Sozialer Wohnungsbau in Edel-Optik

MÜNCHEN, 11.01.2016 – Im Projekt „Wohnen für Generationen“ in Lübeck stecken Investitionen von 31 Millionen Euro, gefördert vom Land Schleswig-Holstein. Die unkonventionelle Siedlung wird nach einem richtungsweisenden Konzept in Sachen Ökologie, Ökonomie und Wohnkomfort errichtet. Entgegen der üblichen Bauweise wurden die zweischaligen Wände mit Hochlochziegeln erstellt.

Wohnbauprojekt in Lübeck
Architektonische Raffinesse mit abgerundeten Ecken: Geförderter Mietwohnungsbau kann auch richtig gut aussehen. | Fotos: Zastrow + Zastrow, Kiel
Ostpreußenring, Westpreußenring und Tannenbergstraße: Ein großes, dreieckförmig umschlossenes Wohngebiet, durch das sich die Tilsitstraße eine S-förmige Schneise schlägt. Dort finden sich locker nebeneinander gereihte Geschosswohnungsbauten mit vielen Grünflächen und Baumbestand. „Die Grundstückslage ist exquisit – umso erstaunlicher, dass dieses Plangebiet im Lübecker Stadtteil Kücknitz zu einem städtischen Problemgebiet geworden war“, wundert sich Dr.-Ing. Thomas Fehlhaber, Geschäftsführer der Unipor-Ziegel-Gruppe (München). Die viergeschossigen Gebäuderiegel aus den 1960er-Jahren mit circa 310 Wohneinheiten entsprachen sowohl funktional als auch technisch nicht mehr den heutigen Anforderungen. Ein hoher Wohnungsleerstand und der ansteigende Zuzug sozialschwacher Bevölkerungsgruppen waren die Folge. 2008 schrieb die Stadt Lübeck deshalb einen Wettbewerb aus, der die Aufgabe stellte, eine familiengerechte, kinderfreundliche und generationenübergreifende Wohnbebauung zu entwickeln. Der Stadtteil Kücknitz als Wohn- und Lebensort sollte aufgewertet und die vorhandene Infrastruktur gestützt werden.
 

Der Entwurf

 
Die mit der Umsetzung ihres Wettbewerbsentwurfes beauftragten Architekten Zastrow + Zastrow (Kiel) gliederten das Gebiet in drei Bebauungskonzepte, die sich jeweils in Architektur und Nutzung unterscheiden: Entlang der Tilsitstraße schlängeln sich fünf mäandrierende Mehrfamilienhäuser, denen im Süden ein Gebäude mit seniorengerechten Wohnungen gegenübergestellt wurde. Seitlich flankiert wird dieses von streng orthogonal angeordneten Mietreihenhäusern. Zudem dient ein mittig platziertes Quartiershaus als Begegnungsstätte und Treffpunkt für die Bewohner der Siedlung. In den ersten beiden Bauabschnitten entstanden bereits die Mehrfamilienhäuser mit 92 öffentlich geförderten Wohnungen für Familien mit Kindern und einer Kita. Der dritte Bauabschnitt umfasst das Quartiershaus sowie die 38 Seniorenwohnungen, die Ende 2015 bezugsfertig werden sollen. Die Fertigstellung der Mietsreihenhäuser ist für das Jahr 2017 geplant. 17 von ihnen bilden dann eine lockere Teppichstruktur, die die Bebauung zur Tannenbergstraße hin abschließt.
 
Entwurfsprägend sind die fünf Gebäude entlang der Tilsitstraße, deren kettenförmige Anordnung hofartige Freiflächen ausformt. Diese sind unterschiedlich gestaltet, etwa als Spielinseln oder Grünflächen. Da jedes der Gebäude eine eigenständige Kubatur hat und die Hofräume sich abwechselnd entweder zur Straße oder zum Grünraum öffnen, ist jeder Raum unverwechselbar. Die Innen- und Außenecken der Gebäude sind abgerundet. Die Reduzierung auf durchschnittlich drei Vollgeschosse erzeugt eine angenehme Maßstäblichkeit. Jedes Gebäude hat mehrere Treppenhäuser, um die Anzahl der angeschlossenen Wohnungen gering zu halten. Zudem ist jede Wohnung entweder mit einer Terrasse, einem Balkon oder einer Dachterrasse ausgestattet. Um die gestalterische Freiheit zu sichern und trotzdem keine Abstriche in Sachen Wohnkomfort machen zu müssen, entschied man sich beim Wandbaustoff für wärmedämmende Hochloch-Mauerziegel der Unipor-Gruppe.
Rohbauphase
Hohen Wohnkomfort ermöglicht der „Unipor W09“-Mauerziegel. Das zweischalige, kerngedämmte Mauerwerk sorgt in allen drei Gebäudekomplexen für optimalen Schall- und Wärmeschutz.

Die unsichtbare Revolte

 
Bauträger und Grundstücks-Gesellschaft Trave mbH (Lübeck), blickt auf eine fast 100-jährige Erfahrung im Wohnungsbau zurück und ist überzeugter Gegner von Wärmedämmverbundsystemen. Die Entscheidung zugunsten einer zweischaligen Wand mit Kerndämmung ist also nicht der in Norddeutschland vorherrschenden Klinkertradition geschuldet, sondern ein Resultat kaufmännischer Erfahrung und der Berücksichtigung von Unterhaltungskosten bei der Investitionsentscheidung. Die Vorgabe einer zweischaligen Wand mit Kerndämmung setzt zudem auf Wertigkeit und legt die Messlatte für alle nachfolgenden bautechnischen Entscheidungen hoch.
 
Zweischaliges Massivmauerwerk hat in Schleswig-Holstein Tradition. Über die Jahrzehnte entwickelte sich eine gesetzte Dreieinigkeit aus Klinker, Kerndämmung und oft auch „Weißer Wand”. Kalksandstein als tragendes Mauerwerk ist in einigen Regionen erste Wahl und wird nicht immer hinterfragt. Die Architekten Zastrow + Zastrow sind jedoch von den Vorteilen der Ziegelbauweise überzeugt – und damit auch von der energetischen Leistungsfähigkeit moderner Unipor-Mauerziegel sowie ihren diffusionstechnischen baulichen Vorteilen. Für die Außenwände stellten sie den Hochloch-Wärmedämmziegel „Unipor W09“ als tragendes Mauerwerk zur Diskussion. Schlagkräftiges Argument: Mit einem U-Wert von 0,24 W/(m²K) erreicht der Ziegel bei seiner Standardmauerstärke von 36,5 Zentimetern eine so hohe Dämmqualität, dass zum Erreichen des Energiestandards „KfW-Effizienzhaus 55“ die zusätzliche Dämmschicht auf sechs Zentimeter Mineralwolle reduziert werden kann. Zudem können die Wärmebrücken der Gebäudehülle mittels der Mineralwolleschicht optimiert werden. Gleichzeitig hat gebrannter Ton die Fähigkeit, den Feuchtehaushalt besonders gut zu regulieren. Dies begründete die Entscheidung, Unipor-Mauerziegel auch für alle tragenden Innen- sowie Wohnungstrennwände zu verwenden. Bereits beim Abtrocknen der Baufeuchte hatten die Architekten gute Erfahrungen gemacht und sind noch immer überzeugt, dass die diffusionstechnischen Parameter auch dauerhaft einen ausgeglichenen Feuchtehaushalt sichern. 
Innenhof

Familienfreundliche Gestaltung: Innenhöfe mit Grünflächen und eine Terrasse oder Balkon für jede Wohnung.

Auch im Schallschutz formidabel

 
Gute Wärmedämmleistung geht meist mit geringer Dichte einher, was sich bei Baustoffen zu Lasten der Schalldämmung auswirken kann. Die Detailplanung der Wohnungstrennwände und Decken erfolgte deshalb in enger Zusammenarbeit zwischen dem Hamburger Büro Taubert und Ruhe, das sich auf Akustik und thermische Bauphysik spezialisiert hat und der anwendungstechnischen Abteilung der Ziegelwerke Otto Bergmann GmbH Kalletal, dem Hersteller der Ziegel. Hier konnte der Systembaukasten des Unipor-Ziegelsortimentes voll ausgespielt werden. „Kein anderer Wandbaustoff kann über die Regulierung der Rohdichte, etwa durch Hochlochausbildung, so exakt auf bauphysikalische Anforderungen eingestellt werden wie der Ziegel – und das bei konsequenter Beibehaltung normierter Modulgrößen“, erklärt Thomas Fehlhaber. Objektbezogen wurden die schalltechnischen Qualitäten des W09 Unipor-Ziegels an der Universität Stuttgart untersucht. Für die Wohnungstrennwände wurden mit Ortbeton verfüllte Unipor-Verfüllziegel verwendet. Die beim Außenmauerwerk ausgeführte Standardkonstruktion der zweischaligen Wand besteht aus Unipor W09-Ziegeln (36,5 Zentimeter), sechs Zentimeter Mineralwolldämmung sowie 11,5 Zentimeter Klinker. Der Aufbau aller Wände erfolgte nach dem aktuellen Stand der Technik, also Setzen auf Stoß mit gedeckelter Lagerfuge, die mit dem Mörtelschlitten „UnimaxX“ wirtschaftlich erstellt wurde.
Die gerundeten Ecken setzen sich aus stirnseitig konisch angeschnittenen Ziegeln zusammen, deren Stoßfugen mit einem Leichtmauermörtel der Wärmeleitfähigkeit 0,21 W/(mk) energetisch optimiert wurden. Durch das Akustiklabor Nord (Lübeck) durchgeführte Schallmessungen nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes bestätigten die theoretischen Annahmen: Die gemessene exemplarische Wohnungstrenndecke und -trennwand erfüllen sicher die Anforderungen nach DIN 4109. Sämtliche Schallschutzberechnungen erfolgten nach der EN 12354. 
 

Rundum zufrieden

 
Die Klinkerschale mit hellgelben Wasserstrichziegeln und weißen Kunststofffenstern verleihen den fünf Gebäuden entlang der Tilsitstraße eine helle und freundliche Ausstrahlung. Die durchgängige Bossenstruktur in den Sockelverkleidungen sowie wiederkehrende Ziegelornamente jeweils zwischen zwei Fenstern verbinden die fünf Gebäude zu einer harmonischen Gesamtstruktur. Standardwohnungstypen wird man hier nicht finden: Pro Etage wurde der Grundriss jeder Wohnung individuell geplant und entwickelt. Die Küchen sind zum Wohnzimmer hin geöffnet, sodass – trotz durch den geförderten Mietwohnungsbau bedingter sparsamer Raumgrößen – eine gewisse Großzügigkeit entsteht. Nicht tragende Zimmertrennwände in Leichtbauweise ermöglichen auch spätere Grundrissänderungen. Mit einem Jahres-Primärenergiebedarf von 31,5 kWh/m2a wird der gemäß EnEV maximal zulässige Wert von 58 kWh/m2a deutlich unterschritten. So ergibt sich ein gegenüber der EnEV (2009) um 33 Prozent erhöhter Dämmstandard – der KfW-Effizienzhaus-55-Standard wurde sicher erfüllt. Die Wohnungen sind bereits komplett vergriffen, womit sich wieder einmal bestätigt: Qualität am Bau zahlt sich immer aus.




Dieser Artikel ist zuerst erschienen im bi-BauMagazin 12/2015.