit neuen oder modernisierten Lkw bedient. Inklusive neuer Sicherheitstechnik, jeder Mercedes-Lkw wird mit einem Notbremsassistenten bestückt. Weil man für die IAA Nutzfahrzeuge im letzten Herbst noch einen Aufreger brauchte, stand der autonom fahrende „Futuretruck 2025“ im Scheinwerferlicht – ein Statement der Konzernstrategen, wohin wohl künftig die Lkw-Entwicklung geht. Fragt sich nur, ob dann noch genug Platz auf den Verkehrswegen bleibt….
Zufriedene Gesichter also in der Branche? Nicht ganz: Der Münchner Lastwagen-Hersteller MAN arbeitet kurz, die deutsche Lkw-Tochter des VW-Konzerns hat vor allem mit hausgemachten Problemen zu kämpfen. Die Baureihen der Münchner stehen, anders als bei der Konkurrenz, samt und sonders zur Erneuerung an - und der Wettbewerb wird nicht leichter. Andreas Rentschler soll es jetzt richten, der neue Nutzfahrzeug-Vorstand bei Volkswagen hat schon erste Hand angelegt. Die Techniker arbeiten unter Hochdruck an den MAN-Nachfolgemodellen, aber vor 2018 ist nicht mit ihnen zu rechnen. Die schwedischen Konzernkollegen von Scania sind da schon weiter. Wie man hört, wollen sie mit ihrem schweren Programm schon im nächsten Jahr an den Start gehen. Was heute bereits feststeht: Die Getriebe der Schweden sollen künftig auch in den MAN-Produkten Verwendung finden, weitere gemeinsame Komponenten sind schon in der Pipeline.
Neue starke D38-Motoren für schwere MAN-Fahrzeuge
Mehr Ladekapazität und schnellere Umlaufzeiten bescheren dem Cat 745C in der Summe eine deutlich verbesserte Produktivität.
Beim schwedischen Lkw-Giganten Volvo Trucks schickt man sich an, gemeinsam mit dem chinesischen Joint Venture-Partner Dongfeng die Position des Lkw-Weltmarktführers zu erobern. Und in Europa arbeitet man beharrlich weiter an fortschrittlichen Lkw-Konzepten. Zuletzt hatte man mit dem neuen Schwer-Lkw „FH“ und den FMX-Baufahrzeugen von sich reden gemacht. Die erste Einzelradaufhängung für schwere Serien-Lkw, das erste Doppelkupplungsgetriebe für Schwerfahrzeuge – die Schweden bieten Feinkost-Technik und vieles mehr. Der stärkste Serien-Lkw mit 750 PS und 3.550 Newtonmeter Drehmoment aus 16 Liter Hubraum stammt aus Göteborg und schon bald sollen auch die 13-Liter-Sechszylinder noch kräftiger werden. Man munkelt von bis zu 2.800 Newtonmetern und noch schnelleren Achsen, um die Marschdrehzahlen der Fernverkehrstrucks fast auf Leerlaufniveau zu senken. Die zweite Konzernmarke Renault Trucks scheint sich zu berappeln. Nach der Rundum-Erneuerung des Fahrzeugprogramms geht es jetzt ums Feintuning, in Deutschland soll die Marktbearbeitung mit einer vergrößerten Verkäufermannschaft intensiviert werden.
Beim holländischen Hersteller DAF steht nach der Erneuerung des Sortiments jetzt der Geräuschpegel im Fokus. 2015 wollen die Niederländer mit besonders leisen Lkw ins Geschäft kommen. Der CF Silent, ein Schwerfahrzeug für den Nahverkehr, gilt nach niederländischen Normen als „geräuscharmer Lkw“. Schaltet der Fahrer in Wohngebieten auf den speziellen „Silent“-Modus, reduziert sich der emittierte Geräuschpegel auf maximal 72 Dezibel. Bei Iveco wartet die Transportbranche auf den fälligen Notbremsassistenten und auf neue Lkw-Fahrerhäuser.
DAF hat seine Modelle gründlich renoviert. Der leichtere MX11-Sechszylinder empfiehlt sich für den CF-Vierachser
DAF hat seine Modelle gründlich renoviert. Der leichtere MX11-Sechszylinder empfiehlt sich für den CF-Vierachser
Auch in der Transporter-Fraktion von Mercedes-Benz wird schon wieder unter Hochdruck gearbeitet. Soviel steht fest: Der nächste Sprinter soll wieder in den Werken Düsseldorf und Ludwigsfelde produziert werden. Ob es dann einen Sprinter geben wird, der bis ins Segment der trendigen Siebentonner reicht? Denn nutzlaststärkere Leicht-Lkw bis 7,49 Tonnen sind gefragt, der deutsche Verkehrsminister bittet ab 2015 Lkw ab 7,5 Tonnen zur (Maut-)Kasse. Ab Januar 2015 werden die Mautsätze – einheitlich für Autobahnen und vierspurige Bundesstraßen – an das neue Wegekostengutachten angepasst. Dann ab Juli 2015 wird die Mautpflicht um weitere 1.100 Kilometer vier- und mehrspurige Bundesstraßen erweitert. Und ab Oktober 2015 sinkt die Gewichtsgrenze für mautpflichtige Lkw von derzeit 12 auf 7,5 Tonnen. Dann werden auch Transporter mit Anhängern erfasst, wenn sie das Gewicht von 7,5 Tonnen überschreiten.
Der neue schwere K-Kipper von Renault: Solide Antriebstechnik und ein sehr praktisches Fahrerhaus.
Der neue schwere K-Kipper von Renault: Solide Antriebstechnik und ein sehr praktisches Fahrerhaus.
Und nochmal ein Blick in Richtung Transporter: Opel wird künftig Stadtlieferwagen zusammen mit dem französischen PSA-Konzern bauen. Und Fiat macht gemeinsame Sache mit Renault, wenn es um die Nachfolge des Scudo geht. Die Zusammenarbeit von Daimler und Volkwagen bei den Großtransportern läuft 2016 aus, die Norddeutschen entwickeln einen konzerneigenen Nachfolger für ihren Crafter. Der soll schon 2016 marktfähig sein und wird in einem neuen polnischen Werk nahe Posen gebaut. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass sich der neue Crafter sogar als kleiner Lkw nutzlaststark ins mittelschwere Segment (7 t zGG) wagt. Dort hat sich der Wettbewerber Iveco als Trendsetter breit aufgestellt. Der moderne Klein-Lkw Daily rückt den klassischen 7,5-Tonnern mit Nachdruck auf den Pelz. Der Daily lässt sich zum mittelschweren 7,2-Tonner aufrüsten und darf auf seinem Leiterrahmen dann bis zu vier Tonnen tragen. Seinen leistungsstarken Diesel-Vierzylinder findet man übrigens auch beim Konkurrenten Fuso Canter aus dem Daimler-Konzern. bi