Sportanlagen abstauben: Neues Konzept aus Dänemark

ODENSE/DÄNEMARK, 15.01.2016 – Wie schafft man Anreize für die Menschen sich mehr zu bewegen? Sicherlich nicht mit den altbackenen Sportanlagen wie man sie heutzutage noch überall vorfindet. Auf dem Sportplatz ist es Zeit für eine Revolution, das meinen zumindest Maria Keinicke und Flemming Overgaard aus Kopenhagen.

Von Ben Schieler, Stuttgart

hügelige Laufbahn der Explo in Odense
Immer nur gerade ist langweilig. Auf den Bahnen der Anlage geht es auch mal auf und ab. | Foto: Rune Johansen

Wenn Maria Keinicke an herkömmliche Leichtathletik-Arenen denkt, schüttelt es sie. Eine 400-Meter-Tartanbahn rund um einen Rasen – „das“, sagt sie, „passt überhaupt nicht mehr zu der Art, wie Leute heute Sport machen wollen.“ Den Zustand vieler dieser Sportplätze in ihrer Heimat empfindet die 39-Jährige als traurig. Noch bedrückender ist für Keinicke nur, „dass sie immer noch neue Anlagen wie diese bauen“. Der Gegenentwurf der Architektin und ihres Büro-Partners Flemming Overgaard heißt Athletic Exploratorium, lässt sich an der Universität von Süddänemark in Odense bewundern und ist jüngst vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und der Internationalen Vereinigung Sport- und Freizeiteinrichtungen (IAKS) mit einem IOC/IAKS-Award in Gold ausgezeichnet worden.

Neues Konzept in Odense

Vom ebenen Rasenspielfeld ist auf der Anlage in Odense wenig übrig geblieben. Keinicke und Overgaard ersetzten es durch eine Hügel- und Tallandschaft mit Brücken und Hindernissen, neuen Laufwegen zum Beispiel in einer kreisförmigen Kuhle mit einer Neigung von bis zu 60 Grad, Elementen militärischer Parcours, Aufenthalts- und CrossFit-Flächen – und einer schiefen Kugelstoß-Anlage. Der Sportler stößt, die Kugel rollt zu ihm zurück. Disziplinen wie Stabhochsprung und Speerwerfen mussten zwar auf Nebenplätze weichen, so mancher Traditionalist und Dogmatiker dürfte die Nase rümpfen. Doch seinen Zweck scheint der 1,5 Millionen Euro teure Umbau zu erfüllen: Die Anlage ist belebter als zuvor, ein neuer urbaner Treffpunkt. Sie lockt Neugierige, unabhängig von deren Fitnessstand, in erster Linie aber Menschen, für die Sport mehr ist als ein notwendiges Übel, um Gewicht zu verlieren. „Bei allem, was wir tun, geht es um Spaß“, sagt Maria Keinicke.

Übersicht der Explo in Odense
Wo einst ein Rasenspielfeld war, werten im Athletic Exploratorium nun neue Geräte die Sportstätte auf. | Foto: Rune Johansen

Leichtathletik mit Spaßfaktor

Als Inspirationsquelle für das Athletic Exploratorium nennt Flemming Overgaard einen Sportplatz im nordspanischen Olot am Fuße der Pyrenäen. Dem stand ein riesiger bewachsener Felsen im Weg. Statt auszuweichen, bauten die Spanier die Laufbahn einfach rundherum. „Dort zu rennen, ermöglicht dir ein völlig anderes sensorisches Erlebnis.“
Der Journalist und Maler Mogens Cuber, der den Architekten seit mehr als 20 Jahren kennt, sagt über ihn: „Flemming ist wie Hans Christian Andersen. Er hat sich die Fähigkeit bewahrt, die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen.“ Auf den Vergleich mit dem großen Märchenonkel seiner Nation angesprochen, schnaubt Overgaard, zuckt zurück, lacht schließlich. Doch ein Fünkchen Wahrheit, das  gibt er zu, stecke in dem Satz. Weil er sich tatsächlich einen kindlichen Freiheitsdrang bewahrt habe. Weil ihm die Überzeugung anderer, Erwachsenwerden bedeute, sich vom Kindsein zu lösen, widerstrebe. Vielleicht versteht er sich deswegen so gut mit Maria Keinicke, mit der er seit 2007 in einem gemeinsamen Büro zusammenarbeitet und die sich selbst mit den Worten beschreibt. „Wenn ich ein Trampolin sehe, möchte ich sofort hüpfen“ und folgert: „Man muss das Leben nicht immer so verdammt ernst nehmen.“
Den Rat dürfte sich Keinicke und Overgaard zufolge so mancher hinter die Ohren schreiben. Als Overgaard 2014 auf einem Seminar über die Herausforderungen neuer Freizeitanlagen in Dortmund weilte, ärgerten ihn die schier unendlichen Diskussionen darüber, wie man DIN-Normen am besten gerecht werde. Die Kollegen, erinnert er sich, hätten darüber debattiert, wie es gelänge, dass der Ball auf einem Kunstrasen exakt zwölf Meter und nicht weiter rolle. „Wir sind zwei Tage hier und ihr sprecht lieber über Technisches als über Möglichkeiten, mehr Menschen zu bewegen?“, fragte er. Gehör habe er keines gefunden.

Spaß und Nervenkitzel

Aus seiner Abneigung gegenüber Standards, Regeln und Verordnungen macht das Architektenduo keinen Hehl. Sie lassen sich ungern einengen, sie lieben die Grenzüberschreitung – und sie halten potenzielle Gefahren bei Sport und Spiel für nutzbringend. Ihre Kronzeugin heißt Ellen Beate Hansen Sandseter, ist norwegische Psychologin und erforscht seit Jahren die Auswirkungen riskanter Spiele auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kleinkindern. Sandseter hält es für falsch, Kinder zu sehr zu behüten. Die dänischen Freigeister stimmen darin mit ihr überein. „Es schärft das Bewusstsein und das Verantwortungsgefühl, wenn du die eigenen Grenzen austestest“, sagt Overgaard. „Es verhindert Aggressionen und gewalttätiges Verhalten, wenn du dich austoben darfst“, fügt Keinicke hinzu. Und der Nutzen von Gefahren für Erwachsene? Ganz simpel. Alles, was über das Gewöhnliche, das Übliche, das Altmodische hinausgehe, verspreche Nervenkitzel – und somit Spaß. Möglichkeiten schaffen, Herausforderungen stellen – darin sehen Maria Keinicke und Flemming Overgaard ihre Aufgabe. Und sie beschränken sich nicht allein auf Anlagen wie das Athletic Exploratorium. Sie drängen mit ihren Ideen in den öffentlichen Raum. An die Plätze, die spontan und ohne Zugangsbeschränkungen wie Vereinsmitgliedschaften erreichbar sind. „Die Menschen wollen aktiver sein“, ist Maria Keinicke überzeugt. „Diese Entwicklung müssen wir aufgreifen.“

schräge Laufbahn auf der Explo in Odense
Ein völlig neues Laufgefühl: In der Schräge kommen gewaltige Zentrifugalkräfte zum Tragen.

Was das Athletic Exploratorium bietet

Schneller, höher, weiter – das Olympische Motto, wie es die Deutschen kennen, lässt sich gut auf das Athletic Exploratorium in Odense übertragen. Insgesamt knapp zwei Dutzend Elemente haben Maria Keinicke und Flemming Overgaard bei ihrer architektonischen Schönheitsoperation integriert: Kletterwände, Balance-Balken, Wippen, Krabbelfelder oder Seilleiter und –brücken zum Beispiel. Vieles erinnert an Kinderspielplätze, spornt aber auch Erwachsene an. „Jump and reach“ heißt ein Element, bei dem man hoch springen soll, „The edge“ (Die Kante) ein anderes, bei dem man tief fallen wird, aber immerhin leicht landen wird: auf einer großen Weichbodenmatte. Der Hauch von Gefahr, den die Architekten so schätzen, schwingt fast immer mit. Eine verankerte, biegsame Stange simuliert Stabhochsprungerfahrungen. Wer auf der Seilbrücke nicht aufpasst, droht ins Leere zu treten. Ausprobieren kann das jeder, kostenlos. Und selbst für diejenigen, die einfach nur auf der Tartanbahn bleiben möchten, gibt es Schmankerl. Per Handy-App lässt sich eine Lichtanlage so programmieren, dass sie wandernde Punkte auf die Bahn zaubert, je nach eingestellter Geschwindigkeit. Ihnen zu folgen ist die Herausforderung. Die äußersten beiden Bahnen haben einen härteren Belag für Rollerskater oder Handbiker erhalten.

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