Die Walz im GaLaBau

Waiblingen, 25.01.2016 – Zumindest im GaLaBau spielte die Walz in der Vergangenheit keine große Rolle. Dank eines neuen Projektes soll sich das in Zukunft ändern. Welche Vorteile ergeben sich daraus für die Auszubildenden und was bedeutet das für die Betriebe?

Von Petra Reidel, Grafenau

Sammeln von Erfahrung beim Bau von Natursteinmauern
Die Netzwerk-Betriebe haben unterschiedliche Schwerpunkte. Ein Austausch führt somit immer zur Bereicherung des Erfahrungsschatzes, wie beispielsweise beim Bau von Natursteinmauern. | Foto: Widenhorn – Gärten am See

Die Netzwerk-Walz

Ideengeber ist Netzwerk Gärten-Unternehmer Günther Daiß (Gärten von Daiß, Waiblingen), dessen Begeisterung für dieses Abenteuer nach wie vor ungebrochen ist. „Junge Menschen wollen nach der Ausbildung ihren Horizont erweitern, etwas sehen von der Welt und vor allem den Azubi-Status im Lehrbetrieb ablegen, den sie drei Jahre lang inne hatten", erklärt Daiß. Bevor diese gut ausgebildeten Jugendlichen aus genau diesen Gründen zum Mitbewerber abwandern, haben sich die Netzwerk Gärten-Betriebe mal wieder etwas einfallen lassen: die Netzwerk-Walz. Wie lange diese Walz dauern soll, bestimmt jeder Mitarbeiter selbst. Ob er sich dabei für nur eine oder mehrere betriebliche Stationen entscheidet, ebenso. „Unser frisch ausgebildeter Landschaftsgärtner Uwe Klein hat sich bereits für die Walz entschieden. Nächstes Jahr will er für sechs Monate zur Firma Widenhorn – Gärten am See, nach Sipplingen. Er kennt diesen Betrieb schon durch den Azubi-Austausch. Meiner Meinung nach ist das der beste Weg, einen reichen Schatz an Erfahrungen zu sammeln, der zudem noch die Lust an der Arbeit sowie die Kreativität steigert. Selbst unsere Vorarbeiter liebäugeln inzwischen mit dieser ungewöhnlichen „Fachexkursion", die wir gerne unterstützen, wenn uns der ausgewählte Partnerbetrieb zeitgleich einen seiner Vorarbeiter schickt. Also ein Eins-zu-eins-Austausch, damit trotz Wanderlust die laufenden Aufträge termingerecht ausgeführt werden können", berichtet Reinhard Schauer von Bergles et Schauer aus Nersingen, der sich sicher ist, dass sein Betrieb viel von den Walzgärtner profitieren wird.
Mittlerweile sind die versicherungstechnischen und vertraglichen Rahmenbedingungen, die natürlich einer relativ aufwendigen Vororganisation bedürfen, festgezurrt und alle Betriebe sind gerüstet. Für eine längere Walz wurde ein Aufhebungsvertrag inklusive Wiedereinstellungsgarantie des aktuellen Arbeitgebers ausgearbeitet. Im Gegenzug schließt der Mitarbeiter befristete Arbeitsverträge mit den ausgewählten Walz-Betrieben ab. „Auch an die Vermittlung einer bezahlbaren Bleibe haben wir natürlich gedacht", ergänzt Daiß.

Echte Erfahrungsschätze

Patrick Schache ist Vorarbeiter bei Blattwerk und erkannte seinen Austauschbedarf ganz eigenständig. „Als Azubi war ich schon mal zwei Wochen bei der Firma Grimm garten gestalten in Hilzingen, das war super spannend und irgendwie war es jetzt einfach an der Zeit, die Nase mal wieder nach draußen zu strecken", erklärt Schache, der im Mai zwei Wochen bei Gärten von Daiß  reinschnuppern durfte. „Am ersten Arbeitstag war ich schon recht aufgeregt, wie die dort arbeiten, wie die Mitarbeiter ticken, ob die große oder kleine Baustellen machen, das beschäftigte mich im Vorfeld sehr. Nach ein paar Tagen fühlte ich mich schon voll integriert, abends gab es ein Feierabendbier und es machte richtig Spaß", gibt der 23-Jährige preis. „Bei Daiß war dann alles eine Nummer größer als bei uns. Die Lkws, das Lager, die Baustellen, wir sind da eher so die „Städtles-Gärtner" im hanglastigen Stuttgart. Ich baute zum ersten Mal eine Pool-Umrandung aus WPC und lernte den praktischen Umgang mit Akkumaschinen kennen, die ich gleich meinen Chefs weiterempfohlen habe", erzählt Schache, der sein Wissen erweitern möchte und sich gerade überlegt, für ein ganzes Jahr auf die Walz zu gehen, bevor er eventuell die Meisterschule angeht.

Teilnehmer an der Walz
Bernd Rich (li) und Patrick Schache (re) von Blattwerk haben beide schon Austausch-Erfahrungen gesammelt. Das Fazit von beiden: Das vor Ort Gelernte möchte keiner mehr missen, sondern lieber weiter ausbauen. | Foto: Blattwerk

Erfahrungsbericht

Bernd Rich, Vorarbeiter bei Blattwerk in Stuttgart, war vor drei Jahren zwei Wochen bei der Firma Widenhorn – Gärten am See. „Durch so einen Austausch bekommt man wieder einen ganz anderen Blick auf den eigenen Arbeitgeber. Dinge, die einen stören, gibt es auch bei anderen Firmen und meist sind es Klagen auf hohem Niveau", stellte Rich fest. Während seines Austausches baute er seinen ersten Teich und eignete sich die bei Widenhorns praktizierte Technik des Trockenmauerbaus an. „Wohnen konnte ich in einem Gästezimmer bei der Schwiegermutter von Matthias Widenhorn, gleich ums Eck vom Betrieb. Eine der beiden Baustellen lag direkt am See und es war ein großer Genuss, mittags einfach geschwind ins Wasser zu springen." Der 44-Jährige könnte sich eine längere Walz auch jetzt noch vorstellen. “So ein halbes Jahr in zwei oder drei Betrieben zu arbeiten, stelle ich mir vor allem für meine fachliche Entwicklung sehr wertvoll vor, denn jede Firma pflegt ihre eigene Handschrift in der Gestaltung", das hat Rich bei den regelmäßigen Vorarbeitertreffen aller Mitgliedsbetriebe festgestellt.
Im Gegenzug schaute sich Bettina Storm, sie hat bei Widenhorn – Gärten am See die Schlüsselstelle der Büroleitung und die Ausbildung unter sich, die Blattwerker in Stuttgart an. „Das ist eine witzige und sehr offene Mannschaft aus Mitarbeitern und Teilhabern, also eine völlig andere Struktur als bei uns", schildert Storm. „An die vier Baustellentage schloss sich ein abwechslungsreicher Bürotag mit Kundenterminen, neuer Software und einer ganz anderen Art von Angebotsbearbeitung an. Die Bewertung des Faktors Zeit ist eine sehr entspannte, nicht so wie in einem meiner vorherigen Betriebe, wo jede Minute zählte. Ich genoss diesen unaufgeregten Tagesbeginn und war sehr erstaunt, wie genial alles auf dieser kleinen Fläche inklusive Lagerhaltung organisiert ist", so Storm. Sie lernte von Stefan Böhm, dass man in punkto Ordnung im Lager die Mitarbeiter zwar eng führen muss, sich aber nicht aufreiben darf. „Konsequentes Nachfragen und Kontrollieren zahlt sich aus und das habe ich danach auch bei uns umgesetzt", schildert Storm. Der gute Kontakt, den sie während dieser Woche zu anderen Mitarbeitern aufgebaute, hält bis heute an und so findet immer noch ein regelmäßiger Austausch bei fachlichen Themen und Fragen statt.

Erfahrungsschatz erweitern

Sebastian Wagner hat das Experiment gewagt und sich auf eine längere Walz begeben. Er arbeitete jeweils drei Monate bei den Firmen Gärten von Daiß in Waiblingen und Wragge Gärten in Backnang. „Ich wollte vor der Meisterschule einfach noch meinen Erfahrungsschatz erweitern, da ich danach in den elterlichen Betrieb in Neresheim einsteigen werde", erklärt Wagner. Nach drei Wochen war Wagner bereits allein mit dem Lkw unterwegs, erhielt verantwortungsvolle Aufgaben und genoss das Betriebsklima und seine Einbindung ins Team der Firma Daiß. „Die perfekte Organisation der Abläufe und des Lagers sind extrem wichtig, das habe ich hier gelernt. Beides spart Zeit und wenn die Aufgaben auf alle Mitarbeiter verteilt sind, laufen Materialbestellung und die Bestückung des Lagers fast automatisch mit", erklärt Wagner, der im Anschluss bei Wagner Gärten gleich die Hofdienste einführte. „Als sehr wertschätzend empfand ich die 12 Gutscheine im Jahr, die bei Daiß jeder Mitarbeiter für Physiotherapie oder Massagen bekommt. Das würde ich später gerne im eigenen Betrieb umsetzen", so der Unternehmersohn. „Bei Wragge Gärten wird unglaublich vorausschauend geplant und hier steht die Wirtschaftlichkeit immer mit an oberster Stelle", resümiert Wagner, der hier lernte, dass nur die Maschinen und das Material auf der Baustelle sind, die auch wirklich an diesem Tag gebraucht werden. So schrieb auch er abends seine Liste, was am nächsten Tag alles mit muss. „Für mich waren die Betriebsabläufe am spannendsten, das ist ein riesiger Erfahrungsschatz, der mir beim Einstieg in den Familienbetrieb sicherlich helfen wird, aber auch in der Natursteinbearbeitung habe ich noch einiges dazugelernt", freut sich Wagner auf die baldige praktische Umsetzung nach der Meisterschule.
Eine Walz und sei es auch nur eine kurze, ist das beste Mittel gegen Betriebsblindheit, darin sind sich alle, die es ausprobiert haben, einig. Diese Erfahrung führt automatisch zum Hinterfragen der eigenen Arbeitsweise und das ist für die persönliche Entwicklung sehr wertvoll.

Sebastian Wagner, Teilnehmer an der Walz
Sebastian Wagner arbeitete jeweils drei Monate in den Netzwerkbetrieben Gärten von Daiß und Jürgen Wragge. Für ihn waren die unterschiedlichen Betriebsabläufe am spannendsten. | Foto: Wagner Gärten

Die Übungs-Walz

Seit nun bald zehn Jahren gibt es den Azubiaustausch im Netzwerk Gärten. Hierfür werden alle Azubis zwei Wochen in jedem Ausbildungsjahr an einen Netzwerk-Partnerbetrieb "entsandt". "Nicht alle Azubis sprühen vor Begeisterung, wenn die Zeit gekommen ist. Da ist schon manchmal eine gewisse Angst vor dem Neuen zu spüren, doch im Nachhinein sind immer alle begeistert. Die Einblicke sind  inspirierend und meist kommen unsere Azubis mit einer Menge kreativer Ideen und hoher Motivation an den See zurück", berichtet Bettina Storm. Die Azubis dürfen am Ende den Austauschbetrieb bewerten und bekommen im Gegenzug eine persönliche Rückmeldung von den Vorarbeitern zu ihrem handwerklichen Geschick und ihrem Verhalten.

Das grüne Buch

Drin blättern, sieben Unternehmen kennenlernen, sich informieren, Gedanken notieren, seinen beruflichen Weg dokumentieren und eigene Ziele formulieren: Seit September 2015 gibt es „Mein grünes Buch" im Netzwerk Gärten, das in Zukunft jeden Mitarbeiter begleitet, denn die Netzwerk-Unternehmen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Fähigkeiten aller Beschäftigten konsequent weiterzuentwickeln. Die Betriebe stellen sich und das, was sie auszeichnet, kurz in diesem Buch vor und gewähren so einen schönen Einblick. Das grüne Buch soll die Mitarbeiter vom Einstieg ins Unternehmen über alle möglichen Stationen ihres Berufslebens begleiten. „Ich sehe es als perfekte Sammelstelle meiner beruflichen Gedanken", so Bernd Rich. Wer seine Ziele formuliert, kann immer wieder darauf zurückgreifen, um zu sehen, wo er steht und genau dies hat Rich auch vor: „Da kommt rein, was ich mir noch vornehme und wo ich in ein paar Jahren stehen will."